Krakau Boutique-Hotels in Polen

"Da drüben sitzt einer von ihnen." Danuta Barcik flüstert den Satz über den Tisch, als gebe sie eine ultrageheime Information preis. Wir sitzen im Café des Hotel Stary in Krakau. Der Mann, auf den Danuta Barcik mit einer kaum merklichen Bewegung ihres Kopfes deutet, ist einer der Likus-Brüder.

Wieslaw, Tadeusz und Leszek Likus sind in ihrer Heimat Polen berühmt und berüchtigt. Berüchtigt sind sie für Bau und Besitz exklusiver Boutiquehotels, berühmt dafür, die Öffentlichkeit zu scheuen. Wer etwas über die Erfolgsgeschichte der Krakauer Hotel-Familie erfahren möchte, muss mit dem Management sprechen. Also mit Danuta Barcik.

Es ist 10 Uhr morgens und Danuta Barcik hat einen ereignisreichen Tag vor sich. "Das Haus ist ausgebucht, alle 53 Zimmer", sagt die sympathische 34-Jährige. "Außerdem haben wir eine Delegation deutscher Regierungsbeamter hier, sie nutzen unsere Konferenzräume." An den Tischen im Café vernimmt man gedämpftes deutsches Gemurmel, die Beamten haben Zigarettenpause. Kleine Plastikschilder an der Brust weisen sie namentlich aus, links oben auf den Schildchen prangt das Wappen des Deutschen Bundestags.

Würden im Hotel Stary ebenfalls kleine Schilder angebracht sein mit Informationen über das Gebäude und seine Einrichtung, man käme aus dem Lesen nicht mehr heraus. Schon der Name kommt nicht von ungefähr: "stary" bedeutet "alt", und tatsächlich handelt es sich bei dem 2006 eröffneten 5-Sterne-Hotel um ein historisches Stadthaus, dessen Grundmauern aus dem 15. Jahrhundert stammen. Vom Spa-Bereich im Keller mit seiner mittelalterlichen Gewölbedecke bis zu den wunderschönen restaurierten Wandfresken in den Suiten atmet der Ort in der Szcepanska-Straße Nummer 5 Geschichte.

Dass man sich hinter den wuchtigen Mauern des Hotel Stary, nur einen Steinwurf entfernt von Krakaus historischem Marktplatz Rynek gelegen, trotzdem nicht fühlt, als sei man in der Zeit stecken geblieben, ist vor allem der Arbeit des jüngsten Likus-Bruders zu verdanken. "Die Brüder teilen die Arbeit unter sich auf", erklärt Danuta Barcik, nachdem sie ihre Capuccino-Tasse abgesetzt hat. "Wieslaw, der älteste, der dort drüben sitzt, kümmert sich um die geschäftliche Seite. Tadeusz ist Handwerker und kennt jedes Rohr, das durch dieses Haus läuft, und der Jüngste, Leszek, ist der Künstler. Er hat den historischen Räumlichkeiten ihren modernen Touch verpasst."

Mit eigens für das Hotel designtem Mobiliar, orientalischen Teppichen, edlen Vasen und Designerlampen brachte Leszek Likus auf den vier Etagen des Hotel Stary gekonnt alt und neu zueinander. 2007 erhielt das Haus den prestigeträchtigen "Prix Villégiature" für die beste Innenarchitektur eines Hotels in Europa. Es war das erste Mal, dass ein polnisches Hotel auf diesem Niveau ausgezeichnet wurde.

Im Eingangsbereich und in den Fluren des Stary bilden alte Ziegelmauern, rauer Zement und antike Säulen eine stimmige Einheit. In die großzügigen Zimmer flutet durch hohe gotische Fenster viel Licht, von dem allerdings ein Gutteil gierig geschluckt wird vom sattdunklen Holz des Mobiliars und dem des Fußbodens. "Das Holz stammt aus einer kleinen Fabrik nahe Krakau", erklärt Danuta beim Rundgang durch das Hotel. Weiter gereist ist der Marmor, der die Bäder veredelt, er wurde aus Brasilien und Italien angeliefert.

Expansionspläne für Warschau

Auf dem Weg hinauf zur Dachterrasse ein letzter Versuch. Frage: "Gibt es eigentlich einen Grund, weshalb die Likus-Brüder derart öffentlichkeitsscheu sind?" Antwort Danuta Barcik: "Sie sehen sich schlichtweg nicht als öffentliche Familie, sondern als Betreiber eines Familienbetriebs, und dabei soll es bleiben." Wir betreten die Dachterrasse. Die dort inszenierte Bar, neben dem Spa-Bereich im Keller und dem Michelin-gekrönten Restaurant "Trzy Rybki" ("Drei Fische") der Stolz des Hotels. Von hier aus öffnet sich der Blick auf den Rynek, den größten Marktplatz Europas, von dem auch die Florianska-Straße abgeht. Dort steht das erste Hotel der Likus-Brüder, das Pod Róza.

Mit der Eröffnung des Pod Róza begann 1997 die Erfolgsgeschichte der drei Brüder in Polen. Dem ältesten Bruder Wieslaw, soviel immerhin ist bekannt, war es im streng sozialistischen Polen der 1970er und 1980er Jahren gelungen, einen Pass mit Arbeitsgenehmigung fürs Ausland zu ergattern. Unter anderem arbeitete er in Westdeutschland für die Computerfirma IBM und auch im fernen Osten. Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs kehrte Wieslaw mit den Ersparnissen nach Polen zurück. Nachdem er und seine Brüder zunächst in der polnischen Tabak-Industrie investiert hatten, folgten sie schließlich ihrer Leidenschaft für das Wiederherstellen und Erhalten historischer Gebäude und konzipierten exklusive Hotels, Restaurants und Boutiquen.

Heute besitzen die Likus-Brüder in Krakau neben dem Hotel Stary und dem Pod Róza das Copernicus, ein Gebäude, in dem einst Nikolaus Kopernikus lebte. Direkt am Marktplatz findet sich zudem das "Rynek 13", eine exklusive Einkaufspassage nach dem Vorbild luxuriöser Shopping-Center in New York und Mailand. Im typischen Likus-Stil vereinigen sich hier ein Renaissance-Treppenhaus und gotische Gewölbedecken mit Glas, Zement und Stahl zu einem erhabenen Einkaufserlebnis. Zwei Boutique-Hotels in Kattowitz und Breslau vervollständigen das Luxus-Portfolio der Likus-Brüder.

Zumindest für den Augenblick, denn in gut einem Jahr ist mit einer weiteren, spektakulären Eröffnung zu rechnen: The Likus Brothers go Warsaw. In der polnischen Hauptstadt gibt es aktuell lediglich zwei Boutique-Hotels, nicht viel für eine 1,7-Millionen-Einwohner-Metropole. Das wird sich ändern, den perfekten Ort haben die Brüder bereits erworben. An Sylvester 2009 erwarben sie das Prudential-Gebäude. Das Bauwerk am Plac Powstaców Warszawy (Platz des Warschauer Aufstands) wurde von 1931 bis 1934 im Art-Déco-Stil errichtet und war damals das höchste Gebäude in Europa. Es birgt eine Menge Geschichte in seinen Mauern, der ideale Ort für ein neues Likus-Hotel also.

Autor:
Nico Cramer