Fast Lane Im Land der aufgehenden Zukunft

... aber für Tyler ist es eine willkomme Panne. Denn so bleibt ihm noch genug Zeit, sich die neuen futuristischen Glas- und Metallkonstruktionen im Terminal anzuschauen,...

Meine monatlichen Ausflüge nach Japan bieten mir stets Gelegenheit, Eindrücke davon zu erhaschen, wie sich die Dinge in naher (oder ferner) Zukunft entwickeln könnten. Vor einem Jahr etwa entdeckte ich bei einer Reise in das Land, dass Busse für Wochenendausflüge nicht ausschließlich mehr mit 80-Jährigen gefüllt waren, sondern auch mit männlichen Teenagern aus den Straßen von Harajuku*, die augenscheinlich der Meinung waren, dass ein wenig Gebirgsluft ihnen eine völlig neue Sicht auf die heimische Fashion-Welt eröffnen könne.

Während des Besuchs einer Sake-Brauerei in den Ausläufern der japanischen Alpen beobachtete ich, wie eine Ladung von männlichen Fast-nicht-mehr-Teenagern und Twentysomethings mit Schwerkraft trotzenden Frisuren einem Bus entstieg und dann die Stände der Bauern umschwärmte, um Kartoffeln, örtlichen Wein und merkwürdige Zusammenstellungen von aus Kastanien hergestellten Süßwaren zu kaufen.

Kurz darauf machte ich an japanischen Zeitungsständen eine Zunahme an trendigen Landwirtschaftsmagazinen aus; die meisten finanziert durch Verkaufsanzeigen kleiner Bauernhöfe aus dem ganzen Land. Es folgte eine Welle von Titelgeschichten, die die Vorzüge der Stadtflucht und eines günstigen, energiesparenden Lebensstils priesen - eingehüllt in Müsli-Leinen-Kittel, -hosen und mit funky Mützen auf dem Kopf.

Dieses agro movement lief im vergangenen Herbst auf Hochtouren, nachdem die japanische Regierung ein Programm gestartet hatte, um beschäftigungslose junge Leute auf die Felder und in die Obstgärten zu bringen, damit diese Leute ausprobieren konnten, ob das Landleben eine Alternative für sie sein könne.

Obwohl bis dato keine große Flucht auf die Felder Europas und Nordamerikas auszumachen ist, um sich dort zu plagen - geschweige denn, dass es bereits die perfekte Lifestyle-Verpackung gegeben hätte, die den Trend in Japan nach vorn gebracht hatte. Bei allem ist es ein sozio-ökonomischer Trend, der sich höchstwahrscheinlich durchsetzen wird: Man muss etwa nur den Plänen der britischen Regierung für eine verbesserte Essen-Selbstversorgung lauschen, um zu erkennen, dass es einiger cleverer Marketingmenschen bedürfen wird, um junge Paare aus ihrer gemütlichen urbanen Behausung hinaus und oben auf einen Traktor zu bekommen.

Von der Landwirtschaft über Hightech zur Herbergsmutter

Obwohl sich nicht alle japanischen tech trends außerhalb Japans durchsetzen, muss man kein IT-Analyst der Deutschen Bank sein, um zu sehen, dass die japanische Liebe für winzige, federleichte Netbooks Leben in die Buden von Apple, Blackberry und Nokia bringen wird. Ein bisschen zu lange höre ich schon die Gerüchte, dass Apples Notizblock-artiger Laptop kurz vor Veröffentlichung stünde. Und diese Woche ging Nokia nach draußen und enthüllte einen ultraleichten Computer, der bemerkenswerte Ähnlichkeit mit den Plastik-Rechtecken hat, die die Kollegen auf der Yamanote Line* schon seit einiger Zeit nutzen.

In Sachen Gastfreundschaft ist die japanische Kultur des Herbergswesens seit Jahrhunderten schon ausgesprochen zukunftsorientiert mit ihrer Philosophie des Our way or the highway, wenn es um Serviceaspekte geht. Nach wiederholten Versuchen, in anderen Ländern Urlaub zu machen (Japan siegt immer in Sachen Langstreckenausflüge), ging es mir letzthin auf, dass der Grund dafür, dass ich in Ryokans einchecke der luxuriöse Mangel von Wahlmöglichkeiten in diesen japanischen Herbergen ist. Wo es für die meisten Hotel- und Resort-Betreiber Trend ist, Gäste mit Auswahl zu verwöhnen, konzentriert sich die die Herberge führende mama-san darauf, das Beste, das sie aufbringen kann, anzubieten - und es dabei nie zu übertreiben.

Für viel beschäftigte Menschen, die den ganzen Tag über Entscheidungen treffen müssen, gibt es nur wenig Erlebnisse, die größere Befreiung bieten, als in einen Ryokan einzuchecken und sich keine Gedanken darüber machen zu müssen, was man anzuziehen, wann man zu essen, was man zu trinken und wann man zu Bett zu gehen hat. Denn das alles ist für den Gast längst programmiert.

Insofern ist es keine große Überraschung, dass eine Fülle von Pressemeldungen zur Eröffnung neuer Hotels in der westlichen Welt jetzt verstärkt die japanische Philosophie von "ausgewählter Luxuserfahrung" kommunizieren - statt Gäste mit 25 Sorten von Badesalzen und Gebrauchsanleitungen zum "Bau der eigenen Minibar" zu drangsalieren.

Nachdem ich vergangene Woche in Heathrow gelandet war, versuchte ich die Sache umzudrehen, indem ich mir vorstellte, ich sei ein japanischer Journalist, der sich bei einem Besuch in Großbritannien anschaut, welche Zukunftsvisionen dort im Angebot sind. Während ich mich beeilte, um meine Mutter zu treffen, hatte ich das grelle Piepsen eines Elektrocarts auszuhalten, das behinderte oder ältere Menschen (und natürlich auch die unpünktlichen und faulen) zum Flugzeug hin- oder von dort wegtransportiert. Auf vielen Flughäfen handelt es sich dabei um schlichte Golfcarts mit einem auf der Seite aufgebrachten Logo der Fluggesellschaft. In Heathrow jedoch symbolisieren diese Fahrzeuge all das, was falsch ist mit einer Nation, die bestimmt wird von den Absurditäten einer übereifrigen Gesundheits- und Sicherheitsmenatlität.

Komplett eingeschlossen in ein Plastikgehäuse mit kleinen Luftlöchern (könnte sogar kugelsicher sein) und geschützt durch eine Leiste, die verhindern soll, dass kleine Kinder und Kleinstgetier darunter geraten, bewegen sie sich so langsam und mit einem solchen Lärm (sie piepsen andauernd statt einfach nur kurz zu hupen), dass die Chance groß ist, dass sie ihre Gäste nicht mal zeitig zum Abfluggate bringen.

Oberhalb der vier kleinen Räder befindet sich eine Vorrichtung, die designt wurde nicht etwa um Verletzungen oder juristische Prozesse vorzubeugen, sondern für den Gebrauch des gesunden Menschenverstandes - sowohl den des Fahrer als auch den des Fahrgastes. Als ich mit meiner Mutter zusammentraf redete ich über das eigentümlich kleine Gefährt und sie sagte genervt: "Oh, das ist nur der Anfang. Schon bald werden wir Helme tragen müssen, wenn wir nur hinaus auf die Straße gehen wollen, weil wir, weiß der Himmel, ja stolpern könnten." Ja, lieber Leser, unsere Zukunft wird eine Zukunft voll von Gerichtsprozessen sein - und Sicherheitsvorrichtungen um diese zu verhindern.

* Trendiges Stadtviertel im Tokioter Bezirk Shibuya

** Ringbahn, die die wichtigsten Stadtteile Tokios miteinander verbindet

Übersetzung: MERIAN.de

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Autor:
Tyler Brûlé