Leipzig Zoo der Zukunft

Wenn Michael Tempelhoff "dem Gleenen eene Lektion Gnigge" gibt, dann sagt er Worte wie "Ohr", "Knie" und "Lift", "Go back" oder "Go on". Seine Stimme hält für jeden dieser Befehle eine eigene Tonhöhe bereit, die so unverwechselbar ist wie sein sächsischer Zungenschlag. Alle Zuneigung und väterliche Strenge legt er in sie hinein, schließlich muss jederzeit klar sein, wer hier der Chef ist.

Sein Baby darf weder mit den Ohren schlagen, noch treten oder einfach drauflos trampeln. Stattdessen muss es auf Befehl ein Bein heben, vorwärts oder rückwärts gehen und auf seinen Namen hören: Voi Nam. "Kleiner Junge" bedeutet der vietnamesische Name des Elefantenbabys. Sonst kann später passieren, was nicht passieren soll. "Ein Kollege bekam mal eine mit 'nem Rüssel gewischt", erzählt Tempelhoff, "und hatte erst nach 15 Metern wieder Bodenkontakt." Jedenfalls mehrere Rippenbrüche.

Bis zu sieben Tonnen kann ein erwachsener Bulle wiegen, eine Höhe von vier Metern erreichen. Selbst Voi Nam. Er ist der Star des Leipziger Zoologischen Gartens und zugleich Symbol für dessen Neubeginn: 66 Jahre hat es in dem Traditionszoo keinen Elefantennachwuchs mehr gegeben. Der Zoo, eine alte Liebe der Leipziger, wird derzeit umgekrempelt wie nie zuvor in seiner bald 130-jährigen Geschichte, kommt seither positiv in die Schlagzeilen: mit naturnah gestalteten Behausungen für Löwe, Tiger und Bär, Zuchterfolgen bei fotogenen Giganten und herzigen Tiergeschichten für die ganze Familie.

Pongoland zum Beispiel: Die weltweit größte Menschenaffenanlage ist seit ihrer Eröffnung im Frühjahr 2001 nicht nur Darling von Fernsehstationen aus aller Welt, sondern auch des heimischen Publikums. Zum einen, weil hier daran geforscht wird, was es eigentlich heißt, wenn Mensch und Menschenaffe eine zu 98,4 Prozent identische DNS haben. Zum anderen, weil ein Besucherpfad mitten durch die Habitate von Schimpansen, Bonobos, Gorillas und Orang-Utans führt, die in dieser Dschungelminiatur herumtollen wie Meerschweinchen in deutschen Kinderzimmern. Oder "Elefant, Tiger & Co."; so heißt eine wöchentliche Tier-Doku-Soap aus dem Zoo, die neben der internationalen Fauna auch deren lokale Pfleger überregional bekannt macht. "Ich wechsle öfter den Haarschnitt", sagt Tempelhoff, "sonst kommste nicht mehr unerkannt in die Straßenbahn."

Dabei stand der Zoo kurz vor dem Aus. Die Wende hatte ihn kalt erwischt. "Visafrei bis Hawaii!" - für den Zoo ein Trauma. Die neue Reisefreiheit auf der einen, auf der anderen Seite in Kleinstkäfigen gefangene Kreaturen, deren Ausdünstungen das Weiteratmen zur sportlichen Disziplin erhoben.

Mitte der neunziger Jahre kamen nur noch 650.000 Besucher pro Jahr. "Zootiere sind Botschafter für bedrohte Lebensräume", erklärt Jörg Junhold, Zoodirektor seit 1997, und beschwört den "Zoo der Zukunft", den Masterplan zur Neugestaltung des Tiergartens bis ins Jahr 2014. Wenn er umgesetzt ist, werden 90 Millionen Euro verbaut sein, und der Traditionszoo wird sich in einen von Freizeitforschern und Tiergartenarchitekten inszenierten Naturerlebnispark gewandelt haben, dessen Philosophie auf drei Säulen ruht: Freizeitwert, Artenschutz und Bildung.

Auf Highlight folgt Ruhezone, dann wieder Highlight. Sechs Themenbereiche umfasst der "Zoo der Zukunft": die Kontinente Asien, Afrika und Südamerika, dazu Pongoland und den Gründergarten. Ein riesiges Tropenhaus soll entstehen, benannt nach dem Superkontinent Gondwana, und den zoologischen Vielvölkerstaat komplettieren. Die Modernisierung bedeutet den Abschied von der vergleichenden Tierhaltung, in der zum Beispiel alle Großkatzen nebeneinander auftreten. Gestreift neben gepunktet, gefleckt oder langmähnig. Das neue, zoogeografische Konzept orientiert sich am Nebeneinander der Tiere in freier Wildbahn, es zeigt den Löwen als Jäger, mit Zebra, Gnu und Antilope als Jagdtiere in der Savanne nebenan.

Automatische Schiebetüren trennen den zugig-kalten Leipziger November und die weitläufigen Außenflächen von Pongoland, groß wie zwei Fußballfelder, vom Dschungel im Menschenaffenhaus. Die Luftfeuchtigkeit in der 1600 Quadratmeter großen Halle liegt bei tropfnassen 70 bis 90 Prozent. 60 Menschenaffen leben darin mit Kletterbäumen, Wasserfällen und Felslandschaften, vom Catwalk der Besucher nur durch hölzerne Geländer und Wassergräben oder Dreifach-Verbundglas getrennt. Bei Gorillas wird gerade Fell gepflegt, bei Orang-Utans kopuliert, derweil Familie Bonobo, in Fachkreisen als pan paniscus bekannt, in aller Ruhe frühstückt. Apfelsine, Banane und Kiwi - was Leichtes.

Wildlife-Gucken auf 23 Hektar

Vogelzwitschern vom Band tönt bis unters 20 Meter hohe Glasdach. "Kern unserer Arbeit ist die zentrale Frage, wie, worin und warum sich Menschenaffen von uns unterscheiden", erklärt Juliane Kaminski, Doktorandin am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie, dem Hausherrn in Pongoland. Die Primatenforscherin führt Versuchsreihen zum sozial-kognitiven Verhalten der Menschenaffen durch, ergründet, "ob es bei ihnen so etwas wie Täuschung gibt". Ob die Geistesgaben bereits so komplex sind, dass das Täuschen und Manipulieren zum Einmaleins des Sozialverhaltens gehören? Zu Deutsch: Wie viel Mensch im Menschenaffen steckt, ob auch er Schwein sein kann?

Morgen für Morgen läuft die 30-Jährige deshalb in den Schimpansen- Dschungel, versteckt Leckereien und lässt sich dabei von einem subdominanten pan troglodytes-Männchen (B) beobachten, während dem Alpha-Tier (A) qua Sichtblende vorenthalten wird, wo Kaminski die Nahrung auslegt. Die Frage ist nun, inwiefern Schimpanse B sein Wissen nutzt, um die Rangordnung zu verletzen und damit Schimpanse A um das Futter bringt? Geht B einfach auf die Nahrung zu, folgt ihm A und bekommt alles. Aber: Wer gibt schon gern ab, wenn er weiß, dass der andere nicht weiß? Wie ausgefeilt sind die Tricks, um den Wissensvorsprung zu halten?

"Pongoland war ein Glücksfall", erklärt Zoodirektor Junhold und sagt auch, dass die vom Max-Planck-Institut finanzierte, 31 Millionen Mark teure Anlage die Initialzündung war, den "Zoo der Zukunft" auf den Weg zu bringen.

Gibt es Vorbilder? "Die Zoos von Zürich, Singapur und Hannover, New York oder Wien." Junhold dreht am Globus neben sich, weiß, in welche Liga er will. Seit drei Jahren sind die Besucherzahlen konstant, bei 1,2 Millionen jährlich. "Der Anfang war einfach", sagt Junhold, "jetzt wird's anspruchsvoll." Etwa 900 Tierarten leben im Leipziger Zoo, mehr als 1400 Geschöpfe vom Flugfuchs über das Erdmännchen bis zum Seebären; nicht mitgerechnet die 3500 Fische, 1500 Wirbellosen und 200.000 Bienen. Ganze Völker also.

Über eine Hängebrücke geht es nach Asien

Wildlife-Gucken auf 23 Hektar. Über eine Hängebrücke geht's nach Asien. Dort links nach Südamerika. Afrika ist teils noch Baustelle, will aber schon besichtigt werden. In der Nashorn- Savanne ist Tumult, während die Haie so dicht an den Fenstern des Ringaquariums entlang gleiten, als hätten sie bereits ein Auge für die staunenden Betrachter. Hier ein Mangrovensumpf, dort ein Urwildpferd. Ist man eben noch durch Regenwälder gestreift oder hat sich angesichts einer Geierschildkröte gefragt, wie lange man sich wohl nicht bewegen darf, um Moos anzusetzen, steht man schon an der nächsten Ecke ungläubig vor einem weiteren Tier, von dessen Existenz man bis dato nichts wusste. Dem Vieraugenfisch zum Beispiel.

"Komm, Kimbali, es gibt Leckerlis, heute Broiler." Mit Schwung wirft Jörg Gräser tote Futtertiere in die Rabatten der neuen Löwensavanne. Darin gibt es viel Auslauf vor Kunstfelsen; Schattenplätze, Sonnenecken, Rückzugsorte, nicht einsehbar für Besucher. Neueste Tiergartenbiologie allemal: Nicht allein die Größe einer Wohnung ist entscheidend, sondern deren Möblierung. Matadi und Kimbali, ein junges Angolalöwen-Pärchen, zerpflücken dankbar zwei Hähnchen. "Fressen ist auch Beschäftigung gegen die Langeweile", erläutert Tierpfleger Gräser.

Auf seinen Schützlingen ruht alle Hoffnung, ist doch Leipzig schon länger ohne Löwennachwuchs. Der König der Tiere taucht nicht nur im Stadtwappen auf, sondern ziert auch die Wetterfahne des alten Raubtierhauses oder die Zielscheibe, an der Zootierarzt Klaus Eulenberger mit dem Betäubungsblasrohr Pfeilschießen übt. Einst führte der Zoo den Beinamen "Löwenfabrik". In 779 Würfen kamen 2313 Jungtiere zur Welt, die in mehr als 50 Länder exportiert wurden - sogar nach Afrika.

Der Leipziger Zoo beteiligt sich an mehr als 40 internationalen Zuchtprogrammen, vom Brillenpinguin über den Lisztaffen bis zum Mähnenwolf, und führt die Zuchtbücher für Tiger und Anoas (Gemsbüffel), eine Art Datenbank für alle weltweit in Tiergärten lebenden Individuen einer vom Aussterben bedrohten Spezies. Ausgewildert wurden Uhu oder Säbelantilope; auch das Przewalskipferd jagt nun wieder über Mongoliens Weiten.

29.250 Euro kostet der Unterhalt des Zoos pro Tag; 365-mal im Jahr. Mit 35 Euro schlägt die Jahreskarte zu Buche. Kein Wunder, dass die Marketingstrategien ausgefeilt sein müssen, um den Betrieb am Laufen zu halten - Kindergeburtstage mit Lieblingstieren, Feiern mit Catering im Ringaquarium oder Tier-Patenschaften vom Tukan bis zu den Big Five: Löwe, Leopard, Büffel, Rhinozeros, Elefant. "Auf dem Markt müssen wir uns neben Freizeitparks, Shoppingcentern und Spaßbädern behaupten", sagt Junhold.

Die Elefanten-Specials bei Michael Tempelhoff sind für Wochen ausgebucht. Gerade soll Voi Nam lernen, auf eine Waage zu steigen. "Ein Fuß druff; kleene Belohnung! Zweiter Fuß druff; bisschen größere Belohnung! Dritter Fuß; feiiiin, nu, gibt's rischtsch was!" Vierter Fuß druff - und Tempelhoff schiebt Voi Nam ein ganzes Brot ins Maul. "Schon 654 Kilo." Ein Kilogramm pro Tag legt das Baby momentan zu. "Mit Voi Nam ham mir sechs Elefanten", sagt Tempelhoff, "davon drei zuchtfähige Kühe. 15 könnten im erweiterten Elefantenhaus Platz finden." Noch ist keines der Tiere trächtig, aber Mekong, Voi Nams Vater, lässt keine Gelegenheit aus.

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Thomas Gebhardt