Kassel China zum Vergnügen

Mulang-Viertel in Kassel

Wer auf der Westseite des Bergparks Richtung Löwenburg geht, sieht ein seltsames Gebäude durch die Büsche schimmern, das man für eine luxuriöse Bedürfnisanstalt halten könnte. Wären da nicht die geschwungenen Zierdächer, die goldglänzenden Schirmchen auf dem Dach und das leise klingende Windspiel. Dieser "Pagode" genannte Pavillon war Teil des chinesischen Dorfes Mou-lang. Wer das weiß, der erkennt auf den zweiten Blick auch eine Reihe weiterer eigenartiger Gebäude.

Die Mulangstraße führt mitten hindurch: winzige Hirtenhäuschen, die einst geschwungene Dächer hatten und noch heute eine "Dachlaterne" tragen, ein verziertes Oberlicht in der Mitte des Daches. Große, gelbe Bauten, die einst Kuhställe waren. Mou-lang entstand ab 1781 im Auftrag Landgraf Friedrichs II. Erst Wilhelm IX. ließ die meist hölzernen Bauten durch steinerne ersetzen.

China war seit dem 17. Jahrhundert der Traum europäischer Monarchen. Man stellte sich das ferne Land als reich und gebildet vor, beherrscht von friedlichen und weisen Absolutisten. Das war es freilich nie, aber darum ging es nicht. Die Chinoiserien der Fürstenhäuser waren eher Ideal der eigenen Herrschaft. Deshalb musste ein chinesisches Dorf auch keine Ähnlichkeit mit einer Bauernsiedlung in Sichuan haben, sondern vielmehr der Vorstellung genügen. So ist die Pagode durchaus nicht den buddhistischen Sakralbauten nachempfunden. Mou-lang war, wie andere Attraktionen des Bergparks auch, Sinnbild, Kunst, Installation.

Mou-lang war Kulisse für sommerliche Vergnügungen der Herrschaften

Und es ist nicht nur in Kassel Teil des typisch englischen Landschaftsgartens. Der britische Kaufmann William Chambers hatte diese Ideen aus China mitgebracht und im Königreich mit seinen Büchern zur Gartenkunst Furore gemacht. Seine Werke stehen noch heute in der Wilhelmshöher Schlossbibliothek. Was der Landgraf als Ideal hingestellt hatte, bot aber auch eine praktische Seite. Mou-lang war Kulisse für sommerliche Vergnügungen der Herrschaften, bei der die Diener chinesische Tracht zu tragen hatten, und das Dorf erfüllte zudem ökonomische Funktionen: Aus der Rinderhaltung lieferte es Milch, Butter und Käse an den Hof, eine Mühle mahlte Korn. Diese Mühle gab womöglich dem Dorf den Namen, er könnte aus der Verballhornung des französischen moulin entstanden sein. Andere erkennen in Mou-lang den Namen einer chinesischen Prinzessin. So oder so: Das Villenviertel, das im 19. Jahrhundert entstand, heißt noch immer Mulang.

Die Mulangstraße führt heute über den einstigen Dorfplatz, die Gebäude liegen zu beiden Seiten, ihr Zusammenhang ist kaum noch zu erkennen. Sie sind zum Teil privat und können nicht besichtigt werden. Führungen bietet der Museumsverein Kassel an. Anmeldungen: besucherdienst@museum-kassel.de