Krakau Ein Spaziergang durch die polnische Metropole

Wenn ich in Krakau aus dem Zug steige, kaufe ich mir am Bahnhof eine dieser blassen, runden Brezeln, die es nur hier gibt. Meist ist sie so trocken, dass mir schon der erste Bissen alles Wasser aus dem Mund zieht. Ich kaufe sie trotzdem immer wieder, denn dieses Gebäck gehört zu Krakau und gibt mir das Gefühl, ebenfalls zu dieser Stadt zu gehören.

Den Bahnhof verbindet eine Unterführung mit der Planty, dem Grüngürtel, der die Altstadt komplett umgibt. Krakaus Topografie ist einfach. Selbst ein orientierungsschwacher Mensch kann sich kaum verirren. Auf dem Stadtplan gleicht das Zentrum einer Birne. Der Einfachheit halber stelle ich es mir lieber kreisrund vor, wie einen Apfel. Den Kern bildet der Rynek, der Hauptplatz, und alle Straßen, die von ihm abgehen, führen in die Planty, die wiederum von einem weiteren Gürtel und im Süden von der Weichsel eingeschlossen wird. Mehr nicht. Das ist Krakau.

In der Planty stehen Bänke, und von einer erhebt sich gerade eine Greisin. Krakau muss eine schöne Stadt sein, um alt zu werden, denke ich. Nicht nur, weil sie so übersichtlich ist, sondern weil diese Stadt, bedingt durch ihr eigenes Alter,Würde und eine in sich ruhende Unantastbarkeit ausstrahlt. Eine schrille Stimme schreckt mich auf.

Eine Zigeunerin hält mir ein speckiges Kartenspiel vor die Brust. Sie ist viel zu warm angezogen, denke ich, während sie auf mich einredet. Für einen Moment hält sie inne. "Deutsch?", fragt sie dann und hebt beide Hände zum Himmel. "Bitte", fleht sie, "fünf Zloty." Ich gebe ihr das Geld, im Gegenzug zieht sie eine Karte. "Ah!", ruft sie - und was sie jetzt spricht, ist vielleicht Deutsch, doch die Silben, die aus ihrem Mund kommen, verstehe ich trotzdem nicht.

Nur zwei Wörter sind klar zu hören: "Viele Kinder!" Ihre Finger wollen mit dem Zählen überhaupt nicht aufhören, und während sie sich stürmisch auf den Busen klopft, mischt sich ein Passant ein. "Be careful", raunt er mir zu, und ich greife an meine Brusttasche.

"Marki, marki!", ruft die Zigeunerin mit einer neuen Karte in der Hand,und "Marki!", ruft sie mir hinterher.

In jeder Straße entdeckt man Neues

Mehrere Straßen führen von der Planty auf den Hauptplatz. Ich wähle sie nach dem Zufallsprinzip, und in jeder von ihnen entdecke ich stets Neues: mal eine zurückversetzte Barockkirche, mal ein altes Blumengeschäft zwischen modernen Boutiquen. Doch letztlich sind sie alle, egal ob Szewska-, Sawkowska-oder Grodzka-Straße nur Vorboten des Rynek. Dieser Platz ist schön, der schönste, den ich kenne, zu groß, um ihn mit einem Blick zu erfassen. Es ist, als würde sich erst hier der Vorhang heben, um die Bühne Krakau freizugeben.

Das einzige aus jeder Richtung sichtbare Bauwerk ist das im 13. Jahrhundert erbaute, aber immer wieder veränderte, hundert Meter lange Gebäude der Tuchhallen mitten auf dem Platz. Innen und außen verkaufen Händler polnische Volkskunst und Souvenirs. Laut ist es auf dem Rynek, als wollte die ganze Welt hier musizieren; und als würden sich hier alle vier Himmelsrichtungen auf die Füße treten, lässt der Rynek den Besucher jede Orientierung verlieren.

Wenn ich mir vorstelle, jemand hätte mich hierher gebracht und mir zuvor die Augen verbunden - ich würde den Rynek sehen und glauben, in Italien zu sein. Das Leben spielt draußen. Cafés und Restaurants säumen den Platz. Bauwerke aus Romanik, Gotik, Renaissance und Barock stehen in verwirrender Selbstverständlichkeit nebeneinander. Selbst ein Plattenbau ist ins Ensemble integriert, als würde er schon immer dazugehören.

In einem Café bestelle ich in meinem grässlichen Polnisch einen Kaffee und ein Wasser. In der langen Besatzungszeit Polens durch Preußen, Russen und Österreicher war die polnische Sprache nicht gern gehört. In dieser Zeit stiftete sie Einheit, war ein wichtiges Symbol für die geteilte Nation. Deshalb ist sie noch heute altertümlicher und komplizierter als andere slawische Sprachen.

Dies zu wissen, ist kein Trost, wenn man, wie ich, schon bei den einfachsten Wörtern - fern jeder grammatikalischen Konstruktion - glaubt, Backsteine im Mund zu mahlen. Dabei hat die Sprache etwas sehr Musikalisches. Selbst Konsonantenfolgen, die auf dem Papier unüberwindbar scheinen, zerfließen zu wohlklingenden Tönen, wie zu hören ist, wenn man die unverständlichen Gespräche an den Nachbartischen belauscht.

Nicht nur die Opulenz macht die Marienkirche aus

Von der Marienkirche, der zweiten großen Sehenswürdigkeit des Rynek, schallt stündlich das Signal des Turmbläsers. In diese Kirche gibt es zwei Eingänge; einer davon ist für die Gläubigen und umsonst. Hier wird, durch alle Generationen hindurch, mit einem Enthusiasmus gebetet, dass es mir unziemlich vorkommt, dazwischen zu stehen. Der andere Eingang führt direkt vor den spätgotischen Flügelaltar des Nürnberger Künstlers Veit Stoß. Er ist der größte Polyptychon des ausgehenden Mittelalters.

Doch diese Opulenz ist es nicht, die den Reiz des Kunstwerks ausmacht. Es ist das Lebendige der holzgeschnittenen Figuren. Keine einzige ähnelt einer anderen. Manche blicken mit einer Strenge, die den Betrachter zusammenschrecken lässt, andere mit einer Leidenschaft, als wollten sie ihm entgegenspringen, um bis ans Ende der Welt von ihrer Offenbarung zu berichten. Oder sie zeigen eine solche Güte, als sei selbst die größte Sünde nur ein Missverständnis.

Wahrscheinlich wollte der Künstler mit dieser Arbeit vor allem unseren Blick auf die Menschen schärfen. Und wirklich: Jedes Mal, wenn ich den Altar besichtigt habe, kommt es mir so vor, als ob die Stadt einen Schritt zurücktrete und ihre Bewohner in den Vordergrund rückten.

Durch die Abendsonne gehe ich hinauf zum Wawel, dem alten Königssitz. Die prächtige Schlossanlage erhebt sich direkt oberhalb der Weichsel. Die ganze Stadt lässt sich von hier überblicken. Der Wawel ist eines der wichtigsten Wahrzeichen Polens. Ringsum von Wehrmauern umgeben, hat er noch heute etwas von einer Stadt in der Stadt. Im Mittelalter lebten Beamte, Handwerker und Diener des Königshauses dort, wo sich jetzt der große, leere Platz vor der Kathedrale erstreckt.

Kathedrale und Schloss: aus jeder Winkel züngelt Geschichte

Vieles ist im Lauf der Jahrhunderte zerstört worden, doch die beiden wichtigsten Gebäude, die Kathedrale und das Schloss, sind dem Wawel erhalten geblieben. Ich liebe vor allem die Kathedrale. Der Bau wurde um 1020 errichtet und danach mehrmals umgebaut. Stilelemente der Romanik und Gotik, der Renaissance und des Barock sind miteinander verwoben. Es ist, als züngelten aus jedem Winkel Geschichten hervor.

Mehr als 500 Jahre regierten Polens Könige vom Wawel-Hügel aus das Land. Fast alle liegen in der Kathedrale begraben. Außerdem beherbergt sie 18 Kapellen aus verschiedenen Epochen. Eine der bekanntesten ist die Zygmunt-Kapelle, ein Meisterwerk toskanischer Renaissance.

Ein schmaler, dunkler Gang, so unauffällig, dass man ihn leicht übersieht, führt von der Kathedrale zum Schloss. Auf dem Arkadenhof angekommen, überraschen Helle und Weite. Alles ist strahlend weiß, im Stil der Renaissance angelegt und ein Beispiel perfekter Harmonie. Die Wände sind mit antiken Motiven geschmückt.

Im Zweiten Weltkrieg war der Wawel Sitz des nationalsozialistischen Generalgouverneurs Hans Frank. Als die Deutschen gegen Ende des Krieges abzogen, war die Altstadt komplett vermint und zur Sprengung freigegeben. Wie durch ein Wunder wurde sie gerettet.

Während ich die Stadt mit den Augen einatme, habe ich das Gefühl, mich selbst viel zu wichtig zu nehmen.

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