Kärnten Velden am Wörthersee

Ein großer Sommer war es wieder mal am See, das Wetter hielt, und tolle Partys gab es, die Fête Blanche, das Beachvolleyballturnier in Klagenfurt, alles eine Riesengaudi, wunderbar.Und er, der Retzer Otto, immer mittendrin. Mal mit dem Niki (Lauda), mal mit der Ingrid (Flick), mal mit dem Udo (Jürgens). Mit dem besonders - alte Männerbande. Nur dass die Leut' und die Gazetten manchmal solchen Schmarrn verbreiten würden über den Udo, also das pikiert ihn schon. Betteln hätten s' ihn müssen für ein paar Takte am Klavier in Klagenfurt beim Volleyball. Den Richie Lugner, Opernballkönig immerhin, soll er als seinen Tischnachbarn verstoßen haben. Und sein Faible für die jungen Dinger ...

Doch keine Details zum Udo, bittschön, lieber was zu ihm. Auftritt Otto Retzer also, Bonvivant und Filmemacher, seine Bühne: Velden am Wörthersee, das Restaurant "Seespitz". Moderne Außendependance des Schlosshotels mit Beachclub. Ein kurzer Mann in Lässig-Outfit schlendert herein, unter der blanken Glatze wuchern Theo-Waigel-Brauen, grüß Gott hier und grüß Gott da.

Draußen gleißt die Sonne, nur ein paar unverschämte Wölkchen kleben rechts am Himmelsrand, der See, ein ewig langgewalzter, glasklarer Türkis prahlt mit seinem Karibikflair wie junge Gelhaargecken vorm Kasino mit ihrem Ferrari.

Ums "Seespitz" Gewusel und Gegucke, Tretbootgequieke, Eisgeschlecke, Fotoalberei. Straßenmaler auf der Promenade gieren nach Porträtaufträgen und präsentieren stolz ihr Oeuvre, das ausgebreitet auf der Erde liegt: Roy Black, von einem Foto abgemalt. Hommage an einen, der hier spätestens durch die Serie "Ein Schloss am Wörthersee" zum Helden wurde. Der - noch nicht mal 50 - abtrat: Herzstillstand, allein auf seiner Hütte in einem bayerischen Moor. Heute erinnern an Gerd Höllerich alias Roy Black nur ein schmaler Weg und im "Seespitz" eine Büste.

Auch Otto Retzer hat Aktien am Erfolg des TV-Sehnsuchtsziels am Wörthersee - er hat mitgespielt und "Schloss"-Folgen produziert, und er hat internationale Gäste für die Serie eingekauft. Den J. R. Ewing beispielsweise, Larry Hagman also. Oder Telly Savalas, dem er in L.A. zunächst einmal erklären musste, wo Österreich überhaupt liegt. Noch heute kommt Savalas' Witwe in die Sommerfrische an den Wörthersee, und wenn sie nicht gerade skaten ist mit einer anderen flotten Witwe, der Ingrid Flick, dann schaut sie auch bei Retzers kurz vorbei.

"Ich bin ja sonst immer schon so nah dran", antwortet Retzer auf die Frage, ob er im "Seespitz" vorn am Wasser sitzen will. Das ist ironisch gemeint und stimmt. Zum einen für sein Haus am See, zum anderen für das Genre, das er im deutschen Fernsehen bedient. Als "Schmonzetten-Regisseur" geißele die Kritik einen wie ihn, "Gebrauchsregisseur" nennt sich Retzer selbst. Und: "Vieles wird davon in der ARD gesendet!" Die Quoten bei der "Klinik unter Palmen" oder "Tierärztin Christine" sprachen jedenfalls für sich.

Zwei Monate im Sommer ist Retzer am Wörthersee, geht golfen und auf Partys, davon viel "Tschäääritie". Eigentlich bräuchte er eine Sekretärin, die seine Einladungen zu Seepartys sondiert, schon wieder piept es und kommt eine neue übers Handy rein. "Man mag mich, weil ich ein guter Unterhalter und diskret bin." Seit zehn Jahren, sagt Retzer, würden ihm Verleger nachrennen, er solle doch ein Buch schreiben. Über die Serie, die Schickeria, über all das ganze Wer-mit-wem. Doch er mag nicht. Was soll er den Leuten schon erzählen? Dass er mit Gottschalk segeln war? A na! Auf alle Fälle macht er einen neuen Film für die Saison 2008 am See, die Starnacht: "Wörthersee - Lieblingsplatz des deutschen Films". Mit Ausschnitten aus alten Filmen, der Udo 1961 in "Unsere tollen Tanten". Auch Eddi Arent braucht er dafür, die Uschi Glas und den Chris Roberts.

Am See, hat Retzer registriert, ist's in den vergangenen Jahren wieder fein geworden. Fünf Anrufe hat er täglich, ob er nicht noch ein Grundstück wisse, 5000 Quadratmeter, Seezugang.Es fragen nach: Filmleute, Manager, Auslandskärntner. Auch ein Putin-Intimus habe neulich vorgefühlt. Filetstücke aber, vor allem in der Promilage Südufer, sind mittlerweile rar. Am See boomt's wieder, und das kommt ganz Kärnten sehr zupass. Eine Brise Aufschwung weht vom See übers Land. Wie früher in den Fünfzigern und Achtzigern, als die Filmsets Zuschauer und Schickeria anzogen. Wer war nicht alles da? Der Delon, die Bergman, später immerhin noch "Monaco Franze" Helmut Fischer. Dann lange Jahre Dürre, der See schwächelte als Filmlocation, baulich wurde zwar geklotzt, doch nicht immer schön. Das ansteigende Zimmerangebot nutzten verschuldete Hoteliers zur eigenen Sanierung: Sie verkauften Zimmer als Privatapartments. In der Kernzone rund um den See ist das jetzt reglementiert, denn Millionäre mit steter Bleibe sind zwar schön und gut, aber Touristenunterkünfte braucht man auch. Jüngste Ausnahme: Veldens Schlosshotel. Hier hat sich Siemens-Chef Peter Löscher eingekauft, Quadratmeterpreis: 8000 Euro.

Kärnten, speziell der See, soll wieder einen Markennamen haben. Der gute Ruf, zwar über die Jahre leicht ramponiert, hat immer noch Strahlkraft, neues und internationales Geld zu locken. Russen und Ukrainer sind schon da, rund 10.000 kommen im Jahr, sie buchen Vier- und Fünf- Sterne-Zimmer und sind schon früh am Abend groggy, weil die Frischluft sie umhaut. Leider sprechen sie kaum Englisch, und Slowenen, die helfen könnten, hat kaum ein See-Hotelier angeheuert.

Die Touristiker haben neu aufgerüstet mit Events über den ganzen Sommer. Hinzu kommen das Casino und das Schloss in Velden. Das eine ist schon Zugpferd, das andere soll nach der Neueröffnung eines werden. 15 Jahre lang war das Schloss Baustelle, eine rechte Bestimmung fiel Hausbesitzer Gunter Sachs nicht ein. Dann verkaufte der Fotograf und Ex-Playboy an die amerikanische Capella Group, die investierte 120 Millionen Euro, und bald nach der Eröffnung zu Pfingsten 2007 konnte der junge, freundliche Hotelchef Henning Reichel, ein Deutscher, schon reichlich Prominenz vermelden: Seal, der Mann von Heidi Klum, trat als Gesangsstar auf einer Hochzeitsfeier auf, Faye Dunaway war hier, auch Christopher Lee.

Von 550 bis 4000 Euro kosten die Suiten und Apartments, und ein Mitarbeiter erzählt, was für den Gast getan wird: nämlich alles. Sittenwidriges natürlich nicht. Frühstückszeiten sind aufgehoben, wer in der Nacht um vier noch Schweinsbraten will, der kriegt ihn subito. Besteht einer auf einen Hubschrauber gen Nassfeld zum Skifahren, wird auch das gedeichselt. In den Suiten knistern rußfreie Keramikscheite im offenen Kamin, in den Betten hätte eine ganze Fußballmannschaft Platz. Die Klientel bislang kommt aus den USA, Europa, Asien und den Golfstaaten; gerade hat ein Scheich, schon sehr gebrechlich, die Kaisersuite für ein paar Monate gebucht. Mit seiner Entourage sieht man ihn vor dem Schloss: Frauen in schwarzer Burka, nur mit dünnem Augenschlitz, begleiten ihn zum See, asiatische Krankenschwestern in weißen Kitteln schieben seinen Rollstuhl. Für das barock wirkende Velden ein bizarres Bild. Viele der Normaltouristen kommen schon ewig, sind und waren Fans von Roy, den Serien, und wollen nur mal ein Auge werfen aufs revitalisierte Schloss. Das geht jedoch nur in Maßen, nicht in Massen - die exklusive Kundschaft würde sonst vergrätzt. Man ist ja nicht Neuschwanstein.

Who's Who des Prominentenkosmos

Gunter Sachs hat auch weiterhin eine Suite im Haus. Am Anfang soll ein Portier - lockere 50 Jahre jünger als der weißhaarige Dandy - ihn abgewiesen haben, wer er denn sei, wohin er möchte. So erzählen es alle im Ort, Hotelchef Reichel will es jedoch nicht bestätigen. Mit seiner Crew hat Reichel jedenfalls anhand von Fotos das "Who's Who" des Prominentenkosmos durchgeübt. Denn gerade die heimische A-, B- und C-Liga könne ganz schön grantig werden, wenn man nicht schon aus der Lobby auf sie zutritt: "Ja, grüß Gott, Herr Soundso!" Erst recht die sogenannten "Adabeis" (Auch dabei), die D-Klasse, wenn man so will. Reichel, ganz Dienstleister, ist emsig am Optimieren, "aber mal ehrlich", fragt er leise nach, "muss man die alle kennen?" Muss man nicht. Denn dafür gibt es Wolfgang Kofler, Chefredakteur des "Kärntner Monat", des Organs für Klatsch und Tratsch am See.

Fröhlich und nicht ohne Schmäh klärt er den Fremden auf, wer und was geht am See. Oder druckt den "wohltemperierten Wirbel" in seinem Magazin. Die größten Feten, die schönsten Villen, die längsten Yachten. Doch Kofler muss aufpassen - Vergessene machen schnell Ärger hier: Nach Abdruck der "66 prominenten Singles" fragte mancher angesäuert nach, warum denn er nicht mit dabei sei.Titelmodelle lassen sich für den Monat umsonst ablichten, und Jörg Haiders Pressesprecher Stefan Petzner posiert mit freiem Oberkörper und parliert vergnügt über sein "erstes Mal". Das, meint Kofler, sei so nur in Kärnten möglich - nirgendwo anders in der Welt. Überhaupt, Haider: Angeblich, so Koflers Eindruck, würde ihn ja keiner wählen, doch taucht er auf einer Party auf, dann ist er der Mittelpunkt des Abends. Manchmal sogar auf drei verschiedenen Events am Tag, so dass schon spekuliert wird, ob er auch Doppelgänger losschickt. Doch nicht alle Seeanrainer sehen sich gern in der Zeitung.

Peter Alexander ist so einer. Seine Zurückhaltung passt ins krachlederne Kärnten wie eine Armani-Robe aufs Oktoberfest. Auch Industrielle wie Ferdinand Piëch pflegen Understatement. Dennoch: Gefeiert wird den ganzen Sommer, jede Party soll und muss die andere toppen. Verschoben hat sich in den letzten Jahren jedoch das Epizentrum am See. Heute ist es Velden, in den Achtzigern war es noch Pörtschach. Dort hat der Udo Konzerte gegeben, dort steigt er schon seit Jahren im "Porcia" ab, hier haben sie den Schampus nicht getrunken, sondern verspritzt. Doch auch Promiwirte wie Rainer Husar in Pörtschach werden älter, vertun sich mit dem Geld oder dem Alkohol und gehen auf Rückzug. Kofler: "Jetzt fehlt dort die neue, starke Hand." Ein Bürgermeister, der was reißt. Bars und Hotels - im Schlaf versunken, räudige Tennisplätze, Ramschklamottenläden. Und ein Billa-Markt dort, wo Caroline von Monaco sich einst feiern ließ.

Das Partyvolk ist umgezogen, rüber nach Velden und ins "Stamperl", den neuen Promitreff bei Hilde Schöftner. Eine kleine, urige Spelunke, in der auch Gunter Sachs gern einen Aquavit nimmt. Oder Fiona Swarovski mit ihrem Gatten, dem Ex-Finanzminister Karl-Heinz Grasser, einrauscht. An den Wänden: Schnappschüsse vom Inner Circle und von langen Abenden. Es gab schon auch den einen oder anderen, der, wenn er nicht abgebildet war, sein Bild selbst festgenagelt hat. Viva Velden!

Andreas Miklautz hält sich fern von dem Zirkus. Er ist der "Höhenwirt", sein Hotel mit Gastwirtschaft liegt nahe dem Aussichtsturm Pyramidenkogel über dem See. Der Blick von hier aus: beinahe schmerzhaft schön. Kirchlein und Gässlein, Buchten und Bötchen. Nach diesem Eindruck nimmt man gern die Eierschwammerln und vorweg ein Leberknödelsüppchen aus Miklautz' Küche. Der Chef dieses Hauses angelt noch selbst, was auf den Tisch kommt: Zander,Welse, Hechte. Die Zutaten stammen aus dem Kräutergarten vor dem Haus.Auch anderes ist frisch angebaut, doch "bio" will Miklautz sein Prinzip nicht nennen, "ich mach' es einfach so wie früher!" Vor dem Gastraum des Höhenwirts breiten sich die Karawanken aus, es muht das Fleckvieh, sprudeln kleine Bäche. Und es schimpft Ureinwohner Miklautz auf die "Moneymaker", die hier vor ein paar Jahren am See die Bettenburgen hochzogen. "An manchen Ecken zubetoniert wie bei den Spaniern." Das stimmt nicht ganz, aber für einen von hier auf jeden Fall. Miklautz ist kein Öko, er will nur seine Heimat und Natur erhalten und den Tourismus integrieren. Nicht umgekehrt.

Auch Wolfgang Schmalzl denkt an Technologien von morgen und freut sich, wenn er damit auch noch Geld verdienen kann. Er ist Alteingesessener und Werftbesitzer und für die meisten Bootseigner die Anlaufstelle Nummer eins am See. Schmalzl, ein leiser, emsiger Mann, hat "Julika 660" entwickelt - ein Elektromotorboot. Ein edler Wasserschlitten mit Mahagoni und viel Chrom, der anderen mit Dieselmotor in nichts nachsteht. Außer: Nach spätestens vier Stunden auf dem Wasser braucht der Motor neuen Saft. Nur leider tönt die fesche "Julika" nicht so schön laut wie jene Kraftstoff-Knattern, damit angeben also fällt schon mal flach. Kann so ein Boot den Wörthersee erobern? Schmalzl setzt auf Zeit und wichtige Faktoren: Wer mit der Trinkwasserqualität seines Sees wirbt, kann dessen Wasser nur bedingt mit Umweltschädlichem traktieren. Auch deshalb wurde die Zahl der Motorbootlizenzen einst auf 338 für den Privatgebrauch begrenzt. Verkaufspreis für so ein seltenes Stück Papier: stolze 250.000 Euro, vor etwa fünf Jahren waren es noch 70.000. Kein Wunder, dass mancher, der Millionen in ein Anwesen hier investieren will, gern stichelt, man solle doch die Limitierung nicht so eng sehen. Tut man aber. Gern zeigt Schmalzl "Julikas" Können bei einer Runde über den See.

Im "Seespitz" geht derweilen ein weiterer Nachmittag zu Ende mit viel Laissez-faire. Die Klientel des Schlosshotels sitzt hier und nippt Evian, scannt sich durch Sonnenbrillen XXL und hält ein Auge Richtung Tür - man weiß ja nie. Meist aber fallen keine VIPs ein, eher nur Grüppchen der Dreisterne-Klasse, die auch mal eine Melange im Schlosshotel nehmen wollen. Dafür reicht's schließlich immer. Und war es nicht von jeher so am Wörthersee? Schickeria trifft Spitzenindustrie, und die Normalos wuseln außen drumherum? Hortens und Flicks residieren mit Uferzugang und Butler, die Touristen buchen pauschal und nehmen auch mit der zweiten Reihe vorlieb. Während die einen den See mit Auto oder Rad abfahren, erreichen die anderen die Partys ihresgleichen im Wasserflitzer von Steg zu Steg. Man braucht sich, irgendwie: Die einen freuen sich, wenn sie zu Hause stolz berichten können: "Ich hab den Polster-Toni Nockerln essen sehen!" Die anderen setzen auf dankbares Publikum für Uferanfahrten à la Cannes: röhrend und spritzend, dass ja auch jeder schaut. Und "Aahs" und "Ooohs" die Veldener Bucht hoch- und runterwallen.

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Autor:
Judka Strittmatter