Dänemark Mit dem Fahrrad durch Kopenhagen

Eigentlich sollte es ein ganz normaler Kurzurlaub in Kopenhagen werden. Ein verlängertes Wochenende mit Frau und Kind, ohne viel Aufregung. Doch die Lokführer haben genau so lange gestreikt, dass unser Direktzug von Hamburg in die dänische Hauptstadt gerade noch ausfiel. David, 3,5 Jahre alt, nahm es erstaunlich gelassen, dass er jetzt doch nicht mit der Eisenbahn, sondern mit dem geliehenen Auto aufs Fährschiff gefahren werde. Und weil sowieso schon alles anders lief als geplant, haben wir auch gleich entschieden, uns vor Ort anders als sonst fortzubewegen. Wir wollten Kopenhagen mit einem Lastenrad anzuschauen. Immerhin wurden hier in den Achtzigern die Christiana Bikes erfunden!

Radwege in Kopenhagen
Katja Morgenthaler
Freie Fahrt auf zwei Rädern: Die Radwege sind breit und überall
Nur fanden wir leider kein schnittiges Lastenrad. Dafür vermietete uns ein Händler ein sogenanntes "Family Bike", eine Art Fahrradrikscha, groß, breit, klobig – und tatsächlich mit Platz für die ganze Familie. "It’s like a moving couch", sagte der Typ im Fahrradladen: Einer radelt, zwei lehnen sich zurück. Wir fahren los, die zwei vorne finden es großartig, ich weniger. Noch habe ich die goldenen Regel eines solchen Gefährts nicht begriffen: Mach den ersten Gang rein. Hab Mut zur Langsamkeit. Und überleg dir wie ein Autofahrer im voraus, wohin du fahren willst. Schnell mal links abbiegen ist nicht! Doch mit der Zeit macht es richtig Spaß. Die Sonne strahlt, wir gleiten leise und in gemütlichem Tempo an den Ufern entlang, machen einen Zwischenstopp auf dem Schlossplatz der Amalienburg, grüßen die kleine Meerjungfrau. David ist gut gelaunt, mal schleckt er unterwegs ein Eis, mal schaut er sich die Leute oder die Häuser an, mal blickt er dösend in den Himmel.

Spur für Linksabbieger in Amsterdam
Katja Morgenthaler
Geht doch: Eine eigene Spur für Linksabbieger ordnet hier den Radverkehr
In Hamburg wären wir mit dem Ding keinen Meter weit gefahren: Fluchende Passanten und zu wenig Platz auf dem Gehweg, hupende Autofahrer und zu wenig Platz auf der Straße. Bei Hamburger Radwegen denke ich an Offroadpisten mit Baumwurzeln, die durch den Asphalt brechen, an schmale Spuren, die sich im Nichts auflösen oder sowieso meistens als Parkplätze dienen. In Kopenhagen hingegen sind die Wege für Radfahrer richtig breit, bestens gepflegt (im Winter wird der Schnee auf den Hauptachsen eher geräumt als auf der Fahrbahn fürs Auto) und klar getrennt von Gehwegen wie auch Autospuren.

Fahrradbrücke in Amsterdam
Katja Morgenthaler
Im Südhafen führt eine elegante Brücke nur für Radfahrer über das Wasser
Die Stadt hat eine große Fahrradtradition: "Wenn die Kinder anderswo zur Welt kommen, schreien sie – in Kopenhagen klingen sie auf einer Fahrradklingel", schrieb schon 1932 Kurt Tucholsky. Es gibt die Radwege überall, mit Spuren für Linksabbieger, eigenen Ampeln, davor Fußstützen und Geländer, damit die vordersten Radler nicht absteigen müssen und bei grün schnell starten können. Manchmal sieht man dreißig, vierzig Radfahrer vor einer Kreuzung warten. Die Stadt baut Schnellstrecken für Radpendler mit Pumpstationen und grüner Welle.  Sogar die Zeichensprache hat sich weiter entwickelt: Das Anhalten wird ebenso per Handzeichen signalisiert wie das Abbiegen. Geht die Hand nach oben, wissen die Radler dahinter, dass jemand anhalten will. Bei dem beachtlichen Durchschnittstempo auf den Radwegen käme es sonst wohl täglich zu Auffahrunfällen.

Rikscha in Amsterdam
Jonas Morgenthaler
Entspannter als vorne in einer Rikscha kann eine Stadtbesichtigung kaum sein
Kürzlich wurde im Hafenviertel eine schlangenartige Brücke eingeweiht: ein architektonisches Kleinod nur für Radfahrer. Es ist erstaunlich, was möglich ist, wenn eine Stadtregierung es nur wirklich will. Das Fahrrad ist hier ein gleichberechtigtes Fortbewegungsmittel, kein störendes Element im Autoverkehr. Mehr als die Hälfte der Kopenhagener fährt täglich mit dem Fahrrad, von denen es mehr gibt als Einwohner. Selbstbewusst treten die Städter in die Pedale, um flink von A nach B zu kommen. Den hippen deutschen Großstadtradler, der sich unverwundbar fühlt und glaubt, außerhalb der Straßenverkehrsordnung zu stehen, der mit seinem Fixie in der falschen Richtung den Radweg entlang gurkt und praktisch jede Ampel ignoriert, gibt es hier kaum. Er würde sich hier fühlen wie ein Geisterfahrer auf der Autobahn. Die Bußgelder sind hoch, die Radwege voll. 

Zwei Tage sind wir so in Kopenhagen unterwegs. Abends fühlt man sich wie nach einer langen Wanderung. Nicht verspannt, sondern matt und zufrieden. Ok, ein kleiner Muskelkater in den Unterschenkeln ist schon da. Aber dafür auch das Gefühl, die ganze Familie mit eigener Kraft durch die Stadt gefahren zu haben. Zwei Tage mit "Family Bike" in Kopenhagen. Für uns, die wir in Hamburg gerne Rad fahren, war es vor allem eins: zwei Tage schönste Zukunftsmusik.

Autor:
Jonas Morgenthaler