Krakau Wandern durch die Hohe Tatra

Als die Ranger eine Sirene kauften, um die Bärin zu vertreiben, war es schon zu spät. Das Heulen störte Magda nicht. Menschen hatten sie vor Jahren angelockt, hatten ihr Fressen gegeben und den Namen. Touristen kamen zur Hütte oben in den Bergen, nur um sie zu sehen. Eine gute Werbung. Bis Magda drei Junge bekam und aggressiv wurde. Alle vier fing man ein und brachte sie in den Zoo nach Wrocaw, in ein Gehege, das ein breiter Graben umgab. Magda schaffte es hinüberzuspringen, deshalb schläferte man sie ein. Ihre Jungen leben noch im Zoo, aber sie haben vergessen, woher sie kamen. Und dass sie dort frei waren.

In die Stille des Morgens hinein erzählt Tadeusz Rusek diese Geschichte. Er mag sie, weil sie zeigt, dass es jemanden geben muss, der aufpasst in der Hohen Tatra. Auf die Menschen, die Tiere und die Berge. Jemanden wie ihn, den Nationalpark-Ranger. Vor einer Stunde ist er aufgebrochen, bahnt sich den Weg durch den hohen Schnee. Seinen Fußstapfen werden die Touristen später folgen. Hinauf auf die Gipfel der Tatra, die sich wie eine Wand vor dem Himmel aufgebaut haben: das kleinste Hochgebirge der Welt. Die Puppenstube Gottes. So winzig, dass man sie an zwei Tagen durchwandern kann. So hoch, dass sie alles zwischen Alpen und Kaukasus überragt.

Als der Ranger Tadeusz den Kamm erreicht, treibt ein scharfer Wind Schneewirbel über den Boden. Er geht wie durch Meeresgischt, über ihm ist der Himmel blau und das Kreuz auf dem Gipfel des Giewont nicht mehr weit. Von dort kann Tadeusz nahezu die ganze Tatra überblicken. Sieht, wie schroff die Spitzen aufragen, wie scharf die Täler eingeschnitten sind und wie steil die Hänge abfallen, wieder und wieder gefaltet. Kein Baum bedeckt den nackten Stein. Es gibt wohl kaum ein Gebirge, das so viel mächtiger aussieht, als es ist.

Die ganze Tatra ist nur 80 Kilometer lang und 50 Kilometer breit. Eine Insel aus Fels. Drei Viertel gehören zur Slowakei, ein Viertel zu Polen. Die Grenze verläuft den Kamm entlang. Seit er ein Kind war, wollte Tadeusz Ranger werden, jetzt ist er es seit 16 Jahren. 1954 wurde der Nationalpark gegründet, heute arbeiten dort hundert Ranger, die meisten verdienen 1500 Zloty, rund 750 Mark im Monat.

Tadeusz gefällt die Ruhe am Morgen, bevor mit dem Surren der Seilbahn die Skifahrer in die Berge kommen. Das ist die Zeit, wo er aufbricht zu seinem Rundgang über Gipfel und Pisten, von einem Tal ins nächste, an zugefrorenen Seen vorbei und Höhlen, in denen die Bären im Winter schlafen. Er sagt den Wanderern, dass sie auf den Wegen bleiben und den Kutschern, dass sie die Pferdeäpfel wegräumen müssen. Er beschützt Berge und Menschen. Beide kann er von hier oben gut übersehen.

Das eiserne Kreuz auf dem Gipfel des Giewont ist 15 Meter hoch. Die Bewohner von Zakopane, der größten polnischen Stadt am Fuß der Tatra, haben es zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts errichtet. Sie waren Schäfer, Schmuggler und Bergleute, ihr Leben war hart, und es sollte besser werden durch die Touristen. Immer mehr Menschen kamen aus den Städten, um in die Berge zu gehen. Zuerst waren es Dichter, Maler und Theaterleute, später ganz normale Urlauber, und alle brauchten sie Bergführer.

Damals hat der Vater des alten Byrcyn aufgehört, Schafe zu hüten. Mit den anderen hat er 400 Eisenteile den Giewont hinaufgeschleppt. Sie wollten ein großes Kreuz bauen, und wenn der alte Byrcyn aus dem Fenster seines Holzhauses schauen würde, könnte er es sehen. Aber Byrcyn hat keine Zeit, auf die Berge zu schauen. Er ist in Eile, kramt aus seinem Schrank eine Weste aus Ziegenfell, Hosen aus Schafwollfilz und einen Strickpullover hervor. Er muss in die Stadt. Zu einem traditionellen Skirennen.

Draußen vor der Tür stehen die abgewetzten Holzski seines Vaters. Kazimierz Byrcyn gehört zur Gasienica-Familie, deren Stammvater vor 500 Jahren in Krakau wegen Mordes gesucht wurde und in die Berge flüchtete. Bald gab es so viele Gasienicas, dass sie einen zweiten Namen brauchten. Byrcyn bedeutet Schäfer, aber es gab auch Jäger und Räuber.

Seit er ein kleiner Junge war, hat Kazimierz Touristen geführt und nebenbei immer ein wenig gewildert und ein bisschen geschmuggelt. Er hat Selbstgebrannten in die Slowakei gebracht und Schuhe mit zurückgenommen. Einmal wollte er ein Fahrrad von drüben über die Berge bringen, da hat ihn der Grenzschutz erwischt, ein Cousin von ihm, auch ein Gasienica natürlich, und steckte ihn für Tage ins Gefängnis. Solche Geschichten erzählt der alte Byrcyn und kichert dabei.

Vor ein paar Jahren war er noch einer der besten Bergführer der Region, inzwischen ist er zu alt, vor einiger Zeit ist seine Frau gestorben. "Nun sehe ich die Berge nur noch von unten", sagt er, "die Kirche von außen und die Kneipe von innen." Dann setzt er sich die Fellmütze auf. Er wird schwitzen beim Skilaufen und mit den jungen Mädchen scherzen, bevor er zurückkehren wird in sein leeres Haus.

Es ist neblig geworden, die Mittagssonne dringt kaum durch die Wolken. Von fern nähert sich das Propellergeräusch eines Hubschraubers. Ein Skifahrer hat sich das Knie verletzt, die Bergrettung muss ihn ins Krankenhaus fliegen, Tadeusz hat es über Funk gehört. Der Abstieg vom Giewont lag hinter ihm. Auf dem Weg in das nächste Tal hat er wieder einmal beobachtet, wie schnell sich das Panorama ändert. Nur ein paar hundert Meter ist er gelaufen, und schon schob sich ein Berg vor einen anderen, tauchte hinter einem Kamm ein neues Tal auf. Ein Westentaschengebirge.

Wenn der Halny kommt

Bald wird es Frühling. Der warme Fön der Tatra, der Halny, wird sich ankündigen. Eine Unruhe wird über den Menschen liegen, manche werden gereizt und beginnen zu streiten, andere werden traurig, einige bringen sich um. Der Halny wird die Berge hinunterjagen, die Bäume brechen und den Schnee schmelzen lassen.

Die Lawinen werden ihre Opfer freigeben. Was von den Menschen übrig ist, die seit Monaten vermisst sind, werden sie bergen. Die toten Tiere werden sie in die Nähe der Höhlen schaffen, damit die neun Bären, die es auf polnischer Seite noch gibt, etwas zu fressen haben, wenn sie aus dem Winterschlaf erwachen. Die haben längst gelernt, dass sie nur kräftig genug auf das Autodach springen müssen, damit die Türen aufgehen und sie an die Süßigkeiten in den Autos der Touristen kommen können.

Drei Millionen Besucher hat der Nationalpark im Jahr. Es gibt nicht viele Skipisten, und so kommen die meisten, wenn kein Schnee mehr liegt, zum Wandern und zum Klettern oder weil sie dem Meer ins Auge sehen wollen. Morskie Oko, Meerauge, heißt der See oben in den Bergen. Die Legende sagt, dass durch ihn das Mittelmeer in die Tatra schaut, an seinen Ufern würden die Schiffe angespült, die in der Adria gesunken sind. Er ist der größte See des kleinen Hochgebirges. Im Winter überzieht ihn meterdickes Eis, im Sommer schimmert er grün. Vor ihm erheben sich die felsigen Wände der höchsten Berge Polens. Hinauf zum Rysy, dem mit 2499 Metern höchsten, sind es nur drei Stunden Fußmarsch.

Andrzej Lejczaks Buch ist voll von Leuten, die diese Strecke unterschätzt haben. Die bei Sonnenschein losgingen und oben in einen Eishagel kamen; die im Dunkel den Weg zurück nicht fanden oder abstürzten, weil sie weder Seile noch Pickel hatten. Dann muss Andrzej los, sie suchen.

Er gehört zum staatlichen Bergrettungsdienst, von dem die Leute sagen, dass er die Erste Hilfe gibt und die Letzte Ölung. Eine Woche lang wird er hier oben bleiben, in der Touristen-Hütte am Seeufer, bei der die Bärin Magda vor Jahren regelmäßig vorbeischaute. Er wird in dem kleinen Dienstzimmer sitzen und auf das Funkgerät hören, und über jeden Touristen, den er rettet, wird er einen Bericht in das Kontrollbuch schreiben.

Jedes Jahr sterben mehr als zehn Menschen in der Hohen Tatra, obwohl die 24 Bergretter und 200 freiwilligen Helfer inzwischen Menschen aus jeder Gefahr befreien können. Mit Hunden aus den Lawinen, mit Tauchausrüstung aus den Höhlen, mit Motorschlitten und Helikopter aus den Bergen.

Die spektakulärsten Einsätze zeigt das polnische Fernsehen in Serie. Dieverwackelten Videos machen die Bergretter selbst, das bringt ihnen ein paar Zoty zusätzlich. 1000 Zloty verdient man beim Rettungsdienst, davon kann keiner leben, die meisten arbeiten nebenher als Bergführer.

Mehr als 20 Monatsgehälter hat Andrzej in den vergangenen Jahren für ein internationales Zertifikat gespart, jetzt darf er Leute auf fast jeden Berg der Welt führen. Er hofft, dass sich das einmal auszahlt und er sich unten im Tal ein hölzernes Haus bauen kann. Die Mutter seiner Freundin Agnieszka ist Architektin, sie hat ihnen das Haus schon einmal gezeichnet, jetzt haben sie wenigstens schon ein Bild. Vor dem Dienstzimmer hängt eine Tafel, auf die Andrzej morgens und abends Temperatur und Schneehöhe einträgt. Wenn nichts passiert, sind das seine einzigen Touren nach draußen. Normalerweise stört ihn das nicht, doch heute ist Agnieszka da. Sie studiert in Krakau, er sieht sie nur am Wochenende. Gern wäre er mit ihr in die Sonne gegangen. Sie steht im Winter so niedrig, dass sie nur Minuten über den Grat reicht, dann liegt die Hütte wieder im Schatten. Sie hätten über den gefrorenen See laufen können. "Die Hütte ist wie ein dunkles Gefängnis", sagt Agnieszka.

Versteckt zwischen Tannen und Fichten, auf einem kleinen Hügel und doch ganz nahe am Weg ins Tal, liegt das Kloster der Albertinerinnen. Auf dem Weg war der Ranger Tadeusz vor Jahren der Oberin des Klosters zum ersten Mal begegnet. Die Schöße ihres schwarzen Gewandes gerafft, saß sie auf einem Schlitten und fuhr abwärts. Tadeusz belehrte sie, dass sie hier nicht Schlitten fahren dürfe. Die Oberin entschuldigte sich und versprach, ihn in ihre Gebete einzuschließen. Elf Nonnen leben in dem Kloster, das heute nur noch der Erholung dient.

Überall im Land betreibt der Orden Heime für Obdachlose; auch in Argentinien, Bolivien, den USA und der Ukraine ist er aktiv. Bruder Albert hatte ihn vor mehr als hundert Jahren gegründet. Er war ein bekannter und begüterter Maler, bevor er beschloss, den Armen zu helfen und dem Reichtum zu entsagen. Die Hütte, in die er sich am Ende seines Lebens in die Berge zurückzog, steht abseits des Klosters. Den Halny, der 1968 in einer Nacht 10.000 Bäume umknickte, hat sie nur überstanden, weil elf Stämme wie ein Zelt über ihrem Dach zusammenfielen und sie schützten.

Tadeusz schaut regelmäßig im Kloster vorbei und trinkt Kaffee mit Schwester Ambrozja, die sich um das Wasser aus der Quelle und das Brennholz kümmert. Heute will die neue Schneefräse nicht, wie sie soll, aber Tadeusz kann sie reparieren. Um seine Füße springt Pyrtusz, der Mischlingshund. Er ist klein, aber mutig - und wird bald wieder den Bären vertreiben, der jedes Frühjahr ums Kloster streicht, seit er einmal einen Brombeerkuchen vom Fensterbrett stehlen konnte. Die Nonnen hätten nichts dagegen, den Bären zu füttern, aber Tadeusz hat es verboten. Er mag den Bären, sie haben sozusagen das gleiche Revier, und im Sommer sehen sie einander oft. Tadeusz nennt ihn den Grauen, aber das ist kein Name. Er wollte ihm keinen geben. Ein Bär, der in Freiheit lebt, sollte keinen Namen tragen. Weil er niemandem gehört.

Autor:
Marcus Jauer