Nevada Wedding Chapels in Las Vegas

Freies Bildmaterial von Merian Heft 12 - 2007 Las Vegas Seite 60-65

Es gibt viele Möglichkeiten, eine Geschichte anzufangen. Pastor Stone sagt gerne als ersten Satz: "Der Mensch soll nicht alleine leben." Und dass ihm die Worte etwas leiernd über die Lippen kommen, möge man nachsichtig seinem fortgeschrittenen Alter von 83 Jahren zuschreiben.

Priester Peter vergreift sich an Shakespeare, um einen guten Einstieg zu finden: "Now join your hands and with your hands your hearts." Das ist zwar ein Zitat aus "Heinrich VI." und hat im Originalkontext mit romantischer Liebe herzlich wenig zu tun, aber es wirkt verlässlich und schnell.

Ron DeCar schließlich versteckt den Blick hinter jener in Silber gefassten Plastik-Sonnenbrille, die man in Las Vegas in jedem Souvenir-Shop kaufen kann, während er seine Kunden schwungvoll in ein neues Leben entlässt. Seine schmissig vorgetragene Segnung lautet: "Adopt each others hounddogs, never wear your blue suede shoes in the rain and be each others teddy bears!" Einige Worte davon sind zwar ebenfalls einem großen Künstler entlehnt, doch meist ist dies der Moment, in dem die Menschen vor ihm endgültig zu lachen anfangen.

Das Finale allerdings ist bei allen gleich: strahlen, Glück wünschen, strahlen. Weiter strahlen, bis jedes Paar weg ist. Wieder strahlen, wenn das nächste kommt. Strahlen gehört zum Geschäft, das es so sonst in keiner anderen Stadt der Welt gibt. Das Hochzeitsgeschäft, the wedding business, wie man es hier ganz selbstverständlich nennt. Mehr als 100.000 Ehen werden jährlich in Las Vegas geschlossen, im Jahr 2006 hat die zuständige Behörde 112.000 Lizenzen zum Heiraten ausgestellt. Den Schein bekommt jedes Paar, das volljährig und nicht anderweitig verheiratet ist, ohne Wartezeit für 55 Dollar im Rahmen der täglichen Geschäftszeiten von 8 bis 24 Uhr. Und in jeder der über 40 Kapellen, die sich vorwiegend am nördlichen Ende des Strips ballen, findet sich für Kurzentschlossene fast immer ein spontaner Termin.

Wo der schönste Tag im Leben zur Massenware wird, ist der Einfallsreichtum der Vermarkter schwer gefordert, um dem Publikum trotzdem Einzigartigkeit zu suggerieren.

Pastor Stone vermählt seit vielen Jahren in der "Little White Wedding Chapel", einer Art Supermarkt der Eheschließung, fünf Kapellen, ein Drive-Thru-Schalter, 24-Stunden-Betrieb, mit eigenem Blumenladen, Kostümverleih, mit Kutsche, Heißluftballon und einer azurblauen Hummer-Stretch-Limousine im Repertoire.

Priester Peter predigt Liebe und Treue in Las Vegas traditionellstem Ambiente, in der "Little Church of the West", einer denkmalgeschützten Holzkapelle am staubigen südlichen Ende des Strips.

In der "Viva Las Vegas Wedding Chapel" veranstaltet Ron DeCar Themenhochzeiten. Er gibt nicht nur den omnipräsenten Elvis, er geht auch als James Bond, als Rocky's Horror Frankenfurter oder Liberace, rund 25 Inszenierungen hat er im Programm und denkt sich ständig neue aus.

An einem heißen Samstag im Sommer herrscht auf allen Heiratsmärkten Hochbetrieb. Romantik-Rushhour, die Kapellen machen am Samstag ein Drittel ihres gesamten Wochengeschäfts. Charolette Richards ist die Herrin des "Little White Wedding Chapel"-Imperiums, auf ihrer Homepage hat sie sich kurzerhand zur "Wedding Queen of the West" ernannt. Am frühen Vormittag fegt sie mit verspannter Miene über das Areal ihrer Glücksfabrik als wäre sie Präsidentin im Krisenfall. Das ananasblonde Haar zu einem strengen Zopf gezurrt, ein bordeauxroter Talar umspielt dramatisch das Trippeln ihrer Füße. Im Eingang zum Blumenladen begegnet ihr ein junger Mann im schwarzen Anzug, er strahlt vor Glück. Ein frisch Vermählter, ohne Zweifel. Charolettes Mundwinkel schnellen reflexartig nach oben, sie fällt ihm um den Hals, jubelt: "Herzlichen Glückwunsch! Ich freue mich so wahnsinnig für Sie!" Wie schön, ein Bekannter, den sie unter die Haube bringen konnte? Sie zischt beiseite: "Hab ihn im Leben noch nie gesehen." Für weitere Erläuterungen bleibt keine Zeit, die Chefin wird im Büro verlangt.

Hinter verschlossenen Türen verbergen sich die mit Kunstblumen geschmückten Parzellen, in denen das Eheglück beginnt: die "Chapel of Promises", die "Chapel L'amour", die "Crystal Chapel". Davor eine Palette von Warnschildern: "No Food, no smoking, no drinking", "Children must be held by the hand", "Quiet! Wedding in progress." Eine Hochzeit dauert im Schnitt zehn Minuten, wer ein wenig länger über die Macht des Augenblicks und seine Konsequenzen grübeln möchte, bekommt mit der Rechnung die dafür nötigen Unterlagen gereicht: Charolettes Liebesrezept (zwei randvoll mit Liebe gefüllte Herzen, vier Arme voller Sanftmut, zwei Becher Frohsinn ...) mit einem freundlichen Foto von der Chefin auf herzförmige Pappe gedruckt.

Im Obergeschoss der schmucklosen Flachbauten herrscht eine rüstige alte Dame namens Rose über hunderte von Brautkleidern, Schleiern, Schuhen, Smokings. Hier werden Paare ausstaffiert, die wenigstens auf den Fotos die Idee einer Märchenhochzeit verwirklicht sehen wollen. Eine Stunde vor dem Ernstfall ist Ankleidetermin. Aus Seattle sind An-An Uy und Richard Borys mit ihrer Verwandtschaft angereist, um hier und heute zu heiraten. Doch zunächst werden sie resolut voneinander getrennt. Rose schiebt An-An Richtung Brautkleider, ihrem Bräutigam wird im Vorraum ein Stuhl angewiesen, mit der streng geäußerten Warnung: "Und wehe, Sie gucken!" An-An lächelt nervös angesichts der Armada aus weißem Tüll und Satin, die sich auf endlosen Kleiderstangen vor ihr aufreiht. Aber Rose ist Profi, sie schiebt die Ärmel ihres pinkfarbenen Arbeitskittels hoch, vermisst die zierliche Asiatin mit einem schnellen Blick, sagt: "Schöne Taille, sexy Dekolleté, vertrau mir, ich kenn mich aus. Möchtest du heute eine Prinzessin sein?"

Und noch bevor An-An antworten kann, hat Rose schon ein Kleid in der Hand. Perlenbesticktes, glitzerndes Bustier, schulterfrei, wallender Rock. An-An probiert, das Kleid sitzt gut, ist aber einen halben Meter zu lang. Rose sagt etwas tonlos: "Du siehst großartig aus, Schätzchen", holt ein Paar abgewetzte Plateau-Pumps und schließlich Nadel und Faden. Rose näht den zerschlissenen Saum des Kleides um und erzählt nebenbei: "Wir haben hier Kleider von Größe 0 bis 30, wir machen alle schön." 84 Anproben an einem Tag ist ihr Rekord, das war am 7.7.07. An-An bekommt jetzt noch einen Schleier, Krönchen und Strassschmuck. Sie sitzt vor dem großen Spiegel und seufzt: "Mensch, bin ich hübsch." Sie schreitet eine Viertelstunde später ihrer Schleppe voran in die Chapel L'Amour. Und natürlich zaubert ihr Erscheinen dem Bräutigam ein Leuchten aufs Gesicht. Die 300 Dollar Leihgebühr waren es wert.

Heiraten täglich von 0 bis 24 Uhr

Ein paar Häuser weiter auf dem Las Vegas Boulevard gen Osten, dort wo gegenüber der Dessous-Laden "Slightly Sinful" und die "Thunderbird Poker Lounge" um Kunden buhlen, hat eine Hochzeitsgesellschaft sich selbst um die Garderobe gekümmert. Dennis und Susan Smythe und ihre Gäste stehen in Hawaii-Hemden mit Blumen-Ketten um den Hals in der "Viva Las Vegas Wedding Chapel", das ist sehr passend angesichts der Kunstpalmen, die den hohen Raum mit den schrill-bunten Mosaikfenstern schmücken und sehr geplant, denn sie haben "Elvis Blue Hawaii" gebucht. Es ist der 25. Hochzeitstag der Smythes, nach so langer Zeit, so werden sie nach der Zeremonie zu Protokoll geben, darf man sich den Spaß erlauben. Ein Spaß fürwahr: vor ihnen steht auf einer bunt bestrahlten Minibühne Kapellen-Boss Ron DeCar im Elvis-Ganzkörperkostüm. Weißer Overall mit Glitzersteinen, blauer Satin-Schal, das Siebziger-Jahre-Las-Vegas-Outfit des King.

Von der Seite wabert theatralisch Bühnennebel in den Raum, Ron DeCar alias Elvis singt "Blue Hawaii" und durch den Nebel tänzelt eine Schönheit im Baströckchen auf die Jubilare zu. Nach ein paar herzergreifenden Worten über die Liebe und das Eheleben, die mit der Realität der Figur, die DeCar gerade verkörpert, eher wenig zu tun haben, verspricht sich das alte neue Brautpaar die ewige Liebe ein zweites Mal. DeCar singt "Love Me Tender", die beiden tanzen eng umschlungen, und tatsächlich hat der Moment im kreisenden Disco-Licht etwas so anrührendes, dass alle Anwesenden ihre bunten Hemden vergessen und feuchte Augen bekommen. Zur Erleichterung schmettert der falsche Elvis ein donnerndes "Viva las Vegas" hinterher, da hält es niemand mehr auf den Bänken, die Kapelle rockt. Draußen auf der großen Leuchttafel des Etablissements blinken die Namen des glücklichen Paars, die Limousine wartet, die Party kann losgehen.

Ron DeCar zieht den stickigen Polyester-Overall nach seinem Kurzauftritt schnell wieder aus. Er will nicht nur den King spielen. Er ist ein Bühnen- Profi, 27 Jahre trat er in Hotels am Strip auf, zuletzt als Sänger im "Tropicana" bei den "Folies Bergere". Eines Abends hat er zwischen zwei Shows ein paar bunte Gestalten auf eine Serviette gekritzelt, Elvis, eine Vulkanierin, einen Ritter, einen Hippie, ein Brautpaar, und hat seine Kollegen gefragt: "Könnte das funktionieren?"

Es war die Illustration seiner Idee einer Themen-Hochzeitskapelle. Er hat sie zum Test als Anzeige in einem Branchenbuch geschaltet und bekam sofort Anfragen, also musste er das Angebot schaffen. Der Raum war bald gefunden, Darsteller kannte er genug. Heute mischt seine ganze Belegschaft mit. Wenn jemand Rocky's Horror Hochzeit bucht, wird der Hochzeitsfotograf zum buckligen Riff Raff, für die Viva-Du-Cirque-Zeremonie engagiert er Luftkünstler, beim Programm "Sigmund and Freud" tritt er mit Partner und Plüschtigern auf. Und die Zeichnung von damals ziert seinen Firmenprospekt, zusammen mit seinem Lebensgefährten ist er Vollzeit-Hochzeiter geworden. Nur eines kann Ron DeCar nicht, Werbeträger seines eigenen Geschäfts sein. In der Hauptstadt der Hochzeiten sind Homo-Ehen verboten.

Einer wie Greg Smith kommt einem dagegen nachgerade bodenständig vor. Der Besitzer der Little Church of the West sitzt mit Hornbrille und akkurat gescheiteltem Grauhaar in seinem getäfelten Büro, harmoniert hervorragend mit den alten Zeitungsberichten über seine Wirkungsstätte, die die dunklen Wände schmücken und verkauft etwas, das in Las Vegas Mangelware ist: Tradition. In der kleinen Holzkapelle, die tatsächlich wie ein sakraler Bau aussieht, laufen Trauungen mit dem gebotenen Ernst und so akkurat ab wie bei einer deutschen Behörde. Die größte Extravaganz, die sich ein Brautpaar dort zusätzlich zu Foto-Set und Blumenstrauß leisten kann, ist ein leibhaftiger Orgelspieler, das mutigste Outfit, das sich an einem lebhaften Tag vor Ort beobachten ließ, waren Flip Flops zu einem eleganten Sommerkleid.

Die Little Church of the West verkauft das Eheglück fernab der Hochzeitsmeile am südlichen, anderen Ende des Strips. Der vornehme Abstand, den das historische Gebäude zu seinen modernen Epigonen hält, ist jedoch Zufall und eine typische Las-Vegas-Geschichte zugleich, die Greg Smith erzählt, als schilderte er die Odyssee eines Kriegsheimkehrers. Die kleine Kirche ist seit ihrem Bau 1942 Spielball der rasanten Entwicklung der Stadt und schon viermal umgezogen. Zunächst war die Nachbildung einer kalifornischen Goldgräberkapelle Teil des alten Frontier-Hotels, nach dem El Rancho der zweite Hotelbau am Strip. Im Zuge einer Modernisierung 1954 wurde die Kapelle auf die andere Seite des Hauptgebäudes versetzt und hatte 25 Jahre stolz das Privileg inne, die einzige Kapelle an der berühmten Meile zu sein. 1979 musste sie dem Bau der "Fashion Show Mall" weichen und wurde ans andere Ende des Strips verbannt. Dorthin, wo heute das Mandalay-Bay-Hotel steht.

"Das war damals am Ende der Welt", sagt Smith und seufzt dabei. Und als schließlich vor zehn Jahren das Mandalay Bay gebaut wurde, musste die "Little Church" auf die andere Straßenseite wechseln. Jetzt donnern bei jedem Ja-Wort die Maschinen des benachbarten Flugplatzes dazwischen, und, ein weiterer Seufzer, unlängst hat mit dem "Frontier" schon wieder ein Stück alte Vegas-Geschichte für immer die Pforten geschlossen. An dem Platz soll eine Nachbildung des New Yorker Plaza-Hotels entstehen.

Die Kapelle haben viele berühmte Brautpaare beehrt, Angelina Jolie und Billy Bob Thornton, Cindy Crawford und Richard Gere. Der Mann mit der Hornbrille aber nennt Betty Grable, die Pin-up-Ikone, und Harry James, den Jazz-Musiker, wenn man ihn nach der prominentesten Feier fragt. Ihre Ehe wurde geschieden wie die der anderen auch, wenn auch erst nach 22 Jahren. Für Sentimentalitäten allerdings hat auch Greg Smith in einer Stadt wie Las Vegas nur begrenzte Zeit. Es wird weiter geheiratet, täglich von 0 bis 24 Uhr.

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Autor:
Martina Wimmer