Kopenhagen Grandhotel D'Angleterre

Zugegeben, man kann nicht gerade behaupten, dass es beschaulich zugeht vor dem Grandhotel D'Angleterre. Schließlich liegt der weiße Prachtbau aus dem 18. Jahrhundert direkt am belebten Verkehrsknotenpunkt Kongens Nytorv, größter Platz und gleichzeitig Herzstück Kopenhagens, nur einen Block entfernt vom Nyhavn. In wohlfeiler Nachbarschaft mit anderen historischen Wahrzeichen wie zum Beispiel dem Schloss Charlottenborg, dem königlichen Theater und Skandinaviens ältestem Kaufhaus "Magasin du Nord".

Hans Christian Andersen zumindest schreckte die Lautstärke nicht ab. Im Gegenteil: Im November 1860 wechselte der dänische Dichter in ein Zimmer zur Straßenseite, weil er die Ruhe im hinteren Teil des Gebäudes unerträglich fand, ja, er wollte das Herz der Stadt klopfen hören. Auch der deutsche Autor Erich Kästner verewigte die ausgezeichnete Lage des Fünf-Sterne-Hotels in seinem Schelmenroman "Die verschwundene Miniatur". Aus der Sicht seines Protagonisten, des Fleischermeisters Oskar Külz aus Berlin, der die Nase voll hat von Wurst und Fleisch und nach Kopenhagen reist, schreibt er: "Und will man ihn (den Kongens Nyrtov) mit der Muße betrachten, auf die er Anspruch hat, setzt man sich am besten vors Hotel D'Angleterre".

Andersen und Kästner sind nur zwei von unzähligen Prominenten, die auf den Treppen des Hotels die Aussicht genossen oder ihr Haupt in den Gemächern der Grand Dame betteten. Umgeben von Kristallleuchtern, stuckbesetzten Goldwänden, Marmorböden und schweren roten Teppichen übernachteten Mitglieder des dänischen Könighauses dort, Marlene Dietrich, Mike Tyson und der Dalai Lama.

Alfred Hitchcock nutzte das Hotel als Filmkulisse für den Spionagethriller "Der zerrissene Vorhang", der 1966 in den Kinos anlief. In einer Szene sieht man den Altmeister der Suspense bei einem seiner legendären Cameo-Auftritte: Er sitzt auf einem grünen Samtsofa mit dem Rücken zur Kamera in einer lebhaft besuchten Hotelhalle und hat ein Kind auf dem Schoss, das, nach seinen Bewegungen zu schließen, offensichtlich soeben in die Windel gemacht hat.

Hauptquartier der Nazis

Tatsächlich hat das weiße Prunkgebäude - das 2006 fünf Sterne im Michelin-Guide erhielt - viel Gutes erlebt, doch auch Unangenehmes blieb ihm nicht erspart. Die große Feuersbrunst im Jahr 1795 legte die halbe Stadt in Schutt und Asche und erfasste auch das D'Angleterre. Nur ein paar Meter entfernt von seiner ursprünglichen Lage erbaute man es neu. Im darauffolgenden Jahrhundert erlebte das Hotel eine güldene Phase. Neue Investoren steckten viel Geld in die Modernisierung und Erweiterung und die Bourgeoisie zelebrierte heitere Nachmittags-Teestunden im überdachten Innenhof inmitten von Palmen und Marmorstatuen.

Mit dem Ausbruch des ersten Weltkriegs endete auch die Blütezeit des Hotels. 1915 brach ein Feuer aus und einige Gebäudeteile mussten wieder neu instandgesetzt werden. Später fluteten russische Flüchtlinge das Hotel, ihr Nachtlager bereiteten sie sich zunächst im Restaurant, dann im eleganten "Palm Court", und schließlich im Rest des Hotels

Der zweite Weltkrieg schließlich traf das schon geschundene Grandhotel noch härter. Nach der Besetzung Dänemarks durch die Deutschen am 9. April 1940, nutzten die Nazis das Luxus-Hotel fast fünf Jahre lang als eines ihrer Hauptquartiere. Auch Feldmarschall Rommel übernachtete dort bei einem seiner Kopenhagen-Besuche. Kurz nachdem er wieder abreiste, beobachteten deutsche Soldaten befremdet eine Gruppe Schaulustiger vor dem Hotel. In gebrochenem Dänisch informierten sie die Menschen, dass Rommel bereits das Gebäude verlassen hätte. Daraufhin antwortete die Menge: "Wir warten nicht auf Rommel, wir warten auf Montgomery. Der ist Rommel doch immer dicht auf den Fersen, oder?"

Natürlich könnte das D'Angleterre, die mittlerweile etwas in die Jahre gekommene Belle Époque-Diva, noch mehr solcher Anekdoten erzählen, über internationale und nationale Ereignisse, die in der Hotellobby ihren Anfang nahmen. Aber die schönste Geschichte von allen liegt vielleicht im Beginn.

Als der junge Friseur Jean Marchal Erzählungen nach Mitte des 18. Jahrhunderts zusammen mit einer Theatertruppe nach Kopenhagen einreist. Als er, fasziniert von der pulsierenden Hafenstadt, beschließt zu bleiben und Diener am königlichen Hof wird. Und als er dort seine große Liebe, die Tochter des königlichen Kochs trifft und heiratet. Im Frühjahr 1755 eröffnet das Ehepaar ihr eigenes kleines Restaurant "The Strong Man's Garden " in der Vingardstraede in der Nähe des Kongens Nytorv Square. Es ist die Geburtstunde des Hotel D'Angleterre.

Autor:
Bettina Hensel