Florida Die Inseln Sanibel und Captiva

Wenn nach einem Sturm sein Telefon klingelt, ahnt Captain Mike Smith, dass es seine Mutter ist. "Junge, komm, bring mich raus, ich habe Muschelfieber", sagt die über 80-Jährige. Dann lässt der frühpensionierte Sheriff sein Boot ins Wasser und macht einen Ausflug mit seiner Mom. "Die meisten Muscheln findet man nach einem Sturm", sagt Captain Smith. Wenn das Wetter rau war und das Meer aufgewühlt, treibt es die Muscheln ans Ufer. Sanibel und ihre Schwesterinsel Captiva liegen quer zur Strömung, wie eine Sperre im Golf von Mexiko. Ein geologischer Glücksfall: Dieser Lage ist es zu verdanken, dass die Muscheln, die anderswo auf dem Grund des Ozeans entlang treiben, nach oben gespült werden, an den Strand. Mehr als 400 verschiedene Arten gibt es hier - das ist rekordverdächtig.

Auf Sanibel klingt selbst das Meeresrauschen nach Muscheln, sachter als an anderen Stränden, an denen vielleicht ein paar Kiesel aneinanderklackern. Hier hört man mit jeder Welle, wie Hunderte, Tausende Muschelschalen an den Strand gerollt werden. Und wenn die hohlen Häuser der Meeresschnecken sich berühren, klingt es so zart, als würden sie miteinander kuscheln, die Muscheln.

Wenn Captain Smith' Mutter ausnahmsweise in einer Schönwetterperiode vom Muschelfieber befallen wird, ziehen die beiden früh morgens los, dann, wenn am Horizont die ersten blassrosa Streifen ankündigen, dass es bald dämmern wird. Sie tragen Netze auf der Schulter und waten gebückt durchs flache Wasser. Ihre Blicke sind auf den Boden gerichtet, mit den Füßen fächern sie den Sand auf.

Dort liegen sie, rote, braune, violette, große und kleine Jakobsmuscheln und dazwischen die Kostbarkeiten, auf die jeder Sammler hofft: die braun-weißgesprenkelte Olivenschnecke, die gelbe Spinnenschnecke, der weiße Engelsflügel, das glänzende Hai-Auge, und - die schönste von allen - die getigerte Kronenschnecke.

Es ist schwer vorstellbar, dass es irgendwo auf der Welt mehr Muscheln geben könnte, aber Sam Bailey sagt, "es sind viel weniger und viel kleinere als in meiner Kindheit". Sam Bailey ist 82 Jahre alt, Großgrundbesitzer, Präsident des Sanibel-Erhaltungskomitees, Betreiber des einzigen Supermarktes und Insel-Patriarch. Als junger Mann zog es ihn in die Welt, er war Profi-Football-Spieler, dann Trainer, aber nach seiner Sport-Karriere, Anfang der siebziger Jahre, kehrte er zurück und stieg auf Sanibel ins Familiengeschäft ein. Die Insel, sagt er, war nicht mehr dieselbe, die er verlassen hatte.

Seit 1963 gab es eine Brücke zum Festland, immer mehr Touristen kamen, Spekulanten wollten Mangroven abholzen, Sümpfe trockenlegen, Parkplätze und riesige Feriensilos bauen. Sam Bailey organisierte den Widerstand. Er gründete eine Insel-Selbstverwaltung, die durchsetzte, dass Sanibel Stadtrechte bekam. Seit 1974 darf die Insel, unabhängig vom Bezirk Lee County, über sich selbst bestimmen. Flott wurden eine Reihe rigider Vorschriften erlassen: Verboten sind Werbeplakate und Fastfood-Restaurants, kein Haus darf höher sein als die Palmen. Das Tempolimit liegt bei 30 Meilen, 48 Kilometern pro Stunde, und Tiere haben - so verkünden es riesige gelbe Verkehrsschilder - grundsätzlich Vorfahrt.

Wenn eine Landschildkröte die Straße überquert, verursacht das auf Sanibel einen Riesenstau. Und die meisten Autofahrer finden es völlig in Ordnung. Vielleicht ahnen sie, dass Sam Bailey am liebsten alle Autos von der Insel verbannen würde - "höchstens ein paar Golf-Cars für Behinderte würde ich zulassen" -, aber er weiß, dass er damit wohl nicht durchkäme.

Einer seiner Fürsprecher dabei wäre Phyllis Jean Deitschel, Tierärztin bei Crow, "Clinic for Rehabilitation of Wildlife", einer Notaufnahme für verletzte Tiere. 160 Arten, vom Waschbären bis zum Fischadler, werden in der Klinik behandelt. Vögel, die aus dem Nest gefallen sind, werden zu ihr gebracht und viele Tiere, die angefahren wurden. Auch Exoten sind nicht selten: Neulich erst wurde eine Schlange eingeliefert, die zwei Golfbälle gefressen hatte. Heute morgen hat Dr. PJ ein zwei Monate altes Luchs-Baby auf dem OP-Tisch, es ist vor ein Auto gelaufen. Wird der Kleine überleben? "Ich kann es noch nicht sagen, und erst recht ist unsicher, ob es uns gelingt, ihn wieder auszuwildern", sagt Dr. PJ. Fast 2000 von ihren mehr als 4000 Patienten im Jahr können nach ein paar Wochen stationärem Aufenthalt bei Crow zurück in die Natur.

Dr. PJ operiert und therapiert mit Schulmedizin und mit chinesischen Kräutern. Gelähmte Schildkröten bekommen Krankengymnastik, halb verhungerte Gürteltiere zieht sie mit dem Fläschchen auf. "Es ist mein Traumjob", sagt die Tierärztin - und nirgends anders als auf Sanibel könnte sie ihn ausüben. Denn das Crow liegt in unmittelbarer Nachbarschaft des Reservats J.N. ,Ding' Darling", benannt nach einem Pionier der Naturschutzbewegung, dem Cartoonisten Jay Norwood, "Ding", Darling. 1924 und 1943 erhielt er den Pulitzer-Preis für politische Karikaturen, doch seine wahre Liebe gehörte den Tieren von Sanibel. Immer wieder kehrte er auf die Insel zurück, zeichnete und beobachtete Vögel.

291 Arten leben im nach ihm benannten Reservat, zusammen mit mehr als 45 Reptilien-Gattungen und 32 verschiedenen Säugetieren auf 2590 Hektar.

Wer geduldig beobachtet, sieht das große Krabbeln überall: Auf den Luftwurzeln der Mangroven sitzen Hunderte von Krabben, und wenn es im Gebüsch raschelt, steht Sekunden später ein Waschbär am Weg, der sich possierlich die Pfötchen putzt.

Auch außerhalb des Parks fühlt man sich als Besucher oft wie ein Zaungast im Paradies: Am Strand staksen rotbeinige Ibisse in Mannschaftsstärke zwischen den Handtuchlagern der Touristen herum, und weiße Reiher lauern neben den Fischern, in der Hoffnung, einen fetten Brocken zu schnorren. Wer ein paar Meter vom Ufer entfernt nach Muscheln schnorchelt, kann unvermittelt einen Schwarm Rochen kreuzen, der majestätisch durchs Wasser segelt.

Es scheint, als hätten die Tiere von Sanibel keine Angst vor den Menschen, vielleicht spüren sie, wie Dr. PJ sagt, dass "fast alle hier sehr umweltfreundlich und tierlieb sind". Spätestens nach Sonnenuntergang merken das auch Touristen: Die Inseln sind nachts so finster, als wäre der Strom noch nicht erfunden. Keine Straßenlaternen, keine Fackeln auf den Terrassen, kein Leselicht am Balkon, in den Wohnzimmern nur müde Funzeln hinter dicken Vorhängen.

Das sonderbare Gebaren dient dem Tierschutz. Caretta caretta, die Loggerhead-Schildkröte, vergräbt ihre Eier an den Stränden von Sanibel und Captiva. Wenn die Kleinen schlüpfen, orientieren sie sich am Lichtschimmer des Horizonts, um ihren Weg ins Meer zu finden. Jede auch noch so schwache Lichtquelle könnte sie verwirren und in Richtung Land treiben. Verloren wären sie dort, mit ihrem windelweichen Panzer ein leichtes Opfer für Vögel, Waschbären und Alligatoren. Den Loggerhead-Schildkröten zuliebe ist Sanibel nachts verdunkelt, als stünde ein Angriff vom Mars bevor.

Erst wenn die stockfinstere Nacht der Morgenröte weicht, sehen Muschelsammler wie Captain Smith und seine Mom die Spuren der Meeresschildkröten. Tiefe Furchen schwerer Leiber, in den Sand gegraben von den Weibchen, die kommen,

um zu laichen. Und dünne Bahnen, Hunderte nebeneinander, dort, wo es eine Generation Caretta caretta ins Meer geschafft hat.

"Dieser Anblick macht mich zufrieden, richtig glücklich", sagt Captain Smith. Ein Gefühl, das nur übertroffen wird, wenn seine Mutter eine Muschel findet, die ihrer Sammlung noch fehlt.

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Autor:
Anja Haegele