Key West Floridas lockende Inseln

Als Jake Ferguson vor 18 Jahren auf die Florida Keys kam, wollte er eigentlich auf die Bahamas. Einen Monat lang war er als 20-Jähriger von New York aus nach Süden gesegelt. Als er in den Hafen von Key West einlief, hatte er nur noch 40 Dollar in der Tasche. Nicht genug, um weiterzufahren, Ferguson blieb in Key West. "Die beste Entscheidung meines Lebens", sagt der tiefgebräunte Kapitän heute. "Es gibt eine angenehme Mischung von Menschen aus der Karibik, Aussteigern, Schwulen und Heteros. Alle leben friedlich zusammen. Das ist es, was es cool macht."

Ferguson lächelt zufrieden. Nachdem er sich als Fischer, Segellehrer und Stadtführer durchs Leben geschlagen hat, ist er nun Charterboot-Kapitän und fährt Angler frühmorgens hinaus auf die See. Nach den Bahamas hat er keine Sehnsucht mehr: "Ich will nicht mehr weg aus Key West."

Es ist seine Liebeserklärung an ein paar hundert Inseln. Eine Liebeserklärung an ein Gefühl von Unabhängigkeit und Leichtigkeit, an Freiheit und Abenteuer, die das Meer verspricht. In fast jedem der kleinen Häfen liegt ein Schiff, das "Laid Back" oder "Easy Going" getauft wurde, die Markenzeichen des Lebens hier.

Wie eine Sichel schwingt sich die Inselkette nach Südwesten. Viele hundert dieser Inseln sind nichts als ein Gestrüpp aus Mangroven und angespültem Sand. Und selbst die 32 größeren, die Hauptinseln, sind an vielen Stellen nicht wesentlich breiter als der Overseas Highway, der über 42 Brücken vom Festland nach Key West führt. Key Largo, Upper Matecumbe, Vaca Key, Bahia Honda Key, Key West: aus dem Spanischen ins Englische übernommene Namen für exotische Inseln in tropischer Hitze. Zwischen dem dichten Mangrovenwald, in dem weiße Reiher sitzen und Leguane sich verstecken, blitzt zur einen Seite das tiefblaue Wasser des Atlantiks, zur anderen der hellere Golf von Mexiko. Über den Buchten segeln weit oben die Seeadler und knapp über dem Wasser die Pelikane. Wie die Menschen sind sie auf der Jagd nach Fischen.

Denn ein Badeparadies sind die Keys nicht, Sandstrände sind rar. Ein mehr als 300 Kilometer langes Korallenriff bricht die Wellen vor der Küste - es gibt keine Brandung auf den Keys. Und ohne Brandung gibt es keinen Strand. Dafür sorgt der warme Golfstrom für einen ungeheuren Fischreichtum und lockt die Angler in solchen Scharen an, dass die beiden Orte Islamorada und Marathon sich "Weltzentrum der Sportfischerei" nennen. Hier reiht sich ein kleiner Hafen an den anderen, auf den Hochseeangelbooten mit ihren hohen Aufbauten blitzen polierte Halterungen für die Angelruten in der Sonne. Die Fischer schwärmen von mächtigen Brocken, den Marlins, Wahoos, Fächer- und Thunfischen, die, so heißt es, fast von allein an den Haken springen. Doch Kapitän Wayne Kvadus, der auf einem Charterboot im "Whale Harbor" in Islamorada gerade den nächsten Angeltrip vorbereitet, sieht die Sache nüchtern: "Man kann auf dem Pier der perfekte Angler sein, draußen ist alles eine andere Geschichte", sagt der 55-Jährige, und hinter ihm steigt rotglühend die Sonne aus dem Meer. Draußen ist das Abenteuer, der Kampf auf dem offenen Meer, Mann gegen Fisch, allein und unerbittlich.

Seit 1980 wird in Key West der Marlin-Fischwettbewerb ausgetragen. Etwa 300 Angler besteigen jedes Jahr eine ganze Armada von Schiffen, um dem majestätischen Fisch nachzustellen. Doch alle kommen sie mit leeren Händen zurück: Die Marlins werden auf See gewogen und dann in die Freiheit entlassen. Den Anglern bleiben nur die Pfundzahlen, ein Beweisfoto und die Erinnerung an einen vielleicht so harten Kampf mit dem Fisch, wie ihn nur Hemingway erzählen konnte.

Hemingway ist überall

Er ist das große Idol der Keys: Ernest Hemingway. Es gibt wohl keinen Fischer auf den Keys, der nicht seine berühmteste und nobelpreisprämierte Geschichte "Der alte Mann und das Meer" kennt.Der Schriftsteller hat die Inselkette berühmt gemacht und wurde dort selbst zum Helden der Klatschspalten, zum Mythos der Keys. Wie besessen fuhr Hemingway jeden Nachmittag mit seiner Yacht hinaus, um große Fische aus dem Meer zu holen und sich mit den Trophäen fotografieren zu lassen. Abends feierte er den Fang des Tages bei "Sloppy Joe's", der Kneipe seines Kumpels Joe Russell. Dort traf sich der "Mob", eine Gruppe von Schreibern und Einheimischen. Ihr Anführer Hemingway trug den Spitznamen "Papa", man soff, stritt und prügelte sich. Im düsteren Roman "Haben und Nichthaben", der in Key West spielt, fing Hemingway diese Atmosphäre ein.

Die Zeit in Key West war für ihn eine produktive Schreibphase. Neun Jahre lebte Hemingway hier mit seiner zweiten Frau Pauline und den beiden Söhnen, ab 1931 im Haus in der Whitehead Street. In den frühen Morgenstunden entwarf er dort in einem kleinen Studio "Tod am Nachmittag", schrieb "Die grünen Hügel Afrikas" und "Schnee auf dem Kilimandscharo".

Hemingways Lebenswandel aus Reisen, Schreiben, Fischen, Jagen, Saufen und Raufen gibt noch immer eine gute Blaupause ab für ein freies Leben: Die "Conchs", wie sich die Keys-Bewohner nach der heimischen rosafarbenen Muschel nennen, pflegen ein mild-karibisches Rebellentum. Sie gefallen sich als Nachfahren von Piraten und Wrack-Plünderern. In ihren Augen sind die Keys anders als der Rest der USA, trotz des Highways bleiben sie Inseln: Im "No Name Pub" auf Big Pine Key klebt ein Aufkleber über dem Tresen: "Rettet die Keys", steht darauf, "Sprengt die Brücken!"

1982 wurde gar eine "Conch Republic" gegründet. Die US-Grenzpolizei durchsuchte Autos nach illegalen Einwanderern, hatte dafür auf dem Festland Straßensperren aufgebaut und schnürte so die Lebensader der Inselkette ab. Die "Conch Republic" protestierte. Am 23. April um zwölf Uhr mittags erklärte der Bürgermeister von Key West den Austritt aus den Vereinigten Staaten und der Union den Krieg. Die Rebellion dauerte eine Minute, dann ergaben sich die Abtrünnigen, traten den USA wieder bei und baten um Wiederaufbauhilfe - die nie kam. Die fröhlichen Keys wären nicht, was sie sind, wenn die "Conchs" aus dem Ereignis nicht sofort eine Party gemacht hätten: An jedem 23. April gibt es seitdem eine Unabhängigkeitsfest.

Auch Hemingway wird selbstverständlich gefeiert: Jedes Jahr Ende Juli schieben sich Horden dicker, weißhaariger, bärtiger Männer über die Duval Street. Ihr Ziel: der Hemingway-Doppelgänger- Wettbewerb, der seit 1981 im "Sloppy Joe's" gefeiert wird. 36 Kandidaten standen beim ersten Mal auf der Bühne, inzwischen sind es in jedem Jahr um die 150, die aus der ganzen Welt nach Key West kommen. Der Kampf um Hemingways Bart und Statur ist eine große Sache auf der Insel. Ein paar Stunden vor dem ersten Auftritt der "Look-Alikes" sperrt die Polizei die Straße neben "Sloppy Joe's". Der Laden ist gerammelt voll. Die Wettkampfteilnehmer haben Familie und Freunde zum Klatschen und Brüllen mitgebracht, sie halten Plakate hoch, unterstützen lautstark ihre Favoriten. Es geht zu wie im heißesten Wahlkampf, nur getrunken wird mehr. Einige Zuschauer sind schon am frühen Abend seekrank von Schnaps, Cocktails und Bier. In mehreren Runden müssen sich die Doppelgänger dem johlenden Publikum präsentieren. Nur ein paar Sekunden dürfen sie reden, um die Jury zu überzeugen. Da werden Bärte gepriesen, als seien Rasierapparate Teufelswerk, man protzt mit Übergewicht, will dem Idol so nahe kommen, wie nur möglich. Fischen kann jeder, alle haben alles von Hemingway gelesen, und es fallen Sätze wie: "Ich bin der richtige Doppelgänger, wirklich, denn ich habe ein ernsthaftes Alkoholproblem."

Es ist eine große, rüpelige Show, die Jury setzt sich aus den Gewinnern der Vorjahre zusammen, dicken, weißhaarigen, bärtigen Männern, die den Ehrentitel "Papa" tragen. "Es gibt keine Regeln", sagt Ron Thomas, der "Papa 2002". "Ich entscheide danach, ob sie sich über Hemingway informiert haben."

Mehrere Tage zieht sich das Spektakel abends in der Bar bis zur Entscheidung hin, man ist schließlich geschäftstüchtig und dankbar für jeden Gast, der im touristisch schwachen Sommer ein paar Dollar vertrinkt. Dieses Jahr macht Chris Storm das Rennen. Er schafft es in der fünften Runde und wird "Papa 2006". Im Finale singt er sich mit einem Johnny-Cash-Lied in die Herzen der Jury. Nach dem Triumph sitzt der 55-Jährige schwitzend in hohen, braunen Stiefeln und Khakihosen auf der Bühnenkante, in seiner Sportweste stecken fünf Großkaliber-Jagdpatronen. Jeder, wirklich jeder klopft ihm auf die Schulter - was für ein Sieger! Er schießt mit den Patronen, die auch Hemingway benutzte, war schon mehrmals zum Jagen in Afrika, liebt das Fischen, kennt jede Zeile von Hemingway und schreibt selbst ein wenig. Außerdem ist er exakt so schwer wie Ernest zu seinen besten Zeiten - 100 Kilogramm - und keine drei Zentimeter kleiner.

Während des Festivals sind die bulligen Typen eine Touristenattraktion. Einer lässt sich mit Papagei Tiki auf der Schulter fotografieren, ein anderer läuft trotz der Bullenhitze wacker mit einem Wollpulli umher, um seinem Vorbild auf einem der berühmten Porträts nahe zu kommen. Die nostalgischen unter den "Look-Alikes" gehen in "Capt. Tony's Saloon". Die düstere Kneipe war zu Hemingways Zeiten die ursprüngliche "Sloppy Joe's"-Bar, hier lernte er 1936 Martha Gellhorn kennen, später seine dritte Frau. Hier tranken auch die anderen Literaten, die Key West anzog: Tennessee Williams und Truman Capote.

Wie so viele Touristen genießen auch die Doppelgänger die warmen Nächte und das liberale, für die prüden USA so untypische Key West mit seinen Bars, Strip-Lokalen, Travestieshows und Schwulen-Clubs. Tagsüber streift man durch die Stadt, entlang an bunten Hütten und verandabewehrten "Conch"-Häusern im westindisch-viktorianischen Stil-Mix. In den üppigen Vorgärten zwischen Banyanbäumen sitzen Palmenblätter flechtende Althippies und elegante Schwulenpärchen.

Lorian Hemingway, Schriftstellerin und Enkelin von Ernest, hat ihren eigenen Zugang zu Key West. In der Casa Antigua, dort, wo ihr Großvater 1928 seine ersten Tage auf Key West verbrachte, gibt sie seit 1981 jährlich die Gewinner des nach ihr benannten Kurzgeschichten-Wettbewerbes bekannt. Bis zu 900 Zuschriften aus der ganzen Welt erreichen sie. Vor allem Anfängern will die 55-Jährige mit der Auszeichnung eine Chance geben, sich auf dem Literaturmarkt Gehör zu verschaffen.

Sie liebt das alte Key West, den Friedhof mit den skurrilen Grabinschriften. "Ich habe euch doch gesagt, dass ich krank bin", steht auf einem Stein, unter einem anderen ruht "ein ergebener Fan des Sängers Julio Iglesias". Lorian Hemingway mag das weniger herausgeputzte Schwarzenviertel "Bahama Village" mit den schiefen Häusern, zwischen denen Hähne frei umherlaufen. Das erinnert sie an das alte Key West aus Großvaters Zeiten. Der Schriftsteller haderte in seinem späteren Leben mit dem auf den Keys erworbenen Image als Raubein und Trinker. Die Inselkette profitiert heute von seinem Mythos. Der alte Mann und das Meer, der Kampf gegen den Fisch machte die Keys berühmt, doch heute will man den Fisch nicht mehr besiegen, man verdient besser an ihm, wenn er lebt. Am besten geschützt wird die Meeresfauna im John Pennekamp Coral Reef State Park - ein Glück nicht nur für die Fische. Denn sie verbinden Menschen nicht mit Gefahr und trauen sich ganz nah an die heran, die das Korallenriff erschnorcheln.

Im warmen Wasser des Parks vor Key Largo fühlt man sich jede Minute wie in einem farbenfrohen Trickfilm. Ohne Scheu kommen gepunktete und gestreifte, gelbe, rote, blaue und grüne Fische in Schwärmen an die Schnorchler heran. Sie scheinen die Menschen zu beschnuppern, bevor sie zwischen gewundenen Hirn- und Elshornkorallen abtauchen. Als folgten sie einer ausgefeilten Choreografie, schwimmen acht große und ein kleiner prächtiger blauer Fisch einmal um die sieben Meter unter der Wasseroberfläche verankerte Christus-Statue herum und gleiten wieder fort. Ein silbern glitzernder Barrakuda sieht sich vom Schatten unter dem Boot aus das Treiben an. Ein Raubfisch immerhin, der völlig uninteressiert an Mensch und Fisch wieder verschwindet. Eine friedliche Welt, die - man glaubt es kaum - noch mehr schillert als das Leben auf den Keys.

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Autor:
Marcus Müller