BUDAPEST

Europop

Budapest pendelt zwischen Welten

Dolce, Gödör und Amigo Bar. Unser Kolumnist Ralf Niemczyk hat sich von Wien aufgemacht nach Budapest. Dort traf er auf eine Stadt voller Stilbrüche und mit einem sensationell vielfältigen Nachtleben bis in die frühen Morgenstunden.

Obwohl er in seiner "Premium"-Klasse mit edlen Ledergarnituren aufwartet, hat der Railjet der Österreichischen Bundesbahn nichts von der guten alten Zeit des Zugreisens. Wenn man ihm allerdings in der imposanten Glashalle des Budapester Keleti-Bahnhofs entsteigt und dann weiter durch die in Ehren gealterte Bausubstanz schreitet, kommt unweigerlich ein Orient-Express-Gefühl auf: Schmiedeeiserne Gatter begrenzen die Fernbahnsteige - und auf dem Boden liegen Werbezettel für das neueste Smartphone-Modell. Willkommen in der Welt des Stilbruchs.

Während dem ungarischen Staat weiterhin die Pleite droht, reihen sich die Flagstores der globalen Luxusmarken auf der Hauptstadt Prachtmeile Andrássy Ut: von Dolce & Gabbana über Hermes bis Zegna. Jüngst öffnete hier das im eigenwilligen Art-Déco-Stil 1909 errichtete Parisi Nagy Aruház ("Pariser Kaufhaus") nach aufwendiger Generalsanierung wieder die Pforten. Die landesweite Buchkette Alexandra zeigt stolz ihr neues, repräsentatives Haupthaus vor - samt schicker Weinhandlung im Entree und einem überaus pompösen Caféhaus im Zwischengeschoss. Ich staune und frage mich, wie diese Art gepflegten Shoppings wohl funktionieren mag. Ein ungarischer Facharbeiter verdient im Monat rund 700 Euro.

Europop: Budapest macht mobil

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Um die Ecke der Andrássy Ut, im Lounge-Restaurant Menza am Liszt Ferenc Ter, empfangen mich gleich zwei junge Damen an der Tür und geleiten mich zur Bar. Das Personal hier trägt weiße Blusen und schwarze Hosenträger mit Glitzereffekt. Das braun-gehaltene Interieur gefällt sich in sozialistischem Retro-Design, das Essen ist durchaus solide. Ein Ort sowohl für Style-Touristen als auch für die Schickjugend der Hauptstadt. Weltläufiges Niveau mit Bierpreisen um 1,60 Euro für das 0,3-Glas. Es scheint In Budapest ausreichend Leute zu geben, die sich das leisten wollen.

Der Musiker Ambrus Tövisházi, der mit seiner Erik Sumo Band am Abend auf dem Világveleje-Festival im Gödör-Club unter dem zentralen Erzsébet Platz spielt, hat ein Lied über die zwei Gesichter von Budapest geschrieben: "Du kannst eine fantastische Zeit haben, in all den Restaurants und Clubs. Doch wenn du in unseren hässlichen Vorstädten lebst, bleibt das Zentrum ein fremder Planet. Wir pendeln quasi zwischen diesen Welten."

Mit ihrem rasanten Mix aus Popzitaten und skurrilen Geistesblitzen liefert die Erik Sumo Band den Soundtrack einer unabhängigen Kulturszene, die mit der Kunst des Durchwurstelns groß geworden ist. In der eigenwilligen Beton-Atmosphäre des Gödör-Clubs hüpft das Publikum begeistert mit, als Sängerin Erzsi Kiss mit Kunstsprache und Englisch jongliert, während im Nebenraum zwei Mädels in bunten Turnanzügen improvisierte Trapez-Nummern vorführen. Das Faible für abenteuerliche Kombinationen ist im Budapester Nachtleben allgegenwärtig.

Unser Kolumnist: Ralf Niemczyk

Viktoria-Marie Schiffler

Der 1962 in Köln geborene Ralf Niemczyk gehört zur Gründergeneration des Popmusikmagazins "Spex". Heute bereist der Journalist und Buchautor bevorzugt den europäischen Kontinent und nutzt von dessen Flughäfen stets öffentliche Verkehrsmittel. Es sei denn, es gibt nicht mal die.





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