Riga Ungekrönte Hauptstadt des Baltikums

Von der Bucht ziehen Wolken auf. Ihr Licht- und Schattenspiel lässt Türme, Dächer, Mauern wie Strahlenblitze aufleuchten, und der Betrachter begreift: Dies ist die elegante Silhouette einer stolzen Hansestadt.

Kaum eine andere Stadt an der Ostsee kann auf eine so wechselvolle Geschichte zurückblicken. In kurzen Abständen folgten Kriege und Eroberungen, Unterjochung, Völkermord und Deportation. Riga blieb dennoch kosmopolitisch. Die deutschen Gründerväter verliehen der Stadt hanseatische Züge, später prägten Polen, Schweden und Russen ihr Antlitz. Riga saugte alle Einflüsse auf. Es wurde zu einem Schmelztiegel, in dem sich die verschiedenen Völker und ihre Kulturen ergänzen.

In der Altstadt vermischen sich bohemehafte Prager Gemütlichkeit und die kühle Eleganz von Paris, die Weltläufigkeit Berlins und aggressive Geschäftigkeit von Moskau. Riga ist die ungekrönte Hauptstadt der drei baltischen Länder: "Die Vergangenheit war hier vielleicht größer als die Gegenwart, doch auch diese ist noch ansehnlich genug", scherzt Vijtauts Bruvelis, Vorsitzender des Verbands lettischer Touristenführer.

Im Sommer scheint Riga, wie alle nordischen Länder, geradezu vor Vitalität zu bersten. Die Erinnerungen an winterliche Kälte und Dunkelheit, an Nieselregen, Nebelschwaden und Grippeanfälle sind wie weggefegt. Nichts kann die Menschen mehr zu Hause halten, es wird gefeiert und getanzt, getrunken und geflirtet.

In den Sommernächten ist der Schlaf in Riga kurz

Die Altstadt wandelt sich zum Laufsteg schöner Frauen, die in hohen Stöckelschuhen über das Kopfsteinpflaster tänzeln, als würden sie die Schwerkraftgesetze in Frage stellen wollen. "Die Rigaerinnen sind sehr modebewusst", sagt Jolanta Senele, Redakteurin der lettischen Ausgabe von "Cosmopolitan". "Die Schönheit zu zeigen ist ein Teil des Lebensgefühls. Hier unterdrückt niemand den Wunsch nach Selbstdarstellung. Riga ist eine verrückte Stadt, beim Nachtleben können wir mit Westeuropa mühelos Schritt halten." In der Stadt gibt es acht große Model-Agenturen, immer wieder werden lettische Mannequins zu Foto-Shootings ins Ausland eingeladen.

In den Sommernächten ist der Schlaf in Riga kurz. Restaurants und Musikkeller, Discotheken und Nachtclubs quellen über. "In Riga ist die Partycrowd lebhafter als im Westen", loben ausländische DJs mit Lettland-Erfahrung. Saturday Night Fever steckt an: Viele lettische Jugendliche arbeiten hart, um ihren Lohn am Wochenende auf den Kopf zu hauen.

Im Mai 2003 flippte Riga fast aus. Die Stadt richtete für sieben Millionen Euro den Grand Prix d' Eurovision aus, nachdem die lettisch-russische Interpretin Marie N im Jahr zuvor den Schlagerwettbewerb gewonnen hatte. "Das hat das Selbstwertgefühl der Letten mächtig gestärkt", glaubt der lettische Komponist Raimonds Pauls. "Hoffentlich ist Riga bekannter geworden, denn es geht einem auf die Nerven, wenn man im Ausland ständig gefragt wird, ob die Stadt in Schweden oder in Russland liegt."

Von der Unesco zum Weltkulturerbe erklärt

Das historische Zentrum wurde 1997 von der Unesco zum Weltkulturerbe erklärt. Aus guten Gründen. Riga war von Anfang an eine Stadt der Superlative: Schon 1282 trat sie der Hanse bei und erhielt kurz danach eine städtische Bauordnung. Sie kann auf die erste weltliche Schule der Region, die erste öffentliche Bibliothek und das erste Museum für Stadtgeschichte verweisen. Auch politisch war Riga Vorreiter: Die geistlichen und weltlichen Herren der Stadt einigten sich bereits 1452 auf eine Doppelherrschaft. Die Reformation setzte sich schnell durch, der Protestantismus entsprach offensichtlich dem Geist der Handelsmetropole.

Nach der Eroberung durch das schwedische Heer 1621 war Riga die größte Stadt Schwedens. Deutsch blieb die wichtigste Sprache, auch nach Einzug der Russen im Jahr 1710. Im 19. Jahrhundert blühten Wirtschaft und Kultur: Riga wurde nach Moskau und St. Petersburg zur wichtigsten Industriemetropole des Russischen Reichs. Sie wuchs so schnell, dass die alten Befestigungsanlagen bald neuen Wohnvierteln und Parkanlagen Platz machen mussten. Um 1900 wurden mehr als 800 Häuser in schönstem Jugendstil erbaut.

Nach der Unabhängigkeit 1991 hat das Leben in Riga an Tempo gewonnen. Das historische Zentrum wurde aufwendig restauriert, und die Baulücken aus dem Zweiten Weltkrieg sind weitgehend geschlossen. In der Altstadt haben sich Banken, Botschaften und Büros, Ministerien, Hotels und Restaurants eingerichtet. "Die Altstadt lebt, sie atmet und schwitzt", freut sich Toms Zvirbulis, der seit 1993 die Kunstgalerie Noktirne leitet.

Teure Boutiquen sprießen wie Pilze nach einem warmen Regen

Rund um den Backsteindom pulsiert das Leben. Smarte Banker in dunklen Anzügen spurten über das Kopfsteinpflaster in die Börse, Redakteure und Musiker bahnen sich den Weg in die Studios des lettischen Rundfunks, Scharen von Touristen eilen zum Orgelkonzert in den Dom. Die Soldaten der Ehrenwache zu Füßen der Freiheitsstatue auf dem Brvbas-Boulevard verziehen keine Miene, wenn sich die Fotoapparate der Touristen auf sie richten. 1987 kam es hier zu den ersten lettischen Demonstrationen gegen das Moskauer Regime.

Das scheint in weiter Ferne. "Noch nie in unserer Geschichte konnte sich das Land sicherer fühlen", sagt Präsidentin Vaira Vke-Freiberga, die 1944 als Siebenjährige mit ihren Eltern nach Deutschland floh, später in Kanada lebte und erst 1998 in die Heimat zurückkehrte. Und dennoch fehlt Riga die Distanz zu der Zeit, als Moskau das eben bestimmte. Über die Bewertung der Vergangenheit, das Verhältnis zum sowjetischen Erbe und den zugewanderten Russen wird in Riga stürmisch gestritten. Dabei gehen die lettischen Behörden nicht immer mit Geschick vor. Die komplizierten Einbürgerungsprozeduren und ein strenges Sprachengesetz sorgten mehrmals für Kritik europäischer Gremien. Nun streiten beide Volksgruppen über die bevorstehende Schulreform, die den Unterricht auf Russisch an Grundschulen nach 2004 untersagt. Von diesen Spannungen ist im Alltag wenig zu spüren. Russische und lettische Jugendliche sind Freunde, rund 30 Prozent aller Ehen in Lettland sind gemischt.

Es gibt auch viel neureiche Pracht in Riga."Wir erleben seit Jahren einen phantastischen Boom", sagt Rdolfs Berzis, Chef der Baufirma Ionica, "und ein Ende ist nicht abzusehen." Teure Boutiquen sprießen wie Pilze nach einem warmen Regen, in den Vororten entstehen riesige Einkaufszentren, Kneipiers überbieten sich mit ausgesuchtem Design, Nobelkarossen rollen durch die Straßen. "Wir haben die höchste Cabrio-Dichte in den nördlichen Breiten", scherzt der Autojournalist Aldis Zelmenis.

Wenn sommerlicher Morgennebel über der Stadt liegt, ist Riga am schönsten. Möwengeschrei kündet vom Anbruch des Tages, die letzten Nachtschwärmer eilen durch die Altstadt, an dem Denkmal der lettischen Schützen vorbei streben Arbeiter zum Hafen, aus Kaffeehäusern dringt der Duft frischgebrühten Kaffees. Riga erwacht wieder zum Leben.

Autor:
Andrzej Rybak