Europop In Köln ist ein böser Wurm drin

Die Severinstraße erhält gerade eine schöne, neue Oberfläche. Hier, im kölschesten Teil der Innenstadt hat man jahrelang mit dem Bau der Nord-Süd-U-Bahn zu kämpfen gehabt. Auf den Dreck und den Lärm folgten die ersten leeren Geschäftslokale. Das Veedel war längst ordentlich angeschlagen, als es im letzten März mit dem Zusammenbruch des in ihm beheimateten Stadtarchivs den Knockout verpasst bekam. Und als im Nachklang zum Einsturz immer neue Pfuschereien beim U-Bahn-Bau zum Vorschein kamen, geriet das Ganze zum Albtraum, die U-Bahn zum bösen Wurm der Stadt.

Aufgrund der vielen negativen Schlagzeilen regten Spötter schon an, man solle die kommunale Ordnung künftig doch unter UN-Verwaltung stellen. Inzwischen sorgt wirklich jede positive Nachricht für Zuversicht. Und sei es die von einem ordnungsgemäß verlegten Straßenbelag.

Auswärtige Besucher bekommen in den großen Brauhäusern am Dom und Hauptbahnhof, den ersten Anlaufstellen für die Vermittlung des kölschen Lebensgefühls, von der Untergangsstimmung in der Domstadt wenig bis gar nichts mit. Hier läuft der Standardbetrieb reibungslos weiter: "Köbes, noch drei Kölsch!" Doch hinter (und unter) der gemütlichen Fassade rumort es kräftig.

So geriet eine große Anhörung im Traditionssaal Gürzenich zum öffentlichen Scherbengericht für Baufirmen und Verkehrsbetriebe. Überall auf der Welt werden U-Bahnen reibungslos erweitert - warum gelingt das hier nicht? Der Kölner, ein knallharter Lokalpatriot, hadert mit seiner Stadt. Tatsächlich wird man dieser Tage Zeuge einer Kapitulation der rheinischen Lebensart und ihres Glaubensbekenntnisses "Et hätt noch immer jot jejange".

Dabei hatte Köln sich für 2010 doch so vieles vorgenommen. Nach der gescheiterten Bewerbung zur Europäischen Kulturhauptstadt sollten zumindest einige größere Projekte abgeschlossen werden: das neue Museum für Völkerkunde etwa, das in unmittelbarer Nachbarschaft zum Museum Schnütgen in der mittelalterlichen Cäcilienkirche wegweisende Ausstellungskonzepte ermöglichen soll. Zudem steht - nach dem Einzug von RTL in die denkmalgeschützten Messehallen - die Vollendung des so genannten "Rheinboulevards" mit seiner Freitreppe gegenüber der Altstadt an. Beide Vorhaben allerdings kämpfen mit massiven zeitlichen Verzögerungen.

Es verdichtet sich der Eindruck, dass die aktuellen Neu- und Umbauten der Stadt eine einzige Negativserie sind. Und so grenzt es dann auch an ein Wunder, dass der umgewandelte Rheinauhafen mit seinen spektakulären Kranhäusern in diesem Jahr ohne Skandale der Vollendung entgegen strebt; ebenfalls nach längerer Hängepartie, aber immerhin. Die Massen der Sonntags-Ausflügler scheinen jedenfalls ihren Frieden mit der Glasarchitektur vor Flusslandschaft gemacht zu haben.

Der neuen Stadtspitze bleibt nur die Beschwörung der Zukunft. Immerhin konnte Anfang März die angekündigte Flutung der U-Bahn-Baugrube am Heumarkt ausgesetzt werden. Nachdem eilig eine stabilisierende Betondecke gegossen wurde, gelobt man nun "größtmögliche Sicherheit" und lenkt den Blick lieber auf die anstehende Regionale 2010 mit ihrem Ausgrabungsfeld vor dem Rathaus, wo man auf Fundamente alter Patrizierhäuser blicken kann. Dass das auf diesem historischen Terrain geplante Jüdische Museum wegen der gescheiterten Finanzierung durch eine private Spendergemeinschaft nicht zustande kam, belegt heute allenfalls das übrig gebliebene, ehemals kontrovers diskutierte Architekturmodell.

Bei all dem großen Chaos verwundert es nicht, dass viele Kölner das Vertrauen in die Macherqualitäten von Politik und Verwaltung verloren haben. So fordert etwa eine Initiative mit dem Namen "Mut zur Kultur" ein Bürgerbegehren gegen den bereits beschlossenen Neubau des Schauspielhauses. Ziel: sanieren statt abreißen. Die knapp 300 Millionen Euro teure Renovierung des gesamten Opernquartiers müsste neu geplant werden.

Im Berliner Martin-Gropius-Bau läuft derzeit betitelt ist. Rund 100 Exponate umfasst die Schau, in der Fundstücke des zerstörten Kölner Stadtarchivs präsentiert werden: gefledderte Manuskripte von Heinrich Böll, aus dem Morast geborgene Albertus-Magnus-Handschriften. Die Schau ist sowohl eine Mahnung gegen fatales Missmanagement als auch die Aufforderung, bei der Restaurierung der kölschen Kulturschätze zu helfen. Was vor allem eines zeigt: Es wird noch eine Weile dauern, bis Köln mit sich selbst wieder im Reinen ist.

Autor:
Ralf Niemczyk