Kuba Müde Revolution in Santa Clara

Es ist stickig, es ist heiß und es ist voll. Trotzdem ist der 26. Juli der Tag, um nach Santa Clara zu kommen. An diesem Datum feiern die Kubaner hier offiziell den Jahrestag ihrer Revolution. Einst besiegelte Che Guevara mit der Einnahme der strategisch wichtigen Stadt den Untergang des Batista-Regimes. Santa Clara gilt seitdem als die Wiege der Revolution.

Ches Erben, sie stehen an diesem Morgen in langen Schlangen vor dem Security-Check am "Plaza de la Revolución". Anstehen sind sie gewöhnt. Denn das gehört in Kuba zum täglichen Leben wie die Salsa. Heute allerdings geht es nicht darum, die nötigsten Lebensmittel zu ergattern, heute geht es darum, zu feiern. Sie sollen hochleben, die Rebellen, die genau vor 57 Jahren mit einem Angriff auf die Moncada-Garnison in Santagio de Cuba die Bewegung des 26. Juli begründeten. Sie sind die Helden der Nation, die Jahre später eine blutige Diktatur beendeten, um ihren Sozialismus im Staate Kuba zu implementieren.

Es ist ein Sozialismus, der heute auf wackeligen Beinen steht. Kubas Wirtschaft ist am Boden. Und die Unzufriedenheit in der Bevölkerung wächst. Hinter vorgehaltener Hand wird gerne Kritik geübt an den Zuständen im eigenen Land. Trotzdem - an einem Tag wie dem 26. Juli, da kommen sie. Groß und klein, alt und jung. Mit Kubaflaggen in der Hand und Regenschirmen, die gegen die Sonne schützen sollen.

Obwohl es erst 6 Uhr morgens ist, sind die Kubaner auf dem Platz mit der überdimensionalen Che-Guevara-Statue hellwach. Sie warten voller Vorfreude auf die Zeremonie, die in anderthalb Stunden starten wird und mit dem Lied "Hasta Siempre, Comandante" beginnt. Ein Lied über Che, den sie hier so verehren. Er steht für Befreiung, für Mut und Tapferkeit, für Ideale, die er bedingungslos verfolgt hat.

"Che war schon damals und ist immer noch ein großes Vorbild. Ich bin in Santa Clara geboren und stolz darauf, dass er hier begraben liegt. Er war jederzeit bereit, mit dem Tod für die Befreiung Kubas zu zahlen," so ein alter Mann mit Che Guevaras Konterfei auf dem T-Shirt. Er gerät ins Schwärmen und erzählt voller Inbrunst noch einmal die Geschichte des Platzes.

"Hier hat Che Ende 1958 die entscheidende Schlacht zum Triumph der Revolution gewonnen. Er und seine compañeros haben einen Panzerzug entgleisen lassen, der eigentlich zur Verstärkung der gegnerischen Soldaten geschickt worden war. Das war der Wendepunkt im Kampf gegen das Regime von Batista."

Auf Kuba kennt so ziemlich jeder die Geschichten der Revolution. In- und auswendig. Und trotzdem hören die inzwischen 90.000 Menschen auf dem "Plaza de la Revolución" um Punkt 7.30 Uhr aufmerksam zu, als erzählt wird von den Tagen, an denen die Yacht "Granma" aus Mexiko an der Küste Kubas landete, als die Männer unter dem Kommando von Fidel sich im Gefecht verloren, um sich dann Tage später wieder im unwegsamen Gebirge der Sierra Maestra wiederzufinden.

Ein Hauch von Nostalgie liegt in der Luft. Die Geschichte ist zum Greifen nah. Und die Geschichte lebt. In Gestalt von Fidel und Raúl Castro Ruz. Sie sind die Legenden, die noch heute den Ruhm alter Tage verkörpern. Und dafür werden sie verehrt. Das wird klar, als Rául (die Kubaner nennen nur den Vornamen) die Bühne betritt. Die Menge ruft im Gleichklang "Viva Fidel", "Viva Rául", "Viva la Revolución".

Es ist nur ein kurzer Auftritt. Rául übergibt in der Uniform des Oberkommandierenden einige Urkunden, an Genossen, die sich verdient gemacht haben um ihr Land, winkt der Menge zu und verschwindet wieder von der Bühne. Der Revolutionär scheint müde.

Denn seit 2006, der Übergabe der Amtsgeschäfte durch Fidel, war es eigentlich Raúl, der auf dem jährlichen Feiertag gesprochen hat. Die Verwirrung unter manchen Zuschauern ist groß, dass er es in diesem Jahr nicht tut. Ein Kubaner hat dafür seine ganz eigene simple Erklärung: "Raúl ist nicht der große Redner. Und das weiß er. Fidel hingegen hat immer alle mitgerissen. Er brauchte keine Notizen. Was er den Kubanern zu sagen hatte - egal, ob es um die Wirtschaft oder um die Kriege auf der Welt ging - er hat frei gesprochen. Und er hat die Menschen mitgerissen. Bei Raúl hab ich das leider noch nicht erlebt. Wahrscheinlich lässt er es daher einfach ganz," so José. Ein junger Mann, der eher auf westliche Idole zu stehen scheint, als auf die Guerillas aus seinem Land. Auf seinem T-Shirt prangt zumindest der US-Rapper Eminem.

Die Liebe zur Revolution

Während die Euphorie ein wenig weicht, erscheint auf der Bühne Vizepräsident José Ramón Machado. Er hat keine Neuigkeiten für seine Landsleute. Obwohl die Wirtschaftslage immer schlechter wird und Engpässe bei der Erziehung und Gesundheitsversorgung herrschen. "Wir werden die Studien und Analysen fortsetzen und weiterhin jene Entscheidungen treffen, die dazu führen, die Mängel zu überwinden," gibt er dem Volk zu verstehen.

Wie lange das dauern soll, sagt er nicht. Viele Zuschauer folgen seiner Rede emotionslos, fast gelangweilt. Sie wissen - solange es keine Reformen geben wird, regiert weiterhin das Geld. Auch die Welt des Sozialismus. Denn wer über ausländische Devisen oder pesos convertibles verfügt, der hat auf dem Schwarzmarkt Zugang zu Produkten, die in kubanischen Geschäften nicht zu finden sind. Wer ausschließlich kubanische Pesos verdient, muss irgendwie klarkommen. Laut würde sich, besonders auf dem Platz der Revolution, niemand darüber äußern. Zu groß ist die Angst, dass der Inhalt an die falschen Ohren geraten könnte.

Aber es ist noch etwas anderes, das die Kubaner davon abhält, allzu schlecht über ihr Land zu reden und dauerhaft die Missstände anzuprangern. Ihr alltäglicher Antrieb ist ihr Patriotismus. Der scheint ihnen mit in die Wiege gelegt. Er ist es, der sie mit Kraft und Improvisationstalent ihren Alltag meistern lässt. Die Liebe zur Revolution tragen sie dabei dauerhaft im Herzen. Ihre Geduld ist sowieso gefragt. Und die Durchhalteparolen wie ¡Hasta la victoria siempre! stehen in Kuba nicht nur an fast jeder Wand, sie sind inzwischen auch verinnerlicht.

Vielleicht sind es die nachfolgenden Generationen, die Kuba mit neuen Ideen aus der Krise helfen können. Zumindest am Ende der "fiesta", wo zahlreiche Jungen und Mädchen in Uniform auf die Bühne marschieren, brandet großer Applaus auf. Die Kinder winken mit kleinen Kubaflaggen dem Publikum zu. Das ist begeistert.

Bei Kathrin aus Berlin kommen Erinnerungen hoch. Sie ist eigens aus Havanna für die Revolutionsfeier angereist: "Ich bin in der ehemaligen DDR groß geworden. Und hatte schon fast vergessen, wie es damals war. Aber das, was hier heute gezeigt wird, ist genauso wie bei uns damals. Besonders die Jungen und Mädchen mit ihrem Marsch lassen in mir alte Erinnerungen hochkommen. Es erinnert mich doch sehr an meine Zeit bei den Pionieren. Wir hatten da immer viel Spaß. Vom politischen System hat man in dem Alter noch gar nicht so den Plan."

Die Jungs und Mädchen auf der Bühne scheinen ihren Auftritt ebenfalls zu genießen. Und haben heute zumindest noch einiges vor. Denn an so einem Feiertag in Santa Clara steht viel auf dem Programm. Später am Abend wird es in der bunt geschmückten Stadt Straßenkarneval geben, tagsüber eine Kirmes. Aber auch da heißt es, Schlange stehen. Um mit einem mitgebrachten Joghurtbecher und ein bisschen Glück Limonade aus dem Tanklastwagen zu erhaschen.

Autor:
Alexandra Tapprogge