Europop Balkan-Beton, mon amour

Neben Grillfisch und einem betont lässigen Lebensstil lässt sich an der kroatischen Küste noch mindestens eine weitere Spezialität entdecken: das besonders innige Verhältnis zum Beton.

Wer je am Stadtstrand von Split ein frühes Bier genommen hat, mag sich gewundert haben, dass man vom Zapfhahn über ein kleines Stück grobkörnigen Festbetons direkt ins Meer hinab gleiten kann - der Einstieg erfolgt über eine in die Hafenmauer geschraubte Schwimmbadleiter. Ein ähnliches Szenario findet sich auf der Split vorgelagerten Ferieninsel Hvar, wo es nicht nur zünftig abgerockte Freizeitanlagen im James-Bond-Schurkenstil, sondern auch Meereskanten im unaufdringlichen Grau-in-Grau zu sehen gibt. Dazu Nivea-Handtücher und Deckstühle auf plattiertem Untergrund - ein Paradies für Sandstrand-Hasser.

Die kulturhistorische Untermauerung für die schaurig-schönen Hinterlassenschaften des Jugo-Sozialismus liefert derzeit eine Ausstellung im Architekturzentrum Wien mit dem flotten Titel "Balkanology": In einer vielschichtigen Gegenüberstellung der architektonischen Radikal-Moderne - von Titos Vielvölkerstaat bis zu den heutigen, semi-anarchischen Verhältnissen zwischen Skopje und Ljubljana.

Neben trutzigen Satellitenstädten und allerlei bizarren Kulturbunkern gibt es in der Schau auch den aktuellen "viktorianisch-klassizistisch-orientalisch-amerikanischen Freistil" (so Kurator Kai Völkers im Geleitwort) zu bestaunen. Und im die Ausstellung begleitenden Schweizer Magazin SAM konkretisiert Francesca Ferguson: "Die Architektur dieser Region in den 60er und 70er Jahren gehört zur Avantgarde der jüngsten Architekturgeschichte. Jugoslawien exportierte moderne Architektur in die ganze Welt - Urbanisierung und Stadtplanung waren für die Republik ein Planziel der Modernisierung."

Denn nicht nur in den einschlägigen Sommerferien-Zonen gossen slowenische, kroatische oder serbische Architekten ihren Traum vom neuen Menschen in Stahlbeton. Die imposante Vorstadt Novi Beograd auf der Serbiens Hauptstadt gegenüberliegenden Donau-Seite etwa lädt Fans von düsteren Agenten-Thrillern zum Hochhaus-Trip. Hier, wo einst die gesamtjugoslawische Regierung ihren neuen Sitz nehmen sollte, ist heute eine riesige Schlaf-, Uni- und Bürostadt zu besichtigen. Der "Genex-Tower" - ein Doppel-Hochhaus-Turm mit Antennen-Kanzel und Verbindungsbrücke sieht aus wie ein kosmisches Gebilde aus Frank Schätzings Mond-Thriller "Limit".

Der in der Wiener Ausstellung ins Feld geführte Begriff des "Turbo-Urbanismus" beschreibt den rasant-ausufernden Architketurwildwuchs plakativ: keine Kontrolle durch Stadplaner; und wer baut, hat immer Recht. Ob übergroße Werbebanner an alten Betonhochbauten wie dem Genex-Tower hängen oder unweit eine "schöne" Glasfassade aufgebracht wurde, so zu betrachten am vormaligen "Gebäude für soziale und politische Organisation", das heute ein internationales Business-Center ist. Nicht allein in Novi Beograd geht es im Sauseschritt von der Blockfreiheit der 70er über zu Blackberry 2.0.

Für entdeckungsbereite Reisefreunde sind diese heftigen Umwandlungsprozesse natürlich genau das richtige. Ob in Neu-Zagreb mit seinem gerade errichteten Museum für Zeitgenössische Kunst, in Prishtina oder der Voivojdina-Metropole Novi Sad - überall in diesen wenig anheimelnden Stadtlandschaften trifft man auf Menschen, die über Wasser zu bleiben versuchen und dabei zumindest ein wenig Spaß haben wollen. Existenzen zwischen Überlebenskünstlertum und Balkan-Beats, jenem Sound zur Turbotransformation, der in den dortigen Tanzclubs aufgelegt wird. Und, ja, natürlich erinnert das alles ans Deutschland der Nachkriegsjahre. Nur hat der Balkan im Jahr 2009 gehörig mehr Swing.

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Autor:
Ralf Niemczyk