Schleswig-Holstein Feridun Zaimoglu über Kiel

In Kiel brauchst du einen Herzschrittmacher, sagte mein bester Freund vor 22 Jahren und vier Monaten, wer auf Seehunde und angespülten Tang steht, findet dort sein Heil. Du wirst verkümmern, nein viel schlimmer, es wird dich umbringen. Tu's nicht! Ich tat es: Ich zog in die Stadt, von der alle meine Bekannten behaupteten, sie sei nichts weiter als eine dänische Sandburg, und den Einwohnern würde eher die rechte Hand abfaulen, als dass sie sie streckten zum festen Handschlag.

An meinem ersten Tag in Kiel regnete es ununterbrochen, die Häuser waren aus glasiertem Mauerziegel gebaut und sahen aus wie Grabsteine im Nebel, ich rannte herum und versuchte, mich auf die allgemeine Stimmung einzupegeln. Der norddeutsche Backsteinexpressionismus war mir kein Begriff, der Regen ging mir bald auf die Nerven, und irgendwann fand ich mich in der Innenstadt wieder und stand vor einem steinernen Engel mit einem Schwert in Händen, ich stand und starrte auf den zornigen Rächer, und als die Uhr der verwitterten Nikolaikirche die volle Stunde anschlug, in eben diesem Moment, wusste ich, dass nicht Ungunst und nicht Missgeschick mich vertreiben würden.

Der Schreck saß mir in den Gliedern, ich wandte mich ab und sah auf dem Bordsteinpflaster vom Wind zerschmetterte Regenschirme. Es war erst einmal ein herrliches Gefühl, in allen Dingen dieser Stadt Zeichen zu sehen. Denn tatsächlich war mir vieles fremd. Ich, der ich im Süden Deutschlands aufgewachsen war, konnte mich an nur wenigen kulturellen Kennpfeilern orientieren. Hier war nicht Wildnis, hier war nicht fremdes Land, hier war man dankbar, dass der Himmel nicht barst, wenn der Wind in die kahlen Baumkronen fuhr und gegen die Fensterscheiben drückte.

Am Anfang dachte ich, ich müsste mich dagegenstemmen. Ich wohnte für kurze Zeit in einem Haus in einer Windschneise, die heulenden Bäume machten mich nachts verrückt, ich ließ die Nachttischlampe lange brennen, weil mich die Furcht packte, die Wände könnten stürzen im Sturm.

Dann zog ich um in ein Studentenwohnheim in Kronshagen, mein Zimmer war etwas über neun Quadratmeter groß und glich einer Arrestzelle. Ich wohnte weit weg vom Stadtzentrum und hatte von meinem Fenster aus Aussicht auf ein Brachland, auf dem aber bald Einfamilienhäuser aus Klinker stehen sollten. Natürlich riefen meine Eltern an. Die Wettermeldungen für den Norden beunruhigten sie sehr, und natürlich rief auch mein bester Freund an, um schadenfroh brüllend zu lachen, weil er meinen Geschichten keinen Glauben schenkte.

Ich sagte allen, die es hören wollten, dass, erstens, ich sehr sehr glücklich war in Kiel, dass, zweitens, die Menschen in Kiel nicht dänisch, sondern höchstens plattdeutsch sprechen würden, und dass, drittens, sich am Ufer nicht Seelöwen auf den Felsen sonnen würden, sondern Neohippies und Studenten.

Einige Freunde taten sich zusammen und schickten mir ein großes Paket, das Zucker, Mehl, Salz und Kaffee enthielt, und auf der beiliegenden Postkarte versicherten sie mich ihrer uneingeschränkten Solidarität. Es war zwecklos, Einladungen auszusprechen, niemand wollte mich besuchen kommen.

Kiel galt als äußerster Rand der Peripherie, und sehr bald nannten mich Freunde und Bekannte von früher einen Teichmolch und gaben mich verloren. Ich aber bestaunte das kalte Licht und die Düsternis, die der Himmel in vielen satten Farben malte; ich aber lernte Menschen kennen, an denen der Spott der Auswärtigen abprallte, denn sie kannten bessere Hohngesänge, die sie dann brüllten, wenn die Nacht die Herzen presste.

Diese Menschen hießen Gerrit Bekker, Erk Petersen, Hans Bornefeld, sie waren Hünen wie aus alter Zeit und lehrten mich, dass die Dummen und Unbehausten glauben, sie wären ausgesetzt. Ich war dumm und unbehaust, ich ging zu Seminaren und Kursen, meine Verwirrung nahm zu, der steife Wind wehte mir um die Ohren, er wehte mir keine Einsicht zu. Der Herr, unser großer Gott, hat Kupfer wachsen lassen für die Taufbecken, sagte Erk Petersen, und ich nickte, ohne zu verstehen - wir standen auf einem kleinen Ufersaum, das Wasser leckte meine Schuhspitzen, und ich wusste nur: Oben ist Himmel, unten ist Erde, und dazwischen staut und stemmt sich die Luft.

Der Teich trocknet von den Rändern aus, sagte Hans Bornefeld, wir leben am Rand und wissen, was die Menschen in der Mitte erwartet - ich nickte wie ein Schulbub und wusste doch, dass nichts von dem, was meine neuen Freunde von sich gaben, in einem Lehrbuch oder Duden stand. Ich hatte gelernt, sofort in einem Buch nachzuschlagen. In Kiel jedoch verdampfte die Schulweisheit im Nu, kein Eingeborener streckte den Finger, zeigte in eine Richtung und sagte: Dort, nach hundert Schritten, liegt das Gold begraben.

Natürlich verhielt es sich in jeder anderen deutschen Stadt ähnlich, doch ich lebte in Kiel und wollte mich einstimmen auf eine schöne Art und eine gute Weise. Borste und Pinselgriff sind nicht Stumpf und Stiel, sagte Gerrit Bekker, wasch die Farbe richtig aus, unter der Silberzwinge des Pinsels versteckt sich das Pigment, es muss raus. Ich hielt den Pinsel in den dünnen Wasserstrahl und sah die Farbschlieren auf dem Porzellan des Waschbeckens vergehen. Ich ging bei Gerrit Bekker in die Lehre, ich saß bei ihm und schaute ihm bei seiner Miniaturmalerei zu, und was ich lernte, wollte ich in Worte fassen, konnte es aber nicht. Ich muss die Zeichen deuten lernen, dachte ich und dachte mich damit in eine Benommenheit, die einem in einer Stadt in der Peripherie nicht bekommt, und also riss ich endlich, endlich, nach vier Jahren in Kiel, die Augen auf.

"Kiel hat mich zu dem gemacht, was ich bin"

Es war die Zeit, da ich andere moderne Städte fuhr, nach Hamburg und Berlin, nach Frankfurt und München. Ich kam bei Bekannten unter, sparte mich auf für den Becher Kaffee am Tag, ich hatte wenig Geld zum Ausgeben. Ein Tourist aus Kiel wird belächelt und behämt, damals war es nicht anders als heute. Ich sollte doch bitteschön erklären, wieso es mich nach Kiel verschlagen hatte und was mich in Kiel hielt. Ich erfand erst einmal Lügengeschichten, ich sprach von der großen Liebe, von der niedrigen Miete, von den niedrigen Lebenshaltungskosten, und die Menschen in den modernen Städten dachten über diese technischen Details nach und befanden meine Gründe für plausibel.

Sie sahen in mir den Mann aus der Provinz, sie sahen sich gezwungen, mir die Touristenattraktionen zu zeigen, ich war ehrlich beeindruckt und dachte aber: Ich muss zurück, ich sehne mich nach meiner Stadt. Irgendwann fand ich es feige, der Logik der Großstädter zu genügen, ich vergeudete mich eben nicht in extremen Effekten, ich liebte das einfache spannende herrliche Leben, und wenn man es nicht anders sehen wollte, war Kiel eben ein ideales Rückzugsgebiet, in das gut gelaunte Dänen regelmäßig einfielen, um sich mit Bier und Schnaps einzudecken.

Nach einem mehrwöchigen Aufenthalt in Berlin saß ich in meinem kleinen Zimmer, ich war mittlerweile in eine Wohngemeinschaft gezogen. Ich hörte den Lärm meiner Mitbewohner, es waren fast alles Zugezogene. Sie studierten ordentlich und hatten ein Ziel, einen Abschluss oder eine feste Beziehung angepeilt. Was soll ich tun?, dachte ich. In Berlin ist jede zweite Kellnerin eine Avantgarde-Künstlerin, in Kiel dagegen kellnern die Studenten, um sich Kino, Pizza und Discothek zu leisten. Für mich kam beides nicht in Frage: Ich hielt mich mit Knochenbrecherjobs über Wasser, mir war die Lust an der Kunst vergangen, und nur meinen neuen Freunden hatte ich es zu verdanken, dass ich nicht versehentlich ins Wasser fiel oder vor ein Auto lief.

Kiel ist eine Stadt, in der man sich in einen unbändigen Zorn über die eigene Mäßigkeit hineinsteigern kann. Und endlich brach die Kruste, platzte der Lack und ich lieh mir von einem Freund eine Schreibmaschine, setzte mich hin und schrieb mir auf 30 Seiten den wohltemperierten Wahnsinn von der Seele. Ich hackte auf die Tasten, dass mir die Fingerkuppen schmerzten, ich trank den Kaffee schwarz und bannte meine dunklen Träume aufs Papier, draußen ging ein Nieselregen nieder, und ich hörte nachts wilde Männer brüllen. Sie brüllten obszöne Parolen, und wenn sich einer am Fenster zeigte, ballten sie die Fäuste. Ich dachte, jetzt passt es, jetzt fügt sich das eine zum anderen. Jetzt schreibe ich eine Seite nach der anderen, ich lebe hier und wüte hier, ihr Großstädter, hier habt ihr das Pamphlet aus der Peripherie. Und je mehr ich schrieb, desto mehr floss das Gift ab. Also ließ ich nicht ab davon.

Einige Wochen später unterschrieb ich den Verlagsvertrag für mein erstes Buch, dafür musste ich nach Hamburg anreisen, ich stieg auf der Rückfahrt in den Regionalzug ein und glühte und wunderte mich, brannte und freute mich. Jetzt fängt es an, dachte ich, jetzt geht es los, und wenn etwas sicher ist, dann mein Entschluss, weiter in meiner geliebten Stadt Kiel zu leben. Sie hat mich zu dem gemacht, was ich bin.

Schlagworte:
Autor:
Feridun Zaimoglu