Europop Gebt mir Bier und Beton!

Möglicherweise kennen Sie dieses spezielle Reisegefühl, das sich in Städten mit einer allzu dominanten Historie einstellt. Ganze Straßenzüge schwelgen im Gestern. Vor gusseisernen Laternen wölbt sich das Kopfsteinpflaster. Die Gastronomie verkauft gediegene Gemütlichkeit. Egal, ob Renaissance oder Barock - irgendwann befällt einen unweigerlich der Florenz-Koller. Das Salzburg-Syndrom fordert seinen Tribut: Man mag einfach kein Weltkulturerbe mehr sehen oder schmecken. Gebt mir Beton und ein Bier am Stehtresen!

Die südpolnische Stadt Krakau mit dem Königschloss Wawel und einer weitgehend erhaltenen Altstadt, die beim Abzug der deutschen Besatzungstruppen auf wundersame Weise der brachialen Sprengung entgangen ist, kennt dieses Historien-Schauspiel nur zu gut. Stoisch wartende Fiaker erinnern an das K.u.K.-Erbe. In Richtung Weichsel-Ufer folgt auf dem "Königsweg" eine wichtige Kirche nach der anderen. Seit Ende September 2010 beherbergt nun der zentrale Marktplatz, der Rynek Glówny, ein unterirdisches Archäologie-Museum; das größte des Landes. 4000 Quadratmeter Fläche für 5000 Jahre Siedlungsgeschichte.

Auch die berühmten Tuchhallen, in denen es allerlei Folklore-Artikel und Kunsthandwerk-Nippes zu kaufen gibt, sind fertig saniert. Im restaurierten Obergeschoss residiert wieder die Gemäldegalerie des Nationalmuseums mit ihren opulenten Großformaten. Und wenn der Turmbläser von der nahen Marienkirche zur vollen Stunde seine Melodie schmettert, ist das Idyll perfekt.

Bei meinem ersten Krakau-Besuch im Jahr 2000 gab es in der Altstadt, die von der parkartigen Ringstraße "Planty" umgeben ist, noch allerlei ranzige Nischen. Hier hatten sich Off-Kneipen und Hinterhof-Lädchen angesiedelt. In urigen Fischgeschäften gab es "rolmopsy" und die nahe Ukraine dominierte sichtlich das modische Geschehen. Fünf Jahre später war vieles davon verschwunden oder stark professionalisiert. Der Beitritt zur EU ließ schön grüßen.

Die wahre Schönheit des polnischen Alltags

Wie schön, dass zumindest die quirlige weiterhin im ersten Stock eines Geschäftshauses auf der zentralen Einkaufstraße Ulica Florianska überlebt hat. Mittlerweile ist nämlich alles noch eine Spur putziger geworden. Selbst der jüdische Stadtteil Kazimierz wirkt an einigen Ecken wie eine Gastro- und Kulissenlandschaft für Besuchergruppen auf den Spuren von Spielbergs Oscar-Schindler-Film. Seit Juni 2009 residiert in der echten Schindler-Fabrik auf der anderen Weichsel-Seite eine Dependance des Historischen Museums. Die Stadt hat sich eingerichtet in ihrer bewegten Vergangenheit.

Dabei gewinnt Krakau gerade durch einen Ausbruch hinein in den polnischen Alltag an wahrer Schönheit. Und das liegt nicht nur an den zigtausenden Studenten, die Parties in backsteinernen Gewölbekeller-Clubs feiern. Man fährt einfach vom Hauptbahnhof mit den Straßenbahnlinien 4 oder 15 in Richtung Nowa Huta, wo in den 1950er-Jahren neben einem monströsen Stahlwerk eine sozialistische Musterstadt im Zuckerbäckerstil aus dem Boden gestampft wurde.

Ich habe dort in einer Art Kantine, mir bei einem halben Liter Zywiec von kauzig-freundlichen Leuten in Ballonseide-Trainingsanzügen berichten lassen, dass Krakau leider kein Spielort der kommenden Fußball-EM werden wird. Längst gibt es organisierte "Communism"-Touren nach Nowa Huta, die ihre Gäste im Trabant über den ehemaligen Lenin-Platz kutschieren und stilechte Arbeiterkultur präsentieren. Kostenpunkt: 30 Euro.

Der Gegenpol zur historischen Kernstadt scheint aufzuholen. Dazu passt, dass hier Projektgalerien eröffnen und die Elektronik-Ahnherren Kraftwerk im still gelegten Teil der Riesenfabrik eines ihrer seltenen Konzerte spielten. Nowa Huta als Frischzellenkur für die alte Königsstadt. Ein Spagat in die Moderne, den auch das versucht, dass seit einigen Jahren die Avantgarde der Popkultur in die Clubs der Stadt bringt. Kurator Kuba Sreder hat sich auf ein langfristiges Projekt eingestellt. "Denn das Neue", weiß er zu berichten, "braucht immer seine Zeit, bis es in Krakau akzeptiert wird."

Autor:
Ralf Niemczyk