Mit Stil Jogginghose

Als ich das erste Mal, so mit zwölf, in ein Flugzeug stieg und Mitreisende in Ballonseidehosen sah, war ich zutiefst verwirrt. Wie konnten sich diese Leute eine Flugreise leisten? Damals war ich mir ganz sicher: Die Joggerfraktion musste die Reise nach Spanien gewonnen haben - beim Aussteigen gratulierte ich den Leuten überschwänglich.

Irgendwann begriff dann auch ich, dass die Leute aus reiner Bequemlichkeit handelten. Meistens waren es Amerikaner, die diesen Kiosk-Chic als "Casual-Look" verstanden, was es für mich nicht weniger prollig machte. Am schlimmsten fand ich es, wenn man auf dem Weg nach hinten durch die Business-Class hindurch musste und sich dort bereits irgendwelche dicken Frauen mit ihren Schlabberhosen von Juicy Couture in den Sesseln lümmelten.

Auf meiner kleinen Sitzschale angekommen, wünschte ich diesen Leuten regelmäßig sämtliche Reisekrankheiten der Welt an den Hals: 4000 Euro für ein Ticket haben, aber keinen Funken Geschmack und Anstand besitzen!

Es wäre wahrscheinlich alles so geblieben, ich da hinten, zeternd in Jeans, die da vorne, entspannt in Trainingsbuxe. Wenn nicht dieser Flug von New York vor zwei Jahren gewesen wäre.

Mit einem Kollegen hatte ich die Fashion Week besucht, am Tag der Rückreise regnete es und wenn es in dieser Stadt einmal regnet, dann richtig. Als wir in JFK ankamen, sahen wir aus, als hätten wir Hurrikan "Katrina" überlebt. Meine durchnässten Jeans stopfte ich in eine Tüte, als Alternative blieb: meine Adidas-Trainingshose.

"Das ist nicht dein Ernst!" Der Kollege, ein Stylist, schaute mich entgeistert an: "Wenn du das machst, nehme ich einen Mittelplatz, weit weg von dir!" - leider war die Maschine voll besetzt. Also blieb er peinlich berührt neben mir sitzen und achtete penibel darauf, dass das Air-France-Deckchen nicht von meinen Beinen rutschte.

Und ich?

Schämte mich am Anfang ein bisschen, merkte dann aber schnell, dass mein Proll-Outfit ausgesprochen bequem war. Als meine Beine müde wurden, wechselte ich mal in den Schneidersitz, mal klemmte ich die Schienbeine gegen den Vordersitz. Nach der "Chicken or Pasta"-Abfertigung, spannte der Bund nicht, ich schaffte es sogar, ein paar Stunden zu schlafen.

Seitdem verstehe ich, warum sogar Chefredakteurinnen der "Vogue" regelmäßig in Jogginghose fliegen. Wen schert noch die Etikette, wenn man dafür halbentspannt aus dem Flieger steigt? Was natürlich nur für Interkontinental-Flüge gilt. Und dass man die Verkleidung erst auf der Bordtoilette anzieht und sie vor der Landung wieder auszieht, versteht sich hoffentlich von selbst.

Wobei. Einmal hatte ich an Bord ein bisschen zu lange geschlafen und musste die Maschine in Berlin-Tegel in Adidas-Hose verlassen. Als der Taxifahrer mich in meinem Joggingoutfit sah, sagte er treffsicher: "Hi. Where do you go?"

Autor:
Silke Wichert