Österreich Kärnten verstehen

Sabrina ist aus Salzburg gekommen. Martin hat den Eurocity vom Wiener Südbahnhof genommen. Und Kevin ist gemeinsam mit seinem Kumpel Andreas aus München angereist. Jetzt sitzen, stehen, hüpfen alle gemeinsam mit 8000 anderen Teenagern auf einer Tribüne am Ostufer des Wörthersees. In Bikini und Bermudashorts schreien sie sich die Seele aus dem Leib. Etwa zehn Meter unter ihnen spielen zwei Brasilianerinnen und zwei Schweizerinnen Beachvolleyball. Knackig braun sind sie und leicht bekleidet. Ein optischer Selbstbedienungsladen. Wer die Sportlerinnen sind? Keine Ahnung! Wer das Spiel gewinnt? Völlig egal! Es ist Sommer. Es ist heiß. Es ist Partyzeit an Kärntens größter Badewanne.

Kein Schluss am Wörthersee. Das große alte Nass, einst "Perle", bald "Juwel" geheißen, später manchmal auch "Loch Nepp" genannt, erlebt ein Revival. Es wird gekreischt, getrunken, gebaggert. Die Beachvolleyball-World-Tour macht in Kärnten Station, und das ist nicht nur für viele Einheimische der Partyhöhepunkt des Jahres. Rund um den See jagt ein Fest - pardon, Event - das nächste.

Keine 20 Kilometer entfernt, am Fuße des mächtigen Bergwalls der Karawanken trifft sich am selben Samstagabend ein Hinterzimmer voll Frauen und Männer zur Sitzung des Abwehrkämpferbundes, Ortsgruppe Ferlach. Die Herren haben den erdfarbenen Kärntneranzug angelegt, die Damen das Kärntner Kostüm als braunes Pendant. Rauchschwaden liegen wie Herbstnebel in der Luft. Auf der Tagesordnung: die Vorbereitung der diesjährigen Feierlichkeiten zum 10. Oktober. Seit 1920 gedenken heimattreue Kärntner an diesem Tag der erfolgreichen Volksabstimmung und des vorangegangenen Abwehrkampfes gegen die eingedrungenen südslawischen Truppen. "Wo man mit Blut die Grenze schrieb", heißt es in der vierten Strophe des Kärntner Heimatlieds martialisch, "und frei in Not und Tod verblieb".

Der letzte tatsächliche Abwehrkämpfer wurde 2005 im Alter von 104 Jahren zu Grabe getragen. Doch das tut im Grunde nichts zur Sache. In diesem Land wird Geschichte gelebt.

An jedem 10. Oktober trifft man dann in den Kärntner Dörfern und Städten Goldhaubenfrauen und Sänger, Dirndln im Dirndl und Buam in der Krachledernen. Gedenkfeiern, Brauchtumsumzüge, Höhenfeuer, Liederabende und Galakonzerte - Land auf und Land ab. All das muss schon Wochen zuvor organisiert werden, und all das stört schon seit Jahrzehnten das Klima zwischen eifernden Deutsch-Kärntnern und den zur winzigen Minderheit geschrumpften Kärntner Slowenen. So wird der seit Jahren schwelende Streit um mehr oder weniger deutsch/slowenische Ortstafeln wohl auch die nächste 10.-Oktober-Feier dominieren. Kärnten, das bedeutet Widersprüche.

In Kärnten gedeihen oberflächliche Event-Kultur und tief sitzende Traditionen. Kärnten, das ist der unverwechselbar leichte Singsang des Dialekts, das ist die einfache aber doch köstliche Küche, das sind sonnige Urlaubsträume, bunte Faschingsnarren und düstere Vorzeiten. Im tiefen österreichischen Süden existieren Parallelwelten, welche die Unberechenbarkeit, die Vielschichtigkeit und die Unverstehbarkeit des Landes für den Nicht-Kärntner verursachen.

Auf der einen Seite präsentiert sich Kärnten als Bühne der südlichen Nächte, des leichten Lebens, der ledigen Kinder, des Motorbootfahrens am Wörthersee und der Roy-Black-Filme. Dort schlürfen Prominente und Urlaubsgäste in unverwechselbarer Naturkulisse ihren sommerlichen Cocktail, und nirgendwo ist der Smalltalk so leicht und so seicht.

Wer Kärnten solcherart erlebt, muss umso verstörter sein, wenn die langen Schatten der Vergangenheit das Bild der heilen Freizeitoase stören. Dieses völlig andere Kärnten wird von heimatschweren Kameradschaftsbündlern bevölkert. Von der Last der Geschichte gedrückte Männer und Frauen im steten Ringen mit der slowenischen Minderheit. Ein tief wurzelndes Völkchen, gekleidet in braune Anzüge, in Grüppchen mit mehr als drei Personen stets ein mehrstimmiges, charmant-weiches Kärntner Lied auf den Lippen. Da finden sich die Sturmtruppen vom ewigen Abwehrkampf, dem in diesem Grenzland zwischen den Bergen mehr oder weniger auch Politiker aller großer Parteien Tribut zollen. In diesen und um diese spezifisch kärntnerischen Parallelwelten tummeln sich die Grenzgänger, die am Monte-Carlo-Platz in Pörtschach die lauen Sommerabende mit dem Jetset verbringen und die nebeligen Oktobertage mit den Heimatverbänden.

Jörg Haider etwa, der berühmteste und umstrittenste Landeshauptmann Österreichs, mischt sich ebenso gerne zwischen die Beachvolleyball-Groupies am See wie zwischen schneidige Buben im Kärntner Gwand. Das Lebensgefühl der Kärntner trifft er damit auf den Punkt. Kärnten, das ist schon ein Hauch von Italien, und doch spürt man die Enge der Berge so stark wie anderswo kaum. Die Kärntner litten lange an einem Minderwertigkeitskomplex. Manche tun es immer noch. Sie glauben, dass andere auf sie herabblicken, weil die sie für fade, misstrauisch und verbohrt halten. Etwa weil die Kärntner selbst unter höchster Anstrengung niemals akzentfrei Hochdeutsch reden werden.

Oder weil sie bei Weitem nicht so brillant sind wie ihre Nachbarn, die Grazer. Oder weil sie, anders als die Salzburger, in einem Land mit weniger Sehenswürdigkeiten leben. Und weil sie natürlich viel weniger Macht, Geld und Einfluss haben als die Wiener. Mit all dem müssen sich die Kärntner herumschlagen. Dass sie dafür jeden Tag die wahrscheinlich schönste Landschaft Österreichs erleben dürfen, gibt Trost.

Starkes Heimatbewusstsein kompensiert oft schwaches Selbstbewusstsein. So wird mehr gefeiert und mehr gesungen als anderswo. Die Kärntner sind stolz auf ihr Land und darauf, Kärntner zu sein. Aufgrund ihrer geopolitischen Lage haben sie eine typische "Mir-san-mir"-Mentalität entwickelt. Kärnten ist ein Vielvölkerfleckchen, wo sich nicht nur germanische, sondern auch romanische und slawische Einflüsse bemerkbar machen. Mit dieser Multikulturalität repräsentieren sie ganz Europa, auch wenn mancher von uns Kärntnern das wahrscheinlich nicht wahrhaben will.

Im Land der Parallelwelten und Grenzgänger schimpft der ewige Abwehrkämpfer zuerst einmal gegen die hinter den Bergen - in Wien, in Ljubljana, in Brüssel oder anderswo, und dann gegen die da oben - in der Regierung, den Behörden, im Establishment, bei den Großen.

Doch in der riesigen Sandkiste am Ufer des Wörthersees, wo begeisterte Jugendliche verschwitzte Beachvolleyballer anfeuern, dort ist von dieser inneren Zerrissenheit nichts zu merken - die jungen Leute interessieren sich lässig und schick nur für "fun" und "kick".

Der offensichtliche, oft schmerzhafte Widerspruch ist es, der Kärnten so anders macht.

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Autor:
Alexander Sattmann