Kopenhagen Tivoli im Stadtzentrum

Was haben sie nur, was wir nicht haben? Warum wirken Dänen so entspannt? Vieles, was uns schwer fällt, scheint ihnen leicht von der Hand zu gehen. Die Organisation des Sozialstaats? Kein Problem. Weltschmerz und Katastrophenstimmungen? Nicht in Margrethes Reich. Dänen beherrschen die Kunst, erwachsen zu sein, ohne sich jemals von ihrer Kindheit verabschiedet zu haben. Kindheit ist doch etwas Schönes, warum also damit aufhören?

Es gibt kein anschaulicheres Beispiel für die dänische Mentalität als das in Kopenhagen: Dänemark in der Nussschale von 82.717 Quadratmetern, eine heitere, verspielte Welt, mitten in der Hauptstadt, dort wo der Nationalstolz sitzt, ein rätselhaftes, märchenhaftes Stadtzentrum aus Rosenduft, Marschmusik und Zuckerwatte, königliches Vergnügen für alle.

Das Tivoli ist Dänemarks Lebensmittelpunkt. Mehr als vier Millionen Besucher strömen pro Jahr an diesen Ort, viel für ein Land, das rund fünf Millionen Einwohner zählt. Wenn es einen Grund zum Feiern gibt, zieht es die Dänen in ihren Park. Ob Geburtstage, Hochzeiten, Jubiläen oder Geschäftsabschlüsse - Gründe finden sich immer. Königin Margrethe feierte im Tivoli ihren 60. Geburtstag, Enkel Prinz Nikolai seinen zweiten Geburtstag. Besonders hoch geht die Stimmung zum Mittsommernachtsabend Sankt Hans aften oder zur Jahreswende, wenn nur die Restaurants geöffnet sind.

Ein Tag im Sommer. Großfamilien schwärmen aus, Manager meeten Manager zum Power-Lunch; Inseldänen, Festlandsdänen, Auslandsdänen laden ihren seelischen Akku auf. Alte Damen erblühen im Rosengarten, junges Volk trifft sich zum Abhängen und Anbaggern am Goldenen Turm. Das Tivoli mischt die Dänen auf. "Dragen" schüttelt sie durch, "Monsunen" verwirbelt sie im Up-and-down, "Dæmonen" dreht sie in furioser Achterbahnfahrt durch die Mangel.

Drei von 23 Attraktionen sind für Kinder unter 140 Zentimetern nicht erlaubt, fünf unterliegen gesundheitlichen Restriktionen: Schwangere, Personen mit Bluthochdruck, Halswirbelproblemen oder Herzschrittmachern sollten auf eine Fahrt verzichten. Aber es sind ohnehin nicht die rasanten Hightech-Fahrgeschäfte, die den besonderen Charme des Tivoli ausmachen; für Adrenalinjunkies bieten Münchner Oktoberfest, Hamburger Dom oder Disneyland sicher mehr. Es sind die beschaulichen, herrlich altmodischen Attraktionen wie das gute alte Karussell, das Musiktheater, die Clowns und Pantomimen, die für typisches Tivoli-Flair sorgen.

Das Volk soll sich amüsieren, aber nicht politisieren

Das Konzept hat sich seit 1843 nicht verändert. Gründer des Tivoli war Georg Carstensen (1812-1857), Sohn eines Diplomaten und Leutnant der königlichen Garde, nebenher Partylöwe, inszenierender Lebenskünstler und praktizierender Phantast. Er trank vom Champagner stets nur das erste Glas aus der Flasche, den Rest fand er nicht so prickelnd.

Er gab mehrere Zeitungen heraus und veranstaltete für die Abonnenten seiner Blätter rauschende Feste, die stets mit einem Feuerwerk endeten. Aber warum mussten sie überhaupt zu Ende gehen? Er kam auf die Idee, ein Stück Italien nach Kopenhagen zu holen: Tivoli, ein zauberhafter Ort bei Rom und zu Beginn des 19. Jahrhunderts Traumziel romantischer Italiensehnsucht. Das Idyll regte zur Nachahmung an. Schon 1810 wurde in Paris ein Tivoli als Vergnügungspark gegründet. Nun überredete Partykönig Carstensen den dänischen König Christian VIII., auch für Kopenhagen ein Tivoli zu genehmigen. Keine schlechte Idee, fand der König, in schwierigen Zeiten: "Es wird nicht politisiert, wenn sich das Volk amüsiert."

Und so entschwand alle Unruhe in einem Märchen aus Tausendundeiner Nacht mit einem Pferdekarussell, einer Achterbahn und Brillantfeuerwerk. Der Park wurde 1843 am Stadtgraben außerhalb der Stadtbefestigungen errichtet. Einzige Auflage: Im Kriegsfalle sollten alle Bauten sofort entfernt werden können, was Leichtbauweise nahe legte. Der Krieg kam, allerdings icht bis an die Mauern der Stadt. Gardeleutnant Carstensen zog 1848 im ersten Dänisch-Schleswigschen Krieg an die Front. Weil er versäumt hatte, den Fünfjahresvertrag für das Tivoli zu verlängern, setzten seine Geschäftspartner ihn vor die Tür.

Der Leutnant suchte ein neues Einsatzgebiet, diente in den dänischen Kolonien in der Karibik (heute US Virgin Islands), bevor er sich mit dem Architekten Carl Gildemeister zusammentat, um in London einen Kristall-Palast für die Weltausstellung 1851 zu bauen. Der Verlust des Tivoli ließ ihn jedoch nicht ruhen. Er kam zurück nach Kopenhagen, gründete ein Konkurrenzunternehmen in Frederiksberg, das er "Alhambra" nannte. Dass hier zum ersten Mal Revuegirls in Dänemark die Beine schwangen, konnte den Bankrott nicht verhindern. Carstensen starb 1857 im Alter von 44 Jahren. Hans Christian Andersen sah ihn als verirrten, heimatlosen Vogel, "Dein Herz ist warm, du hast ein kindliches Gemüt. Wer hält wie du den Zauberstab der Freude?", schrieb er über den Freund. Der Dichter ließ sich oft im Tivoli inspirieren. Hier kam ihm die Idee zum Märchen "Die Nachtigall". Kopenhagen wuchs bald über seine befestigten Stadtgrenzen hinaus, das "Tivoli" rückte in die Mitte, liegt heute direkt zwischen Rathaus und Hauptbahnhof und stilistisch irgendwo hinter Indien - neobarocker Budenzauber im China-Look mit Glaspalästen und maurischen Akzenten.

Im Zweiten Weltkrieg wurde das Tivoli zum Angriffsziel. Die deutsche Besatzungsmacht sprengte große Bereiche des Parks in die Luft, als Vergeltung für Aktionen der dänischen Widerstandsbewegung. Die Nazis wussten, wo sie die Dänen am empfindlichsten treffen würden. Das Tivoli war und blieb eine nationale Institution. Walt Disney hatte es in den fünfziger Jahren mehrmals besucht und holte sich Anregungen für sein Disneyland. Die hunderttausendfache Illumination von Bauten und Bäumen war Vorbild für die "Tivoli Lights", mit denen die New Yorker Park Avenue ihre Besucher auf die Weihnachtszeit einstimmt. Aber auch das komplette Tivoli ist ein Exportartikel. Im japanischen Kurashiki entstand eine fast identische Kopie des Parks. Doch das Original sollte nicht in fremden Besitz gelangen. Als die Carlsberg A/S 1997 den Park zum Verkauf anbot, brachte ein spontan gegründeter Förderverein so viel Geld zusammen, dass das nationale Symbol in dänischem Besitz blieb.

Heute ist das Tivoli Dänemarks Touristenattraktion Nummer eins, in Europa rangiert es auf Platz drei der Vergnügungsparks, verschwenderisch in Farbe und Phantasie, sparsam im Verbrauch. Das Tivoli ist nach Umweltnormen zertifiziert. 30.000 Birnen (fünf und 15 Watt) werden pro Jahr ausgewechselt, Mehrwegbecher für Getränke im Schnitt fünfmal genutzt, und das Wasser in Springbrunnen, Ziergärten und Flüssen zirkuliert im geschlossenen Kreislauf. Das Tivoli ist eine nationale Institution des Entertainments, mit drei Freilichtbühnen, Kinder- und Pantomimentheater, Kabarett und Konzertsaal. Königin Margrethe II. entwarf Bühnenbilder und Kostüme für die Pantomimen, die Beach Boys, Phil Collins und Sting traten im "Plænen", der größten Freilichtbühne des Tivoli auf; zum Copenhagen Jazz Festival kamen Ray Charles und Dianne Reeves, Natalie Cole und Tony Bennett.

Im Konzertsaal gastierten Anne-Sophie Mutter und Nigel Kennedy. Typisch Tivoli: Die "Nussknacker-Suite" wird klassisch aufgeführt und als HipHop-Version. Das Spektrum umfasst alle Farben des Entertainments. Gleiches gilt für die Gastronomie. Das Tivoli zählt 38 Restaurants und Cafés. Von der Imbissbude bis zum Top-Restaurant ist alles vertreten, die Luxusbrasserie Café Ketchup gilt als Szenetreff, das "A Hereford Beefstouw" ist als Steakhouse auch von außen zugänglich. Im "La Crevette" wird gern Schellfisch serviert und im bayerischen "Edelweiß" gibt es Bratwurst und Fadøl, der halbe Liter kostet 59 Kronen, knapp acht Euro. Ob Imbiss oder Restaurant, es gibt in Dänemark stets drei Möglichkeiten: teuer, sehr teuer oder sauteuer. Billig ist nichts, schon gar nicht im "The Paul", 2003 im gläsernen Saal der ehemaligen Konditorei eröffnet. Das Restaurant hat einen Michelin-Stern, Startgeld für ein Menü: 600 Kronen (80 Euro) pro Person.

Im hinteren Teil des Parks zwitschern die Einnahmequellen. Im Tivoli Jackpot, einem der großen Casinos Dänemarks, schlucken Spielautomaten in vollelektronischem Gleichmut das Kleingeld der Besucher. Am Eingang zielen junge Fighter vor computeranimierten Kriegsspielen mit der Pumpgun auf bewegte Ziele. Bei jedem Schuss explodiert ein Mensch. Ein paar hundert Meter weiter sitzen Dänen aller Generationen und Milieus im Freien. Kinder und Greise, Punks, Büromenschen und muslimische Einwanderer warten, dass der prächtige Pfau vor der Bühne des historischen Pantomimentheaters im Bühnenboden verschwindet und das Orchester sein Spiel beginnt. Auf der Bühne bewegen sich die Figuren der klassischen Commedia dell' Arte, purzeln Columbine, Pierrot und Harlekin vor liebevoll hingetuschten Kulissen durch eine Handlung ohne Worte. Komisch, altmodisch, ohne elektronische Verstärkung. Kinder, ist das schön.

Autor:
Emanuel Eckardt