Ottawa

Eine Nacht im Gefängnis

Geschrieben am Montag, Oktober 20, 2014 - 10:49

Noch bevor ich das ehemalige Gefängnis in Ottawa betrete, das für die kommende Nacht meine Unterkunft sein soll, bin ich von dem imposanten Bau beeindruckt. Die dicken Wände und die vergitterten Fenster sehen nicht gerade einladend aus. Doch ich habe mir vorgenommen, dieses Abenteuer auszuprobieren und mich für ein Vierbettzimmer entschieden. Drei ehemalige Einzelzellen wurden zu einem "Schlafsaal" umfunktioniert. Zwar hat man hierdurch etwas mehr Platz als die Häftlinge es früher hatten, aber von Geräumigkeit ist man noch weit entfernt. Die Gitterstäbe der Zellen sind mit Brettern verdeckt, sodass man einen Sichtschutz hat, doch die Geräusche wurden nicht gedämmt. Am kommenden Tag lerne ich bei einer Tour durch das Gefängnis von Ottawa, dass die Architektur bewusst so gewählt wurde, wie sie ist. Damit die Häftlinge sich nicht heimlich unterhalten konnten, wurden die Zellen mit gewölbten Decken versehen, die jeden Ton verstärken – auch heute noch hört man daher die anderen Gäste nach Hause kommen und jedes Gespräch scheint extrem laut zu sein.

Bloggerin Anna Albrecht im Ottawa Jail Hostel
Bloggerin Anna Albrecht im Ottawa Jail Hostel (Anna Albrecht)

Ottawas Gefängnis bis 1972 in Betrieb

Bis 1972 war das Gefängnis in Betrieb, bevor es wegen menschenunwürdiger Bedingungen geschlossen wurde. Als der Guide die Einzelschicksale verschiedener Gefangener erzählt, von den teils grausamen Bedingungen berichtet und wir durch den Todestrakt gehen, wird mir bewusst, dass ich die vergangene Nacht in einer Zelle verbracht habe, in der vor gar nicht allzu langer Zeit noch Straftäter saßen.
Es ist kaum vorstellbar, wie klein die Zellen sind. Circa drei Quadratmeter messen sie,  Fensterscheiben gab es nicht. Dort, wo wir heute unbedacht langgehen, wurden vor etwas mehr als 40 Jahren noch Häftlinge nackt in Kerker geworfen und festgekettet, um eine Strafe abzusitzen.
Neben unserer Zellentür befindet sich eine Tafel mit Klingelzeiten. Ihr ist zu entnehmen, dass um 5:50 Uhr aufgestanden wurde, zehn Minuten waren zum Frühstücken eingeplant. Auch alle weiteren Tagesaktivitäten waren bis auf die Minute durchgeplant, bis um 21 Uhr das Licht ausgemacht wurde.
Ich bin froh, dass heutzutage alles gemütlicher und entspannter zugeht, aber freue mich trotz allem, für die kommende Nacht nicht meine eigene Zelle aufschließen zu müssen, sondern in einem normalen Hotel zu übernachten.