Polen Krakaus Kunst-Akademie

"Sehen Sie die Engel?" Auf dem Weg in sein Büro deutet Professor Antoni Porcak auf die Reihen kunstvoll gefertigter Skulpturen in einem Gang der Jan Matejko Akademie der Feinen Künste. "Neun von zehn ihrer Erschaffer werden sich später mit Auftragsarbeiten über Wasser halten oder nebenher in anderen Jobs arbeiten müssen."

Keine fünfzig Schritte hat der stellvertretende Rektor der bedeutendsten Kunstakademie Polens benötigt, um den eisigen Wind der Realität durch die Gänge des neoklassizistischen Gebäudes am Krakauer Jan-Matejko-Platz zischen zu lassen. Im fünfzigsten Schritt, nach kurzer Besinnung, relativiert Antoni Porcak: "Verstehen sie mich nicht falsch", sagt er, "unsere Gesellschaft braucht die Kunst, und sie braucht die Künstler." Natürlich, hastet Porcak weiter, sei deren Aufgabe auch weiterhin, die Wirklichkeit zu kommentieren. "Aber in diesen Tagen haben nur Künstler eine Chance, die neue, kreative Wege beschreiten," dann murmelt Porcak noch etwas von "Performance-Kunst" und "neuen Medien", der Rest geht im lauten Hämmern aus einem der Ateliers unter, an denen wir vorbeigehen.

In fünf Jahren kann man an der 1818 gegründeten Akademie heute seinen Masterstudiengang der Feinen Künste abschließen - in Malerei, Bildhauerei, Grafischer Kunst, Interior Design, Kunst-Erhaltung und -Restauration sowie Industriedesign. Das meiste von dem, was an der Akademie unterrichtet werde, sei jedoch "schlicht veraltet", merkt Porcak nebenbei an, während wir den Lärm hinter uns lassen und die breiten Treppen hinaufgehen. Wieso wird Überholtes dann unterrichtet? "Wir halten es hoch, weil wir uns als Akademie aus Tradition dazu verpflichtet sehen. In der Malerei haben wir bis heute die meisten Bewerber. Es wird anscheinend immer noch als wichtig angesehen, eine gewisse Grundausbildung zu besitzen", - Kopfschütteln - ,"Polen ist eben sehr traditionell."

Halten wir kurz fest: An der renommiertesten Kunsthochschule des Landes werden Studenten in veralteten Fächern ausgebildet, um anschließend als Kellner Karriere zu machen. Was andernorts einer Kapitulationserklärung gleichkäme, ist in der Jan Matejko Akademie der Feinen Künste zu Krakau, mindestens aber im Kopf ihres stellvertretenden Leiters, kein Widerspruch. Professor Porcak lächelt, stößt die hohe, schwungvoll verzierte Holztür zu seinem Büro im ersten Stockwerk auf und sagt. "Wissen Sie, es ist doch so: Je mehr der Künstler leidet, desto besser das Produkt. Diejenigen, die es schaffen, sind wahrhaft gut, und davon haben wir hier an der Akademie tatsächlich einige vorzuweisen."

Joanna Rajkowska, Ewa Potocka, Artur Grabowski, Artur Tajber und der international wohl bekannteste, der 1972 geborene Wilhelm Sasnal, sind die erfolgreichen Absolventen der Krakauer Akademie in der jüngeren Vergangenheit. Ihre Malereien, Installationen und Performances sind auf dem globalen Kunstmarkt nachgefragt, die Preise steigen, die Anzahl der Einzelausstellungen auch.

"Nehmen wir einen Künstler wie Sasnal", sagt Antoni Porcak, der inzwischen hinter seinem Schreibtisch Platz genommen hat, an den Wänden links und rechts hängen Selbstporträts aller Rektoren seit Gründung der Akademie. Porcak atmet tief ein. "Sasnal ist kein klassischer Künstler, sondern er ist ein Event: L'art pour l'art ist seine Sache nicht, Sasnal stellt Auftragskunst als moderner Geschäftsmann her. Er ist in den gesamten Produktionsprozess involviert, steht in engem Austausch mit seinen Kuratoren und Managern."

L'art pour l'art war gestern. Heute ist Event.

Der Künstler als Netzwerker - das Lieblingsthema Porcaks. In dieser Konstellation sieht der stellvertretende Akademie-Leiter den Schlüssel zum Erfolg des Künstlers. Die neuen Medien hätten das klassische Kunstwerk längst abgelöst: "Sie erlauben auf wesentlich direktere und flexiblere Art, auf gesellschaftliche Vorgänge einzugehen und sie zu kommentieren. Die neuen Technologien sind den alten in Sachen Direktheit in jeglicher Hinsicht überlegen, dazu gehört auch die veraltete Form des Kunstwerkes als Kommentar."

Und wo Antoni Porcak schon mal warm gelaufen ist, schwärmt er von jener situativen Web-Kunst, wie er das nennt, die seine Studenten im Design- und Grafik-Department betreiben: "Sie blasen Kunst in den Äther - in Form von Worten, Grafiken oder ähnlichem -, die dann genau so schnell wieder verschwindet. Man kann das Internet als globales Gesamtkunstwerk betrachten, als eine Performance, die sich stets verändert."

Wie ernst es der Akademie mit der globalen Vernetzung ist, dafür liefert das Studentensekretariat den Beleg. Dort steht ein riesiger Server mit unzähligen Kabeln, der die Studenten digital mit der Welt verbindet, aber auch analoge Verbindungen sind nicht aus der Welt: 70 bilaterale Verbindungen unterhält die hat Jan Matejko Kunstakademie mit ähnlichen Institutionen in ganz Europa. Die nationalen Identitäten verlieren an Bedeutung, hat auch Antoni Porcak beobachtet: "Wir können heute im Grunde gar nicht mehr über 'polnische Kunst' sprechen. In der Kunst insgesamt fällt es zunehmend schwerer nationale Identitäten auszumachen. Dank der neuen Medien ist die Kunst international geworden. Besonders junge europäische Länder wie Polen oder Tschechien saugen die globalen Einflüsse begierig auf."

Als Beispiel für die Globalisierung der Kunst auch im eigenen Land nennt der Professor ein modernes Wahrzeichen in der Hauptstadt Warschau, die 2002 errichtete künstliche Palme "Grüße von der Jerusalem-Allee" am Charles-de-Gaulle-Kreisel. "Sie ist eines der bekanntesten zeitgenössischen Kunstwerke in Polen. Aber eine Palme in Polen - was ist daran typisch polnisch? Sie könnte überall stehen", urteilt Porcak über das Kunstwerk. Das übrigens von einer Jan-Matejko-Absolventin geschaffen wurde: Joanna Rajkowska hat es geschafft. Sie gehört zu den wenigen Ex-Studenten aus Krakau, die heute von ihrer Kunst leben können. Die Inspiration für eine Palme mitten in Warschau kam Rajkowska im Übrigen nicht durch die von Porcak beschworenen neuen Medien, sondern ganz altmodisch auf einer Reise nach Israel.

Autor:
Nico Cramer