Kopenhagen Muntere Metropole am Øresund

Was haben Königin Margrethe, das Tivoli und das Smørrebrød von Ida Davidsen gemeinsam? Was verbindet Hans Christian Andersen mit Arne Jacobsens "Ei" und dem unwiderstehlich zuckersüßen Kransekage? Sie verkörpern das Beste von Dänemark und speziell von Kopenhagen. Deshalb stehen sie auf der Liste der "Dansk Top 50", die ein britisches Designmagazin präsentierte. Andere finden die Quintessenz von Kopenhagen in der Kleinen Meerjungfrau, wieder andere vielleicht im Pølsevogn, dem allgegenwärtigen Würstchenwagen, der nach Betriebsschluss von seinen Inhabern von Hand durch die Straßen gezogen wird.

Sollte ich ein Ding nennen, in dem der Kopenhagener Alltag ganz enthalten ist, dann wäre das ein Fahrrad - das Christiania Bike. So heißen die praktischen, aber auch ziemlich teuren und schwergängigen Räder, deren Name die Herkunft aus dem autonomen Freistaat Christiania verrät. Seit dessen Gründung Anfang der siebziger Jahre baut man dort Fahrräder, aber der große Erfolg kam erst mit diesem Bike, einem Transportdreirad, das vorne eine Ladefläche in Gestalt eines robusten Holzkastens besitzt, in dem leicht zwei oder, wenn sie ein bisschen zusammenrücken, auch drei Kinder Platz finden. Hundertprozentig verkehrssicher mag diese Transport weise nicht sein, aber das hat dem Nimbus des Christiania Bike nicht geschadet. Inzwischen verkauft es sich in alle Welt, doch nur in Kopenhagen ist es zu einem derart unentbehrlichen Requisit geworden.

Fahrrad als Statussymbol - die Dänen zeigen ungern ihren Reichtum

Ein Fahrrad als Statussymbol, das passt zu einer Stadt, in der soziale Unterschiede eher verborgen bleiben. Wer durch Besitz und Stellung prahlt, wer sich über die anderen erhebt, der ist keiner von uns, so heißt die zentrale Botschaft des Jantelov, des Jante-Gesetzes, der zehn Gebote des dänischen sozialen Lebens. Der Schriftsteller Aksel Sandemose hat sie Anfang der dreißiger Jahre für eine fiktive dänische Kleinstadt namens Jante formuliert, und zwar in satirischer Absicht. Viele meinen, die Zeit des kollektiven Bescheidenheitsgebots sei abgelaufen, aber das stimmt nicht ganz. Bis heute lässt sich die Geltung des Jantelov beobachten, gerade in Kopenhagen.Wer sich mit Gütern und Gesten über seinen Nachbarn erhebt, der macht sich unbeliebt. Egalität heißt das Prinzip, das die dänische Gesellschaft im Innersten zusammenhält. Wenn Gleichheit das soziale Leben prägt, entfalten wirklicher Rang und Reichtum erst recht ihre Faszination. Das zeigte sich kürzlich wieder, als Mærsk Mc-Kinney Møller der Stadt ein Opernhaus schenkte. Der 92-jährige Reeder, Chef von Europas wohl größtem Transportunternehmen, hat Kopenhagen ein Geschenk gemacht, für das er tief in die Schatulle des firmeneigenen Wohltätigkeitsfonds griff.

Jetzt steht ein etwas bullig geratenes Opernhaus auf der Dockinsel im Kopenhagener Hafengebiet und fügt sich mit Schloss Amalienborg, dem Sitz der Königin, und der kolossalen Marmorkirche zu einer altneuen Magistrale aus Geld, Macht und Tradition. Die Kopenhagener haben das Präsent mit gemischten Gefühlen aufgenommen. Hatte sich der greise Mäzen mit einem Geschenk nicht allzu sehr in den Vordergrund geschoben? Dem reichen Herrn Møller ist persönliche Prunkentfaltung verhasst. Nichts möchte er lieber sein als der erste Diener seiner Königin. Doch seine Bescheidenheit stellt er mit Stolz zur Schau.

Ein Leben ohne Kinder kann man sich in Kopenhagen nur schwer vorstellen

Auf einem Christiania Bike kann man sich ihn nur schwer vorstellen. Wenn mir das Christiania Bike als ein Kopenhagener Statussymbol erscheint, dann auch deshalb, weil man sich mit ihm nicht unterscheidet, sondern weil man seinen Gebrauch mit vielen teilt. Robust und gediegen, praktisch und umweltfreundlich wie es ist, steht das Transportrad für einen urbanen, post-alternativen Lebensstil. Im Christiania Bike kommt der alte Nonkonformismus ebenso zum Ausdruck wie das neue Wohlgefühl, das sich in Kopenhagen seit Mitte der neunziger Jahre ausgebreitet hat. Vor allem aber heißt die Botschaft des Bike: Ich habe eine Familie und trete für sie gern in die Pedale.

Ohne Kinder kann man sich in Kopenhagen das gute Leben gar nicht vorstellen. Wer keine Kinder hat, fühlt sich hier ein bisschen fehl am Platz. Auch wer Kinder hat und ihretwegen auf den Beruf verzichtet, passt nicht ganz hierher. Die jungen Väter und Mütter, die uns morgens mit ihren Bikes begegnen, vereinen Beruf und Familie aufs Selbstverständlichste.

Eine vernünftige Sozialpolitik und der eingefleischte Pragmatismus der Dänen sorgen dafür, dass vieles funktioniert, was anderswo ein Problem wäre. Zur ganzen Wahrheit gehört allerdings auch, dass in Kopenhagen, dem notorisch teuren Pflaster, mit nur einem Gehalt allein die Familie kaum zu ernähren ist.

Entspannt, lebensfroh und munter - je nach Jahreszeit ausgeprägt

Beneidenswert entspannt wirken die Kopenhagener, lebensfroh und konsumfreudig, arbeitsam, aber nicht arbeitswütig, von kaufmännischem Geist geprägt, aber der Ökonomie nicht völlig ergeben. Nur ungern nimmt deshalb in Thomas Manns "Tonio Kröger" der Held Abschied von Kopenhagen, der "munteren Stadt". Munter ist Kopenhagen bis heute geblieben, wohl auch, weil die Stadt, weitgehend verschont von Kriegszerstörungen und rabiater Modernisierung, sich treuer geblieben ist als de meisten europäischen Städte. Dabei hängt der Grad der Munterkeit aber doch stark von der Jahreszeit ab. Winter-Kopenhagen ist eine ganz andere Stadt als Sommer-Kopenhagen. Nicht dass es im Winter keine Vergnügungen gäbe: Das Tivoli öffnet in der Adventszeit seine Tore für Schlittschuhlauf,Weihnachtsmarkt und Gløgg, den skandinavischen Punsch, und in den altertümlichen Kellerlokalen der Stadt sitzt man zur Vorweihnachtszeit dicht an dicht zur Julefrokost, dem üppigen Mahl mit viel Bier und Schnaps. Aber der Winter dauert zu lange. Zwar sind die Kopenhagener Meister in der Kunst, mit Kerzenlicht und Lampenschein "Hygge", die erzdänische Behaglichkeit, zu erzeugen. Aber erst im Frühsommer erwacht das Leben hier zu seiner wahren Bestimmung.

Wenn dann die Abiturienten am Schulentlassungstag auf offenen Lkw, die Carlsberg-Flasche in der Hand und die Studentenmütze auf dem Kopf, singend durch die Straßen paradieren; wenn sangesfrohe Rentner in ihrem "Kolonihave", dem Schrebergarten, den Dannebrog hissen, wenn zwischen den Gräbern auf dem Friedhof Assistens Kirkegård die Picknickkörbe ausgepackt werden, dann ist Kopenhagens glücklichste Jahreszeit gekommen. Kopenhagener lassen auf ihre Stadt nichts kommen. Man kann sie verstehen. Kopenhagen besticht nicht durch Superlative, sondern durch ein menschliches Maß, durch die Kunst der Proportion. Ein Geist nobler Schlichtheit gibt ihm das Gepräge.

Die Randgebiete der Stadt erfinden sich neu

Nach dem englischen Bombardement von 1807 ist sie im Goldenen Zeitalter beinahe aus einem Guss wieder erstanden. Dabei hat die Stadt nichts Museales. An ihren Rändern ist sie gerade dabei, sich noch einmal neu zu erfinden. Mit der futuristischen Ørestad, mit dem Brückenschlag nach Malmö und der Vision von einer grenzüberschreitenden Øresund-Region, mit einer groß angelegten Umgestaltung des Hafengebiets und mit Aufsehen erregenden Kulturbauten wie der neuen Königlichen Bibliothek (dem "Schwarzen Diamanten") oder eben mit dem neuen Opernhaus, Henning Larsens Auftragsarbeit für den Reeder Møller. Sogar eine Metro schießt neuerdings durch den Untergrund, nicht die erste und nicht die größte auf der Welt, aber dafür ein Meisterstück der Formgebung bis ins Detail. Die Stadt boomt, sie schaut nach vorn, aber zugleich erscheint sie uns wie eine uneinnehmbare Bastion des Hergebrachten. Wie gut, dass sich daran so schnell nichts ändern wird.

Wussten Sie, dass Kopenhagen eine der umweltfreundlichsten Städte Europas ist? Unsere Tipps für klimafreundiche Hotels, Cafés und Restaurants finden Sie hier.

Autor:
Christoph Bartmann