Oberösterreich Das Mühlviertel

Wer sich mit dem Mühlviertel befasst, kann mit dem Granit anfangen oder damit enden. Ohne Granit kein Mühlviertel. Er ist die Basis der Landschaft, zwar unsichtbar oft, doch allgegenwärtig. An der Oberfläche hügelt das so friedlich dahin, aber darunter spukt es. Granitlandschaften haben ihre besonderen Dämonen. Denn dieses an sich eher unspektakuläre Gestein hat etwas irrlichternd Verspieltes an sich, etwas Koboldhaftes und zugleich Abgründiges. Seine absonderlichen Formen ziehen Mythen und Sagen geradezu magisch an.

Fast jede Gemeinde besitzt solche bizarren Steinformationen. Die meisten liegen versteckt im Wald, nur den Einheimischen bekannt, andere sind richtige Sehenswürdigkeiten. In der Klamschlucht oder der Pesenbachschlucht türmt und stapelt sich das Gestein in beeindruckender Vielfalt; bei Rechberg bilden zwei kühn aufeinandergelegte Blöcke den berühmten "Schwammerling"; in St. Thomas am Blasenstein weist ein Granitblock eine Lücke auf, durch die sich ein schmaler Mensch eben durchzwängen kann - was zu der Mär führte, der Durchstieg schütze vor Kreuzweh. Andere Granitfelsen, Schalensteine genannt, haben auffällige Vertiefungen; die wiederum, so will es die Legende, sind die Spuren eines Riesen, gern auch des Leibhaftigen, der dort geruht und seine Gestalt dem Stein eingeprägt habe. "Diese Gebilde zogen schon immer die Bewohner der umliegenden Gehöfte an", meint der Buchautor Peter Pfarl; "und man kann sich vorstellen, dass die Leute interessiert zuhörten, wenn ein begabter Geschichtenerzähler von Ereignissen berichtete, die sich um diese rätselhaften Felsblöcke zugetragen hatten."

Den Ausdruck "heilige Orte" kann man mögen oder nicht - aber viele dieser Plätze haben tatsächlich eine Ausstrahlung, die nach kultischer Verehrung geradezu schreit. Schon Goethe hat dieses besondere Flair empfunden, das Granitlandschaften oftmals zu eigen ist. In seiner Abhandlung "Über den Granit" lässt er sich, nachdem er zunächst die seinerzeit bekannten wissenschaftlichen Fakten über das Gestein referiert hat, zu höchster philosophisch-spiritueller Emphase hinreißen: "Hier auf dem ältesten, ewigen Altare, der unmittelbar auf die Tiefe der Schöpfung gebaut ist", schwärmte er, "bring ich dem Wesen aller Wesen ein Opfer."

Heute dagegen sind wohl eher andere Erzählformen verlangt. Weniger raunend, weniger mystisch, dafür komplexer und vielschichtiger. Einer, der aus so einer Landschaft ganz eigene Geschichten herausholt, steht im Nachmittagslicht auf einer Wiese im Oberen Mühlviertel: Peter Ablinger, zeitgenössischer Komponist, aus Oberösterreich stammend, in Berlin lebend, in der Welt zu Hause. Ein hoch aufgeschossener Mann, schmales Gesicht, dünnes Haar; die Leinenhose mit Hosenträgern am Körper befestigt.

Leichter Wind von Westen. Ablinger steht und schaut - denkt man. Aber nein, er horcht. Für ihn besteht die Welt aus Klang. "Es ist alles immer schon da", wird er später sagen, "man muss es nur hören. Ablinger ist einer, der Begriffe wie "hören" oder "Stück" extrem weit fasst. Die meisten seiner Werke changieren zwischen Musikstück, Installation und Performance. Er nutzt Wäscheleinen und Regenschirme, bezieht Geräusche aus der Umgebung mit ein, arbeitet gezielt mit "Stille", versucht Klänge mit Wörtern nachzubilden oder setzt eine Rede Fidel Castros in Töne fürs Klavier um. Seit Jahren beschäftigt er sich mit dem "Weißen Rauschen", das alle Töne enthält. Das Hören als Möglichkeit, als aktiver Vorgang, das ist sein Thema.

Was macht so einer im Mühlviertel? Ablinger wird die Gegend um Ulrichsberg in den kommenden Monaten zum Gegenstand einer "Landschaftsoper" machen. Keine Oper im klassischen Sinn, sondern eine vielschichtige Collage, ein akustisch-kulturgeografisch-soziales Gesamtkunstwerk. Die Landschaft ist die Bühne, aber auch das Orchester; die Musik wird auf vielfältige Weise gesammelt, sowohl von Ablinger als auch von den Zuhörern, die zugleich Mitwirkende sind. Das eigentliche Stück entsteht beim Hören - und beim Mitmachen: "Hören ist etwas, das nicht nur in Stuhlreihen stattfindet", sagt er.

Im Abseits lebt man mitten in der Welt

Wenn man mit Ablinger unterwegs ist, sieht man die Landschaft mit anderen Augen, pardon: hört sie mit anderen Ohren. Man horcht auf die Eberesche, die Eiche, die Birke. Man erkennt, wie vielgestaltig Rauschen sein kann, achtet auf Frequenzen, auf Rhythmen, auf Obertöne. In den achtziger Jahren, erzählt der Komponist, habe er bei einem Spaziergang zufällig entdeckt, dass das Rauschen des Windes in zwei benachbarten Getreidefeldern unterschiedlich klang. Darauf begann er, sich einzuhören in die Klänge der Natur, erkundete systematisch das Rauschen der verschiedenen Bäume und Sträucher, versuchte ihre Klänge zu beschreiben. "Der Holunder beispielsweise klingt in einem sehr breiten A", erklärt er, "der Weißdorn dagegen in einem klaren O." Er stellte sogar ein Stück zusammen, das nur aus Blätterrauschen besteht.

 

Und so entstand die Idee zu dem ersten - und nachhaltigsten - Akt der Landschaftsoper, dem "Arboretum": einer Pflanzung von 20 Bäumen nach akus-tischen Gesichtspunkten. Die Bäume, von 13 verschiedenen Arten, bringen die Landschaft zum Klingen. Es ist ein Stück für Generationen. "Das Rauschen der Bäume wird in jedem Jahr anders klingen", sagt Peter Ablinger, "und sich erst in einigen Jahren richtig entfalten." Die Hörer sollen sowohl die unterschiedlichen Arten des Rauschens hören als auch den Gesamtklang. "Die heller klingenden, lauteren Bäume stehen etwas weiter weg", erklärt er, "und ergänzen sich mit den dunkleren, näher stehenden." Und dann muss er doch lächeln: "Wenn das alles so hinhaut." Ein weiterer Akt der Landschaftsoper wird ein "Hörweg" sein, der rund um Ulrichsberg führt. An 14 Stationen können sich die Teilnehmer auf einer Bank niederlassen, wo sie das, was sie dort hören, in einem Buch festhalten können. So entsteht eine vielfältige akustische Momentaufnahme der Landschaft - nicht nur der Natur, denn auch Orte wie die Bundesstraße oder eine Fleischfabrik sind einbezogen. Und natürlich ist die Subjektivität der Menschen Teil des Kunstwerks. "Das ist der Kern des Konzepts", sagt Ablinger, "dass die Oper als soziales Konstrukt verstanden wird."

Heute lebt es sich im Mühlviertel so komfortabel wie überall in den Industrienationen, aber man sieht der Landschaft die Härten vergangener Zeiten noch an. Es ist noch gar nicht so lange her, da bot beispielsweise der Granitabbau eine der wenigen Möglichkeiten, sein Leben zu fristen, jenseits dessen, was der karge Boden hergab. Im 19. und bis weit ins 20. Jahrhundert hinein war die Steinindustrie einer der wichtigsten Wirtschaftszweige. Die meisten dazugehörigen Berufe sind verschwunden. Da gab es etwa den "Anreißer", der auf einem aus der Wand gesprengten Block die günstigsten Spaltflächen markierte; den "Zersetzer", der den Block in Teilstücke von vorgegebenem Maß spaltete; schließlich den "Zubrecher", der überstehendes Material wegschlagen, "abbossieren" musste. Die Donau abwärts gelangten die Steine zu den Großbaustellen im k.u.k.-Reich: zum neuen Dom in Linz, zu den Eisenbahnbrücken in Mauthausen und Steyregg; vor allem aber nach Wien, das mit Mühlviertler Granit buchstäblich zugepflastert wurde. Dort liegen mehrere Millionen Quadratmeter Granitpflaster, der größte Teil unter Asphalt verborgen. Die Arbeit im Steinbruch war kraftraubend und gesundheitsschädlich; viele Arbeiter starben früher oder später an Staublunge. Es gibt Geschichten von altgedienten, todgeweihten Granitwerkern, die tapfer noch jede Woche am Stammtisch auftauchten, in der einen Hand die medizinisch verordnete Sauerstoffflasche, in der anderen den Bierkrug, bis zum bitteren Ende.

Heute sind die meisten Steinbrüche geschlossen, und die noch aktiven stehen in Konkurrenz mit Indien und China, da sind Ideen gefragt. Und so preisen "innovative Steinverarbeitungsbetriebe" den "intelligenten Stein"; kann man in der "Erlebniswelt Granit" von engagierten Führern erfahren, dass das Gestein eine grandiose Vielfalt an Farben und Texturen zu bieten hat. Eine Brauerei schließlich bringt ein "Granit-Bier" heraus, das in der Tat irgendwie frisch und feinkörnig zu schmecken scheint. Auch Ablinger, den Kopfmenschen, fasziniert die Tatsache, dass eine Landschaft Erinnerungen bewahrt, die man abrufen kann. Erinnerungen, die zwar an die Aktivität der Menschen gebunden sein können, aber auch über den Menschen hinausweisen. Für das Mühlviertel gilt das besonders. Dieses geologisch älteste Stück Österreich mit seinen klaren Umrissen, unten die Donau, oben der Riegel des Böhmerwaldes, das Ganze ausgefüllt mit Granit - irgendwie scheint es noch nicht ganz fertig zu sein mit seinen Menschen. Beziehungsweise die Menschen mit ihm.

Es gibt Kulturlandschaften, die das Ergebnis eines langen Prozesses der Feinabstimmung sind, in denen jeder Quadratmeter seit Jahrhunderten darauf abgeklopft worden ist, wie er am besten genutzt werden kann. Solche Gegenden sind die reinsten Kunstwerke. Im Mühlviertel ist das anders. In dieser Landschaft, die bis zu Beginn des Mittelalters noch fast vollständig mit Urwald bedeckt war, die jahrhundertelang im Spannungsfeld zwischen Bayern und Böhmen lag, scheint noch vieles möglich. Manches wirkt hier vorläufig, ein bisschen schief, unpassend. Vielleicht ist es die Art und Weise, wie die Dörfer und Gehöfte leichthin übers Land verstreut sind, vielleicht die raumgreifende, verschwenderische Geste, mit der sich die Straßen über die Wiesen schwingen - jedenfalls ist hier noch jede Menge Platz.

Platz! Weite! Vielleicht ist das das Stichwort. Bei schönem Wetter, besonders bei Föhn, ist die Aussicht vom Mühlviertel herunter atemberaubend. Derart weit geht der Blick übers Land, dass einem die Seele leicht wird. Da ist zuerst das Gehügel und Gebuckel im Vordergrund, dieses Mosaik aus Dunkelgrün und Hellgrün, Wald und Wiese, mit den weißen Würfelchen der Drei- und Vierseithöfe; dann der Einschnitt des Donautals, in dem sich das Linzer Becken ahnen lässt; dann das Voralpenland, und wie zum Greifen nah die Alpen. Eigenartig sich vorzustellen, wie das vor hundert Jahren auf einen gewirkt haben muss, der den weiten Blick auf diese Landschaften hatte. Da unten war die Welt, unerreichbar fern, aber war die Welt nicht auch hier oben? In dem Dorf Neußerling, selbst für Mühlviertler Verhältnisse tief in der Provinz, gibt es einen Gasthof, der heißt "Mitten in der Welt". Soll die Welt doch kommen. Das Mühlviertel ist schon da.

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Martin Rasper