Kroatien Segeln vor Kroatiens Küste

Blinde Bullaugen. Hölzerne Planken, nicht besonders lang, der Lack ein wenig abgeschabt. Die Masten kräftig wie hundertjährige Eichen, die Schiffsglocke blank poliert. Insgeheim hatte ich auf ein klitzekleines Schwimmbecken gehofft oder wenigstens auf einen charmanten, graumelierten Kapitän. Ich stolpere an Bord, zwänge mich durch die enge Tür, lande in einem kleinen Raum, den man wohl Salon nennt auf Schiffen. Und denke: Dritte-Klasse-Kreuzfahrt, eine Seereise für arme Leute.

Ich habe eine einwöchige Kreuzfahrt durch Süddalmatien gebucht: von Trogir nach Dubrovnik und zurück. Eine zauberhafte Ecke, hat mir eine Freundin versprochen. Alte Städte, immergrüne Inseln, einsame Buchten, die sich am besten von der Seeseite aus entdecken lassen. Jetzt bin ich an Bord, habe eine Woche auf dem uralten Motorsegler "Rogac" vor mir. "Willst du es sehen?", fragt mich Josipa und stürmt los, ohne meine Antwort abzuwarten, erzählt, dass sie Stewardess und Matrosin zugleich sei. Zeigt mir das Kabinendeck ganz unten, dann das Brücken- oder Salondeck und zuletzt das Sonnendeck oben. Ein Swimmingpool? Genauso gut könnte ich nach einer bordeigenen Shoppingmeile fragen. Oder nach dem Captain's Dinner.

Die alte Dame "Rogac" hat 123 Jahre auf den Planken. Früher hat sie Wein und Oliven, Salz und Sand transportiert. Heute schippert sie Touristen wie uns durch die Gegend, ein französisches Pärchen mit Flitterwochen-Ausstrahlung, Paare mittleren Alters, allein Reisende. "Das da vorne", sagt Josipa, und zeigt auf das Steuerhäuschen, "das ist Stipe, der Kapitän." Mitte 30, drahtig und ganz und gar nicht graumeliert.

Eine leichte Brise bläht die Segel auf, schiebt uns vorwärts. Inseln recht und links von uns, in der Ferne die Silhouette von Split. "Kein großes Schiff. 18 Meter für 18 Leute", sage ich zu Claudia, die an der Reling lehnt. "Die Kabinen sind eng. Der Salon auch. Ob das gut geht?" - "Oh, ganz sicher, du wirst sehen", trällert sie, Mitte 40, gemütlicher Typ.

Nach drei Stunden fällt zum ersten Mal der Anker, taucht gurgelnd ein in türkis schimmerndes Wasser. Man sieht bis zum Grund, sieht die zarten Seegras-Halme, den feinen Sand in wellenförmigem Muster. Riecht die Sommerfrische. Hört, wie das Stampfen des Motors verstummt. Nur Wasser und wir. Und vor dem Bug ein kleines Fleckchen Land. Zum Hinschwimmen schön. Danach gibt es bunten Salat und mukalica, einen deftigen Eintopf aus Schweinefleisch, Paprika, Tomaten und Zwiebeln. Duftet verlockend, aber ich esse kein Fleisch. "Macht nix", sagt Andrej, "dann koche ich für dich eben etwas anderes." Er strahlt mich an. Ich nicke stumm. Nett hier, denke ich, eigentlich ganz nett. Aber das hat Claudia ja gleich gesagt. Sie war schon ein gutes Dutzend mal auf alten Motorseglern unterwegs. "Beim ersten Mal", erzählt sie, "gab es nicht mal Duschen an Bord, da mussten wir uns noch gegenseitig mit Eimern voll Meerwasser überschütten. Weißt du noch, Helmut? Da waren wir noch jung." - "27", sagt ihr Helmut, ein viel beschäftigter Anwalt. Tätschelt ihre Wange. Nimmt sich ein Buch und scheint froh zu sein, dass seine Frau hier noch andere Gesellschaft hat.

Wir nehmen Kurs auf Mljet, ein 1200-Seelen-Eiland im Süden Kroatiens. In der kleinen Bucht namens Pomena taucht eine Häuserzeile auf, dahinter Aleppokiefern, Steineichen, hundertjährige Pinien. Und mitten im Grün zwei tiefblaue Tupfer, der Veliko und der Malo jezero, der große und der kleine Salzwassersee. Zauberhaft. Müssen wir hier wieder weg?

Wir müssen. Stipe sagt, ein Kreuzfahrtschiff muss fahren, immer weiter. "Es gibt noch so viele schöne Flecken hier." Er zieht die Segel hoch. Seine Muskeln spielen. Die Bora stürzt sich von den Bergen und reißt am weißen Tuch. Ich klettere ins Klüvernetz, fliege vorwärts, getragen von verknoteten Leinen, unter mir zerteilt der Bug das Wasser, Schaum, Möwen kreischen, alles verschwimmt. Himmelblau. Azur. Ultramarin. Indigo. Diese Farben, sage ich. "Oh ja", ruft die redselige Claudia von hinten, "die Farben sind in Dubrovnik wirklich begeisternd."

Sie hat recht. Vor allem im Abendlicht, wenn die Sonne die Fassaden der Paläste anmalt, in Kupfer, Purpur, Gold. "Und erscht die Schtadtmaur", schwärmt Elsie aus Dresden. "Een Färngugg hat man von da obn, so was Schänes hab' isch noch nie gesähn."

Sicher, Ragusa, so der alte Name von Dubrovnik, ist wunderschön, die Altstadt umrahmt von einem zwei Kilometer langem und 25 Meter hohen Mauerring. Weltkulturerbe. Und trotzdem kein Vergleich mit der Natur, mit den stillen Buchten, in die Kapitän Stipe uns führt. Erst Vibrieren. Dann rauschende Ruhe. Springen. Schwimmen. Dösen. Die Sonne wärmt. So schön kann eine Kreuzfahrt sein. Man kennt sich inzwischen. Man mag sich. Mag die schwatzhafte Claudia und ein wenig sogar Elsies Dialekt. Schwärmt mit dem alleinreisenden Herrn Donner über die knusprige Zahnbrasse von gestern Abend und jammert mit Catherine und Bertrand über den lausigen Kaffee an Bord. Am nächsten Tag ankern wir an der Halbinsel Peljesac. Laufen durch ein Dörfchen namens Trstenik an Sandsteinfassaden mit geschlossenen Fensterläden entlang. Plantagenweise Weinreben. Gelber Ginster. Fuchsrote Tamarisken. Ich sitze allein draußen vorm Café Felix und esse struklji, Strudel. Niemand liegt am Strand. Warum? "Der Tourismus hier kommt erst langsam wieder in Gang", erklärt mir Matko ivkusi. Er hat sein Glück in Deutschland versucht, aber nach dem Krieg wollte er nach Hause, nach Trstenik. Jetzt baut er Wein an, weil er von den paar Urlaubern nicht leben kann. "Trstenik ist klein", sagt er. "Wen soll es schon hierher verschlagen?"

Außer den Kreuzfahrern kaum jemanden. Doch davon gibt es viele, an die hundert Schiffe sind unterwegs. Vor fast 40 Jahren kam ein Deutscher auf die Idee, die Motorsegler mit Urlaubern zu beladen statt mit Fracht. Jetzt kreuzen sie überall vor der fast 1800 Kilometer langen kroatischen Küste. Irgendwann liegt nur noch eine Insel auf dem Weg. Knoten werden gelöst, Segel gehisst, die laue Brise eingefangen, die uns wieder nordwärts trägt, Richtung Hvar. Und morgen zurück nach Trogir. Die letzten Sprünge vom Sonnendeck rein ins Meer! "Wusstest du, dass Jacques Cousteau es das sauberste der Welt nannte?", fragt mich Josipa. Wusste ich nicht. Aber ich glaube es gern.

Autor:
Karen Amme