Kuba Reise ins Viñales-Tal

Es knallt, als seien alle vier Reifen gleichzeitig geplatzt. Der alte Peugeot bockt, er bleibt fast stehen, dann macht er plötzlich einen weiten Satz nach vorne. "Zu viel Wasser", knurrt der Fahrer genervt. Benzin ist teuer, also wird es unter der Hand verkauft - und mit anderen Flüssigkeiten gestreckt. Dem protestierenden Auto und den Nerven der Mitfahrer gönnt er deshalb immer wieder kleine Erholungspausen am Rand der breiten Autopista Central zwischen Havanna und der Provinzhauptstadt Pinar del Rio.

Pferdefuhrwerke und die modernen, aus China importierten Busse des staatlichen Tourismusunternehmens teilen sich den Asphalt einträchtig. Ab und zu ziehen halb verhungerte Rinder mit weit herausstehenden Rippen vorbei. Riesige stählerne Strommasten liegen zwischen aufgeschlitzten Palmen auf dem Boden - gefällt von den Hurrikanen Gustav und Ike, die im Herbst 2008 über die Insel rasten. Viele Häuser sind unverändert Ruinen, die Bewohner solange bei Verwandten untergekommen, bis irgendwann Material für einen Wiederaufbau zur Verfügung steht.

Jeglicher Telefonkontakt mit den Angehörigen sei unterbrochen gewesen, sagt der Fahrer und erzählt, wie er sich damals mit dem Auto auf den Weg in die Region machte, um zu sehen, ob die Familie überlebt hatte. Mühselig forstet sich die Natur seitdem wieder zu vorheriger Schönheit auf - ganz von alleine, die Regierung hat andere Sorgen.

Aus dem Nichts tauchen Kubaner auf der Straße auf und hoffen auf eine Mitfahrgelegenheit. Vereinzelt brennt es am Horizont im Gebüsch. Nichts, wirklich gar nicht bereitet auf der Fahrt nach Viñales auf das vor, was einen dort erwartet. Die letzten Kilometer vor dem Tal gehen durch Dörfer, die die Armut in der Hauptstadt noch weit übertrifft, auch wenn die Regierung sich bei der Zufahrtsstrecke zu der Touristenattraktion Mühe gegeben hat, das Gröbste zu übertünchen.

Von Pinar del Rio, der 1571 gegründeten Provinzhauptstadt, windet sich die Straße nach Viñales noch ein etwa 30 Kilometer in die Höhe. Der Peugeot holt das Letzte aus sich heraus und landet schließlich wohlbehalten zwischen den längst eingetroffenen chinesischen Bussen auf der Aussichtsplattform neben dem rosa gestrichenen Hotel "Los Jazminez".

Der Blick auf das Tal fehlt in keinem Reiseführer, trotzdem war man nicht vorbereitet auf dieses Panorama. Aus der rostroten Erde, den Palmen, mit dem Lineal gezogenen Tabakanpflanzungen und strahlend weißen Bauernhütten erheben sich die bis zu 400 Meter hohen mogotes - dicht mit Flechten und Moosen bewachsene Kalksteinkegel mit einer 150 Millionen Jahre alten Geschichte. Wie eine kleine Elefantenherde schieben sich die abgerundeten Kegel durch die aufsteigenden Nebelschwaden.

Zu kitschig für Hollywood

Hätte ein Hollywood-Ausstatter diese Kulisse in den 50er-Jahren für einen Mammutschinken über den Garten Eden angeboten, sie wäre wohl als zu kitschig abgelehnt worden. Das Licht- und Schatten-Spiel von Sonne und Wolken verleiht eine fast überdimensionale Plastizität, die minutenschnell wechselt und immer wieder neue Bilder entstehen lässt. Bei näherer Betrachtung sieht der kubanische Garten Eden allerdings ein bisschen zerrupft aus. Die Vegetation erholt sich auch hier nur langsam von den Wunden, die die Hurrikane ins satte Grün gerissen haben. Eine ältere Französin hat jedoch nur noch Augen für unseren Peugeot. Ob sie sich mal hineinsetzen dürfe, bittet sie. Genau so einen Wagen habe ihr Vater früher gefahren, erzählt sie gerührt hinter dem Lenkrad.

Neben den Touristen warten Souvenirstände mit den übliche Ché-Devotionalien Form von Postkarten, T-Shirts und Fahnen. Über dem vier Kilometer nördlich liegenden Dorf Viñales liegt eine träge Wolke der Entspannung. Kein holunderrot, senfgelb oder himmelblau gestrichenes Häuschen ohne Veranda und zwei Schaukelstühlen der immer gleichen Baureihe. Hier wippt man ruhig vor sich hin, beobachtet die Touristen und nippt gelegentlich verträumt an einem Gläschen Rum.

Bevor die angepriesenen Ausflugsziele angefahren werden, lohnt es sich, einem der roten Sandwege des Tals zu Fuß zu folgen. Zwischen Bananenstauden, die sich mühsam wieder aufrappeln, führt der Weg vorbei an kleinen Häusern und Feldern, an im Wind flatternder Wäsche und unter gelb blühenden Oleander-Bäumen auf bessere Zeiten wartenden Oldtimern. Hinter einem schattenspendenden Busch liegt eine Sau mit einer Handvoll genüsslich trinkender Ferkel. Ochsengespanne helfen bei der Feldarbeit, ein Kind sitzt auf dem blanken Pferderücken und treibt es zu einer Furt. Ein archaisches Bild, dessen Schönheit kritischere Gedanken verdrängt. Königspalmen wachsen schnurgerade in den Himmel, andere tragen auf halber Höhe seltsame Verdickungen mit sich herum - es sind die "schwangeren" Barrigona-Palmen, die nur hier zu finden sind.

Zu den offiziellen Besichtigungsorten gehört die 1961 auf Castros Wunsch hin auf eine 120 Meter hohe Felswand gemalte Geschichte der Evolution. Die einst grellen Farben sind verblichen, immer wieder sieht man jedoch Restaurateure, die sich abseilen und das Bild erneuern. Unmittelbarer kann man die Vergangenheit unter dem Tal erleben. Eine Theorie für die Entstehung der mogotes lautet, dass sie die Reste einer gigantischen von Höhlen durchsetzten Kalksteinlandschaft darstellen, deren Decke einbrach. Einen Eindruck davon erhält man in der Cueva del Indio.

Schon wenige Meter hinter dem Einstieg sinkt die Temperatur rapide ab, gleichzeitig steigt die Luftfeuchtigkeit auf gefühlte 100 Prozent. Die Haut am ganzen Körper entspannt sich sofort in dieser wohltemperierten Dampfsauna. Richtig spektakulär ist der kurze Fußweg durch Stalagmiten und -titen nicht, dafür folgt im Anschluss eine zehnminütige Bootsfahrt auf einem unterirdischen Fluss. Die Kalksteinabsonderungen an der Decke erinnern fast gespenstisch an die großen Tabakblätter, die in den Trockenscheunen hängen. Im Viñales-Tal wächst unwidersprochen der beste Tabak Kubas. Nachdem ein Versuch, die Produktion enorm zu steigern zu einem sofortigen Qualitätsabfall führte, überlässt der Staat den Bauern nun wieder den größten Teil des viel Pflege und Sorgfalt verlangenden Tabakanbaus.

Mittags wird man zu einem "Bekannten" des Fahrers inmitten des Tals gelotst. Im provisorisch zu einem Ein-Tisch-Restaurant umgestalteten Wohnzimmer gibt es dann Langusten. Schneller als erwartet wird die Rückfahrt nach Havanna in Angriff genommen. So malerisch es auch aussehen mag: Nachts werden die unbeleuchtet auf der Autopista dahinzuckelnden Pferdewagen und Fahrradtransporter zur tödlichen Gefahr. Sobald es dämmert drängen selbst die Fahrer der chinesischen Busse die Touristen zum Aufbruch.

Der Fahrer des kleinen Peugeots wird zwischen Pinar del Rio und Havanna vier Mal von der Polizei angehalten. "Ich heiße Juan, mein Sohn heißt Juan, sag, du seist mit ihm in Amerika verheiratet und hier zu Besuch…", raunt er schnell, bevor ein Polizist die Tür öffnet. Aber dieser ist an den Ausländern im Auto gar nicht interessiert. Der Kofferraum wird kontrolliert. "Die suchen nach Rindfleisch", erklärt der temporäre Schwiegervater später und zündet sich mit zitternden Fingern eine Zigarette an. Rindfleisch steht höchstens mal in einem teuren Tourismuslokal auf der Karte. Wer illegal schlachtet und damit handelt, muss mit drakonischen Gefängnisstrafen rechnen.

Wieso es eigentlich keine Rinder gebe, fragt man naiv. Achselzucken. Die Rinderbarone seien enteignet worden, aber niemand habe sich mit der Viehzucht richtig ausgekannt. Die Rinder seien verwildert, viele gestorben. Und überhaupt: "Guck dir doch die Felder an", fährt er resigniert fort. Felder? Der ältere Mann zeigt auf von Macchia eroberte Flächen. Fruchtbare Böden würden vernichtet, weil niemand das Unkraut eindämme. Plötzlich versteht man auch, warum Kubaner in den Supermärkten fast ausschließlich amerikanische Konservennahrung finden. Die Sonne geht langsam unter. Das Paradies ist schon wieder etwas in die Ferne gerückt.

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Autor:
Andrea Fonk