Kärnten Die schönsten Badeseen Österreichs

Millstätter See: Der elegante Charmeur

Die beste Zeit, sagt Gottlieb, sei der Sonnenaufgang, wenn er aufwacht, der See. Aber so früh am Morgen stünde er allein da mit "Wolfi" und "Susi", "Bärbel" und "Kathi", seinen Booten, das weiß Gottlieb. Zwölf Urlauber stehen am Millstätter See, Mütter und Väter mit Kindern, eine ältere Frau mit einem weißen Hündchen. Manche haben noch nicht zu ihrer Stimme gefunden, für sie ist es zu früh am Morgen, es ist acht Uhr. Für Gottlieb ist es fast schon zu spät. "Aber mir san im Urlaub, und im Urlaub, da sollt man sich schon a erholen. Aber jetzt müssen wir los."

Gottlieb. Der Strobl Gottlieb. Aus Millstatt, Jahrgang 1944, gelernter Bootsbauer, Rentner, den sie alle "Golle" nannten, damals, "in den wilden Jahren". Er ist braun gebrannt, und hört man ihn sprechen, denkt man an die österreichischen Berge und an Urlaub. Eine Welt, tausend Kilometer weit weg vom Hannover-Deutsch, in der es kein "Sie" gibt. Hier sagt man "tuat's amol" und "schaut's amol" und "lacht's amol". Gottlieb hat Skilehrer-Charme, diesen Humor, der gern zweideutig ist und den man eigentlich nur mag und versteht, wenn man in den Ferien ist.

Zweimal in der Woche, dienstags und donnerstags, bietet Gottlieb eine Buchtenwanderung an. Er fährt dann rüber zum Südufer, dort, wo nur wenige Häuser stehen, zu den verschwiegenen Buchten des Millstätter Sees, Kärntens zweitgrößtem, aber tiefstem und wasserreichstem See. Eingebettet zwischen drei Zweitausendern, dem Tschiernock, der Millstätter Alpe und dem Mirnock und einem Waldrücken, der ihn vom Drautal trennt.

"Fasst's das Ruder nicht wie einen Hammer an, das gibt Blasen", sagt Gottlieb, "taucht's ein wie ein grünes Blatt ins Wasser." Es sind tausend Meter, 30 Minuten Rudern, die Millstatt vom anderen Ufer trennen.Weit weg von Seeboden, dem Badeort im Westen, und von Dellach und Döbriach, den Dörfern im Osten. Das Wasser ist glasklar, dermaßen frisch, dass man es trinken möchte - und auch könnte, denn der See hat Trinkwasserqualität, wie alle Seen in Kärnten. Am Südufer wachsen Moos und Schlingpflanzen, Kormorane verbringen hier die Nacht, es ist ein Stück Romantik. Es gab am Ufer früher eine Wiese, die nun zugewachsen ist, Liebesinsel wurde sie genannt. Verliebte konnten dort ungestört das machen, was Verliebte tun. "Nehmt's a Boot und fahrt's amol", sagten damals die Leute. Die ersten Wellen rollen ans Ufer, die ersten Motorboote sind auf dem See, der See erwacht, und Gottlieb Strobl rudert mit seinen Touristen zurück nach Millstatt.

Die Stadt breitet sich vor einem aus, es ist dieses Bild, das auf Postkarten gedruckt wird, mit dem Benediktinerkloster aus dem 11. Jahrhundert und der ehemaligen Stifts- und heutigen Pfarrkirche mit ihren barocken Zwiebeltürmen. "Und dann sind hier überall die Villen der Adeligen, das ist typisch für Millstatt", sagt Gottlieb. Es sind nur noch wenige Meter bis zur Anlagestelle, Gottlieb hilft beim Einparken der Boote und verabschiedet sich, "habt's noch einen wunderschönen Tag". Die Adligen, deren Häuser die Wahrzeichen der Stadt sind, kamen im 19. Jahrhundert nach Millstatt. Ein Freiherr von Musil, der das Schloss Heroldegg nach dem Vorbild eines Schlosses in Frankreich bauen ließ. Ein Verwalter der Familie Rothschild, der die Villa Kamerovski kaufte, abriss und die Villa Verdin errichtete. Ein Baron Schwarz, Besitzer der Parkvilla. Und Schürer von Waldheim, Nachkomme einer böhmischen Glasbläserfamilie, eröffnete 1884 das erste Hotel am See, die "See-Villa". "Privatparkplatz Anton Graf Tacoli" steht heute auf einem Schild an der Mauer der "See-Villa".

Adelstitel sind in Österreich per Gesetz verboten, und deshalb gibt es offiziell keine Grafen. Er ist ja auch kein Graf, sondern ein "Marchese". Er nennt sich aber lieber Graf, weil es den Titel Marchese im Deutschen nicht gibt. Im Dorf ist er mal der "Graf" und mal der "Toni", der 63-Jährige, der in der Steiermark aufwuchs, Vermessungswesen studierte, zur Hotelfachschule ging und von 1972 bis 1975 Chef des "Halfmoon" war, einer Disco in Salzburg. Und dann kam Millstatt. Anton Tacoli ist ein Ururenkel des ursprünglichen Besitzers der "See-Villa". Er bekommt sein Essbesteck in einem weißen, gerippten Umschlag, auf dem in großen Buchstaben "Graf" steht.

"Der Millstätter See hat etwas Mystisches", sagt er. Das Wasser ist dunkelgrün, weil der See von vielen Wäldern umgeben ist und das massive Gestein des Mirnock hoch über dem See thront. "Dieser Berg bewahrt in seinem Innersten einen Schatz", sagt Graf Tacoli. Karfunkel nannte man diesen dunkelroten Stein, der Heilung und Glück bringen sollte und vom Millstätter See in die Welt gebracht wurde, zu den Ägyptern, Griechen und Römern. Der Graf kennt viele Geschichten aus Millstatt, alte, neue, Sagen, Legenden. Zum Beispiel jene aus dem Oktober 1870, als der Schriftsteller Ferdinand Kürnberger von Wien nach Millstatt reiste. Der Graf holt einen Zeitungstext, in dem ein Brief Kürnbergers abgedruckt ist, und liest daraus vor: "Millstatt ist das scheußlichste Nest, das ich je gesehen. Millstatt ist ein formloser, wüster Kuhstall - auf ein Vorgebirge hingeschleudert, wie man einen Quark an die Wand schmeißt." Später kamen die Adligen und machten aus Millstatt ein Dorf, das schöner ist als alle anderen Orte rund um den See.

Im Garten der Villa steht eine Metallskulptur. "Das ist ein Symbol für die Geschichte unseres Orts." Der Sage nach kam im 8. Jahrhundert Herzog Domitian in die Gegend. Seine Burg stand auf dem Hochgosch, einem Bergrücken zwischen dem Millstätter See und der Drau. Sein Sohn ging im See schwimmen, ein Sturm kaum auf, der Sohn kam nicht mehr zurück. Domitian ließ den Wasserspiegel des Sees um 20 Meter absenken, auf seine heutige Höhe, und man fand seinen toten Sohn auf einer Halbinsel. Der Fürst ließ dort die erste christliche Kirche bauen und warf heidnische Statuen in den See - von "mille statue" stamme der Ortname her, meint mancher Millstätter bis heute.

Weissensee

Weissensee: Der coole Klare

Unten sagt man, dass die Menschen dort oben am See anders seien. An die evangelische Kirche sollen sie glauben, diese Menschen, und einen Dialekt sprechen, der dem Tirolerischen ähnlich sei. Dort oben, am Weißensee, soll es auch noch Bären geben, hört man die Menschen unten, in Klagenfurt, sagen. Aber schön soll es dort sein, wunderschön. Zwei Straßen führen nach Weißensee, eine nördliche, von Spittal an der Drau, und eine südliche, von Hermagor. Sie führen hinauf auf fast tausend Meter, durch dichte Wälder hindurch, es gibt viele Kurven, bis er dann vor einem liegt, der Weißensee, der höchstgelegene Badesee der Alpen. Lang und schmal, wie ein norwegischer Fjord, hat sich der See mit sechseinhalb Quadratkilometern Fläche zwischen die Berge gesetzt.

Das Ufer zieht sich über 22 Kilometer, nur ein Drittel ist bebaut. Weniger als 800 Menschen leben in der Gemeinde Weißensee, die sich auf sieben Ortschaften aufteilt, zum Beispiel Oberdorf, Gatschach, Naggl und Techendorf. Westlich sind die Ufer flach, es gibt grüne Wiesen und sanfte Hänge. Östlich zeigt der See seine dunkle, abweisende Seite, mit steilen, felsigen Waldflanken.

Im Ortsteil Neusach, wo die Straße an einem Balken endet, steht eine moderne Holzhütte mit einer mannshohen Glasfassade. Es ist ein Abend im Juli, und Martin Müller kommt gerade zurück von einer Ausfahrt. Die Ausbeute ist mager, weniger als 50 Fische sind im Netz, es ist Vollmond, da sind sie scheu. Jeden Tag um 5 Uhr in der Früh fährt Müller hinaus auf den See und wirft die Netze aus. Wenn die Sonne aufgeht, sei der See am schönsten, sagt Müller, ruhig liege er dann da, spiegelglatt. Am Nachmittag verkauft er die Fische und fährt abends wieder raus, um die Netze auszuwerfen.

Müller ist 37 Jahre alt und lebt von der Fischerei. Der Weißensee ist sehr klar, man sieht bis zu 15 Meter tief, doch klares Wasser heißt auch: wenig Nährstoffe und deshalb wenig Fische. Doch die Fische, die im See leben, sind begehrt - Reinanke, Hecht, Rotfeder und Flussbarsch leben im See, auch Karpfen, was Müller besonders ärgert. "Dem Karpfen ist es hier viel zu kalt, der kann sich nicht natürlich vermehren, aber alle wollen ihn angeln", sagt Müller. "Das ist so, als würde man einen Elefanten hier aussetzen."

Müller ist jemand, der stolz ist, in Weißensee aufgewachsen zu sein. Er sagt "bischt" und "hoscht", weil er das "st" als "scht" spricht, anders als die Leute unten, in Klagenfurt und Villach. In Kärnten haben viele Dörfer einen Namen, der aus dem Slowenischen stammt. Doch nicht so am Weißensee, wo es den Berg Latschur gibt und die Wiese Masmadul, die nach Schweizer Almen klingen. Früher wurden die Leute hier oben auch schon mal vergessen, wie damals, als die katholische Gegenreformation stattfand. Deshalb sind sie in Weißensee zu fast drei Vierteln protestantisch.

Als die ersten Touristen an den Wörthersee kamen und an den Ossiacher See, wurde in Weißensee eine Studie in Auftrag gegeben. Diese Studie empfahl den Bau einer Durchzugs-, einer Panorama- und einer Umfahrungsstraße. Die Einheimischen aber lehnten das alles ab. Stattdessen widmeten sie Bauland zu Grünland um, damit die Wiesen auch Wiesen bleiben, und stellten große Teile der Region unter Natur- und Landschaftsschutz. Die Bürger lehnten eine "große alpine Weiterentwicklung" mit Lift- und Gondelanlagen ab. Stattdessen investierten sie das Geld in eine Kanalisation, damit der See sauber bleibt.

Vor 30 Jahren wurden die Einheimischen für ihre Entscheidungen belächelt, heute werden sie beneidet, und sie werden dafür belohnt. 1995 erhielt die Gemeinde einen Europäischen Preis für Tourismus und Umwelt. Die Menschen hier haben sich immer gegen Neuerungen gesperrt, sagt Müller. Sie seien eben stur und stolz, das sei auch gut so.

Bekannt wurde der Weißensee im Januar 1987. Damals raste ein Aston Martin über den zugefrorenen See, draußen waren es 25 Grad unter Null. Der Wagen war mit Laserkanonen bewaffnet und hatte Spikes und einen Raketenantrieb. Es war eine Szene für den James-Bond-Film "Der Hauch des Todes" mit Timothy Dalton. Einen Monat lang drehte ein Filmteam im Schnee und auf dem Eis. Es waren diese Dreharbeiten, die den Ort bekannt machen sollten.

Der Film lief in den Kinos an, und holländische Eisläufer wurden auf den See in Kärnten aufmerksam. "An Kathrein geht der See zu", heißt eine alte Bauernregel, und trotz Klimawandel hat sich bislang nichts daran geändert, dass um den 25. November herum der Weißensee anfängt zu gefrieren, mehr als einen halben Meter tief. Die Winter in Holland waren zu mild geworden für die traditionelle Elf-Städte-Tour, ein volksfestartiges Eislaufrennen. Die Holländer suchten nach einem neuen Austragungsort und fuhren an den Weißensee. Seit 1989 starten sie hier zum 50-, 100- und 200-Kilometer-Marathon. 5000 Urlaubsgäste kommen dann, und die Bevölkerung in den kleinen Orten wächst bis auf das Zehnfache an.

Vor mehreren hundert Jahren, als noch niemand daran dachte, am Weißensee Urlaub zu machen, war der Ort ein Industriestandort. Im Bodenalmtal, wo heute das Almvieh weidet, stand von 1621 bis 1879 die erste und letzte Glashütte Kärntens. Bis zu 600 Menschen arbeiteten an den Hochöfen. Die Spiegel, gravierten Gläser und Krüge wurden an den Kaiserhof nach Wien geliefert und an russische Zaren. In der St. Petersburger Eremitage gibt es noch heute ein paar Stücke zu sehen.

Müller sagt, der Weißensee heiße deshalb so, weil es viele Kalkablagerungen im Wasser gebe. Der Regen schwemme so viel Kalk in den eigentlich kristallklaren See, dass er milchig werde. Die Netze seien dann innerhalb von zwei Stunden mit Kalkfetzen überzogen, "das Netz steht wie eine Wand im Wasser". Die Kalkpartikel reflektieren das Licht und lassen den See türkis schimmern. Und was ist mit den Bären, die es hier geben soll? Müller sagt, die gebe es nach wie vor, hier im Grenzgebiet seien die Bären nie wirklich weg gewesen. Aus Slowenien und Italien kämen die Tiere über die Grenze. Warum ausgerechnet zum Weißensee, weiß niemand. Zum Eislaufen? Oder doch eher wegen der Karpfen?

Ossiacher See: Der stille Träumer

Der stille Träumer Campingplätze statt Hotelkomplexe - beschauliche Ferien wie in der guten, alten Zeit Die Treppe runter, dort soll er sein, der Fritz, den alle kennen im Ort. Und da sitzt er auch, in einem braunen Plastikstuhl vor einer kleinen Laube, in der er sein Werkzeug hat und sein Bier kühlt. Im Radio spielen sie Peter Kraus und Conny Froboess und andere Schlager, wie damals, als die Urlaubsreise im VW Käfer, Ford Taunus und Opel Kadett erfunden wurde. Vieles ist hier noch wie früher, auf diesen zehn Quadratmetern Holzsteg, die zum Bootsverleih Fritz Brunner gehören. Seit einem halben Jahrhundert vermietet Fritz Brunner seine sieben Boote, an immer derselben Stelle, dem "Fritz-Brunner-Platz" in Annenheim am Ossiacher See.

Er hat graue Haare und einen wuchtigen Bauch, der von dem vielen "Naturfutter" komme, das er sein Leben lang gegessen habe. Im Juni wird Fritz Brunner 90 Jahre alt. Er nehme keine Tabletten, sagt er, er brauche nur täglich ein Bier. Seine Gelenke schmerzten manchmal, sonst sei alles wie in jungen Jahren, "in meinem Alter geht man nicht mehr in Rente". Von der Stadt Villach sind es nur wenige Minuten bis nach Annenheim, dort, wo der Ossiacher See beginnt. Ein Dorf mit 500 Einwohnern, das nie so schön und touristisch war wie die Hauptorte Ossiach und Treffen, ein Dorf, das erst bekannt wurde, als die Bahn auf die Gerlitzen eröffnet wurde, ein Ski- und Wandergebiet auf 1909 Metern Seehöhe.

Fritz Brunner schaut auf seine Boote und sagt, früher habe er Platzkarten ausgeben müssen, so groß sei der Andrang gewesen. Früher, in den fünfziger Jahren, als die ersten Touristen kamen und die Einheimischen ihr Ehebett vermieteten und auf der Luftmatratze der Urlauber im Keller schliefen. Heute fahren die jungen Leute lieber "Banane", auf einer riesigen Luftmatratze, die von einem Boot gezogen wird, "das kommt alles aus Amerika", sagt Fritz Brunner. Viele Gäste am Ossiacher See sind Familien, die ihren Urlaub im Wohnwagen verbringen.

Als die ersten Touristen kamen, wollten die Bauern ihre Grundstücke nicht an Investoren verkaufen, die Hotels an den See setzen wollten. Die Bauern eröffneten Campingplätze und Strandbäder. Heute gibt es mehr als ein Dutzend davon am See. "Ich dachte damals auch, die spinnen, ich dachte, wir brauchen Infrastruktur", sagt Fritz Brunner. "Heute denke ich, wir haben einiges verschlafen, aber manches auch zu Recht." Sitzt man neben Fritz Brunner auf seinem kleinen Steg und das Radio spielt Schlager, fühlt man sich wie in einem Heimatfilm; jenen alten Filmen, die in Österreich gedreht wurden, in denen viel gesungen wird und in denen ein deutscher Urlauber mit dem Auto an einen österreichischen See fährt, in einem Hotel wohnt und sich verliebt und am Ende alle glücklich sind.

"I bin a Zentrale hier", sagt Fritz Brunner, "wenn einer was wissen will, kommt er zu mir." Er sitzt von 9 bis 20 Uhr am Ufer, täglich, von Mai bis September. Auf der Mauer neben sich hat er ein Holz mit Nägeln angebracht, weil es immer wieder Gäste gab, die sich auf die Mauer setzten und "alles blockierten". Er nennt ihn den Märtyrerbalken. "Ja klar" sei er viel im Wasser gewesen, 30 Minuten habe er früher gebraucht, um die 600 Meter ans andere Ufer zu schwimmen. Hatte jemand was im See verloren, das Gebiss zum Beispiel oder den Ehering, ging er zum Fritz. "Ich sagte den Leuten, ich werde es aus dem See holen. Und dass es schwierig werde, das erhöhte den Preis. Ich habe damit ein paar Schilling nebenbei verdient."

Der Ossiacher See ist der drittgrößte See Kärntens. Er ist von Bergen und Hügeln umgeben, im Norden von der Gerlitzen, die zu den Nockbergen gehört, und im Süden von den Ossiacher Tauern. Der Name Ossiach stammt aus dem Slowenischen, vom Wort "Osoje", was man mit "die im Schatten Wohnenden" übersetzen könnte. Im Dorf Ossiach, am Ufer des Sees, stiftete im 11. Jahrhundert ein bayrischer Adliger das wohl erste Mönchskloster Kärntens, für den Orden der Benediktiner. Im Jahr 1079 traf ein Mann im Kloster ein, völlig erschöpft und mit zerlumpter Kleidung. Die Mönche nahmen ihn auf und bewirteten ihn. Der Fremde blieb länger als ein Jahr im Kloster und sprach kein einziges Wort. Erst auf dem Sterbebett erzählte er, er sei Polenkönig Boleslaw II., der Mann, der Bischof Stanislaus von Krakau erschlug und sich zur Buße ein Schweigegelübde auferlegt hatte. Am See erzählt man sie gern, diese Geschichte. Man mag hier die Ruhe. "Natürlich gibt es auch Verrückte hier", sagt Fritz Brunner. Den Domenig zum Beispiel.

Günther Domenig zählt zu den bekanntesten Architekten Österreichs. In Steindorf besitzt er ein 3500 Quadratmeter großes Grundstück. Ein Haus wollte der Architekt hier in den achtziger Jahren bauen, sein privates, das "Steinhaus". Ein Gebilde aus Beton und Metall, das aussieht wie ein Raumschiff, das eben gelandet ist. "Das hätten Sie erleben sollen. Die Bürger haben protestiert dagegen", sagt Fritz Brunner, "die hatten Angst, dass keine Touristen mehr kommen." Gebaut wurde trotzdem. Heute steht Günther Domenigs Haus in den Reiseführern als Sehenswürdigkeit. Gäste, die seit Jahrzehnten an den See fahren, gehen noch zum "Alten Fritze" und leihen sich ein Boot aus. "Sonst kommen nicht mehr viele, niemand will mehr ein Boot, dabei bin ich der billigste Verleiher in ganz Kärnten, elf Euro die Stunde", sagt Fritz Brunner. Die Leine, an der das Boot festgezurrt ist, macht er noch immer selber los, "sonst sauft mir noch einer ab, das wär mein Erster". Er begleitet die Gäste und setzt sie förmlich ins Boot und schiebt es dann mit einem kräftigen Fußtritt raus in den See. Dann trägt er den Namen des Mieters in ein Buch ein, und das Radio spielt Schlager.

Klopeiner See: Die warme Wanne

Die warme Wanne Wer gern lau badet, ist hier richtig: viele Sonnentage und Wassertemperaturen über 25 Grad Zwischen dem Strandbad in Unterburg und dem "Hotel Krainz" gibt es einen alten Steg aus verwittertem Holz, der zu einem Schuppen führt, und dort, auf halbem Weg, soll die Stelle sein, sagt Franz Fornezza. Die Stelle, wo der wärmste Badesee Europas am kältesten ist. Nur die Morgensonne erreicht diesen Platz, und die ersten Strahlen sind noch zu schwach, um den Klopeiner See zu wärmen. Franz Fornezza weiß das, er misst seit mehr als 30 Jahren die Temperatur des Wassers, morgens, mittags und abends, jeden Tag, in exakt 80 Zentimetern Tiefe. "Es gab früher Tage im Winter, an denen ich mich erst durch einen halben Meter Eis bohren musste", sagt Franz Fornezza.

An diesem Tag im Juli ist es nachmittags sehr heiß, das Thermometer zeigt 36 Grad. Lufttemperatur. Eltern und Kinder liegen auf Badetüchern am See, es gibt kaum freie Plätze, das Wasser ist 24,8 Grad warm, fast schon kühl für den Klopeiner See, der an manchen Tagen im Sommer 28 Grad erreicht. Anderthalb Kilometer ist der See lang, 800 Meter breit und 48 Meter tief. Er ist einer der kleineren Seen in Kärnten, dem Land, in dem man schneller einen See findet als eine Tankstelle. 26 Kilometer südöstlich von Klagenfurt liegt er, inmitten der Waldbuckel des Jauntals. Die Karawanken mit ihren mächtigen Kalkfelsen, die den See vor den kalten Adriawinden schützen, sind nur wenige Kilometer entfernt.

Von seinem Haus bis zum See läuft Franz Fornezza 500 Meter. Er ist 83 Jahre alt. In den fünfziger Jahren zog der gelernte Tischler nach Unterburg an den Klopeiner See und arbeitete als Hausmeister in einem Erholungszentrum. Heute schaut er in der Dorfkirche "nach dem Rechten" und misst täglich die Luft- und Wassertemperatur am See. Dieses macht er mit Leidenschaft. "Schwimmen hat mich nie interessiert. Ich wollte immer nur wissen, wie warm der See ist", sagt Franz Fornezza. Eines Tages rief ihn ein Beamter der Kärntner Landesregierung an. "Er fragte mich, ob ich das auch offiziell für sie machen würde." 130 Schilling bekam er dafür im Monat, heute sind es 100 Euro.

Der Klopeiner See liegt in der Gegend mit den meisten Sonnentagen in Österreich, mehr als 2000 Stunden im Jahr. Eine Region, die sehr nah an der Grenze zu Slowenien ist und deshalb immer wieder in den Zeitungen steht, weil sich Politiker darüber streiten, ob man dort zweisprachige Ortstafeln aufstellen soll. Noch heute leben viele Slowenen in den Dörfern südlich der Stadt Völkermarkt. Zwischen Völkermarkt und der slowenischen Grenze liegt auch St. Kanzian mit seinen Ortsteilen Seelach, Unterburg, Klopein und weiteren rund 30 Dörfchen rund um den Klopeiner See. Im Ferienprospekt steht, dass es hier einen Golfplatz gibt und "singlefreundliche" Hotels, mit "garantiert einem Doppelzimmer für sich alleine". Eine neue Attraktion ist das "Bergwerkstollenbiken", eine geführte Fahrradtour unter Tage. Sonst scheint noch alles wie damals zu sein, als die Orte am See ihre Glanzzeiten erlebten, Mitte der achtziger Jahre, als mehr als eine Million Übernachtungen im Jahr gezählt wurden.

Es war die Zeit, als das Mittelmeer für die Urlauber noch weit weg war, weil es keine Billigflieger gab. Der Klopeiner See war nie so schick und teuer wie der Wörthersee. Er war ein Urlaubsidyll für Familien, ein Ort, wo die Kinder im Wasser plantschten, die halbwüchsige Tochter in die Disco ging und Mutter und Vater abends einen Wein beim Gastwirt tranken. Wo die Luft abends lau war wie in Italien und auf den Terrassen der Hotels braun gebrannte Touristen saßen. Die Urlauber sitzen noch immer auf den Terrassen und flanieren am See, nur kommen sie nicht mehr so zahlreich wie früher. In den siebziger Jahren wurden die schönsten Stellen am See verbaut. Eckige, bunte Häuser mit Holzbalkon, die heute niemand mehr bauen würde, die aber heute noch dort stehen.

Die Dörfer, etwas abseits vom See, sind Dörfer geblieben, und fährt man durchs Land, fährt man auf Straßen, die so klein und unbedeutend sind, dass sie in modernen Navigationssystemen noch nicht erfasst sind. "Es gibt hier Leute, die jammern und sagen, wir hätten vieles verschlafen", sagt Franz Fornezza. "Das mag sein, doch den See kann uns niemand nehmen. Das ist ein Naturjuwel mit Trinkwasserqualität." Bis Ende September kann man im Klopeiner See baden. Dann kommen die Regentage und die Nächte, die von Tag zu Tag kühler werden. "Wenn es einen Tag regnet, fällt die Temperatur im See um fünf Grad", sagt Franz Fornezza. Entscheidend sei aber die Nacht, wenn der See seine Wärme an die kühlere Luft abgebe. "Auch ein Tag Sonnenschein kann eine Nacht mit zwölf Grad nicht wettmachen", sagt Franz Fornezza.

Es gibt Tage, an denen der See wärmer ist als das Mittelmeer. Er ist umgeben von Bergen und Wald. Er hat keine Zuflüsse. Das Wasser stammt aus Quellen, die unterirdisch sind. Der See liegt in einer windgeschützten Gegend. Es gibt keine Algen, und eine Maschine saugt das Wasser in der Tiefe ab, damit das Wasser auch klar bleibt. "Sonst würde das Wasser in der Tiefe nach faulen Eiern riechen. Der See ist ja kaum durchflutet", sagt Franz Fornezza. Vor mehr als einem Jahrhundert, 1885, als die ersten Gäste kamen, schrieb das St. Kanzianer Gemeindeblatt, der Klopeiner See sei ein "ausgezeichneter Kurort für Brust- und Lungenkranke". Einen Spezialarzt gebe es dort während des Sommers und "sehr gute Quellen und Geh- und Schwimmbäder". Damals gab es 40 Betten.

Vor einigen Jahren bohrte sich ein Meißel in St. Kanzian in die Erde, vier Monate lang, durch hartes Granitgestein. Es waren Probebohrungen. Einheimische hatten schon seit Jahren vermutet, dass es Thermalwasser in der Region geben könnte. In 1700 Metern Tiefe fand man schließlich mineralhaltiges Wasser, das 53 Grad heiß war. Die Temperatur stieg alle einhundert Meter um drei Grad. Die Gemeinde plant nun den Bau einer Therme. "Ich habe das Wasser selber gekostet. Es schmeckt salzhaltig", sagt Franz Fornezza.

Faaker See: Die kleine Perle

Vor einem Kilometer stand sie noch im Gras, und nun steht da plötzlich schon wieder eine, versteckt hinter einem Baum, und 700 Meter weiter, an einer Mauer, kommt schon die nächste. Es gibt keinen Ort in Österreich, der eine größere Dichte an Radarboxen hätte als Drobollach am Faaker See. Das kommt einem jedenfalls so vor. Auf den Straßen sind mal 50, mal 30 Stundenkilometer erlaubt, und fährt man in das Dorf, tritt man auf die Bremse, denn die Behörden ließen an die weißen Ortsschilder ein Zusatzschild anbringen: "Achtung! Ständige Radarkontrollen".

Die Urlaubsruhe, so könnte man sagen, ist am Faaker See staatlich verordnet. Nach Kärntner Maßstäben ist der Faaker See eher klein und doch so groß wie 340 Fußballfelder. Zwanzig Minuten fährt man von Villach zum Faaker See, der südlich der Drau liegt und nördlich der Karawanken, in einer Gletschermulde, die Regenwolken immer wieder vorbeiziehen lässt. 8500 Menschen leben in dieser Region, in der vor hundert Jahren jeder vierte Einwohner Slowenisch sprach. Die zwei Dutzend Dörfer, die sich an den See schmiegen, haben mehr Gästebetten als Einwohner. Mit über einer halben Million Übernachtungen zählt Finkenstein zu den tourismusstärksten Gemeinden. Früher, als die Deutschen Österreich entdeckten, kamen noch mehr Urlauber, und damit diese wieder kommen, erfanden die Tourismuschefs "Events" wie die "European Bike Week", und dann wird es laut und eng am See. Die meiste Zeit aber dürfen die Dörfer noch Dörfer sein; Orte, die lauter sind als jene am Weißensee, sportlicher als am Millstätter See und ruhiger als jene am Wörthersee.

Egg am Faaker See, das Dorf nach Drobollach, eine scharfe Rechtskurve, ein großer Parkplatz. Ein Haus mit viel gebeiztem Holz steht da, es ist der Gasthof "Tschebull", mit viel Grün, das den Gastgarten überdacht. Auf der Speisekarte stehen die "Leibgerichte" des Wirts: "Halbes Kärntner Backhendl im Körberl" und "Die österreichische Seele in Brösel eingebettet" - ein Wiener Schnitzel vom Tuttelkalb, in Butterschmalz gebacken, serviert mit "Petersilerdäpfeln" und "Grantn", das sind eingemachte Preiselbeeren. Der Wirt heißt Willi Tschemernjak und sagt, "i bin a Original".

Im Dorf sagt man, der Willi sei ein "Tausendsassa", und der Willi wisse alles über den See. Willi ist 63 Jahre alt und führt mit seinem Bruder Hans den Gasthof. Er hat sonnengegerbte Haut und ist viel zu schlank für einen Wirt eines Dorfgasthauses. Willi sagt, er habe in seinem Leben 200.000 Kilometer zurückgelegt, mit dem Rad, den Langlaufskiern, dem Kajak und zu Fuß. Willi ist Vizeweltmeister im Langlauf bei den Senioren und hat 400 Langlaufrennen gewonnen.Willi gewann auch so ziemlich alles, was man in der Gastronomie gewinnen kann. Er war der beliebteste Koch Österreichs, war unter den besten zehn Köchen des Landes und holte bei den Kocholympiaden in Basel, Prag, Karlsruhe, Frankfurt die Goldmedaille. Auf dem Weg zur Toilette hat Willi Fotos an die Wand geklebt, die prominente Gäste zeigen, Udo Jürgens, Niki Lauda, die österreichischen Bundeskanzler und die Präsidenten und den "Bullen von Tölz". "Ja, der See", sagt Willi, "der ist schon ein Naturjuwel. Reinstes Bergquellwasser. Damit kannst du alles machen, schwimmen, waschen, kochen, trinken."

Im Sommer, wenn an der Adria die Nächte heiß wie die Tage sind, fliehen viele Urlauber an den Faaker See. "Das Wasser bei uns ist so warm wie das Meer, aber die Nächte kühlen auf 15 Grad ab", sagt Willi. Vom Garten des Gasthofs "Tschebull" sieht man eine kleine Insel im See,Willi sagt, "das ist alles Privatbesitz", die Insel, das Hotel auf der Insel, der gesamte See. Der Fürst Friedrich von und zu Liechtenstein verkaufte den Faaker See 1918 an Ludwig Wittgenstein, einen Onkel des berühmten Philosophen. Wittgenstein hatte keine Kinder und adoptierte zwei Mädchen, die Vorfahren der heutigen Besitzer, die Familien Bucher und Catasta, denen auch die Burg Landskron gehört, 15 Kilometer vom Faaker See entfernt.

Auf der Insel ist das einzige Inselhotel Österreichs. Früher musste jemand, der auf die Insel wollte, am nördlichen Ufer laut rufen und hoffen, dass ihn jemand hört. Heute gibt es bei der Anlegestelle in Faak am See ein Telefon. Dann kommt Peter Steiger oder sein Kollege Engelbert Baumgartner mit einem Motorboot, der "Möwe" oder dem "Falken", verstaut das Gepäck und fährt die 600 Meter zur Insel. Es sind die einzigen Motorboote, die auf dem See erlaubt sind. In vier Minuten erreicht man das Ufer; vier Minuten, die einen in eine andere Welt führen, eine, in der es keinen Lärm gibt und keine Hektik und keine Massen an Urlaubern. Vom Landungssteg, der von Seerosen umwachsen ist, sind es dann noch 80 Meter zum Hotel. Die Koffer werden mit einem Gepäckwagen zur Rezeption geschoben. Willi sagt, das sei nicht der einzige Privatbesitz hier.

Der Mittagskogel, ein mehr als 2000 Meter hoher Berg, der den See und die Dörfer der Gegend überragt, gehöre "dem Rogner", "von oben bis unten gehört der ihm", sagt Willi. Robert Rogner ist ein Bauunternehmer. Für seine Frau habe er den Berg gekauft, ein Geschenk zum Geburtstag sei das gewesen, erzählt man sich im Dorf. In drei Stunden schafft man es bis zum Gipfel des Mittagskogels. "Bergausrüstung brauchst dafür nicht", sagt Willi. Türkisblau sieht er von dort oben aus, der Faaker See. Das Wasser, das von den umliegenden Bergen rinnt, spült Kalk in den See. Feinste Kalkpartikel, die lange Zeit im Wasser schweben und das Licht türkisblau reflektieren, bevor sie sich am Boden ablagern. Die Berge sind hier sehr nah, aber nicht zu nah, sie erdrücken einen nicht. "Wenn du da oben stehst", sagt Willi, "weißt du, warum ich dir sage: Ich kann den See spüren."

Schlagworte:
Autor:
Gerald Drißner