Leipzig Neue Seen für Sachsen

Die Sehnsucht nach dem Süden vergeht im weißen Sand. Die pralle Mittagssonne taucht ölglänzende Körper auf Badetüchern in ein grelles Licht, setzt die Bewegungen in Zeitlupe. Ein Strand mit Holzhütten und Stegen wie am Meer, darauf lesen, flirten und posieren Hunderte. Kinder schwimmen auf ein weißes Ausflugsschiff zu, die Pyramide des Vergnügungsparks Belantis gaukelt ferne Welten vor, nur das schmauchende Braunkohlekraftwerk Lippendorf bricht mit der Idylle, die aussieht, als habe die Ostsee zehn Kilometer südlich von Leipzig ein Geschwisterchen bekommen.

Sommer in Leipzig ist der Cospudener See. Und wenn Lokalreporter den angeschütteten Strand "Costa Cospuda" nennen, dann beweist das nur, dass der Cospudener See für die Leipziger mehr ist als ein Baggerloch - wo viele nackt sind, weil hinter den künstlich angehäuften Dünen die Freizügigkeit der ostdeutschen FKK-Kultur weiterlebt. Wo DJs neben den Imbissbuden auflegen als Soundtrack für einen Tag am Meer, das zwar nur 4,4 Quadratkilometer groß ist, aber für Schwimmer, Taucher, Segler und Surfer uferlosen Spaß bietet. Der Cospudener See beweist: Landschaftliche Verstümmelung ist kosmetisch so zu korrigieren, dass aus tiefen Narben Schönheiten werden.

Südlich von Leipzig spielt der Mensch Schöpfung und sühnt die Sünden des Braunkohletagebaus. Die Förderung begann im 17. Jahrhundert; später wühlten sich riesige Förderbrücken durch Auenlandschaften und Dörfer, um mehr als drei Milliarden Tonnen Braunkohle aus dem Boden zu fressen und dabei 250 Quadratkilometer Erdreich abzugraben. Eine Fläche, auf der mehrere mittelgroße Städte Platz finden würden. In der DDR erreichte die Fördermenge südlich von Leipzig zehn Prozent der Weltproduktion an Braunkohle. Nach der Stilllegung der meisten Tagebauanlagen im Jahr 1990 wühlen sich die gefräßigen Stahlmonster nur noch vereinzelt durch die Landschaft. Zurück blieb vielfach Ödnis; lediglich Disteln und spärliches Gestrüpp wachsen zwischen Geröll und Abraum.

In dieser geschundenen Landschaft sollen 17 Seen entstehen, die meisten bis zum Jahr 2015, der letzte wird erst 2060 voll gelaufen sein. Wasserstraßen werden sie miteinander verbinden, dazwischen Pflanzungen von Eichen, Linden und Buchen ein neues Landschaftsbild zeichnen. Neuseenland haben die Planer das Projekt getauft. Seit 1990 sind bereits 1,3 Milliarden Euro in die Landschaftssanierung geflossen. 500 Millionen Euro wollen sich Bund und Land Sachsen die weiteren Schönheitsoperationen kosten lassen. Der Cospudener See ist schon heute die Verheißung, was einmal sein wird. Schäumende Wellen rollen übers blaugrüne Wasser, die Boote am Zöbigker Hafen schlagen hektisch gegeneinander. Ein einsamer Surfer zieht in der Nähe des Südufers seine Bahn.

Im Bootshaus sitzt Lutz Kamski, ein braun gebrannter Athlet, dem man ansieht, dass er von seinen 44 Lebensjahren die letzten am Wasser verbracht hat. Er erzählt von der unsichtbaren Welt des Cospudener Sees, der Welt von Hechten und Aalen. Der Tauchlehrer führt seine Schüler zu den im Wasser versunkenen Landschaften, zu Kohleflözen, die in 50 Metern Tiefe noch zu erkennen sind. "Vor kurzem habe ich im Cospudener See einen Wald entdeckt", sagt Kamski. Er ist im Atlantik getaucht und im Roten Meer, aber der kleine Baggersee bei Leipzig bringt ihn zum Schwärmen, weil er eine permanente Entdeckungsreise ist: "Es wird Jahre dauern, um alles zu erkunden. Wo kann man schon unter Wasser einen Waldspaziergang machen?"

Dort, wo heute der Cospudener See mit Stränden und Seebrücke lockt, war 1990 noch ein riesiges Braunkohleloch. Drei Jahre später wurde damit begonnen, es zu fluten. Wenige Kilometer östlich hat die gewaltige Umgestaltung am Markkleeberger See begonnen, der bis 2005 geflutet wird. An den steilen Böschungen kämpft sich Unkraut durch ein ödes Kiesbett. Durch einen schmalen Kanal fließt Wasser ein, um zeitgleich das Grundwasser eines noch betriebenen Tagebaus abzusenken. Zwei Meter steigt der Wasserspiegel pro Jahr, bis eine Tiefe von 50 Meter erreicht sein wird. Bagger karren klobige Betonteile durch den Kies, um das Fundament für eine Uferpromenade zu legen. Auf der anderen Seeseite steht eine alte, ausrangierte Förderbrücke.

Bernd-Stephan Tienz breitet auf der Kühlerhaube seines Geländewagens die Pläne für den Markkleeberger See aus. Tienz ist Planer bei der Lausitzer und Mitteldeutschen Bergbau-Verwaltungsgesellschaft (LMBV), die die Tagebaulöcher saniert."Wir müssen die Ufer befestigen, weil sonst alles abrutscht. Der See bekommt Zu- und Abflüsse, dazu müssen Bäche integriert und Schleusen gebaut werden, denn die Seen haben unterschiedliche Wasserstände." Absichern, anpassen, befestigen: Tienz' Vortrag räumt auf mit der naiven Vorstellung, man müsse nur Wasser einlaufen lassen, und fertig ist die riesige Badewanne. 70 Millionen Kubikmeter Erdreich werden für die Sanierung des Tagebaus Espenhain, wie er früher hieß, bewegt. So viel wie für 70 000 Mehrfamilienhäuser.

Tienz fährt über die Steilküste und zeigt in die Tiefe. 20 Meter weiter unten ist der See, braun verfärbt vom hohen Säuregehalt, den nachfließendes Wasser noch absenken wird. "Da entsteht eine Kanustrecke, die olympischen Maßstäben entspricht", erklärt Tienz. Er steuert den Wagen am See vorbei, hält nach einigen Minuten an. Der Kiespfad fällt ab. Draußen herrscht Stille, so als spiegele sich die Trostlosigkeit des Ortes in einem akustischen Vakuum. Eine Wüste aus Steinen und Schotter räkelt sich bis zum Horizont. Im Jahr 2011 soll dieses ausgeschabte Land der Störmthaler See sein, einer der größten von Neuseenland - dieser Leipziger Seenplatte. Das seit kurzem flutende Wasser schimmert fern, wie die Quelle einer besseren Zeit.

Aus der Ferne betrachtet war die Förderbrücke nicht mehr als ein kleines Insekt: Fingergroß und wenig imposant. Noch während Tienz den Geländewagen unter das stählerne Ungetüm steuert, schrumpft der Mensch auf Insektengröße, verliert sich unter der hochhausgroßen Maschine, die für den Tagebau Espenhain 14 Ortschaften unterpflügte. Heute spült Wasser darüber hinweg.

Elisabeth Klabunde-Klenert sitzt nur wenige Kilometer entfernt in ihrem Arbeitszimmer und lässt mehr als 80 Dörfer als Dokumentation über ihren Computerbildschirm laufen. Schwarz-Weiß-Fotos von prächtigen Bürgerhäusern und stolzen Bauernhöfen verwandeln sich auf dem Bildschirm in schwarze Flecken auf der Landkarte. 24000 Menschen wurden seit Beginn des Braunkohleabbaus umgesiedelt. Die 53-jährige Kuratorin des Vereins "Verlorene Orte", der Bilder und Geschichten aus verschlungenen Dörfern zusammenträgt, musste selbst von Crostewitz nach Leipzig umziehen, als sie 20 Jahre alt war. Musste gehen, weil der Tagebau Espenhain kam.

Sie erinnert sich an das Geräusch der klirrenden Ketten der Fördermaschine, das sich wie ein Tinnitus Tag und Nacht in das Gehör fraß, an den penetranten Geruch, die zunehmend ölige Schicht auf den Bächen. Aber sie erinnert sich auch an die Auen, in denen sie gespielt hat, an das alte Rittergut und die Wiesen, wo sie als Jugendliche Munition von der Völkerschlacht fand. Für immer verloren ist die alte Bühne im Park; dort war sie als Kind eine Prinzessin. "Je älter ich werde, umso mehr fehlen die Orte der Kindheit", sagt Klabunde-Klenert. Die Melancholie hat sich in ihrer Stimme fest eingerichtet: "Nach Ostpreußen kann man gehen, um die Orte seiner Kindheit zu sehen. Ich kann nicht zurück."

Die verlorenen Orte bleiben verloren. Aber das Unwiederbringliche hat mit Neuseenland eine Zukunft bekommen. An den 17 Seen werden Sportzentren entstehen und Yachthäfen, Strände, Wiesen und neue Wälder, wo heute noch menschenfeindliche Wüstenei ist. Am Hainer See zum Beispiel, im Herzen dieser zukünftig amphibischen Region, soll eine Unterwasserwelt angelegt werden, in der Besucher hinter dicken Glaswänden Fische und Pflanzen beobachten können. Und in Zwenkau hat sich bereits ein Yachtclub gegründet, weil das gähnende Tagebauloch an seiner Flanke bis 2011 zum größten Gewässer Neuseenlands aufsteigen wird. "Wir sehen uns schon nach einem gebrauchten Boot um", sagt Jochen Grünhagen vom Zwenkauer Yachtclub erwartungsfroh.

Vergessene Orte wie Großdeuben können sich Hoffnungen auf einen Platz an sonnenbeschienenen Ufern machen. Jahrelang rollte von zwei Seiten eine gierige Apokalypse auf das schmucklose Dorf zu. Von der einen Seite bohrte sich der Zwenkauer Tagebau heran, von der anderen der Espenhainer. Großdeuben blieb als Insel in der Mitte - als "Frontstadt der Braunkohle", wie es zu DDR-Zeiten hieß. Die "Straße des Aufbruchs", deren trostlose Häuser den Namen heute noch lächerlich machen, weist aber bereits in eine neue Zeit. In einigen Jahren werden die Großdeubener statt auf die kargen Birken an den Rändern der Tagebau-Restlöcher auf die Segel von Booten blicken. Auch das Wort Insel wird dann einen anderen Klang haben.

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Autor:
Michael Kraske