Polen Quicklebendige Musikszene

Für das polnische Wort "zal" gibt es viele Übersetzungen: Kummer und Schmerz sind gerade einmal zwei davon. Der "zal" könnte auch ein Grund für die vielen Blues-Festivals in Polen sein. Es begann 1981 mit dem "Rawa Blues Festiwal" in Kattowitz, der Stadt am Weichsel-Nebenfluss Rawa. Bis zum Fall des Eisernen Vorhangs war dieses Getogether ein Forum, auf dem polnische Musiker die unterdrückten Gefühle ihrer Zuhörer artikulieren konnten. Heute spielen hier "zal"-Brüder auf Augenhöhe mit prominenten Blues-Brüdern aus der übrigen Welt. Abi Wallenstein, Reibeisen-Sänger und Blues-Gitarrist aus Hamburg, erinnert sich gern an seine Auftritte in Polen: "Diese Herzlichkeit haut dich um. Polnische Blues-Fans umarmten und küssten mich und erzählten mit leuchtenden Augen, wie gut ihnen die Musik gefallen hat."

Mach mich glicklich! Spiel mir a traurig Lidl! Diese jiddische Weisheit ist der Grund, weswegen die Klezmer-Fans - darunter zunehmend viele Nichtjuden - alljährlich im Sommer nach Krakau reisen. Das (Festival jüdischer Kultur) ist gleichwohl mehr als nur ein Klezmer-Festival. Von liturgischen Kantoren-Gesängen bis hin zu DJ-Performances reicht die Palette, bei Jam-Sessions werden die jüdischen Wurzeln des Jazz ausgegraben. Außerdem gehören zum Rahmenprogramm jiddische Literatur- und Gesangs-Workshops, die meisten davon finden im Krakauer Stadtteil Kazimierz statt.

Kazimierz war 1335 gegründet worden von König Kasimir dem Großen, der seinen jüdischen Untertanen hier Schutz gewähren wollte vor antisemitischen Anfeindungen. 1877 kam in diesem Schtetl der Tischler und Poet Mordechaj Gebirtig zur Welt. Er schrieb harmlose Kinderliedchen, deftige Trinksprüche und aufrührerische Arbeiterlieder. 1942 wurde der "letzte jiddische Barde" auf offener Straße von einem deutschen Besatzungssoldaten ermordet.

In seinem 1938 - als Reaktion auf antijüdische Angriffe - geschriebenen "Undser schtetl brent" hatte Mordechaj Gebirtig bereits davor gewarnt, dass Kazimierz kein sicherer Zufluchtsort mehr sei für Juden. Der österreichische Straßenmusikant Herwig Strobl improvisierte 1996 über dieses Lied auf seiner Viola in der Krakauer Isaak-Synagoge. Diese "Music In The Izaak Synagogue" (Extraplatte) macht die Verzweiflung der Ghetto-Bewohner teilweise eindringlicher nachvollziehbar als mancher gutgemeinte Dokumentarfilm.

Weil die Musiker des Trios "Kroke" sich nach dem jiddischen Namen ihrer Heimatstadt benannt haben, werden sie immer noch mit einer Klezmer-Band verwechselt. Die drei Musiker finanzierten ihr Studium mit Auftritten in Kazimierz zu jener Zeit, als das restaurierte Schtetl die Kulisse für den Hollywood-Epos "Schindlers Liste" abgab. In den Drehpausen hörten Steven Spielberg und sein Filmteam das Ensemble (Akkordeon, Geige, Kontrabass) - und wurden Kroke-Fans. "The Sounds Of The Vanishing World" (Oriente/Fenn) ist jenes Kroke-Album, das künstlerisch am überzeugendsten jüdisch heiteres Temperament und "zal"-Feeling verbindet.

Nigel Kennedy, der englische Geiger, lebt inzwischen ebenfalls in Krakau. Als künstlerischer Leiter des Polish Chamber Orchestra führt er dieses Projekt seines Lehrers Yehudi Menuhin weiter. 2003 nahm Kennedy mit Kroke das Album "East meets east" (EMI) auf und ließ sich auch bei einigen Live-Konzerten von seinen drei Nachbarn begleiten.

Die "Kapela ze Wsi Warszawa" (deutsch: Musikgruppe aus dem Dorf Warschau) holt - ähnlich wie die irischen Folk-Punks "The Pogues" - Inspirationen für ihren "Bio-Techno" oder "Hardcore-Folk" aus der Großstadt-Disco und dem bäuerlichen Hinterland, was schwierig genug war. Denn 50 Jahre Kommunismus hatten in Polen die einst üppigen Volksmusik-Wurzeln untergepflügt. Seit 2001 firmiert das Ensemble als "Warsaw Village Band" und konfrontierte für "People's Spring" (Jaro) den Schreigesang der Karpaten-Berghirten mit Scratching-Sounds, Computer-Beats und Drehleier-Klängen.

Die "Chifonia" genannte Drehleier setzt zwischendurch auch ein paar weltliche Akzente auf "Filia Praeclara" (Divox Antiqua CDX-70603 / Naxos). Ansonsten erklingen auf diesem Album mehrstimmige A-cappella-Sätze, wie sie von polnischen Klarissen-Nonnen im 13. und 14. Jahrhundert gesungen wurden. Diese Tradition wird heute immer noch gepflegt im Kloster von Stary Sacz, wo jedes Jahr im Sommer ein stattfindet. Ausländische Musikfreunde können sich hier mit einigen Jahrhunderten Verspätung außerdem vom reichen Schaffen der polnischen Barock-Komponisten überraschen lassen.

Die tragisch romantische Komponisten-Persönlichkeit Fryderyk Chopin musste die Heimat verlassen und machte Karriere außerhalb von Polen - wie ein Jahrhundert später sein legendärer Interpret Artur Rubinstein. An diesen berühmtesten Sohn der Stadt erinnert in Lodz eines der eindrucksvollsten Künstler-Denkmäler Europas: Artur Rubinstein in Lebensgröße - wobei diese Größe noch vergrößert wird dadurch, dass die Pianisten-Statue an der Nachbildung eines Konzertflügels sitzt. Als klingendes Denkmal überzeugt die Doppel-CD "Best of Chopin by Arthur Rubinstein" (RCA) mit ihrer Mischung von spielerisch leichtgängiger Virtuosität und "zal".

Autor:
Winfried Dulisch