Fast Lane

Durchmachen oder Tiefschlaf?

Vielreisende kennen das Problem - der frühe Flug. MERIAN.de-Kolumnist Tyler Brûlé sucht zwischen München, Wien, London und Tokio nach einer Lösung.

Große Feiern und frühe Flüge am darauf folgenden Morgen sind keine glückliche Kombination - außer die Festivität ist nicht wirklich aufregend und der Abflug bei Tagesanbruch kann also als perfekte Ausrede dienen, um die Serviette zusammenzufalten und frühzeitig abzuhauen.

Fast Lane: Durchmachen oder Tiefschlaf?

Fotostrecke starten: Klicken Sie auf ein Bild (6 Bilder)

Schon häufig war ich klug genug, rechtzeitig abzuschätzen, wie sich die Dinge den Abend über wohl weiter entwickeln würden. Zwischen einzelnen Menü-Gängen oder den Drehungen auf der Tanzfläche halte ich dann ein paar Sekunden inne und gehe eine Checkliste durch:

1. Amüsiert sich jeder? Wenn ja, wie lange wird das voraussichtlich anhalten?

2. Amüsiere ich mich? Wenn gut, dann: Wie lange kann ich noch durchhalten?

3. Nehme ich die Chance wahr, die Party zusammen mit einem Schwung vernünftiger Leute zu verlassen?

4. Verpflichte ich mich stattdessen dazu, einer der Letzten zu sein?

5. Um wie viel Uhr muss ich mich verabschieden, um noch eine ordentliche Dosis Schlaf abzubekommen?

6. Wenn ich durchmache, wann muss ich spätestens aufbrechen, um dann wie ein Wahnsinniger nach Hause oder zurück ins Hotel zu rasen?

7. Habe ich schon gepackt? (Dumme Frage, natürlich nicht)

8. Weiß ich, was ich packen muss?

9. Ist es möglich, einen späteren Flug zu nehmen?

10. Kann ich mich wenigstens noch ordentlich herrichten, bis ich an meinem Ziel ankomme?

All diese Fragen gingen mir am Dienstagabend beim 40. Geburtstag eines Freundes durch den Kopf. Während der Abend in einem gemütlichen libanesischen Restaurant in Maida Vale, West London, begann, hatte ich keinen Schimmer, was nach dem Aufgebot an Mezze und Hauptgerichten so geplant war. Würde getanzt werden? Würde man an einem anderen Ort weiterfeiern?

Im Hinterkopf blitzte dabei grell und blendend der Gedanke an meinen 6.40-Uhr-Flug nach Wien auf. Hielt ich ein DZF (Direkt zum Flugzeug) unter der Woche aus? Oder wäre vor dem gefürchteten Weckruf genug Zeit für ein paar Stunden Schlaf?

Als das Gespräch zunehmend das Thema "Drei ist die neue Zwei" umkreiste - also wie viele Kinder gerade angesagt waren -, begriff ich, dass die Party nicht mehr lang dauern würde. Offensichtlich warteten etliche Babysitter und Kindermädchen darauf, erlöst zu werden. Kurz darauf wurden Stühle weggeschoben, die Beleuchtung hochgedreht und die Schlafenszeit eingeläutet.

Ich hätte leicht dazu überredet werden können, noch irgendwo hinzugehen, aber eine halbe Stunde später befand ich mich doch wieder in meiner Wohnung. Dort versuchte ich abzuwägen, ob es klüger wäre, für die zweiwöchige Reise, die mich nach Wien, München, Tokio und New York führen würde, zu packen, bevor ich mich hinlegte, oder bis 4.30 Uhr herumzuhantieren und dabei genau zu überlegen, was in meine Tasche gestopft werden sollte. So verlockend das Bett auch aussah, ich holte meine zuverlässige Boston-Tasche raus und ging die nötigen Garderoben-Berechnungen durch.

Unser Kolumnist: Tyler Brûlé

Viktoria-Marie Schiffler

Der 1968 in Kanada geborene Journalist und Unter­nehmer Jason Tyler Brûlé machte sich als Erfin­der von stil­bildenden Magazinen wie "Wallpaper" und "Monocle" einen Namen. Bei MERIAN.de berichtet der Vielreisende regelmäßig von seinem Leben auf der Überholspur.





Weitere Internetseiten der GANSKE VERLAGSGRUPPE Online-Angebote der SPIEGEL-Gruppe: