Kroatien Abwechslungsreicher Urlaub auf Istrien

Am Sonntagmorgen gehört die Terrasse vor der Cafébar "San Antonio" in Pula noch den Männern mit den alten Pullovern. Von hier oben hat man einen grandiosen Blick ins weit ausgreifende Rund des Amphitheaters. Doch kaum einer schaut hin, die meisten haben sich mit dem Rücken zum Weltkulturerbe gesetzt, um unbehelligt von der Sonne die Sportseiten zu studieren. Hajduk nur 1:1 in Karlovac, Istra 1961 heute in Zagreb krasser Außenseiter. "Die Römer haben gepfuscht, die Reihen der Steine sind nicht gleich groß, sie haben an mehreren Stellen kleinere genommen. Zum Beispiel da in der Mitte, siehst du?" Das sagt Luciano, den alle hier Lucky rufen. Er kennt die Arena schon sein ganzes Leben, so gut, dass er sie gar nicht mehr ansieht. Ihr Bild ist in seinem Kopf. "Ich schaue meist nur noch hin, um durch die offenen Bögen aufs Meer zu sehen, seine Farbe verrät, welches Wetter wir kriegen."

Manchmal ist gleich der erste Mensch, dem man in einer fremden Stadt begegnet, ein echter Gewinn. Lucky Luciano, große Hände, grau melierter Bart, ist so ein Mensch. Einer der von früher erzählen kann: "Als Jugendliche sind wir mal mit unseren Rädern auf der obersten Galerie gefahren." Lucky grinst. "Da kamen gleich mehrere Polizisten hinter uns her. Wir waren natürlich schneller." Durch Luckys Augen sieht man die sechstgrößte römische Arena ohne die falsche Ehrfurcht des aus dem Bus gekippten Tagesbesuchers. Schon ein Gang durch die weiten Katakomben reicht aus, um die Todesangst der Männer zu erahnen, die vor mehr als 20000 Zuschauern um ihr Leben kämpften. Heute sind es Sting, Anastacia, Pavarotti und das internationale Filmfest, die an den langen Sommerabenden die Massen anziehen.

Lucianos Leben erzählt vom ewigen Ankommen, Weggehen und Zurückkommen in Istrien. Ein italienischer Vorname ist in der von Rom, Venedig und Triest beeinflussten, jahrtausendealten Hafenstadt nichts Besonderes für ein Zuwandererkind. Lucky hat Istrien für ein paar Jahre verlassen, auch das ist normal, er arbeitete in westdeutschen Druckereien. Vom guten Lohn ging leider zu viel auf Pferderennbahnen zwischen Bahrenfeld und Iffezheim drauf. "Zwei Mal in meinem Leben war ich fast schon reich", lacht Lucky und nestelt einen gefalteten deutschen Wettschein aus seinem Portemonnaie. "Und zwei Mal habe ich fast alles verloren. Aber egal!"

Irgendwann kam er zurück, und auch das ist hier normal. Viele, die in die Ferne ziehen, dorthin, wo bessere Löhne gezahlt werden, kehren nach ein paar Jahren wieder heim. Lucky Luciano muss, selbst wenn es Winter wird, die Sonne auf seinem Pullover spüren können. Und die plötzlich aufkommenden Winde, die vom Meer zum Land ziehen oder umgekehrt: die Bora, den Jugo, den Maestral. Wer sich passend anzieht, kann kaum unglücklich werden in diesem Landstrich, der einem so oft wie ein eigenes, völlig unabhängiges Land vorkommt.

Istrien ist Kroatien, fast drei von vier Menschen in dieser Gespanschaft sind Kroaten - Resultat auch einer ethnischen Säuberung, die nach dem Zweiten Weltkrieg neunzig Prozent der italienischen Einwohner durch Drangsalierung, Deportation und Morden vertrieb. Istrien ist aber auch Slowenien, das im Norden am Golf von Triest lecken darf. Und trotz allem immer noch un pochino d'Italia, weil die Halbinsel genau genommen noch ein Stück nördlicher an der Bucht von Muggia beginnt - und die gehört zu Italien, dessen Einflüsse überall an der Westküste besonders stark zu spüren sind.

Fast 3500 Quadratkilometer Karstland umfasst dieses Istrien, das mit über 2000 Sonnenstunden im Jahr und ureigener Geschichte glänzt. Nach dem Ende der römischen Herrschaft gehörte es zur Mark Aquileia, die vom Frankenkönig Otto I. an Bayern und Kärnten überging, danach zum Osten Venetiens, zum Königreich Illyrien, und zur österreichische Markgrafschaft Istrien und Julisch-Venetien. Ein europäischer Korridor, in dem jede Regentschaft ihr Stück zum großen Mosaik des istrischen Charakters beitrug.

"Leute kommen, Leute bleiben. Nur Touristen gehen."

Wer diesen Landstrich heute richtig verstehen will, sollte den Männern mit den alten Pullovern zuhören. Sie gehören zu diesem Land, wie all die römischen Tempel und Tore, die venezianisch- schlanken Türme und die hellen Felsen an der unverschämt blauen Adria. An den beschaulichsten Stellen dieser Halbinsel sitzen sie wie postiert, um dort gleichmütig in die Sonne zu blinzeln. Man findet sie in den Cafébars von Pula ebenso wie auf dem belebten Markt in Rovinj, der nicht stärker an Venedig erinnern könnte - Händler, Tauben und Treppen, das ganze Leben reicht fast überall bis runter ans Meer.

Hier lächelt Meidi seit zehn Jahren jeden Menschen an, der sich für seine Oliven, den Käse und das Pesto mit den Trüffeln interessiert. Trüffeln aus dem Tal der Mirna im Landesinnern, erklärt der untersetzte Mann, "das sind die besten der Welt". Meidi ist gebürtiger Albaner, vor dreißig Jahren kam er mit einem kleinen Koffer aus dem Kosovo nach Rovinj. Diese Stadt sei ein Hafen, in dem alle ihr Glück versuchen dürfen, daran glaubt Meidi: "Istrien ist für alle. Leute kommen, Leute bleiben. Nur Touristen gehen."

Rovinj liegt dreißig Kilometer nördlich von Pula, ein perfekter mediterraner Traum. Die schmalen Gassen der Altstadt winden sich vom Hafen bis zur Kirche der Heiligen Euphemia hinauf. Von ihrem Turm sieht man das ziegelrote Patchwork der Dächer, einige der vielen vorgelagerten Inseln und den Küstenstreifen, an dem die "Straße der Oliven" verläuft. Und die letzten traditionellen batanas, die Holzboote der Fischer, die sich im Hafen zwischen den Motorschiffen behaupten.

Das alte Rovinj wird vor allem im Sommer heftig bedrängt, aber nie wirk der Altstadt winden sich vom Hafen bis zur Kirche der Heiligen Euphemia hinauf. Von ihrem Turm sieht man das ziegelrote Patchwork der Dächer, einige der vielen vorgelagerten Inseln und den Küstenstreifen, an dem die "Straße der Oliven" verläuft. Und die letzten traditionellen batanas, die Holzboote der Fischer, die sich im Hafen zwischen den Motorschiffen behaupten. Das alte Rovinj wird vor allem im Sommer heftig bedrängt, aber nie wirklich erobert. Rund ums Hafenbecken ist gegen Abend immer noch ein Platz vor den Cafés, Bars und Eisdielen frei. Denn am Ende des Tages sowie ab Herbst ist die Altstadt zwischen den drei erhaltenen Stadttoren wieder fest in der Hand von Männern wie Meidi.

Nur eine Busstunde nördlich liegt das steinalte Porec. Hier schaut Semir auf den endlosen Strom der Passanten, die sein Eiscafé wie ein Zollhaus passieren. Genau an dieser Stelle beginnt nicht nur die Flaniermeile Decumanus, die einige Meter über einer römischen Handelsstraße liegt, sondern auch jener historische Teil der Stadt, der komplett zum Weltkulturerbe wurde. Wer auf dem Weg zur Euphrasius-Basilika mit den byzantischen Mosaiken, dem Glockenturm oder den Resten zweier römischer Tempel ist, hält ganz automatisch bei Semir, dem Mann im leichten Pullover. Denn Semir macht das beste Eis in Porec, so heißt es, "und das macht mich stolz".

Wohlstand war nicht zu erwarten, als er mit seinen Eltern vor 41 Jahren aus Mazedonien kam. Heute fährt er mit Sohn und Neffen, die ihm über die Saison zur Hand gehen, jeden Winter zum Skifahren nach Mazedonien. Alles würde sogar noch besser laufen, glaubt Semir, wenn er nur das Fenster im Laden vergrößern könnte. "Aber seit wir unter Denkmalschutz stehen, wird so gut wie keine Baumaßnahme mehr genehmigt." Ein Luxusproblem, denn der Ruf des unveränderbaren, alten Hafenstädtchens ist für die Gewerbetreibenden zwischen Decumanus und Promenade die beste Umsatzgarantie. So setzt sich die West Westküste mit ihren Eiscafés, steinernen Gassen und Glockentürmen nach Norden fort. Das mittelalterlich geprägte Novigrad mit den pinienbewehrten Stränden, die Altstadt von Umag - architektonische Schmuckstücke, lauter "Perlen am Kopfe einer schönen Frau", wie Cassiodor, Vertrauter des ostgotischen Königs Theoderich, vor 1500 Jahren befand.

Mondäne Seebäder, wildes Hinterland

Dieses Istrien kann sich verwandeln. Es zeigt verschiedene Gesichter. Im Süden am zerklüfteten Kap unterhalb von Pula, dem Rt Kamenjak, trägt es stille, in sich gekehrte Züge. Wunderschön, aber einsam bleibt das Land die ganze Ostküste entlang nach Rijeka hinauf. Nur wenige, kleine Straßen winden sich hier über die abrupt ins Meer fallende Karststeinkante; Leuchttürme illuminieren abends ein Naturparadies. Sie bieten einen großartigen Rundblick über die bewaldeten Hügel und auf die vorgelagerten Inseln. Lebhaft wird es erst hinter der Bucht von Rabac. Hier stehen gleichförmige Hotelressorts mit Billigtarifen, aber wer genau hinsieht, kann auch hier noch den Felsen abgetrotzte, einsame Badenischen entdecken.

Ein kleines Stück weiter Richtung Norden wird Istrien auf einmal mondän. Eine Riviera mit Lorbeeren, Palmen, Diskotheken, Kasinos und Fünfsternehotels. Lifestyle und Wellness werden großgeschrieben von Lovran bis Opatija. Wo einst der k.u.k. Adel einen pompösen Kurtourismus in Gang setzte, urlauben heute Italiener, Osteuropäer und saturierte Ruheständler. "Die Russen kriegen wir nicht mehr", sagt der Rezeptionist im "Hotel Kvarner", das 1884 erste Adresse an der östlichen Adria war - ganz auf die Herrschaften ausgerichtet, die samt Hutschachteln und Hündchen mit der k.u.k Südbahngesellschaft via Triest anreisten. "Die Russen brauchen mehr Luxus und Shopping-Areas. Aber dafür müssten wir das Haus gründlich renovieren. "

Man muss nicht jeden mögen, der an Opatijas überlasteter Hauptstraße am Nachmittag feinste Frauen, Uhren und Kaschmirpullis ausführt. Das Heilklima im Rücken des nahen Gebirges steht schließlich jedem offen - ebenso wie die entspannte Wanderung auf der zwölf Kilometer langen Uferpromenade Lungomare, die seit hundert Jahren von Volosko nach Lovran führt. Die Villen, die sich betuchte Patrizier hier ab dem 19. Jahrhundert als Feriendomizile errichten ließen, verströmen noch immer Habsburger Noblesse.

Und dann hat dieses Istrien noch eine ganz andere Seite: Wild, beinahe unberührt wirkt es im Hinterland, einsame Dörfer, die nie mehr als eine Autostunde von beiden Küsten entfernt liegen. Sie thronen auf bewaldeten Bergrücken und lassen tief in ihre Geschichte sehen. Wie das entrückte Motovun, wo sich alles um die weißen und schwarzen Trüffeln dreht. Oder das Künstlerdorf Grožnjan, das im Sommer mit Musikaufführungen glänzt. Oder das an eine steile Felskante stoßende Pazin mit seinem mittelalterlichen Kastell.

Staatlich geförderte Kredite haben dafür gesorgt, dass ehrgeizige Winzer und Küchenchefs sich wieder im dünn besiedelten Landesinneren niederlassen. Rad- und Wanderwege wurden angelegt, und allmählich zieht es immer mehr Reisende in diese Gegend. "Und ist hier etwa nichts zu sehen?", fragt ein silberhaariger Mann auf dem hoch gelegenen Hauptplatz von Labin. Sein Name ist Josip, und er weiß von den Zeiten zu berichten, als man hier am Fuße des Bergrückens in die Kohleminen einfuhr, als Ingenieur war er damals selbst dabei. Längst ist er Rentner, einer von den älteren Männern, deren Herz an ihren Heimatorten hängt. Josip liebt Labin, seine mittelalterlichen Gassen, in denen sich kleine Kapellen an die Palazzi italienischer Patrizier reihen. Die Kirche Mariä Geburt, das Stadtmuseum mit der archäologischen Sammlung, das kleine Theater, die Loggia und der venezianische Glockenturm: Er zeigt mit den Händen in alle Richtungen.

Torbögen, Nischen und tausend ausgetretene Treppen: Der Geburtsort des lutherischen Reformators Matthias Flacius war vom 10. bis 13. Jahrhundert sogar mal deutsch und hieß Tüberg. Aber was sind schon Namen oder Flaggen? "Meine Mutter hat hier fünf Farben erlebt", sagt Josip, "österreichisch, italienisch, deutsch, jugoslawisch und kroatisch. Aber sie sagte immer, dass das keine Rolle spielt. Die Farben wechseln, die Heimat bleibt. Und das ist Istrien."

Die kroatische Halbinsel Istrien präsentiert sich abwechslungsreich und spannend für Touristen. Grüne Naturparadiese an der Riviera, mondäner Lifestyle und Wellness

Autor:
Bertram Job