Von Tyler Brûlé
2. Teil: Ernsthafte Image-Probleme für Rollkoffer-Nutzer
Mal ganz abgesehen davon, dass diese Kombination aus massivem Körperbau und klitzekleinem Aktenköfferchen allen Regeln der Verhältnismäßigkeit trotzt, ist sie auch die Ursache ernster persönlicher Image-Probleme. Was vermittelt es Ihrem Kunden wohl, wenn Sie sein oder ihr Büro mit einem spielzeuggroßen Rollköfferchen im Schlepptau betreten? Was sagt es der Gegenseite, wenn Sie mit quietschenden Rollen und etwas gebückt - da der Ausziehgriff zu kurz ist - einen Sitzungssaal betreten, und Eindruck schinden wollen, indem Sie den Griff einfahren und den Aktenkoffer auf dem Tisch platzieren? Wie auch immer - Sie verstehen schon, was ich meine.
Bei zierlichen Damen, bei Omas und Opas, den Schwachen und Versehrten habe ich überhaupt nichts gegen Handgepäck auf Rollen. Auch nicht bei der erlesenen Minderheit, die das Problem der passenden Proportionen beachtet (passt die Tasche größenmäßig zum Besitzer?) und ihre Rollkoffer überdies aus eigener Kraft manövrieren kann.
Der überwiegenden Mehrheit wäre hingegen besser mit einer vernünftigen Umhängetasche, einer mittleren Reisetasche oder einer großen Tasche und einem faltbaren Kleidersack gedient.
Nicht nur würde jede Menge Zeit beim Ein- und Aussteigen wegfallen, es würden außerdem Millionen Liter Kerosin eingespart, da die meisten Koffer dank der psychologischen Aversion des Menschen gegen Reisen mit halbleeren Koffern eh mit viel zu viel Kleidung vollgestopft sind.
Spulen Sie zurück zur Kolumne von vergangener Woche, bei der ich Sie am Haken zappeln ließ, als ich Rimowas glänzendes Aufgebot an Aluminium-Koffern in ihrem Laden in Tokios Marunouchi-Viertel unter die Lupe nahm. Mit der Gleichung meines Arztes im Ohr ("Rollen = eine bessere Haltung = ein schmerzfreier Rücken") nahm ich einen kabinentauglichen Koffer in die Hand, um ihn einmal durch den Laden schicken. Ich ging den einen Gang hoch und den nächsten wieder runter - und plötzlich sah ich mich selbst im Spiegel. Es ging einfach nicht. Ich wiederholte den ganzen Prozess, war aber immer noch nicht überzeugt.
Übersetzung für MERIAN.de: Andrea Fonk
Der 1968 in Kanada geborene Journalist und Unternehmer Jason Tyler Brûlé machte sich als Erfinder von stilbildenden Magazinen wie "Wallpaper" und "Monocle" einen Namen. Bei MERIAN.de berichtet der Vielreisende regelmäßig von seinem Leben auf der Überholspur.