Fast Lane Am Ende geht es doch ums Handgepäck

Aufmerksame Leser dieser Kolumne erinnern sich vielleicht daran, dass ich letzten Herbst meinen Reisepass auf der Kommode parkte, eine winzige Tasche mit dem Allernötigsten packte und in eine noch winzigere Klinik in der Schweiz eincheckte, um einen Blick auf mein linkes Knie werfen zu lassen. Nach drei Wochen beispielloser Pflege in der Klinik Gut in St. Moritz checkte ich aus und begann eine zehntägige intensive Physiotherapie mit einer so herzlichen wie hoch motivierten Therapeutin des an die Klinik angeschlossenen Trainingsbereichs, in dem sich um Nachsorge und Muskelerhalt gekümmert wird.

Der Rest des Herbstes und des frühen Winters beinhaltete halbherzige 30-Minuten-Radfahr-Sessions, wann und wo immer dies möglich war (ich konnte mich noch nie dafür begeistern, auf einem Rad zu sitzen, das mich nirgendwo hinbringt). Und als mein Knie sich schon wunderbar anfühlte, schlug der Arzt mir vor, eine anständige Trainings-Einheit einzulegen, um mich zurück aufs Laufband und letztendlich raus auf die Straße zu bringen. Es bedurfte nur eines Anrufs von Dr. George und ein bisschen Herumjonglierens mit Terminen, um mir am Heiligen Abend eine Behandlung mit Viviane im Fitness-Studio der Klinik zu sichern.

Wenige Stunden, bevor ich zu einem weihnachtlichen "Baltic Feast" (Menü nach baltischer Art, die Red.) erwartet wurde, ging ich den Hügel zum Trainingszentrum hoch, wo ich von der breit, aber auch etwas schadenfroh lächelnden Viviane begrüßt wurde. "Du kannst Vivi zu mir sagen", sagte sie zu mir. Während ich durch die kühlen Räumlichkeiten ging, um die Ausstattung in Augenschein zu nehmen, fragte ich mich, was für eine Art von Folter mir wohl bevorstehen würde. Vivi stand am Empfang, um meinen Einstufungstest vorzubereiten. Ich erwartete, dass sie mit einem großen Satz Beinschienen und einem Maßband zurückkäme, stattdessen aber drückte sie mir das größte Glas Wasser in die Hand, das ich je gesehen hatte, und fragte mich, wie viel Wasser ich trinke.

"Ich denk mal, so zwei von denen", sagte ich und zeigte auf das Halblitergefäß. "Das reicht nicht, Tyler. Du solltest etwa fünf davon pro Tag trinken", schimpfte sie. "Okay", antwortete ich mit einem sonnigen Lächeln und entschied, ihr lieber nicht zu erklären, dass ich zwei Gläser pro Woche gemeint hatte.

Mit dem Riesenglas in der einen und einem Handtuch in der anderen Hand wurde ich in ein Untersuchungszimmer am anderen Ende des Gyms geführt. Drinnen befand sich eine Massage-Liege, die einladend aussah - der vor Tastaturen, Einstellknöpfen und Bildschirmen nur so strotzende, neumodische Apparat aus Metall neben der Liege wirkte hingegen abweisend und bedrohlich.

"Leg dich einfach hin!"

"Leg dich einfach hin, zieh deinen rechten Strumpf aus und entspann dich einfach. Ich werde eine Reihe von Monitoren anschließen und dann werden wir ein paar Ergebnisse bekommen", erklärte Vivi. "Was für Ergebnisse?" - "Ergebnisse über die aktuelle Zusammensetzung deines Körpers: Fett-, Knochen- und Muskelmasse", sagte Vivi. "Wir werden alle Ergebnisse morgen vorliegen haben, also werden wir heute mal ganz gemütlich beginnen und mal dein Gleichgewichtsgefühl und deine Muskelstärke checken", fügte sie hinzu, schaltete die Monitore aus und schließlich auch die furchterregende Metall-Apparatur ab.

 

Auf meinem Weg zurück in den Fitness-Bereich wurde ich zu einem Haufen von Holzklötzen, Barren und Balken geführt, die mich an den Sportunterricht in der Grundschule erinnerten. Während ich mir alles ansah, baute Vivi bereits Blöcke und Balken auf und forderte mich auf, darauf zu balancieren. Dann wurde ich angewiesen runterzuspringen, es folgten einige Sprung-Übungen, ehe es schließlich zurück auf den Schwebebalken ging. Bei jedem wackligen Schritt wurde mir gesagt, ich solle auf meine Haltung und meine Atmung achten - und daran denken, etwas Wasser aus diesem wahnsinnig großen Glas runterzukippen.

Am zweiten Tag erhielt ich dann die Ergebnisse und Vivi erklärte, wir würden mit einem Trainingsprogramm beginnen, das mein linkes Bein kräftigen, den Gleichgewichtssinn verbessern und die Oberkörpermuskulatur aufbauen würde. Außerdem sollte ich ein paar Kilo loswerden und viel Wasser trinken.

18 Tage lang traf ich Vivi zu 60- bis 90-minütigen Sessions, die aus Schmerz und winzigen Portionen Spaß bestanden. Und als Mitte Januar die Schweizer Berge verließ, rannte ich wieder (wenn auch auf dem Laufband) und bewegte mich etwas aufrechter. Vivi hatte mir ein besonderes Übungsprogramm mit auf den Weg gegeben, das speziell für mein Leben unterwegs konzipiert war - und Dr. George erteilte mir einen diskussionswürdigen Ratschlag.

"Sie wissen, dass der einfachste Weg, sich Rückenschmerzen einzufangen, der ist, beim Fliegen Gepäckstücke in den oberen Ablagen zu verstauen", sagte Dr. George. "Sie sollten wirklich sehr auf sich achten, es ist so leicht, sich den Rücken komplett zu ruinieren." - "Was schlagen Sie also vor?", fragte ich. "Es mag an der Zeit sein, über Ihr Gepäck nachzudenken", erwiderte er.

Ich starrte Dr. George an und möglicherweise zogen sich meine Augen in diesem Moment zu schmalen Schlitzen zusammen. Ich versuchte einzuschätzen, was der gute Mann meinte: Wollte er mich einfach nur ärgern oder forderte er tatsächlich ein komplettes Überdenken meines Ansatzes, grundsätzlich kein Gepäck einzuchecken und ohnehin nur rollenloses Handgepäck mitzunehmen?

"Auf jeden Fall ein Punkt, über den man 2010 mal nachdenken könnte", sagte ich und lächelte.

Vor ein paar Wochen ging ich mit stechenden Rückenschmerzen durch Tokios Marunouchi-Viertel. Die Worte des Doktors kamen mir wieder in den Sinn, als ich an einem Rimowa-Geschäft voller blitzender Aluminium-Koffer vorbeiging - 90 Prozent davon mit Rollen! Ich wagte mich hinein, zog ein paar der besser aussehenden Modelle aus den Regalen, stellte sie auf den blank polierten Boden und gab ihnen einen Schubs …

Und was dann passierte, erzähle ich Ihnen in der kommenden Woche.

Übersetzung für MERIAN.de: Andrea Fonk

Autor:
Tyler Brûlé