Slowenien Die Städte Piran, Izola, Koper

Die Romantische: Piran

Wer Piran verstehen will, muss zuhören können: dem Meer, das an windigen Tagen so hoch über die Kaimauer spritzt, dass Muscheln auf den Hotelbalkonen landen. Dem Hall der Schritte in den engen Höfen und Gassen. Dem vielstimmigen Plätschern und Gurgeln in den Regenrinnen. Und er muss die Salzluft einatmen, bis der Boden unter den Füßen zu schwanken beginnt, als wär er ein Schiffsdeck.

Gar nicht so abwegig. Denn wo heute die Marmorplatten des Tartini-Platzes liegen, war früher das Hafenbecken. Und wenn es stürmt, steht das Adriawasser hier knöchelhoch, als wär's ein Stück vom venezianischen "Acqua Alta". Kein Zufall: Vom 13. bis ins 18. Jahrhundert gehörte Piran, genau wie seine Schwesterstädte Izola und Koper, zur Republik Venedig. 1797 kamen die Habsburger an die Macht. Sie schütteten das veralgte Becken zu, verlegten den Hafen ein paar Meter weiter und errichteten Regierungsbauten rund um den Platz.

Auch an die Venezianer erinnert manches: Auf dem Altstadthügel thront der Turm der Georgskirche wie eine Miniaturausgabe des Campanile vom Markusplatz. In den Gassen leuchten die Palazzi ochsenblutrot und adriablau, dekoriert mit Spitzbogenfenstern und geflügelten Steinlöwen. "Beneanka" (Venezianerin) heißt der berühmteste von ihnen.

Ein Kaufmann aus Venedig soll ihn für seine Geliebte gebaut haben, und die Liaison sorgte für Tratsch. "Lasst sie doch reden", sprach der Bauherr - diese Worte im venezianischen Dialekt stehen bis heute an der Fassade. Das dachte sich wohl auch der Geiger Giuseppe Tartini, der etwa 300 Jahre später gleich nebenan zur Welt kam. Seit mehr als hundert Jahren hält seine Bronzestatue Wind und Wetter stand, das Instrument hat er trotzig hinter dem Rücken versteckt. Eines Tages wird er darauf wieder seine Teufelstriller- Sonate spielen, so die Legende - aber erst, wenn in der Kirche es heiligen Georg eine Jungfrau ihr Ja-Wort gibt. Aber Liebe vor der Ehe scheinen auch die jungen katholischen Sloweninnen zu lieben.

Im Sommer ist die Landzunge mit der Altstadt von Badelustigen belebt - dann verwandelt sich die graue Asphaltpromenade in einen bunten Strand, liegen die Menschen auf Luftmatratzen, Handtüchern und Liegestühlen - das Gesicht zur kühlenden Adria gewandt. Gegen Abend lockt das nahe Franziskanerkloster Romantiker an: Konzerte bringen den Kreuzgang zum Klingen, die tief stehende Sonne taucht das Gemäuer in ein Licht wie auf den Bildern alter Meister. Auch die Kaffeehäuser Pirans können sich sehen lassen - Habsburg lässt grüßen. Im "Tartini" sitzen alte Herren bei der Zeitungslektüre, während auf einem Drehteller ein einsames Stück Sahnetorte seine Kreise zieht. Wenn es kälter wird, geht man in die schicke "Café Bar Neptun" und nippt am Caipirinha - Hochsee-Feeling inklusive.

Später zurück ins Hotel, die Empfangsdame trägt ein blaues Kostüm, in dem sie ausschaut wie die Hostess eines Luxusliners. Wer weiß - vielleicht segelt die Stadt tatsächlich über Nacht davon. Einmal nach Venedig und zurück.

Die Geheimnisvolle: Koper

Beginnt ein Märchen mit den Worten "Es waren einmal drei Schwestern", dann weiß man gleich: Eine ist anders als die anderen. Scheu, geheimnisvoll - aber mit einer besonderen Gabe. Diese andere Schwester ist Koper: auf den ersten Blick eine gesichtslose Industriestadt. Auf den zweiten Blick eine magische Zeitmaschine.

Der zentrale Platz in der weitgehend verkehrsberuhigten Altstadt heißt "Titov trg" wie zu Zeiten des früheren Staatsgründers - mittlerweile eine exotische Ausnahme in Ex-Jugoslawien. Doch damit fängt die Zeitreise erst an. Der Tito-Platz ist ein steinernes Bilderbuch, die Fassaden mit ihren Fresken und Inschriften erzählen Geschichten von weltlicher Macht und geistlicher Autorität. Noch liegen einige der Gebäude im Dornröschenschlaf, mit zerbrochenen Fensterscheiben und rieselndem Putz, doch schon bald soll es hier wieder aussehen wie zu vergangenen Glanzzeiten. Der Prätorenpalast überrascht mit einer ungewöhnlichen Zinnenkrone und seiner zweigeteilten Fassade, in der Gotik begonnen und in der Renaissance zu Ende gebracht. Das schönste Gebäude Kopers wurde erst kürzlich fertig renoviert; ins ehemalige Gästehaus der Ratsherren ("Foresteria") und in die Waffenkammer ("Armeria") sollen in ein, zwei Jahren Fakultäten der jüngst gegründeten Universität einziehen. Gegenüber liegt die Domkirche, die im Lauf der Jahrhunderte immer größer und wuchtiger ausgebaut wurde.

Bis sie den romanischen Wehrturm auf dem Platz erreichte und kurzerhand schluckte: Er macht sich jetzt hervorragend als Glockenturm. Wer hinaufsteigt, wird mit einem herrlichen Blick über die Altstadt belohnt. "Koper hat eine Seele", sagt Diana, Ethnologiestudentin mit tomatenrot gefärbten Haaren.

Die Vorlesungspausen verbringt sie am liebsten auf der überdachten Prachtterrasse des "Café Loggia". Im 15. Jahrhundert trafen sich hier die Stadtoberhäupter aus dem Prätorenpalast mit Würdenträgern im Ruhestand und beratschlagten: Sollte man die Flotte erweitern, Fisch nach Genua verkaufen, nach Rom pilgern? Zu Zeiten der Habsburger wurde die Loggia ein Kaffeehaus, hier dachte der französische Dichter Stendhal über neue Romanfiguren nach. Liegt auch nahe: Der Platz ist die perfekte Open-Air-Bühne und seit 500 Jahren steht auf dem Spielplan: das Leben. Kleinkinder jagen nach Tauben, Adria-Schönheiten präsentieren ihren gepiercten Nabel.

Kämen plötzlich zwei venezianische Würdenträger in raschelnden Gewändern um die Ecke, es würde nicht verwundern. "Hier kann ich mir am besten vorstellen, wie es im 15. Jahrhundert ausgesehen hat", sagt Diana. Zu einem Koper-Bummel gehört auch ein Abstecher zur Kellerei "Vinakoper". In der Probierstube mit den langen Holzbänken tischt die Verkäuferin Brot und luftgetrockneten Schinken auf, dazu den weißen Cuvée "Plemenito Belo", der nach Birnen und Honig schmeckt. Danach ein Glas vom roten "Refosk". Auf den ersten Schluck staubtrocken. Auf den zweiten mit einem durchdringenden Aroma von Kirschen und Waldfrüchten. Manchmal lohnt es sich, genauer hinzuschauen. Das gilt nicht nur für Wein.

Die Quirlige: Izola

Der Mann hat Mut: "Ich interessiere mich für die hässlichen Seiten des Lebens", sagt Milan Obradovi. Mitten in der Altstadt malt der Künstler expressionistisch angehauchte Bilder von hässlichen Huren und rotgesichtigen Säufern - nicht sehr souvenirtauglich. Das ebenerdige Atelier hat er für den symbolischen Preis von einem Tolar pro Jahr von der Stadt gemietet. Seit 1998 sind 18 Glasbläser und Töpferinnen, Lithographen und Schmuckbastler in die leer stehenden ehemaligen Metzgereien, Schusterläden und Bäckereien gezogen. "Eine Atmosphäre wie auf dem Montmartre", freut sich der Mittfünfziger mit den dunklen Picasso-Augen.

Gar nicht einfach, in einer solch malerischen Umgebung Bilder zu konzipieren. Die aussehen, als hätte George Grosz mit einem schlecht gelaunten Marc Chagall eine Flasche Absinth gekippt. Izola ist eine Postkartenschönheit, mit mittelalterlichen Kirchtürmen und venezianischen Palazzi. Im Yachthafen dümpeln aufgemotzte Wasserspielzeuge aus aller Welt neben Fischerbooten mit Außenbordmotor, tanzen Sonnenkringel auf den Wellen. Nur das Promenadenrestaurant "Parangal" schaut aus, als sei die Tito-Zeit stehen geblieben: Stühle mit orangefarbener Plastikbespannung, ein Leuchtkasten mit Fotos von Pommes mit frittierten Calamari. Doch der verstaubte Eindruck täuscht: Die Seezungen sind so frisch, dass sie beinahe vom Teller schwimmen.

Künstler und Bohemiens auf Zeit treffen sich im "Café Manzioli" in der Altstadt. Man trinkt Espresso aus blauweißen Tässchen, lümmelt in Korbstühlen und beobachtet das Treiben auf dem Platz. Laute Stimmen, lebhafte Gesten - die Küstenbewohner gelten als "Italiener Sloweniens". Von hier aus kann man sich wunderbar durch die Altstadtgassen treiben lassen, vorbei an Palazzi mit bröckelndem Putz und kleinen Bars, in denen es nach Kaffee, Knoblauch und Reinigungsmittel riecht. Das schönste Gebäude ist der "Palais Besenghi degli Ughi" mit seiner verschnörkelten Barockfassade und den schmiedeeisernen Fenstergittern. In den nächsten Jahren soll er irgendwann für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden - ein Traum für Bücherfreunde: Im Inneren lagert eine 3000 Bände umfassende Prachtbibliothek.

Daneben windet sich eine Gasse mit Moos überwuchertem Kopfsteinpflaster hinauf zur Pfarrkirche St. Maurus ("Cerkev Sv. Mavricij"), die ein wenig groß geraten ist für das Fischerstädtchen - vermutlich aus Dankbarkeit. Und auch aus Schadenfreude: Als eine Flotte aus Genua im 16. Jahrhundert die Stadt angriff, kam der Wetter-Heilige den Bewohnern mit einem dicken Nebel zu Hilfe - so die Legende. Die Genueser konnten nichts mehr sehen, segelten weiter und griffen Piran an. Gemein. Aber weil die Leute von Izola immer ein bisschen neidisch waren auf ihre reichen Nachbarn, fanden sie das ganz in Ordnung und bauten St. Maurus zum Dank eine Kathedrale.

Auf dem Vorplatz mit den Kastanienbäumen trifft sich sonntags nach der Messe "tout Izola": Großmütter geschmückt mit ihren besten Kopftüchern, junge Mütter, die mit dem hübschen Priester artig plauschen, ein typisch mediterranes Bild. Und plötzlich sind da wieder die Gemälde von Milan Obradovi im Kopf: War da nicht ein Kirchturm im Hintergrund? Spielt da nicht ein Geiger ein Lied? Und sitzt nicht mittendrin ein bärtiger Mann mit Picasso-Augen und porträtiert eine schöne Nackte? Kein Zweifel, Izola färbt ab.

Autor:
Verena Carl