Miami Kälteschock im Sunshine State

Miami kann sehr kalt sein. Vor allem drinnen. Wo unter freiem Himmel angenehme 28 Grad Celsius auch im Winter alles in feuchtweiche Wärme tauchen, sind die Innenräume auf Temperaturen herabgekühlt, bei denen jedes Lachen zum Face-Lift-Grinsen gefriert. Schon auf dem Weg vom Flughafen zum Hotel wird klar, dass die Einwohner des "Sunshine State" Florida ein seltsames Verhältnis zu ihrem höchsten Gut pflegen: Die Air-Conditioning im Taxi fegt stärker als der Fahrtwind durch die Kabine, so dass wir froh sind, vom Flug noch Jeans und Wollpulli am Leib zu haben.

Jedes Schlagloch einzeln abtastend, hüpft das Yellow Cab durch eine Kulisse aus hellblauem Wasser und Himmel, in den klischeehaft glitzernde Wolkenkratzer hineinragen. Über eine Brücke geht es nach Miami Beach - hier wohnen Reiche auf eigenen Inseln, Frauen tragen über Riesenbrüsten T-Shirts mit dem Aufdruck "I love Miami Bitch" und Palmenstrände leuchten so knallig wie Bildschirmschoner.

Das Taxi stoppt vor dem gigantischen weißen Baukomplex des Fontainebleau Hotel. Kurz saugen wir Tropenluft ein, dann betreten wir die gefühlten Minusgrade in der Lobby. Auch die Einrichtung ist cool: Weiße Loungesessel und gläserne Rundbar werden beleuchtet von riesigen, glitzernden Kronleuchtern des chinesischen Eventkünstlers Ai Weiwei. Wie umgedrehte Hochzeitstorten hängen sie von der Decke herab, passend zum geschwungenen Anti-Bauhaus-Credo des Architekten Morris Lapidus, der den legendären Luxusbau mit rund 1500 Zimmern 1954 errichten ließ. Zehn Jahre später spielte hier James Bonds "Goldfinger", Promis wie Sean Penn gehen seitdem ein und aus, und seit der Renovierung 2008 wirkt das Ganze endgültig wie ein futuristischer Fun-Tempel, in dem das in der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung verankerte Recht auf Glücklichsein - pursuit of happiness - seine ultimative Form gefunden hat.

Nach einer halben Stunde Rollkoffergeziehe durch Gänge, in denen scheppernde Klimaanlagen einen Orkan verbreiten, landen wir im "Sorrento Tower": fünfzehnter Stock, Blick aufs Meer und die Pools im Innenhof. Die Wände zieren riesige Mac- und Flatscreen-TV-Monitore, eine Küchenzeile bietet Starbucks-Fertigkaffee an. Im Bad gibt es einen Whirlpool, 16 weiße Handtücher in allen Größen und einen Fernseher neben dem Waschbecken. Nur die Zimmertür zu schließen ist schwierig: Der Wind vom Flur drückt sie auf, bis wir die Klimaanlage im Raum wieder einschalten.

Mit Gänsehaut sinken wir aufs Bett und nehmen eine Wasserflasche angeblich norwegischer Herkunft von der Bar, deren Inhalt nach Plastik schmeckt. Hier stehen auch viele bunte Nüsse und Kekse, und ehe wir uns versehen, haben wir allein durchs Anheben "Energy Boost Granola" für 10 Dollar und "Butter Toffee Pistachios" für 13 Dollar gekauft - ein Kabel von der Bar-Rückseite zu einer Steckdose verrät uns. Dafür stellen wir erst am nächsten Morgen fest, dass Nonstop-Lüftungen im Bad und Kühlschränke in einer Lautstärke dröhnen können, gegen die jede Autobahn als Feldweg daherkommt. Zur Erholung machen wir uns auf den Weg über den Poolbereich zum hoteleigenen Strand.

Die Sonne strahlt, weiße Liegestühle, kissenreiche Separées und minimalistische Bars wirken modellhaft unwirklich. Stoßweise duftet es nach Jasmin, so riecht allerdings auch das Duschgel und die Lobby. Uns schwant, dass das Hotel eine eigene Duftmarke besitzt, die aus sichtgeschützten Sprühvorrichtungen dringt. Entsprechend plastikartig leuchtet der Kunstrasen knallgrün, und fast meint man, die Sonne sei eine Installation von Olafur Eliasson, so perfekt passt das Ganze zusammen, dass wir darin wandeln wie in einem Werbefilm für Zahnbleaching.

Lärmbelästigung mit Michael und Phil

Am Strand mieten wir einen Sonnenschirm und betrachten ein paar Stunden lang das gereinigt aussehende Wasser und den sehr sauberen Sand. Von der Bar zwitschern schrille Vogellaute herüber, die wir als unecht einstufen - doch die dazugehörigen Vögel schnappen uns später den Salat mit noch gefrorenem Hähnchen von der Gabel und lassen schwarmweise Exkremente auf die Gäste fallen. Plötzlich wird das Zwitschern von dröhnender Musik übertönt, die Bar hat sich zum Lunch in eine Disco verwandelt. Synthetische Klänge von Michael Jackson bis Phil Collins wechseln im Minutentakt, die Lautstärke ist so hoch, dass sich ab jetzt alle anschreien. Dasselbe gilt für den Poolbereich, wo Mütter ihre Kinder im Takt zu Ice-T wippen. "Pursuit of Happiness" scheint hier kein Recht, sondern Pflicht zu sein.

Zurück auf dem Zimmer, lässt sich die Dusche nicht auf kalt stellen. Dafür hat es sich nun draußen abgekühlt, dunkle Wolken belagern den Himmel. Prima, denken wir auf dem Weg zur Eröffnung der Kunstmesse "Art Basel Miami Beach" - dann stellen sie drinnen die Klimaanlagen runter. Doch im Convention Center ist es ungefähr so warm wie im Bauch einer Boeing über dem Atlantik. Die Galerieassistentinnen waren vorbereitet: Über hauchige Minikleider haben sie zentimeterdicke Capes gelegt, die meisten trinken literweise Champagner von vorbeirollenden Wägelchen, die sich gegen Abend verdreifachen.

Das ist die Zeit, in der die "Professional Preview" zu Ende geht und sich die Besucher mit Schlauchbootlippen häufen, männliche wie weibliche. Puffbäckchen glänzen, Augen und Mund sind ohne Anlass weit aufgerissen. Zwar entweicht dann Körperwärme, doch vielleicht dient das der Konservierung. Im Gegensatz zu früher, also vor der Wirtschaftskrise, kaufen die meisten dieser Besucher praktisch keine Kunst mehr. Sie ziehen nur an den Ständen vorbei, manche Galeristen wirken erleichtert.

Wer von ihnen doch noch Kunst sammelt, macht Geschäfte, die zu jeder Zeit brummen - wie etwa der Kosmetik-Guru Dr. Brandt: Er sieht aus, als habe er Botox selbst erfunden, behandelt aber auch Superstars wie Madonna und Gwyneth Paltrow. Sein Lächeln ist schockgefroren, andere Züge scheinen nicht einprogrammiert. Fröstelnd flanieren wir durch die Gänge und fiebern dem Abend entgegen, für den wir mit Freunden einen Tisch im "Standard" reserviert haben, Amerikas hedonistischem Luxushotel auf den Top-Plätzen aller Ranking-Listen.

Für den Strandgarten ist es heute zu kühl, also wird man in der Lobby platziert. Die Klimaanlage läuft auf Hochtouren. Schlotternd bestellen wir Hummer, Steak und Oktopus und trinken Wein zum Warmwerden. Dann kommt das Essen: kalt. Alles. Sechs Teller mit Fleisch, Fisch, Schalentieren, Pommes. Die Kellner kreischen, Schamesröte schießt auf, dramatisch wird alles unter wilden Entschuldigungen abtransportiert. Eine Weinflasche kommt aufs Haus.

Wir warten wieder, trinken, zweiter Versuch: Der Rucola liegt verdächtig schlaff auf dem Hummer, als hätte man beides in die Mikrowelle geschoben. Ein Fingerstips aufs Fleisch: kalt. Schon wieder. Auch das Steak: Gummikonsistenz - aufgewärmt und abgekühlt. Wieder Aufregung, Entsetzen, Entschuldigungen. Die Küche sei zu weit von der Lobby weg, so dass die Teller zwischendurch abkühlten, versucht ein Kellner eine Erklärung. Essen und noch mehr Wein gehen aufs Haus, am Ende kommt etwas Lauwarmes, das aber ganz gut schmeckt.

Im Taxi reiben wir die Hände aneinander, machen uns warm für den Rest der Nacht im Raleigh Hotel, wo die Kunstszene sich feiert. Die Lobby ist erwartungsgemäß eisig, eine Hostess im Minikleid begleitet uns nach draußen zu den Heizpilzen. Wir boxen uns durch die gestylte Menge zum Barkeeper und bestellen ganz bodenständig ein Bier. Nach einem Schluck atmen wir erleichtert auf: Die erste warme Mahlzeit heute.

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Autor:
Gesine Borcherdt