Nevada Downtown Las Vegas

Am Swimmingpool des Golden Nugget schießen die Badegäste durch das Haifischbecken. Nur wenige Zentimeter Kunststoff trennen sie vor den Raubfischen mit den scharfen Zähnen, die gelassen ihre Bahn ziehen. Abends, zur Happy Hour, wird die durchsichtige Röhre geschlossen. Am Pool, der den blau illuminierten Tank umschließt, werden Drinks serviert. Kein anderes Hotel in Las Vegas hat so einen Pool.

Das Golden Nugget ist das Glanzstück unter den Downtown-Hotels, seit Steve Wynn vor 35 Jahren den Klassiker an der Fremont Street in die Finger bekam. Der Casinoboss steckte Millionen in die Renovierung des alten Casinos, tauchte Säle und Fluchten in Weiß und Gold, hellte sie auf mit Lichterketten und errichtete einen Showroom, in dem Frank Sinatra in den Achtzigern seine einzigen Downtown-Auftritte ablieferte.

Downtown Las Vegas hatte die Frischzellenkur bitter nötig. Hier fing alles an, hier bunkerten die Lokomotiven der Union Pacific frisches Wasser. Hier entstanden die ersten Spielhöllen, die ersten Casinos, strahlten die Lichter von "Glitter Gulch", der Glitzerschlucht, in den Nachthimmel. Aber nach dem ersten großen Boom geriet die Keimzelle der Stadt ins Abseits, verblasste neben dem Strip, der südlich der Stadtgrenzen die Lichter setzte und an dem ständig neue, schönere, größere Themenhotels eröffneten. Die Glitzerschlucht sah ziemlich alt aus, war eher der Lumpensammler, Sammelbecken der Low-Budget-Touristen, die vor allem trinken und spielen wollten, die weniger an Shows und teuren Shopping-Malls interessiert waren.

Die historische Stadtmitte drohte zum Hinterhof zu werden. Vegas für Arme, Glitter Gulch für Kleingeld mit billigen Hotelzimmern, in denen sich niemand allzu lange aufhielt, denn die Musik spielte in den Casinos, in den Maschinenhallen der einarmigen Banditen, an den Roulette-, Blackjack- und Pokertischen.

Doch eines hat Downtown dem Strip voraus: Nur hier ist Las Vegas Stadt. Auch wenn es kaum mehr als eine Straße mit drei Kreuzungen ist, die Stadtmitte ist ausbaufähig, hat die Chance, mehr zu sein als eine Ansammlung von Hotels, als eine Aneinanderreihung künstlicher Welten. Deshalb war es eine gute Idee der zehn Downtown-Hotel- und Casinobosse, die Fremont Street in eine überdachte Fußgängerzone zu verwandeln.

Ein heißer Tag. Draußen steigt das Thermometer auf 108 Grad Fahrenheit (42 Grad Celsius). Heißer, trockener Wüstenwind raubt den Atem, als hätte man sich in einem Backofen verirrt, höchste Gebläsestufe. Weiße Sonne bräunt und gart.

Unter dem halbrunden Dach über der Fremont Street bei Starbucks ist es vergleichsweise erfrischend, Sonne hat keinen Zugang, und die weit offenen Türen der Casinos blasen klimatisierte Innenluft auf die Flaniermeile. Sin City, Stadt der Sünde, sie sündigt lustvoll und bedenkenlos, verschwendet Wasser, Strom und Energie. Klimaanlagen fauchen angestrengt, kühlen Spielhallen, Restaurants und Hotelzimmer auf gefühlte 18 Grad herunter. Der Sommer in Las Vegas ist immer gut für eine Erkältung.

Bei Starbucks sind die Blechtische Logenplätze für den Blick auf die amerikanische Menschheit in allen Farben und Schattierungen. Die Welt zieht vorbei, Latinos, Asiaten und Afrikaner, Cowboys und späte Hippies, Muscleshirt-Athleten und Junkfood-Amerikaner mit Bagelbäuchen, watschelnde Vierteltonner und bettelarme Tagediebe. Vor dem "Mermaid Casino" stehen langbeinige Girls in grellen Straußenfederkostümen, Seejungfrauen, die Coupons verteilen.

Plötzlich donnern Motoren, teilt sich die Menge für eine Karawane brutal aufgemotzter Kraftfahrzeuge, die Teams von Red Bull, Bill McBeath und Terrible Herbst Motorsports ("The best bad guys in the West") lassen es krachen, Racing Trucks, wild lackierte Offroad-Wüstenwühler rollen auf den roten Teppich, die Fahrer signieren Fanposter. Das Publikum steht Schlange.

Die Fremont Street, historisches Herzstück von Downtown, ist zum Showroom geworden. Und was für einer! Wenn es Nacht wird, verlöschen die Lichter der Casinos, wird der Himmel zum programmierten Ereignis. Über das Deckengewölbe laufen Filme, rollen Würfel, tanzen Showgirls. "The biggest big screen on the planet", eine Straße unter Dach, und dieses 457 Meter lange Dach ist ein Großbildschirm, eine Fläche mit 12,5 Millionen LED-Birnen, 4,2 Millionen Pixeln und 16,8 Millionen Farben, ein gigantisches Programm, dazu ein überirdischer Sound, der mit einer halben Million Watt aus hochragenden Lautsprecherbäumen vom Donnerhimmel auf die Menge herabregnet, die in vieltausendfachem Staunen nach oben starrt bis der Nacken schmerzt.

Die Stadt hat ihre Mitte zurückerobert, einen Ort, um Neujahr zu feiern. Dann versammelt sich hier eine halbe Million Menschen, spielt die Fremont Street in derselben Liga wie der Times Square in New York.

Die Show kostet nichts. Das ist der Kick. Zimmer sind auch billig zu haben in Downtown, Doppelzimmer gibt es ab 26 Dollar die Nacht, und im "Fremont Hotel" lockt das "Paradise Buffet" unter Palmen. 5,99 Dollar und "all you can eat", mit einer Fleischbrutzelstation von nahrhaft erstaunlicher Breite. Der Gast soll sein Geld ins Casino tragen. Glücksspiel ist immer noch das Leitmotiv in Downtown Las Vegas. Der Sound in den Spielhallen ist unverändert, Ring-a-Ding-Ding, 24 Stunden am Tag, das unverwechselbare vielstimmige Gluckern, Glucksen und Hämmern elektronisch programmierter Drehorgeln, diese ewig klingelnden Registrierkassen, die sauer verdientes oder schwer ergaunertes Geld in die Tresore der Casinos schaufeln. Und in Las Vegas geht es um viel, viel Geld: 39 Millionen Besucher bescheren dem Stadtkämmerer allein durchs Glücksspiel jährlich acht Milliarden Dollar, fast die Hälfte der städtischen Einnahmen.

"Wir leben den Traum"

Downtown Las Vegas ist ein Stadtkern mit Zukunft. Nach Osten lockert sich das Stadtbild schnell. Fremont East fingert zögernd ins Fragment einer Stadt; Kneipen, Bars, Shops nicht nur für Touristen, sondern für Stadtbewohner, die faire Preise erwarten. Sie treffen sich im Vintage-Shop "The Attic" oder im "Salon of Beauty", einer angesagten Bar in einem ehemaligen Friseursalon. Und natürlich in der "Art Bar", einem schrillen Künstlertreff in der Main Street. Jesse Garon, der bekannteste Elvis-Imitator der Stadt, betreibt den skurrilen Schuppen, in dem wechselnde Ausstellungen junger Künstler gezeigt werden.

Wer der Geschichte von Las Vegas nachspüren will, muss weit hinaus. Das Nevada State Museum liegt am Twin Lakes Drive in einem Park. Ein Schild weist darauf hin, dass dieses öffentliche Gebäude nicht mit Schusswaffen betreten werden darf. Die Sammlung sortiert die Naturgeschichte Nevadas in Schaukästen, zeigt die Texasklapperschlange in ihrer diamantenen Schönheit und informiert über Bulldogfledermäuse, die sich in einer Parkgarage des McCarran International Airport angesiedelt haben.

Die Tierwelt! Manche Biester können einem Angst machen, wie Phobosuchus, das zwölf Meter lange Horrorkrokodil, das diese Gegend vor 60 Millionen Jahren unsicher machte und nun im Natural History Museum am Las Vegas Boulevard gezeigt wird. Die Dinos, die einst hier gelebt haben sollen, sind lebensecht inszeniert. Der Triceratops dreht bedrohlich den schweren Kopf und blickt aus kleinen, bösen Augen, lässt sich aber nur kurz vom Tyrannosaurus rex ablenken, dem größten aller Saurier, der sich per Knopfdruck zum Brüllen bringen lässt. Ein Monster, sechs Tonnen schwer, seine Zähne sind 18 Zentimeter lang. Wozu die kurzen Vorderarme gut sind, hat die Wissenschaft bis heute nicht geklärt, vermutlich dienten sie als Messer und Gabel.

Dioramen zeigen die Tierwelt der Gegenwart. Ein ausgestopfter Kojote in der Wüste, er sieht hungrig aus. Wovon soll er sich hier ernähren? Vom Sagebrush wird er nicht satt, dem Wüstensalbei, der es immerhin zum Staatsstrauch von Nevada gebracht hat. Was für eine Existenz, Kojote im Salbeistaat, zum Heulen. Das tut er dann auch auf Knopfdruck.

Der Las Vegas Boulevard führt weit nach Norden, sehr weit, wenn man auf die Idee kommt, ihn zu Fuß zu erkunden. Für Flaneure ist Downtown Las Vegas Langstrecke, eine typische amerikanische Großstadtwüste ohne Schaufenster und Fassaden, weitläufig, eine Folge nicht sehr abwechslungsreicher staubiger Flächen, vergattert, vermauert und wüst, unterbrochen von Einfahrten und Parkflächen.

Wer hier zu Fuß geht, ist bettelarm oder verrückt, braucht aber keinen Überfall zu fürchten, die Gegend ist zu öde, zu heiß und zu unbewohnt, um kriminelle Energie zu erzeugen. Dann und wann gibt es klimatisierte Oasen am Straßenrand, die Museen, die eine kluge Stadtplanung hierher gepflanzt hat.

Vom alten Fort der Mormonen sind noch restaurierte Mauerreste erhalten, ein Besucherzentrum öffnet den Blick für die Mühen der Pioniertage. Im Lied Museum, so benannt nach seinem mildtätigen Stifter Ernst F. Lied, toben Kinder, spielen Eisenbahn mit einer Riesen-Brio-Lokomotive, nehmen unter Aufsicht diese dreistöckige Indoor-Spielwiese in Besitz und erleben Wissensvermittlung als spielerische Selbsterfahrung. Die Kids gastieren auf einer Bühne mit Kostümen zum Verkleiden, nutzen anregende Experimentierfelder wie den Tornado zum Selberdrehen.

Weiter stadteinwärts liegt der Boneyard des Neon Museum, die eingezäunte Knochensammlung verblichener Leuchtzeichen, ein Schrottplatz verglühter Illuminationen, nur bei Anmeldung zu besichtigen. Zu den prächtigsten Schaustücken zählt der Frauenschuh von der Größe eines Wohnwagens. Einst drehte er sich über dem "Silver Slipper" am Strip und störte die Nachtruhe von Howard Hughes im "Desert Inn". Der vergrätzte Milliardär reagierte auf seine unnachahmliche Weise. Kaufte den Laden und drehte dem Schuh den Strom ab.

Doch die wahren Attraktionen des Neon Museum stehen wieder unter Strom, einige Liebhaberstücke sind restauriert, leuchten an der Fremont Street, ein Nachglühen historischer Zeichen, als die Besucher der Casinos noch Stiefel trugen und den Hut nur vom Kopf rissen, wenn sie einen Jackpot gewonnen hatten. Der riesenhafte Neon-Cowboy mit Zigarette strahlt, aber er hat das Winken verlernt, eine Oberarmfraktur. Gegenüber reckt Vegas-Biggy, das kesse Neongirl, die langen Beine. Bronzeplaketten weisen auf die Schönheiten hin.

Traditionspflege ist ein Baustein der neuen Selbstgewissheit. Aber Neon lockt keine Investoren. Und Las Vegas braucht mehr als Spielgelegenheiten. Jetzt will Oscar Goodman, vor wenigen Jahren noch Anwalt des organisierten Verbrechens (1995 hat er in Martin Scorseses Film "Casino" den Mafiaanwalt auch gespielt), hinter dem alten Bahndamm ein Medizin- und Performing Arts Center hochziehen, ein Baseballstadion, ein neues Rathaus, Geschäftshäuser und einen neuen Wohnbezirk mit Wolkenkratzern. Oscar ist nicht zu bremsen. Der gute Mann ist Bürgermeister von Las Vegas und setzt auf dynamische Entwicklung. "Die Stadt boomt. Jede Sekunde passiert hier etwas Großartiges. Wir leben den Traum."

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Autor:
Emanuel Eckardt