Südafrika Die Geschichte des Fußballs in Kapstadt

Dass FIFA-Präsident Sepp Blatter in den Mittagsstunden des 15. Mai 2004 Südafrika zum Gastgeber der Weltmeisterschaft 2010 ausgerufen hatte, erfuhr der Kapstädter Marcus Solomon an jenem Tag erst aus den Abendnachrichten. Die historische Nachricht - erstmals war ein afrikanisches Land Austragungsort des größten Fußballspektakels der Welt - beglückte Solomon nicht.

Während in den Straßen und Townships des Landes ein vor allem hartnäckiger Lobbyarbeit geschuldeter Erfolg bejubelt wurde, dachten Solomon und sein langjähriger Weggefährte Sedick Isaacs an den wahren Triumph in der Fußballgeschichte Südafrikas zurück. Der hatte sich fast vier Jahrzehnte zuvor ereignet, auf einer Insel im atlantischen Ozean, auf Robben Island.

Wegen Widerstands gegen die Staatsgewalt waren Solomon und Isaacs 1964 zu langjähriger Haft verurteilt und in das Hochsicherheitsgefängnis auf Robben Island verbracht worden. Jenen Ort, in dem auch die Ikone des Befreiungskampfes gegen die weiße Vorherrschaft, der spätere Staatspräsident Nelson Mandela, einsaß.

"Wie Säcke" seien sie von den Kipplastern vor ihren Haftbaracken abgeladen worden, erinnert sich Isaacs an seine Ankunft in der Gefangenenfestung. "Die wollten uns von Anfang an klar machen, dass wir in ihren Augen keine Menschen waren." Doch da hatten die Handlanger des Burenregimes den Selbstbehauptungswillen von Männern wie Solomon und Isaacs weit unterschätzt.

Der Kampfgeist des eigensinnigen Mathematikers Isaacs blieb ungebrochen, auch weil er hinter Gittern zu einer neuen Rolle fand: Er wurde Fürsprecher eines Projekt, das ihn und Hunderte seiner Mitgefangenen davor bewahrte, in der Isolation zu zerbrechen.

Von 1964 an hatten die Häftlinge auf Robben Island an jedem Samstagmorgen während der gemeinsamen "klagtes and versoeke" - Klage- und Gesuchsstunde - den immergleichen Wunsch vorgebracht: "Wir wollen Fußball spielen!" Drei Jahre lang wurden die Bittsteller mit Essensentzug und Prügel abgestraft. Doch sie setzten ihre Kampagne fort. Irgendeiner fand sich immer, der bereit war zu hungern, um der Forderung Nachdruck zu verleihen.

Der Durchbruch kam an einem stürmischen Samstagmorgen im Dezember 1967. Als eine Häftlingsgruppe von Aufsehern auf einen staubigen Platz vor den Baracken geführt wurde und ein rundes Leder in Besitz nahm, brach hinter den Gitterstäben Jubel aus.

Das Spiel selbst dauerte nur dreißig Minuten. Doch in dieser halben Stunde hatten die 1400 Insassen von Robben Island ein kleines Stück Freiheit wieder erlangt. "Dass wir etwas durchgesetzt hatten, was viele für völlig ausgeschlossen hielten, gab uns ungeheures Selbstvertrauen", sagt der heute 70-jährige Solomon.

Vier Tage nach dem denkwürdigen Ereignis hatte Robben Island seinen eigenen Fußballverband. Und das Fußballfieber half auch, ideologische Kluften zu überwinden. Erstmals diskutierten Vertreter aller auf der Insel einsitzenden politischen Fraktionen gemeinsam über eine neue Ordnung - wenn auch nur eine Fußballordnung.

Die Aussicht auf regelmäßiges Kicken, frische Luft und eine mit Bewegungsfreiheit verbundene Abwechslung vom Haftalltag hatte sie alle zusammengeschweißt: Waren Debatten zwischen ANC (Afrikanischer Nationalkongress), PAC (Pan-Afrikanischer Kongress) und Kommunisten in der Vergangenheit oft in hitzige Zerwürfnisse gemündet, so schlossen sich jetzt acht Vereine verschiedener politischer Couleur unter einem gemeinsam verwalteten Dachverband zusammen.

Kicken unter den Augen der Scharfschützen

Einer der acht Vereine wagte es, die politischen Barrieren gänzlich einzureißen und Spieler aller Parteien aufzunehmen: Manong. "Das war eine Grundsatzentscheidung, kein Kalkül", Gründungsmitglied Isaacs grinst. Manong stellte jahrelang die beste Mannschaft, war das Bayern München von Robben Island. "Klar", räumt Isaacs ein, "hat es uns Vorteile eingebracht, dass wir unsere Spieler nicht nach Parteiräson, sondern Begabung auswählen konnten."

Ob Ballkünstler oder sportlich wenig begabter Kopfmensch, allen hatte der Verband eine Rolle zugedacht: als Linien- oder Schiedsrichter, Vereinsfunktionäre und -sekretäre, Sanitäter, Trainer, Platzpfleger oder eben Spieler. Und so hatte jeder Verein drei Teams unterschiedlicher Stärke für die A-, B- und C-Liga zu stellen. "Fußball", sagt Solomon, "bedeutete Vorbereitung auf die Zeit danach, auf den Kampf um ein Leben ohne Ausgrenzung."

In seltener Eintracht wurden Tore aus gestrandeten Fischernetzen und Treibhölzern gefertigt, Plätze gewalzt und gewässert, Linien nachgezogen, Spikes in Gummisandalen gebrannt. Trainiert wurde in den Gemeinschaftsduschen der Zellblocks. Gespielt wurde samstags, vor begeistertem Publikum.

Hinter den von Stacheldraht und Scharfschützen gesicherten Mauern der weltweit für ihre unmenschlichen Haftbedingungen berüchtigten Gefangeneninsel hatten Männer wie Solomon und Isaacs mit den Jahren nicht nur eine autonome Sportsverwaltung aufgebaut. Sie hatten einander auch Rechte eingeräumt, die ihnen selbst außerhalb der Mauern nie zugestanden worden waren.

Sie hielten Vorstandswahlen und Generalversammlungen ab, führten Disziplinarverfahren durch und gaben Berufungsverfahren statt. Die Regeln, nach denen sie spielten, waren die des Weltfußballverbandes; die Regeln, nach denen sie sich selbst verwalteten, waren die einer Demokratie.

"Wir waren Idealisten", sagt Isaacs, "und wir waren entschlossen, von Anfang an alles anders und besser zu machen". Der Aufbau und die Verwaltung der Liga seien Teil eines umfassenden Sozialisationsprozesses gewesen, pflichtet Solomon seinem Weggefährten bei. "Es ging uns darum, ein eigenes Wertesystem zu entwickeln und dieses immer wieder an uns selbst zu testen." Die sportliche Auseinandersetzung als Test für Tugenden wie Fairness, Respekt, Unparteilichkeit und Gemeinschaftssinn.

Dass die Liga von jenem ersten Spieltag im Dezember 1967 an keine krisenfreie Entwicklung nahm, belegen die mit feiner Ironie durchsetzten Briefe Isaacs an die Gefängnisleitung. Immer wieder hatte das Regime den anfänglichen Erfolg sabotiert und die spielbereiten Männer samstags nicht aus den Zellen gelassen. Die Kicker reagierten, für die Gefängnisleitung völlig überraschend, mit einem Fußballboykott.

Erst mit der Übernahme der Gefängnisleitung durch eine weniger drakonische Führung im Juni 1969 gewannen die Männer die Kontrolle über ihren Sport zurück. Als Solomon fünf Jahre später aus der Haft entlassen wird, lässt er einen Verband zurück, der nicht nur sich selbst verwaltet, nach FIFA-Regeln spielt, einen Schiedsrichterverband vorweisen kann und jeden Samstag sechs Ligaspiele ausrichtet. Selbst unter den Aufsehern hat die Gefangenliga Anhänger gefunden. "Unser Kampf hatte nicht nur uns verändert", sagt Marcus Solomon. "Er hat selbst aus unseren Gegnern bessere Menschen gemacht."

Als Isaacs nach 14 Jahren Haft die Insel verlässt, hat er "keine zwei linken Füße mehr". Den öffentlichen Beweis konnte er anlässlich Mandelas 89. Geburtstag antreten: Die FIFA hatte ihn zu einem Torwettschießen auf die Insel eingeladen. Im Gegensatz zu einigen der anwesenden Fußballfunktionäre brachte der damals 67jährige den Ball problemlos ins Netz. Darüber kann er noch heute herzhaft lachen.

Der Rummel um die Weltmeisterschaftsendrunde 2010 stimmt die beiden alten Männer skeptisch. Und dass nicht nur, weil sie miterleben, wie der Weltfußballverband zunehmend außer Kraft setzt, wofür sie ihre Freiheit gegeben haben: das politische Selbstbestimmungsrecht ihres Landes.

"Da gibt unsere Regierung die Regierungsgewalt an einen Verband und seine Sponsoren ab", erklärt Solomon aufgebracht, "da werden Stadien, Straßen und Parkplätze gebaut, wo keiner sie braucht, und ungeheure Ressourcen für ein einmaliges Ereignis mobilisiert, während unsere Kinder in den Townships nicht einmal anständige Bolzplätze haben."

Die Weltmeisterschaft, fährt er fort, habe rein gar nichts gemein mit den Zielen der Gefangenenliga. Der sei es ums Allgemeinwohl gegangen, nicht ums "große Geschäft". Und so hat Solomon für sich selbst beschlossen, seinem Unmut mit einem altbewährten Mittel Ausdruck zu verleihen: einem WM-Boykott.

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Autor:
Birgit Schwarz