Von Tyler Brûlé
iPad. iPad. iPad. Können Sie das überhaupt noch hören? Und: Halten Sie den ganzen Hype um den Tätschelcomputer aus Cupertino auch für überzogen? Dann wird dieses kleine Märchen gewissermaßen Wasser auf Ihre Flossen sein. Äh, Flossen?
Es ist ein bisschen her, seit wir uns in dieser Kolumne zuletzt einen kleinen Ausflug in die Welt der Fantasie gegönnt haben (mal abgesehen von meinen Strategien zur Rettung von JAL vor zwei Wochen). Tauchen wir also wieder mal ein in die Welt der Märchen.
Stellen Sie sich einfach vor, wie wir zwei mit unserem Grapefruit-Saft eine Zeitreisepille zu uns nehmen und nun gemeinsam ins Jahr 2020 rasen.
Da wir ein sehr hoch entwickeltes Zeitreise-Produkt geschluckt haben, werden wir unter Garantie in der Zukunft ankommen, ohne an den Folgen peinlicher Reiseplanung leiden zu müssen wie weiland die "Time Bandits". Das heißt, unsere Kleidung und unsere Frisuren werden sich wie durch Zauberei den Gepflogenheiten unserer Mitmenschen in der Zukunft anpassen, was uns auch davor bewahrt, wie deutsche Touristen aus Leipzig auszusehen.
Nachhaltigkeit: Im Jahr 2020 tragen Menschen Schuhe, die aus geschredderten Kindles (Foto) hergestellt werden
In Anbetracht der Tatsache, dass wir gerade in weniger als einer Sekunde zehn Jahre in die Zukunft gereist sind, wäre es nun natürlich sinnvoll herauszufinden, was gerade so los ist. Es scheint sich jedoch keine einzige Zeitung in Griffweite zu befinden. Heiß auf Nachrichten gehen wir auf einen Passanten zu und fragen ihn, wo wir aktuelle Informationen erstehen oder herunterladen könnten. Aber der zuckt nur mit den Schultern und hält verzweifelt seine Flossen hoch. Flossen?
Ein kurzer Blick über die Straße zeigt, dass es sich nicht etwa um einen Geburtsfehler handelt, sondern ein Zeichen dafür, was aus der Welt geworden ist: Eine vierköpfige Familie watschelt die Straße entlang, anstelle von Händen haben sie Flossen an den Armen.
Da wir unsere Neugier nun nicht mehr zügeln können, offenbaren wir uns als Zeitreisende und fragen den Mann, was es mit den Flossen auf sich habe. Erst ist er milde erstaunt über die Frage, dann aber erklärt er, dass die große Welle im Jahr 2010 alles verändert habe.
Große Welle? Ob ein Tsunami die Welt geflutet habe, fragen wir. Sind den Menschen deswegen Flossen gewachsen? Haben wir eine Zeitlang im Wasser gelebt?
Der 1968 in Kanada geborene Journalist und Unternehmer Jason Tyler Brûlé machte sich als Erfinder von stilbildenden Magazinen wie "Wallpaper" und "Monocle" einen Namen. Bei MERIAN.de berichtet der Vielreisende regelmäßig von seinem Leben auf der Überholspur.