Kuba Der Kult der Santería

Diese Touristen im Buena-Vista-Rausch! Matthias Politycki stöhnt heute noch. Der Schriftsteller war alles andere als ein Kuba-Fan, als er dort zum ersten Mal ankam. Aber sonnig schien es zu sein und überschaubar - ein guter Ort also, um sich in aller Ruhe seinem neuen Roman zu widmen. Havanna entsprach noch ganz der niedrigen Erwartungshaltung. Aber drei Tage vor dem Rückflug brachte der Blick von einer Dachterrasse in Santiago plötzlich die Wende. "Ich schaute über diese wunderschöne Bucht", erinnert sich Politycki, "und merkte, wie urtümlich Kuba hier im feuchten, heißen Süden noch war."

Keine herausgeputzten Oldtimer, keine sich für Geld fotografieren lassenden Omas mit Zigarre im Mund, keine Rum-Verköstigungen im Viertelstundentakt. "In Havanna sind ja wahnsinnig viel Bescheißer unterwegs. Natürlich gibt es auch in Santiago Nervensägen, aber ich hatte damals das Gefühl, dass hier noch etwas anderes in der Luft lag." Zum Beispiel der Geruch nach toten Hühnern, deren Köpfe überall zwischen den kleinen Altmetallhäuschen herumlagen, sobald man eine Nebenstraße betrat. "Was geht denn hier ab?", fragte sich Politycki neugierig, suchte sich eine Wohnung und drang drei Monate lang tief in die geheimnisvolle Welt der Naturreligionen ein.

Importiert wurden sie aus Afrika. Die Spanier füllten ihre Sklavenschiffe vor allem mit Angehörigen der Yoruba aus Nigeria. Ihre Religion brachten sie mit, natürlich wurde sie sofort verboten. Stattdessen sollten die Sklaven fortan dem "lieben Gott" der Christen dienen. Als es immer gefährlicher wurde, die alten Rituale auszuüben, sahen sie sich diese neue Religion etwas genauer an und merkten: Das ist ja eigentlich genau wie bei uns.

Auch sie kannten einen großen, allwissenden, allmächtigen Schöpfer des Universums, er hieß Olodumare. Seine Macht verteilte er an eine Reihe kleinerer Götter, die so genannten Orishas. Und diese Orishas, entsprachen sie nicht ziemlich genau den christlichen Heiligen und Martyrern? Der Heilige Lazarus beispielsweise, Schutzpatron der Kranken und Heiler - das war doch Babalú-Ayé, der für die Gesundheit sorgte und den man um Hilfe bat, wenn man sich schlecht fühlte.

Die Spanier waren verwirrt. Erst hatten die Sklaven sich völlig verweigert und nun wandten sie sich ausgerechnet inbrünstig den ganzen "santos", den Heiligen zu. Diese Schwarzen und ihr Hang zur "santería" nannten sie die in ihren Augen bizarr übertriebene Verehrung geringschätzig. Verkleidet als christliche Heilige überlebten Ochún, Chango, Yemaya und alle anderen jedoch auf diese Weise alle Missionierungsversuche und erfreuen sich bis heute großer Beliebtheit. Selbst Castro, Verkünder des kommunistischen Atheismus, soll ein Jünger der Santería sein, lautet ein Gerücht. Angeblich sei er bei einem Staatsbesuch in Nigeria mal sieben Tage lang vom Protokoll verschwunden und danach mit dem typischen weißen Gewand des frisch Geweihten wieder aufgetaucht.

Die Geister der Ahnen

Angesichts seiner jüngsten Wiederauferstehung von den Scheintoten scheint er sich zumindest gut mit Babalú Ayé alias St. Lazaro zu verstehen. Jeder Mensch ist einer bestimmten Gottheit zugeordnet. In einem Initiationsritus findet ein Santero oder ein Priester heraus, welchem, und überreicht dem neuen Mitglied eine lange Halskette in den Farben dieses Gottes. "Rein von den Ketten her, die sind so rot-weiß, fand ich Chango gut", erzählt Politycki von seinen Erfahrungen, "aber als mir meine Gottheit zugewiesen wurde, war das Yemayá." Er denkt kurz nach, lächelt und sagt: "Und das war sicher auch nicht ganz verkehrt."

Wer ein echter Santero werden möchte, wird ein Jahr lang belehrt, muss eine Menge Tabus beachten, in jeder Beziehung enthaltsam leben und eben weiße Kleidung tragen. Später wird er als Mittler zwischen den Göttern und Menschen dienen.

Die Geister der Ahnen spielen ebenfalls eine große Rolle in der Santería und ihren diversen Zweigen. Wer sich gut um sie kümmert, häufig an sie denkt und ihnen gelegentlich eine kleine Gabe schenkt, dem bieten sie Schutz. Allerdings werden böse Verwandte nicht zu guten Menschen, nur weil sie tot sind. Wenn sie die Familie terrorisieren, sucht diese wiederum Hilfe von anderer Seite, um sie in Schach zu halten. Zum Beispiel bei einem der bis zu 20 Orishas: Tanz- und Trommelzeremonien locken sie an, über den Santero geben sie Antworten oder werfen einen Blick in die Zukunft.

Manchmal begegnet man ihnen auch einfach in der Stadt. In einem ansonsten leeren Schaufenster befindet sich beispielsweise eine Babypuppe in einem riesigen Kleid auf einem Schaukelstuhl und starrt die Fußgänger an. In der Werkstatt eines Instrumentenbauers sitzt ein grob geschnitztes Wesen im Halbdunkel eines Regals. Wer durch den Holzstaub hindurchblinzelt, entdeckt direkt daneben ein Messer sowie eingetrocknete Flüssigkeiten, über die er nicht länger nachdenken möchte.

Die Götter sind alles andere als vollkommen. Sie können sich eifersüchtig, wütend, eitel und rachlustig zeigen. "Sympathisch waren mir die alle nicht, deswegen hat mich mein Lehrer auch oft gerügt", erzählt Politycki. "Wenn er mich in die Mythen eingeweiht hat, zuckte ich manchmal zusammen. Da hat er dann gesagt: ,Denk doch mal an die alten Griechen, da war es doch schließlich genauso.' Und er hatte völlig Recht. Bei den afrikanischen Geschichten denkt an gleich: Oh Gott, oh Gott, wie blutrünstig! Dabei ging es bei den Griechen oder Römern nicht anders zu." Zum Teil sind sogar direkte Parallelen erkennbar. Ochún, beispielsweise, ist wie Aphrodite für Wohlstand, Luxus und das süße Leben zuständig. Der kriegerische Ogún erinnert als Herr des Eisens, der Werkzeuge und Waffen an Mars, beziehungsweise Ares.

Aufgegriffen von der Geheimpolizei

Die Götter führen nicht nur ein interessantes Eigenleben, sie haben auch eigene Farben, Zahlen, Pflanzen und sogar ein Lieblingsessen. Wer es sich mit Ochún nicht verderben möchte, stellt ihr regelmäßig gekochtes Krebsfleisch mit Mangold und Kresse hin. Dann sorgt sie für Schwangerschaften und ein ausgefülltes Liebesleben - schließlich ist sie auch die Schutzheilige der Prostituierten. Der große Krieger und Macho Chango liebt natürlich Rum, man besänftigt ihn aber auch mit in Bananenblätter gewickelter Masse aus süßem Maismehl. Und Obatalá, ein androgyner Gott des Friedens, der für Kreativität, Reinheit, Gerechtigkeit und Wahrheit verantwortlich ist, freut sich über in Kokosmilch pürierte Bohnen.

Die Beziehung zwischen dem Menschen und seinem ganz persönlichen Gott ist auf einem einfachen System gegenseitigen Nehmens und Gebens aufgebaut: Wenn es meinem Gott gut geht, sorgt er für mein Wohlergehen. Vernachlässige ich hingegen seine Wünsche, muss ich mit den Folgen leben. Vielleicht kann ich ihn dann aber auch mit einem Tieropfer besänftigen. Das Blut erhält der Gott, da ihm eine besondere Energie zugesprochen wird, das Fleisch teilt man sich zum Abendbrot.

Symbole, Rituale, Opfer - nach einem längeren Santería-Studium verwandelt sich ganz Kuba schnell in einen riesigen Altar. "Ich hab auch schon Arrangements bestaunt, wo ich dachte ,Oh, wie geheimnisvoll!', die sich im Nachhinein als völlig weltlich herausgestellt haben", lacht Politycki, der seine Erlebnisse in dem Roman "Herr der Hörner" verarbeitet hat. Sein Vermieter habe ihn sogar wegen dieser intensiven Beschäftigung mit den Religionen beschimpft. Der Weg der Santería ist nämlich kein kostenloser.

Jedes Ritual, jede erklommene Stufe erfordert eine Investition, beziehungsweise Aufwandsentschädigung für die Zeit der Santeros. Touristen auf der Suche nach Spiritualität, die ihren Sternzeichen, kosmischen Steinen und keltischen Kreuzen gern noch einen Orisha hinzufügen möchten, sind da eine willkommene Einnahmequelle. Sie sind bereit, für kubanische Verhältnisse viel Geld auszugeben, um ihren Dia-Vortrag mit ein bisschen Voodoo-Exotik schmücken zu können. "Nein, der Vermieter dachte nicht, ich würde ausgenutzt", sagt Politycki, "er wollte das Geld einfach lieber selber haben!" Er lacht.

Nach Kuba ist er später nur noch einmal zurückgekehrt, um sein Buch dort vorzustellen. Die Einreise wurde problemlos gestattet. Bei einer Wanderung in den Bergen wurde der Schriftsteller dann plötzlich von der Geheimpolizei aufgegriffen, verhaftet und ins Kreuzverhör genommen. "Auf dem Tisch lag mein Buch, aber ich glaube, die wollten einfach mal gucken, was ich so für einer bin."

Die Mitglieder der Santería-Richtung, mit der Politycki sich besonders ausführlich beschäftigt hatte, waren nicht so genügsam, als sie eines Abends vor der Tür seiner kubanischen Wohnung auftauchten. Wurden in dem Buch Geheimnisse ausgeplaudert? War das alles überhaupt richtig, was dieser Deutsche da geschrieben hatte? "Das war dann schon ein bisschen unheimlich, als die plötzlich auf der Matte standen. Was die beschließen, ist in solchen Gesellschaften ja geltendes Gesetz." Es wurde ein langer Abend. "Aber es ging gut aus", berichtet Politycki. "Schließlich bin ich ja noch hier." Und das sagt er ohne jedes Lächeln.

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Autor:
Andrea Fonk