Sachsen Kunst aus Leipzig

Früher, vor der Krise, lautete einer der meist benutzten Begriffe des Galeristen Judy Lybke: ausverkauft. Heute sagt der Besitzer der Leipziger und inzwischen auch in Berlin ansässigen Galerie lieber "extrem gefragt", wenn es um die Werke seiner Künstler, der Künstler der sogenannten "Neuen Leipziger Schule", geht. Der Hype um die "NLS", der zu Beginn dieses Jahrtausends mächtig angezogen hatte, ist vorbei.

Keine "Sensations" mehr, keine Rekordpreise auf Auktionen, und auch die Begriffe "ausverkauft" und "Warteliste" gehören der Vergangenheit an. Begriffe, die man in Deutschland vor allem im Zusammenhang mit den Protagonisten der "Neuen Leipziger Schule" gehört hatte, den Malern Neo Rauch, Matthias Weischer und Tim Eitel. Von Weischer und Eitel hört man zurzeit wenig, lediglich Rauch sorgte zuletzt noch für Schlagzeilen.

Im Juni 2009 hatte Hollywood-Star Brad Pitt auf der Art Basel das zwei mal drei Meter große Neo-Rauch-Gemälde "Etappe" für 680.000 Euro bei der Galerie Eigen + Art erstanden. Und Pitt hätte gern noch ein zweites, neueres Rauch-Werk für 400.000 Euro gehabt - aber "das war schon weg", so Galerist Judy Lybke damals zu "Bild". Wobei es ja "noch mehr Kunst aus Leipzig" auf der Messe gegeben habe, und auch Arbeiten von David Schnell waren "extrem gefragt". Extrem gefragt, aber nicht mehr ausverkauft.

Zum anderen Presserummel um seinen Star Neo Rauch äußert sich der Stratege Lybke nicht, kein Wort darüber, dass Rauch gesagt hat, dass die "Neue Leipziger Schule" nun "wirklich tot" sei. Und dass es vorbei sei mit der figurativen und narrativen Malerei, die er und schon seine Lehrer Bernhard Heisig, Sighard Gille und Arno Rink in Leipzig traditionell gelehrt hatten. Eine Tradition, die Rauch und die jüngere Maler-Generation dann zum Welterfolg führten.

Der Grund für Rauchs rüde Abrechnung? Nachdem er seine Professur an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig gekündigt hatte, wurde nicht der von ihm vorgeschlagene, international bekannte Belgier Michael Borremans berufen, sondern der in völlig anderer Tradition malende Heribert C. Ottersbach aus Köln. Mit diesem Nachfolger, wetterte Rauch, werde die Kontinuität der Lehre gebrochen. Es werde keinen traditionellen, akademischen Unterricht mehr geben, der handwerkliche Fähigkeiten wie klassisches Aktzeichnen, Perspektive, Bildaufbau, Figuration, virtuose Maltechnik und Arbeitsethos vermittele. Das aber, so Rauch, seien die Grundlagen der Leipziger Malerei, weswegen sie bald Geschichte sein werde.

Noch allerdings gibt es Maler in Leipzig, die all das beherrschen, weil sie Anfang der neunziger Jahre zufällig oder gezielt in die Messestadt kamen, gemeinsam studierten und malten - gegen den vorherrschenden Trend von Fotografie und Medienkunst. Und die als "Neue Leipziger Schule" bezeichnet werden. Mit ihrer Berliner Produzentengalerie LIGA, zu deren Gründung sie Rauchs Galerist Judy Lybke ermutigt hatte, wurden sie zum Welthit, zum Wunder, zur ersten "gesamtdeutschen Malergeneration" aus Ost und West, alle zusammen, die ganze Gruppe. Ein Erfolgsphänomen.

Jetzt allerdings, seit der Markt schwächelt, ist das Label "NLS" kein Erfolgsgarant mehr. Es ist lästig geworden. Weil es zu unpräzise ist, zu wenig über die Individualität der einzelnen Maler aussagt, und weil die "NLS" oft mit Spekulation, Preis-Sensationen und Marktstrategie in einem Atemzug genannt wurde. "Die Leipziger Schule", hat Matthias Weischer gesagt, "wird als Marktphänomen verhandelt, inhaltliche Auseinandersetzungen gibt es nicht".

Der Begriff sei allein von der Presse als griffige Bezeichnung benutzt und etabliert worden, wie ein Markenzeichen, sagt Galerist Lybke. Er habe nie von einer Gruppe geredet. Und auch Christian Ehrentraut, der von 2002 bis 2004 die LIGA-Produzentengalerie führte und gerade eine in Berlin gegründet hat, spricht davon, dass er immer versucht habe, die Persönlichkeiten seiner Künstler in den Vordergrund zu stellen - wahrgenommen worden, so Ehrentraut, seien seine Maler leider immer nur als Gruppe.

Anfangs sind sie auch als Gruppe gekauft worden. Zum Beispiel 2003, als das amerikanische Sammlerehepaar Don und Mera Rubell sich für die Bilder von Tilo Baumgärtel, Peter Busch, Tim Eitel, Martin Kobe, Christoph Ruckhäberle, David Schnell und Matthias Weischer begeisterte und anschließend im Leipziger Museum deren Ausstellung "sieben mal malerei" komplett erwarb. Damit wurde "Leipzig" in den USA etabliert, denn die Rubells zeigten die erste Schau "Leipzig in Miami" im Dezember 2004 in ihrer Kunsthalle parallel zur "Art Basel Miami Beach". Nach ergänzenden Käufen stellten sie dann die Wanderschau "Life after Death: New Leipzig Paintings from the Rubell Family Collection" zusammen, die seitdem durch 18 amerikanische Museen tourte.

Für die deutschen Maler war das der Durchbruch in den USA - und dann kam das: Amerikanische Sammler in Leipzig auf der Suche nach neuen Talenten, Anfragen nach noch nicht gemalten Bildern per E-Mail, Galerist Judy Lybke auf jeder Messe, Neo Rauch in Museen - von Wolfsburg bis New York. Sammler wie Essl und Goetz mit eigenen Ausstellungshäusern stiegen ein. Auch Saatchi. Dem verkauften die deutschen Galeristen aber nicht genug Leipziger Malerei, weshalb er die Gemälde auf Auktionen ersteigerte, zu fast jedem Preis. Und der stieg und stieg, besonders nachdem im Oktober 2005 ein Gemälde von Matthias Weischer bei Christie's in London für 180.000 Pfund verkauft wurde, für das der Einlieferer nur ein Jahr zuvor bei LIGA gerade einmal 4000 Euro gezahlt hatte.

Hype kommt vor dem Fall

Nun waren die Namen Rauch, Eitel, Weischer oder Baumgärtel Garant für Sensationspreise, immer sechsstellig, und die Spekulanten standen Schlange. "Nach dem ersten Preisschock war nicht das Verkaufen, sondern die Auswahl eines Käufers zur Hauptaufgabe geworden", sagt Ehrentraut. Jeder seiner Künstler habe höchstens sieben bis acht Bilder pro Jahr gemalt, trotz der großen Nachfrage. "In den letzen vier Ausstellungen von David Schnell, Matthias Weischer, Christoph Ruckhäberle und Martin Kobe standen den jeweils ausgestellten Gemälden 30 bis 40 ernsthafte Interessenten gegenüber." Keines der Gemälde kostete damals mehr als 10.000 Euro.

Als LIGA nach zwei Jahren wie geplant schloss, fanden alle Künstler Galerien - in Berlin, London, Kopenhagen, Tel Aviv oder in New York. Und die Preise passten sich dem Markt an. Eines kam hinzu: Ausstellungen in Museen und Kunstvereinen, die den ideellen Wert eines Werkes stabil wachsen lassen und manifestieren.

Heute haben einige Künstler Leipzig verlassen, Weischer ging mit einem Stipendium nach Rom, Eitel mit Freundin nach New York. Jetzt lebt er in Berlin wie ein paar seiner Kollegen. Martin Kobe, Tilo Baumgärtel und Neo Rauch sind in Leipzig geblieben und arbeiten in den Ateliers der .

Und alle haben ihren Erfolg erstaunlich gut in den Griff bekommen. "Keiner haut auf die Kacke", sagte Neo Rauch in einem SPIEGEL-Interview, "die Leute, die ich kenne und schätze, die sind enorm fleißig und haben keine Zeit, extravaganten Neigungen nachzugehen". Klingt ein bisschen langweilig, jedenfalls wenn man an Kollegen wie Jonathan Meese, Daniel Richter oder Martin Eder denkt.

Langweilig, sachlich, kühl und leidenschaftslos sei auch die Malerei, fanden einige Kritiker, anderen ist sie zu altmodisch, zu ästhetisch, zu elegisch. Von "ernster Unterhaltungskunst" ist die Rede, genau wie von "Melancholie und Resignation". Zu wenig intellektuell, zu unpolitisch lautet die Kritik. Ausstellungen wie die Documenta zeigen keine, Biennalen kaum Leipziger Malerei. Dafür hat Neo Rauch eine große Einzelschau im Metropolitan Museum im New York. Die Sammler kümmert das nicht, sie kaufen unbeirrt, die Finanzkrise scheint zunächst keine Rolle zu spielen.

Erst im Januar dieses Jahres bricht die Nachfrage auf einer Auktion von Phillips de Pury in New York ein. "Alle Künstler begannen zu zittern", sagt Ehrentraut. Der New Yorker Galerist Zach Feuer trennte sich öffentlich von acht seiner Künstler am Tag der Auktion, auch von Ruckhäberle, von dem gerade ein Bild zur Versteigerung stand. "Gott sei Dank wurde es aber zum Schätzwert von 25.000 Pfund verkauft", sagt Ehrentraut, ein Preis, den man auch in seiner Galerie dafür zahlen müsste.

Glück gehabt, aber nicht immer gehen die Bilder der Leipziger seither auf Versteigerungen weg - es gibt Rückgänge, sogar bei Neo Rauch. Trotz der "schwierigen Situation" hat Ehrentraut vor kurzem eine Galerie in Berlin eröffnet und Bilder von Tilo Baumgärtel gezeigt. Mit den Verkäufen war er "zufrieden" - was relativ ist. Jetzt kämen bei ihm die alten Sammler zurück, weil sie die Auswahl hätten.

Etwas anderes würde man sowieso nicht hören. Nichts von hohen Prozenten, die Galerien ihren Sammlern geben, nichts vom Problem, dass man mit den Preisen nicht einfach runter gehen kann, ohne dem Künstler zu schaden. Viele kleinere Formate und mehr Zeichnungen sind zu sehen - genauso wie bei Weischer und Baumgärtel.

Nach dem ersten Schock über die ungewohnte Entwicklung sind die Künstler inzwischen gelassen. "Der Kunstmarkt hat mit meiner Kunst überhaupt nichts zu tun", sagt Matthias Weischer selbstbewusst. Krisengeschwätz ist das nicht, denn ähnlich hatte Weischer schon auf die vergangenen Rekordergebnisse seiner Malerei reagiert: "Das einzige, wofür ich verantwortlich bin, ist meine eigene Kunst, das was ich mache", hatte er damals gesagt. Und die Kunst ist, wie bei seinen Kollegen auch, gut und manchmal ist sie weniger gut. Und das ganz unabhängig vom erzielten Preis.

Autor:
Ingeborg Wiensowski