Florida Meerjungfrauen im Weeki Wachee

"So, und jetzt ins Wasser", sagt Marcy Terry aufmunternd. Ins Wasser! Ich sitze auf einem Steg am Rand eines kleinen Quellsees, ich schaue in die Tiefe und wackle unentschlossen mit meiner Schwanzflosse. Gerade hat Marcy mir geholfen, mich in eine Meerjungfrau zu verwandeln: Als erstes habe ich Schwimmflossen angezogen und dann musste ich meine untere Hälfte - einschließlich der Flossen - in einen langen, schillernd blauen Stoffschwanz lavieren und schließlich die Luft anhalten, während Marcy einen Reißverschluss bis zu meiner Taille hochzog. Voilà, schon war ich eine Nixe!

Aber eben eine auf dem Trockenen. Ich gebe mir einen Ruck und lasse mich ins Wasser gleiten. "Beine anziehen und dann nach hinten kicken", sagt Marcy, die 1997 ihre Karriere als Meerjungfrau begonnen hat. Hmm, gar nicht so schwer. Dass ich meine Beine nicht einzeln bewegen kann, ist weniger klaustrophobisch, als ich gedacht hatte. Ich schaffe es - anziehen, kicken, anziehen, kicken - bis zur Mitte des Sees.

Seit 60 Jahren tanzen in einem bescheidenen Vergnügungspark in Weeki Wachee, nördlich von Tampa, hübsche Meerjungfrauen ein Unterwasserballett. In das Ufer des Quellsees des Weeki Wachee River ist, mehrere Meter unter der Erde, ein Theater mit fast 500 Sitzplätzen hineingebaut, das vorne statt einer Bühne ein Fenster zum See hat - ähnlich, wie man es aus einem Zooaquarium kennt.

Dahinter vollführen die Meerjungfrauen mehrmals am Tag eine halbstündige Show. Sie tragen weder Taucherbrillen noch Sauerstoffflaschen, sondern atmen durch im Becken fest installierte Luftschläuche, nach denen sie immer wieder greifen, während sie im Wasser auf und ab gleiten, sich elegant drehen und wenden, Salti schlagen und eine Geschichte - meist ist es "Die kleine Meerjungfrau" - spielen. Fische und Schildkröten schwimmen mitten durch die Choreografie, und im Winter kommen Seekühe aus dem Weeki Wachee River angepaddelt, die sich das Ballett fasziniert anschauen - und gelegentlich mitmischen. "Wenn die Seekühe kommen", sagt die Meerjungfrau Abigail Anderson, "stehlen sie uns immer die Schau."

Ein solches Spektakel gibt es nirgendwo sonst auf der Welt. Und dass es Weeki Wachee Springs selbst noch gibt, grenzt an ein Wunder. Denn viele Vergnügungsparks der Nachkriegszeit konnten mit den größeren, aufregenderen Hightech-Angeboten von Disneyland & Co. nicht mithalten und mussten schließen. Auch Weeki Wachee Springs, das zu seinen größten Zeiten 500.000 Gäste im Jahr (darunter Elvis) angezogen hatte, stand 2003 vor dem Aus. Aber dann übernahm das Städtchen - die Bürgermeisterin Robyn Anderson ist eine Ex-Meerjungfrau - den einzigartigen Vergnügungspark und begann den Kampf um seine Zukunft.

Es ist vor allem die Nostalgie, auf die das Meerjungfrauen-Theater dabei setzen kann. An diesem Morgen füllen sich die Holzbänke des türkisfarben gestrichenen Zuschauerraums mit erinnerungstrunkenen Großeltern, die ihre Enkel hergebracht haben, und jungen Familien, die hier erleben können, wie sich Amerika vor einem halben Jahrhundert vergnügte: alles etwas kleiner, einfacher, naiver und mit einem hinreißenden Kitschfaktor.

Nach meinem Workshop als Weeki-Wachee-Nymphe habe ich großen Respekt vor der Leistung der Taucherinnen, die ihr Unterwasserballett so anmutig und mühelos aussehen lassen. Schon das Atmen durch den Luftschlauch, der mit hohem Druck Sauerstoff in die Lungen pumpt, ist eine Kunst für sich. "Jede von uns hat zwischendurch geglaubt", sagt Abigail, "dass sie es nie lernen wird." Die jungen Frauen werden in monatelangem Training ausgebildet, manche von ihnen bleiben viele Jahre dabei. Eine Weeki-Wachee-Meerjungfrau zu sein, das gilt etwas in der Gegend.

Ich selbst bin leider bereits am Tauchen gescheitert. So heftig ich auch mit meiner Schwanzflosse gekickt habe: Ich kam und kam nicht in die Tiefe. "Manche Leute haben einfach Schwierigkeiten mit ihrem Auftrieb", sagt Marcy taktvoll.

Die Damen von Weeki Wachee sind, so unwahrscheinlich es klingt, nicht die einzigen Meerjungfrauen an den Gestaden des Golfs. Denn auch die Seekühe, die gelegentlich bei ihnen vorbeischauen, wurden von Seeleuten einst für diese sagenhaften Meereswesen gehalten.

Als ich meiner ersten Seekuh begegne, zweifle ich allerdings am Verstand jener verblichenen Matrosen. Oder zumindest an ihrer Nüchternheit. Denn das ungeschlachte, graue Vieh ähnelt eher einem Walross denn einer Wassernymphe. Es dümpelt am Grund der King's Bay, eine halbe Autostunde nördlich von Weeki Wachee, und weidet das Seegras ab.

Ein Tourboot hat mich, zusammen mit fünf anderen, zu einem Schnorchelausflug ins Seekuhrevier gefahren. Ein bisschen ängstlich schwimme ich an den Koloss heran, der beim Fressen sachte mit der Schwanzflosse schlägt. Natürlich weiß ich, dass ich ein vollkommen ungefährliches Säugetier vor mir habe, das weder über Beißzähne verfügt noch im Ruf steht, besonders helle zu sein. Seekühe haben das kleinste Hirn/Körper-Verhältnis aller Säugetiere, sind ausgesprochen kurzsichtig und verbringen ihre Zeit überwiegend mit Fressen und Schlafen.

Aber sie sind eben auch Respekt einflößend groß - bis zu vier Meter lang und bis zu 1600 Kilogramm schwer! Ich strecke entschlossen die Hand aus, tätschele den Rumpf der Seekuh und registriere erleichtert: Sie lässt es sich gefallen. Ihre Haut ist nur dort glitschig, wo Algen sich festgesetzt haben, ansonsten so rau und rissig wie die eines Elefanten. Die beiden Familien sind eng verwandt, und die Vorfahren der Seekuh haben an Land gelebt. Bald werde ich kühner, paddele zu den Flossen, dann zur runden, mit stachligen Haaren besetzten Schnauze vor. Jetzt schaut sie genervt - oder bilde ich mir das nur ein?

Nach wenigen Minuten verkriecht sich die Seekuh unter ein Dock. Pech gehabt! "Nicht alle sind gesellig. Wir müssen hoffen, dass wir welche treffen, die Lust auf Streicheleinheiten haben", sagt Chris Senetra, die wettergegerbte Kapitänin unseres Bootes, und steuert einen Seitenkanal an. Chris stammt aus der Kleinstadt Crystal River, die nahezu ein Monopol auf den Seekuh-Tourismus hat. Nur in dieser Gegend ist es erlaubt, mit den geschützten Tieren zu schnorcheln, nach strikten Verhaltensregeln: Berühren etwa darf man sie nur mit einer Hand - nie soll der Eindruck entstehen, Touristen würden auf den Tieren reiten! 44 Seekühe verbringen den Sommer in Crystal River, im Winter sind es um die 400, denn das Wasser in der King's Bay ist dann erheblich wärmer als draußen an der Golfküste. Und Seekühe, wer hätte das gedacht, frieren leicht.

In dem Seitenkanal entdecken wir eine Seekuhmutter und ihr Junges. Als das Kalb uns sieht, ist es schwer begeistert, kommt auf uns zugeschossen, knabbert vorwitzig an unseren Masken, scharwenzelt herum, schubst uns mit den Flossen, taucht unter uns hindurch und lässt sich nur allzu gern kraulen, vor allem am Bauch. Die Mutter nutzt die Ablenkung, um am Boden ein Nickerchen zu halten. Ab und an ruft sie ihr Junges, wenn es antwortet, schläft sie beruhigt wieder ein. Auch Seekuhmamas haben eine Pause verdient.

Eine Dreiviertelstunde tollen wir mit dem Kleinen herum. Dabei ist gar nicht so klar, wer hier mit wem spielt: Das Kalb hat offensichtlich genauso viel Spaß wie wir. Dass Seekühe dumm sind, will ich danach nicht mehr glauben - und die jüngste Forschung bestätigt mich. Ihr Hirn ist für einen Vegetarier gar nicht so klein, außergewöhnlich ist nur die überproportional gewaltige Leibesfülle - die eine gleichmäßige Körperwärme garantiert.

Die Kälte zwingt uns zurück ins Boot. Und während ich "unserem" Kalb hinterher blicke, ertappe ich mich bei dem Wunsch, eine richtige Meerjungfrau zu sein. Dann könnte ich länger im Unterwasserreich bleiben.

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Susanne Weingarten