Nevada Casinos in Las Vegas

Für den Touristen mag Las Vegas bloß eine wirbelige, verrückte, abgefahrene Stadt sein; für uns Spieler ist sie eine routinierte Geliebte, die gerne gibt, was wir brauchen, zwar mit Silikon und Botox aufgebrezelt wie ein alterndes Callgirl, aber unter ihren bunten, tief ausgeschnittenen Gewändern Geborgenheit verbergend. Eine Stadt, deren so oft gescholtene Künstlichkeit dem Zocker gemütliche Heimat ist, deren Anonymität ihm die Angst vor den Blicken der Öffentlichkeit nimmt und den kindlichen Glauben an Wunder bewahrt oder zurückgibt.

Du glaubst das nicht? Dann komm mit hinein in die Spielzeugwelt der Casinos, lass deinen Job und die Familie und den Rest Vernunft und den ganzen anderen Quatsch draußen zurück. Du brauchst bloß ein paar Dollar und ein kleines bisschen Mut - und dann wird sich ganz schnell das Kind, das irgendwo noch in jedem Herzen wohnt, melden, und es wird dich lenken und leiten, und du wirst schon bald mit traumwandlerischer Sicherheit zwischen Black Jack und Craps schweben, vom Roulette zum Poker gleiten, und Las Vegas wird dich aufnehmen, ans Herz drücken, dich mit kostenlosen Drinks und schönen Frauen verführen und dir die Hoffnung auf das große Mirakel in die Seele pflanzen - jeder, der auch nur noch einen Dollar hat, wird von Las Vegas betüttelt wie ein Millionär. Solltest du allerdings pleite gehen ... ach, besser du gehst nicht pleite.

Es ist 6.30 Uhr an einem Dienstag oder Mittwoch Morgen, so genau weißt du das nach einigen Tagen in der Stadt nicht mehr, und die Temperaturen klettern jetzt bereits auf 30 Grad Celsius im Schatten, aber das merkst du nur in den kurzen Momenten, die du außerhalb der klimatisierten Welten verbringst, also bloß rein jetzt: Im "New York New York", einem der großen Motto-Casinohotels an der Prachtstraße, die offiziell "Las Vegas Boulevard" heißt, von allen aber "Strip" genannt wird, klingeln-knattern-ratternfiepen-piepen-tröten-und-trompeten 1800 Slotmachines, 24 Stunden am Tag, 365 Tage im Jahr, ein Hit für die Ewigkeit. Angsthasen behaupten, dies sei ein in der Hölle gewebter Lärmteppich, der höhnisch kreischend den Verlust von Haus und Hof zudeckt und so Kollateralschäden an Geist und Gemüt verantwortet, aber in Wirklichkeit malen die Slots magische Melodien in die mit Sauerstoff angereicherte Casinoluft, lieblich säuselnd im Ohr des Siegers, aufmunternd animierend, wenn es mal nicht so läuft.

Außerdem sind die Slots eine Legende und der "Sound of Vegas" - mehr noch als Frank Sinatra oder Elvis Presley (sinnigerweise ziert deren Konterfei so manchen der geldfressenden Automaten). "Einarmige Banditen", bei denen die Spielelektronik mittels Hebelzug ausgelöst wird, gibt es übrigens kaum noch, heutzutage rotieren die Walzen mit ihren "7"-, "BAR"- oder "$"-Symbolen auf Knopfdruck, lediglich für Nostalgiker stehen ein paar "Einarmige" in der Ecke, wie Veteranen nach einer verlorenen Schlacht, Glück aus einer vergessenen Zeit verheißend, als wenn "Verdammt in alle Ewigkeit" schwarzweiß in einem modernen Multiplexkino laufen würde. Und bei einem Gewinn spucken die Maschinen auch schon lange keine Quarters oder andere Münzen in die Schütte, keinen silbernen Wasserfall, keine greifbare, glitzernde Dagobert-Duck-Dusche.

"No Sir, sorry", lächelt die reizende Joan, die seit zwölf Jahren die Aufsicht hat, im trotzig so geheißenen "Penny-Paradies", dem Abschnitt des "New York New York", in dem die billigsten Slots nach Futter schreien. Das bekommen sie per Banknoten, die in einen Schlitz der Slots geschoben werden (so machen es die Gelegenheitsspieler) oder über Casino Cards, die der ernsthafte Slot-Zocker benutzt und auf der Guthaben und Bonuspunkte gespeichert werden.

Und dann sitzen sie da, Stunde um Stunde, trinken Kaffee aus Halbliter-Styroporbechern (geht aufs Haus), drücken Knöpfchen und träumen vom Jackpot. Es sind viele Frauen, die meisten Ü50 an Jahren und davon die meisten Ü80 an Kilos, und für Besser-Menschen gelten sie als abschreckendes Beispiel eines traurigen, sinnentleerten, einsamen Lebens. Nun, das ist natürlich völliger Unfug, man trifft selten lustigere, lebensfrohere Damen, die schon alles im Leben gesehen haben (bis auf einen Jackpot), als an den Slotmachines. "Soll ich zu Hause vor dem Fernseher vergammeln oder mit Skistöcken durch die Stadt watscheln", fragt Eunice, eine Afroamerikanerin, freundlich geschätzte Ü55 ("Bist du verrückt? Seid wann verrät eine Lady ihr Alter?!") mit einer Figur, die die Ausmaße Afrikas und Amerikas umfasst, und schüttelt sich zusammen mit ihrer Freundin Brenda vor Lachen.

Die beiden sind aus Milwaukee und fahren vier- bis fünfmal im Jahr nach Vegas. Sie schauen sich genau eine Show an (diesmal "Le Rêve" im "Wynn"), gehen exakt einmal shoppen (diesmal in der "Desert Passage" des "Planet Hollywood") und seriös geschätzte achtmal täglich essen. Den Rest der Zeit, also sagen wir diesmal vorsichtig geschätzte zwölf Stunden täglich, verbringen sie an den Slots. "Wir ketten uns hier an", wie Eunice es zu nennen pflegt, und sie spielt damit auf die Verbindung zwischen Casino Card an, die der ernsthafte Slot-Zocker an einer langen Kette um den Hals trägt, und dem Spielautomaten, in dem die Karte steckt, auf der Spiel für Spiel abgebucht und hin und wieder ein Gewinn aufaddiert wird. Wie eine Mutter und ihr Baby, verbunden mit einer Nabelschnur, über die das Kleine alles bekommt, was es braucht. In Las Vegas braucht das Baby nur eines: Geld.

Der Glaube der Spieler an das Wunder

Auf einmal heult und jodelt Brendas Apparat zwei Oktaven höher, eine kleine Sequenz ist eingelaufen und beschert ihr 200 Dollar, die mit lautem Prasseln und Klirren in die Schütte fallen. Etwa doch echte Münzen? Denkste. Das Prasseln und Klirren kommt digital aus den Lautsprechern, keine Münze ist zu sehen, auch wenn es sich so anhört, der Gewinn wird auf Brendas Casino-Card verbucht. Manchmal kopiert Las Vegas sich sogar selber.

Meistens aber andere, im "New York New York" überraschenderweise - New York. Die Hotelfassade ist der Skyline von Manhattan nachempfunden, inklusive Empire State und Chrysler Building sowie einer Kopie der Freiheitsstatue, die mit 46 Metern ebenso hoch ist wie das Original (ohne Sockel). Im Inneren, also auch im Casino, erinnert alles an den "Big Apple" früherer Jahrzehnte: typische Backsteinhäuser à la Greenwich Village, in denen Restaurants und Music-Clubs die Kundschaft in eine andere Zeit und an einen anderen Ort versetzen. Die berühmte Brooklyn Bridge (im Maßstab 1:5) fehlt ebensowenig wie eine Central-Park-Adaption mit echten Bäumen und gusseisernen Straßenlaternen. Und als Reminiszenz an den New Yorker Vergnügungspark Coney Island rast mit 105 Stundenkilometern die Achterbahn "Manhattan Express" sowohl außen um die Hotelfassade als auch mitten durchs Casino über die Köpfe der Spieler hinweg. Wer jetzt an den Kartentischen zusammenzuckt oder gar hochschaut, der enttarnt sich als Rookie, Greenhorn, Fish - Anfänger eben.

Den wahren Spieler lenkt nichts ab von seiner Passion. Weder hier im "New York New York", auch nicht, wenn wir weiterziehen, das gewaltige Löwengehege hinter Glasscheiben im Casino des MGM Grand. Der Spieler hat keinen Blick für den Pyramidenbau des "Luxor", von dessen Spitze allnächtlich das weltweit stärkste Leuchtfeuer einen 16 Kilometer langen Strahl in den Weltraum schickt. Selbst das Shark Reef des Mandalay Bay mit seinen Haifischen, Krokodilen und Meeresschildkröten, die hier in der Steinwüste von Nevada eine sie sicherlich verblüffende neue Heimat gefunden haben, lässt uns Spieler nicht aufschauen von einer viel versprechenden Pokerhand. Die über unseren Köpfen halsbrecherische Kapriolen schlagenden Artisten im "Circus Circus" sind uns wurscht, sobald wir Chips beim Roulette gesetzt haben, und schon gar nicht lassen wir uns irritieren von Hotel- und Casinoangestellten in Ritter- , Römer- oder Piraten-Kostümen, die das Excalibur, das Caesars Palace und das Treasure Island in die Schlacht schicken.

Der Spieler registriert dies allenfalls am Rande. Aber er weiß ganz genau, dass er im MGM 200 Dollar beim Poker verloren und 120 beim Roulette gewonnen hat, er weiß, dass er bei der koreanischen Kartendealerin Wonhee im Excalibur jetzt schon das dritte Mal in dieser Woche mit Gewinn vom Tisch gegangen ist (einmal 110, einmal 80 und eben immerhin 50 Dollar, man kann bei Wonhee praktisch nicht verlieren), und er schwört sich, nie nie wieder "Caribbean Poker" zu spielen, schon gar nicht im "Circus Circus", das hat ihn nämlich schlappe 500 Bucks gekostet.

Der "Strip" ist heute nicht unser Freund, also auf ins "Golden Nugget", Downtown, eine der traditionsreichen Gambling Halls in der Fremont Street. Hier wird auf Achterbahn, Akrobaten und den Nachbau der Weltkultur (oder was der Amerikaner so darunter versteht) verzichtet, hier ist das Casino noch reine Spielhalle, und man trifft wenige Gelegenheitsspieler, dafür mehr einheimische Zocker. Zum Beispiel Henry. Das lange graue Haar in einem ordentlichen Pferdeschwanz gebändigt, blütenweißes hochgeschlossenes Hemd, karierte Golfhose und bequeme Nike Air Jordans an den Füßen, steht er im Nugget am Crapstisch. Craps ist dieses Würfelspiel, das wir Europäer nur aus Hollywoodfilmen kennen, und dessen Feinheiten einzig der begreift, der in den USA aufgewachsen ist und seinen Stammbaum bis Benjamin Franklin zurückverfolgen kann. Für den Europäer hingegen ist Craps ungefähr so kompliziert wie Klimaschutz für den Amerikaner.

Grundsätzlich geht es darum, dass man entweder auf oder gegen den Würfler (Shooter genannt) setzt. Bevor Henry allerdings seine Chips auf den Tisch wirft, vertieft er sich in seine Aufzeichnungen. Kein Witz, der Mann notiert die ersten ein, zwei Stunden jede am Tisch gewürfelte Kombination mit einem Bleistift auf Computer-Endlospapier, diesem grünen, am Rand perforierten Papier, was in den Gründerjahren der Computerära in jedem Drucker steckte. Davon hat Henry immer ein paar laufende Meter dabei, wenn er ins "Nugget" kommt, und man mag Systemspieler nun lächerlich und kauzig und sonst was finden, aber Henry macht das jetzt seit zwölf Jahren, und er sagt, er sei zwar noch kein Millionär, aber sein System ernähre ihn und seinen 18 Liter schluckenden Chevrolet. Keine Ahnung, ob das stimmt, bunte Vögel wie Henry gibt es in Las Vegas mehr als am Amazonas.

Roy L. Gordon jedenfalls glaubt nicht an Systeme, und er muss es eigentlich wissen. Acht Jahre lang arbeitete Roy für Harrah's Entertainment, einen der größten Casinobetreiber in den USA. Und in diesen acht Jahren hat Roy so ziemlich alles gesehen, was es an Glücks- und Pechsträhnen, an Katastrophen und Wundern in der Welt der Spieler so gibt. "Ein Gewinnsystem beim Craps existiert ebenso wenig wie beim Roulette", sagt er. "Lediglich beim Black Jack können sich "Zähler", Gedächtniskünstler, die sich jede gespielte Karte merken, einen Vorteil verschaffen." Vor allem aber hat Roy die großen Spieler gesehen, die sogenannten High Rollers, Superreiche, die ohne Limit zocken und an einem Wochenende mehrere Millionen Dollars durchbringen - oder gewinnen.

Das Leben am Pokertisch

Roy war als "Executive Host" für rund 400 High Roller weltweit zuständig. "Ich musste wissen, welches Parfum die Frau bevorzugt, welche Eissorten die Kinder mögen und in welcher Automarke der Gast am liebsten vom Flughafen abgeholt wird. Ich habe Listen angelegt über die beliebtesten Whiskeysorten, über Musik, die sie gerne hören und solche, die sie hassen. Ich wusste, ob ein Kunde sich lieber über Baseball oder das Ölgeschäft unterhält, ob seine Frau ins Theater oder lieber in die Oper geht. Ich kannte nicht nur die Geburtstage ihrer Kinder, sondern wusste auch, welche Computerspiele sie sich wünschen."

All diese Informationen hortete Roy mit dem Eifer eines Stasi-Agenten, und all diese Informationen dienten nur einem Ziel: Die "High Roller" an den Spieltisch zu bekommen. "Wir holten sie mit unseren Lear-Jets in der ganzen Welt ab und flogen sie nach Vegas, bezahlten ihnen die Suiten und arrangierten alles. Und ich meine wirklich alles, als wären sie Könige. Und das waren sie auch. Ich meine, wir reden von Leuten, die dem Parkboy einen Tausender in die Hand drücken, nur dafür, dass er ihnen die Tür aufhält. Leute, für die eigene 10.000-Dollar-Chips bereitgehalten wurden. Leute, die innerhalb von ein paar Minuten mehr Geld verloren oder gewannen, als der Durchschnittsamerikaner in seinem ganzen Leben verdient."

Heute arbeitet Roy für die wohl einzigen Casinos, die noch mehr Geld scheffeln als die in Las Vegas. Casinos, die keine Kopie des Eiffelturms vor der Tür stehen haben, wie das "Paris Las Vegas", und in denen man auf einem täuschend echten Canale-Grande-Nachbau in original venezianischen Gondeln mit original venezianischen Gondolieri unter einem ewig blauen künstlichen Himmel dahinschippert wie im Venetian. In den Casinos von Roys neuen Arbeitgebern treten weder Elton John noch Hans Klok auf, dennoch sind sie immer gut besucht, ziehen weltweit mehr Spieler an als alle Las-Vegas-Casinos zusammen. Roy arbeitet für Party Gaming, eine Firma mit Sitz in Gibraltar, die weltweit zu den größten Anbietern von Online-Casinos gehört. Auf diesen Internet-Plattformen zocken zu jeder Tag- und Nachtzeit Zigtausende zwischen Grönland und Neuseeland - und das Online-Casino kassiert einen Prozentsatz an jedem Spiel, das gespielt wird. Eine Lizenz zum Gelddrucken.

Aber die wollen wir Spieler gar nicht. Wir wollen lieber Downtown im "Binion's" am Pokertisch sitzen und unser Geld selbst verdienen oder verlieren und vergessen, dass uns Henrys System am Crapstisch 300 Dollar gekostet hat. Es wird "Texas Hold'em No-Limit" gespielt, die bei weitem beliebteste Variante, bei der jeder Spieler zwei eigene Karten bekommt und der Kartendealer im Verlauf des Spiels fünf Gemeinschaftskarten offen auf den Tisch legt, aus denen sich jeder mit seinen eigenen Pocketcards ein Blatt zusammenstrickt, auf das er setzt. An den 38 Tischen sitzen Spieler aus aller Herren Länder. Vom Texas-Cowboy mit Stetsonhut bis zur Rentnerin aus San Francisco mit lila gefärbter Dauerwelle ist alles vertreten.

Eine uralte Asiatin im Rollstuhl lässt sich von einem Casinomitarbeiter an den Tisch schieben. Sie hat eine Haut so dünn wie Pergament und trinkt einen White Russian nach dem anderen, an jedem einzelnen ihrer Finger inklusive beider Daumen prangen Ringe mit hühnereigroßen Edelsteinen. Sie hat Mühe, dieses Gewicht zu stemmen, wenn sie mit beiden Klauen ihre Einsätze in die Tischmitte schiebt. Dabei rutscht sie jedes Mal mit ihrem Rollstuhl ein paar Zentimeter vom Tisch weg und kreischt mit schriller Stimme "Push, Push", dann kommt jedesmal Steven, der Aufseher im Pokerraum, und schiebt sie wieder an die Filzplatte. Und jedes Mal steckt sie ihm für diesen Service ein paar Chips zu.

Es gibt wenige Dinge im Leben, die angenehmer sind, als im "Binion's" an einem Pokertisch zu sitzen. Die Menschen zu beobachten, die an deinem Tisch kommen und gehen, mit einigen redest du ein bisschen, "Wo kommst du her? Wie läuft's heute für dich?" Mit anderen schweigst du um die Wette. Alle 30 Minuten wechselt der Kartendealer, eine Maßnahme, die Mauscheleien vorbeugen soll, und wenn du einige Stunden am selben Tisch sitzt, taucht irgendwann dein Anfangsdealer wieder auf und zwinkert dir freundlich zu. Das Leben am Pokertisch hat etwas ungemein Beruhigendes. Der Tisch ist immer da, 24 Stunden am Tag, 365 Tage im Jahr. Der Tisch ist das Zentrum im Universum des Spielers, seine unverrückbare Sonne, um die sich alles dreht. Der Tisch ist dir sicher, solange du deinen Einsatz bringen kannst, und er gibt dir einen Sinn und Ruhe. Keine Ahnung, warum manche Las Vegas als hektisch empfinden.

Hektisch ist Las Vegas nur für denjenigen, der seine Zeit (und gemeint ist: seine ganze Zeit, nicht nur mal nur so ein, zwei Stündchen) nicht am Spieltisch verbringt. Dem Gelegenheitszocker ist das Treiben an Roulettekessel und Würfeltisch lediglich ein Zeitvertreib, der wahre Spieler hat eine andere Bewusstseinsebene, für ihn spielt Zeit keine Rolle mehr. Dankenswerterweise gibt es in der ganzen Stadt keine öffentliche Uhr, und die Beleuchtung in den Casinos funzelt zu jeder Tages- und Jahreszeit in gleich bleibender Luxstärke auf die Tische, Slotmachines und deren Jünger.

Was für Nicht-Spieler wie "verlorene Zeit" erscheint, nämlich das stunden-, ach was, tagelange Herumlümmeln an den Spieltischen, ist in Wahrheit genau das Gegenteil: Las Vegas ist vielleicht der einzige Ort auf diesem gottverlassenen Planeten, an dem die Zeit das Spiel des Lebens verloren hat, jedenfalls für uns Spieler, sobald die Karten und Würfel über den grünen, roten, braunen oder blauen Filz der Spieltische gleiten. Deshalb kann in Las Vegas auch kein Spieler verlieren, oder genauer gesagt: Er kann bloß Geld verlieren. Dies hat keiner besser gewusst und besungen als der unsterbliche Dean Martin, wenn er in "I love Vegas" schnurrte: "I love Vegas when I'm winning / mmmh, I love it when I lose / I, I love Vegas every moment / It's my favourite atmosphere / Oh I, rrrrrh, I love Vegas / Why oh why do I love Vegas? / Because my blood is here".

Dein Spiel wird dich finden

Glück, um das es in Las Vegas immer und überall geht, hat nicht derjenige, der rasch mal ein paar Chips auf den Roulettetisch wirft, gierig den schnellen Gewinn einheimst und ängstlich sofort wieder hinausrauscht, um die Mücken in den Luxusshops der Hotel eigenen Einkaufsmalls in Prada-Preziosen einzutauschen. Nein, ihr Jammerlappen, das wahre Glück empfindet einzig der Spieler. Und zwar sobald er sich in einen der bequemen Casino-Sessel fläzt, schmutziges Papier in glänzende, bunte Chips eintauscht, die er babelturmig hoch stapelt, und Jacqueline oder Cherry oder Peggy Sue ihm mit einem Lächeln und mit Brüsten, beides künstlich und damit zutiefst menschlich, einen kostenlosen Drink seiner Wahl servieren und Johnny, der Karten-Dealer, ihn mit einem wiedererkennenden Nicken begrüßt und "How you doin', tonight" murmelt, ohne Fragezeichen, weil eine Antwort nicht erwartet wird.

Dann wird der Pokertisch bald zum Meditationszentrum, das unablässige Klicken der Chips zwischen den Fingern der Süchtigen ist beruhigendes Mantra und bedrohliches Menetekel gleichermaßen. Nach elf Stunden am Tisch im "Binion's" haben wir Hunger, die Taschen voller Chips und, wenn der Kartendealer es nicht verboten hätte, würde ein Ring mit einem hühnereigroßen Edelstein an unserem Ringfinger funkeln. Zeit, einmal bei den Profis vorbeizuschauen.

Die treffen sich einmal im Jahr im "Rio", hier werden die World Series of Poker (W.S.O.P), die inoffiziellen Weltmeisterschaften, ausgetragen. Gesponsert wird die Veranstaltung von Roy L. Gordons Arbeitgeber, dem Betreiber von Online-Casinoseiten. Denn vor allem mit Poker verdienen die Online-Casinos das große Geld. Der weltweite Pokerboom wird durch Werbung und TV-Übertragungen angefeuert und hat einen neuen Spielertyp kreiert. "Der typische Online-Poker-Profi ist jung, mit strategischen Computerspielen aufgewachsen und betreibt das Spiel mit einer Strategie, in der mathematische Wahrscheinlichkeit eine große Rolle spielt", sagt David Markwart, PR-Chef der Internet-Schule PokerStrategy.com, in der neben anderen Pokerprofis auch der deutsche Schach-Großmeister Matthias Wahls Novizen das Bluffen beibringt.

Viele der besten Pokerspieler verdienen ihr Geld heute online, bequem vom eigenen Schreibtisch aus, aber für die World Series of Poker verlassen selbst hartgesottene Computernerds ihren Platz vor dem Monitor und begeben sich ins real life. Um am main event der W.S.O.P. teilzunehmen, zahlten 6358 Spieler das Antrittsgeld von 10.000 Dollar. Ein Besuch im Spielsaal ist für Spieler wie eine Audienz beim Papst für Katholiken. Jeweils zehn Spieler sitzen an den 221 Tischen, darunter die größten der Zunft wie etwa Phil Hellmuth, der bereits elfmal eines der begehrten Armbänder (Bracelets), die es für einen Turniersieg bei den W.S.O.P gibt, gewinnen konnte. Natürlich geht es nicht nur um Armbänder: 2006 strich Jamie Gold, der Sieger des Main Events, zwölf Millionen Dollar ein, dieses Jahr triumphierte Jerry Yang, ein 39-jähriger Kalifornier, und konnte sich neben seinem ersten Bracelet über 8,25 Millionen Dollar freuen.

Auch aus Deutschland sind Spieler angereist: Maxi Müller, 22, aus Berlin ist seit zwei Jahren Profi und startet hier zum ersten Mal. Ihr Wirtschaftsstudium hat die Blondine mit dem meist gelangweilten Gesichtsausdruck ("Mein angeborener Vorteil beim Pokern") an den Nagel gehängt, wie viel sie mit Poker bisher verdient hat, verrät sie nicht: "Ich kann mein Leben damit finanzieren, bin aber keine Millionärin. Das will ich aber spätestens mit 30 sein."

Maxis Antrittsgeld und Reisespesen sind - wie die vieler Profis - gesponsert von Online-Pokeranbietern, in Maxis Fall PokerStrategy.com. Sie rechnet sich bei dem Megaturnier zwar nicht viel aus, da "bei so vielen Teilnehmern der Glücksfaktor höher ist als bei kleineren Turnieren und Cashgames", dennoch wollte sie, die sonst hauptsächlich im Internet ihr Geld verdient, auf einen Las Vegas-Besuch nicht verzichten: "Die W.S.O.P. ist schließlich das Wimbledon der Pokerspieler."

Wir lassen im Rio natürlich die Finger von den Karten - zu viele "Sharks", professionelle Spieler, die in der Nahrungskette weit über uns stehen. Auch für Maxi läuft es nicht, sie scheidet bereits während des ersten Tages aus, zockt aber in den nächsten Nächten bei den Cashgames in den Casinos des "MGM" und im "Wynn" reichlich "Fische" ab und verlässt Vegas im Plus.

Gewinnen wird in Las Vegas nur derjenige, der sein Spiel gefunden hat. Probiere ruhig alles aus und lass dir Zeit dabei. Aber irgendwann kannst du nicht mehr bloß rumrennen und deine Chips auf allen Tischen verteilen, irgendwann wirst du kapieren, dass das nur Irre tun und Verlierer. Was ungefähr das Gleiche ist. Wenn du aber gelassen bleibst inmitten der Hektik und daran denkst, wie ruhig es sein kann in des Lärmes Stille, dann wirst du es irgendwann spüren, dein Spiel. Du wirst dich gar nicht entscheiden müssen, denn das Spiel wird dich finden und du wirst fühlen, dass ihr zusammengehört. Wie beim ersten Kuss oder als du zum ersten Mal die Goldberg-Variationen von Bach gehört hast und es dir zu recht lächerlich vorkam, dass du jemals für Schubert oder Mozart geschwärmt hast. Es wird so sein wie damals, als du nach all den verlorenen Micky-Maus-Jahren deinen ersten Spiderman-Comic in der Hand hieltest, oder als du gemerkt hast, dass man Orangensaft ganz prima mit Wodka trinken kann. Es wird sich gut anfühlen. Alles wird passen. Du weißt auf einmal genau, wie die Würfel fallen, wohin die Kugel rollt, welche Karten das Spiel gewinnen und wie viel du setzen solltest.

Wenn dein Spiel dich gefunden hat, wirst du dich nicht unbesiegbar fühlen. Aber unsterblich. Und wenn du Las Vegas verlassen musst, wirst du weinen. Aber wenn du zurückkehrst, wird es sein, als wenn du nach Hause kommst.

Autor:
Thorsten Kolle