Dänemark In Kopenhagen ist Street-Art gratis, aber nicht umsonst

Berühmte Touristenattraktionen hat jede große Stadt. Nehmen wir nur mal Kopenhagen. Jeder kennt die Kleine Meerjungfrau, wie sie sich auf dem kleinen Felsen räkelt und zur Hafeneinfahrt blickt. Oder denken wir nur an Schloss Amalienburg, die Residenz der dänischen Königin Margrethe II, den Tivoli zwischen Rathausplatz und dem Kopenhagener Hauptbahnhof oder die Oper, Operaen, auf der Insel Holmen direkt am Wasser.

Daneben gibt es noch viel mehr zu entdecken. Kleine Dinge, versteckte Dinge, überraschende Dinge, beunruhigende Dinge, skurrile Dinge - und genau diesen haben sich Christina Bennetzen und Søs Uldall-Ekman verschrieben. Seit Januar 2009 betreiben die beiden das Street-Art-Foto-Blog , in dem sie ihre "Liebe und Leidenschaft für öffentliche Kunst in den Straßen von Kopenhagen teilen."

"Jeden Tag bereichern Street-Art-Künstler und andere kreative Menschen in jeglicher Form von Kommentaren unsere Stadt. All die Statements und kleinen Kunstwerke haben gemein, dass sie von Menschen kommen, die uns etwas zu sagen haben, die ein Lächeln auf unsere Lippen zaubern oder uns einen überraschenden Moment auf unserem Weg durch die Stadt schenken wollen. Und am allerwichtigsten: Sie machen das umsonst", erzählt Christina.

Die Motive könnten dabei kaum unterschiedlicher sein. Das Angebot reicht von schlichten Aufklebern und bunten Graffitis über selbst gestrickte Laternen-"Armbänder" aus Wolle und verzierte Straßenbauschilder bis hin zu aufwändig gemalten Zeichnungen oder einfach um Rohröffnungen, denen zwei Augen hinzugefügt wurden. Christina und Søs sind zwar keine Street-Artists, wie sie selbst sagen, "aber so durch die Straßen zu schlendern, wie wir es eben tun und Fotos von all den kleinen und großen Dingen schießen, die wir auf unserem Weg finden, da werden wir natürlich manchmal inspiriert und mischen uns auch selbst ein bisschen in das Straßenbild ein."

Gleichzeitig entkräften sie damit die vorherrschende Meinung, dass Street-Art fast ausschließlich von Männern kommt. Bei Graffitis mag das als eine Art Reviermarkierung vielleicht noch der Fall sein, "in letzter Zeit gibt es aber auch immer mehr weibliche Street-Artists in Kopenhagen, die Interesse daran gefunden haben, die Stadt als ihre Leinwand zu benutzen", so Christina. "Das liegt daran, dass sie mit verschiedenen Arten von Materialien experimentieren, die weniger ,gefährlich' sind als die Spraydose. Es ist einfacher, Perlen an einem bestimmten Ort oder etwas Gestricktes an einer Straßenlaterne zu platzieren, als gleich eine ganze Wand zu besprühen."

Ein Stadtteil, der sich besonders in Sachen Street Art in Kopenhagen hervorhebt, ist Vesterbro. Von dort aus starten Christina und Søs auch gern ihre Rundgänge, die sie in regelmäßigen Abständen und für sämtliche Altergruppen veranstalten - schließlich können alle in der Stadt auf Schatzsuche gehen, "manche Leute brauchen nur ein paar Hinweise, wo sie suchen sollen", erklärt Christina. Und so dauert es gar nicht lang, bis man auf die ersten kleinen Kunstwerke trifft - wie etwa die liebevoll an einen Baum befestigten bunten Miniatur-Vogelhäuschen - in Insektengröße.

Keine vierzig Schritte weiter baumelt schräg und nur noch an einem Seil befestigt eine alte Schaukel an einem Ast. Was das mit Kunst zu tun hat? Nun, für Christina und Søs symbolisiert die Schaukel eine Art Mahnmal, nicht unsere Kindlichkeit im Alter zu verlieren: "Die Neugierde und der Spaß, den wir als Kinder hatten, wenn wir auf Schatzsuche in den Garten oder anderswo hin gingen - dieses Gefühl der Aufregung ist es, an das wir die Erwachsenen wieder erinnern wollen, wenn sie täglich durch die Stadt laufen. Ein Trip von A nach B muss nicht immer jeden Tag gleich sein", erzählt Søs.

Wieder zu Hause, in der eigenen Stadt angekommen, wundert man sich dann, wie einem all die Jahre die kleinen Details in den heimischen Straßen entgehen konnten, die sich urplötzlich auf dem Weg zur Arbeit, zum Einkaufen oder beim Spazierengehen offenbaren. Achten Sie ruhig mal drauf - Sie werden staunen.

Autor:
Jan Kahl