Südafrika Der Zukunft des Tafelberg in Kapstadt

Der Gigant ist ein kümmerlicher Rest. Das verwitterte Gerippe eines einst mächtigen Küstengebirges. Über 3000 Meter hoch soll das Massiv in früher Vorgeschichte gewesen sein - so schätzen Geologen -, heute dagegen misst der höchste Punkt gerade einmal 1086 Meter. Imposant ist der steinerne Riesenamboss trotzdem. Mehrere hundert Meter tief fallen die Steilwände nach Norden und Osten ab, bis in die Innenstadt Kapstadts und in den Botanischen Garten von Kirstenbosch; im Westen stürzen die Klippen fast senkrecht ins Meer. Bei gutem Wetter ist die Silhouette des Gipfels noch aus hundert Kilometern zu sehen. Und dennoch ist der Tafelberg ein sterbender Koloss. Im geologischen Fachterminus klingt das nicht weniger trostlos: ein "Restberg".

Nachdem die Geschichte des Tafelbergs lange ein Kommen und Gehen, ein ewiges Auftürmen und Abtragen durch Tektonik und Meeresfluten war, gibt es seit 180 Millionen Jahren nur noch einen bedeutenden Baumeister am Berg: die Erosion. Wind und Wasser nagen unaufhörlich an der Substanz. Am Sandstein, am Granit und an den anderen Gesteinen, aus denen sich Kapstadts Wahrzeichen zusammensetzt.

Der Reihe nach, geologisch betrachtet: Am Anfang war das Meer, vor 800 Millionen Jahren lag die Kapregion komplett unter Wasser. Im späten Präkambrium lagerten sich in den Tiefen des Urozeans Sedimente ab, die vom Gewicht des Wassers zu Sandstein und Tonschiefer gepresst wurden. Im Laufe der Jahrmillionen wurde daraus Quarzit - ein so genanntes metamorphes Gestein, durch Hitze und Druck umgewandelt - eines der ältesten des Planeten und zudem ein extrem robustes.

Heute steht der Tafelberg auf zwei Sockeln, auf eben jenem Quarzit und auf Granit. Die Ursache: Der Urkontinent Gondwana kam langsam in Bewegung. Zunächst drifteten die Platten in der Kapregion auseinander, dann wieder gegeneinander - Südamerika konnte von Afrika noch nicht lassen. Die abgelagerten Schichten wurden erst auseinander gezogen, dann wieder zusammengepresst. Ein Gebirge türmte sich auf. Durch die entstehenden Risse in der Erdkruste schoss Magma nach oben, erstarrte aber in riesigen Blasen, bevor es an die Oberfläche trat. Aus dem Magma wurde Granit - das oben genannte zweite Standbein des Tafelbergs.

Heute ist es an vielen Stellen der Kaphalbinsel zu finden: die bei Sonnenbadern so beliebten runden Felsen am Strand von Simon's Town oder Clifton - Granit. Der Lion's Head, abgesehen von den letzten Metern unter dem Gipfel - Granit. Der Chapman's Peak Drive - gemeißelt in Granit. Das typische Flachdach des Tafelbergs besteht jedoch weder aus Granit noch aus Quarzit. Es bekam sein Material und seine Form erst viel später und lange nach den ersten tektonischen Turbulenzen, als sich die Region wieder beruhigte. Das aufgetürmte Gebirge wurde wieder abgetragen. Dann kamen die ersten Eiszeiten und mit ihnen geriet der Meeresspiegel ins Schwanken. Mal war die Kapregion trockengelegt, dann wieder überschwemmt.

Das erkannte schon Charles Darwin, der sich vor seiner Evolutionstheorie einen Namen als Geologe machte und auf seiner Segelreise mit der "Beagle" auch am Kap anlegte. Er war nicht nur von der Pflanzenvielfalt am Tafelberg fasziniert, sondern auch von dessen Topographie. Später schrieb Darwin in einem Brief an einen befreundeten Kollegen: "Ich denke, die wahrscheinlichste aller Erklärungen ist, dass die Kaphalbinsel einst eine lange Inselgruppe war." Er sollte recht behalten.

Der Meeresspiegel schwankte auch in der Kapregion extrem. In den warmen Phasen der vergangenen zwei Millionen Jahre war er 200 Meter höher als heute, in der letzten Eiszeit bis vor 10.000 Jahren um 120 Meter niedriger. Unter Wasser ging es wieder von vorne los: Auf dem Granit- und Quarzitsockel des späteren Tafelbergs lagerten sich während der Überschwemmungsphasen Sandschichten ab. Diesmal wurde Sandstein daraus, der heutige Gipfel. Dann geschah das Entscheidende: In einer Wärmeperiode, befreit von der Last des Eises, hob sich die gesamte Region um etwa 1000 Meter. Was sich mittlerweile wieder unten am Meeresgrund horizontal abgelagert hatte, wurde in die Höhe gehoben - ganz ohne tektonische Verwerfungen. Der Gipfel des Bergs blieb flach.

Dass der Tafelberg seitdem der Kraft des Meeres standhielt, hat er seinem Fundament zu verdanken. Granit und Quarzit trotzen der Erosion, überall sonst leisteten die zwischeneiszeitlichen Ozeane ganze Arbeit. Die Küsten des Western Cape wurden eingeebnet, nur Tafelberg und Cederberge ragen als letzte Zeugen eines mächtigen Höhenzugs empor. Der Tafelberg ist also kein Unikat - die im Schnitt fast 1000 Meter höheren Cederberge sind geologisch gesehen seine großen Geschwister. Rinnen, Spalten und Risse zeugen im Gipfelbereich davon, dass der Prozess längst noch nicht abgeschlossen ist.

Die Zwölf Apostel, Devil's Peak und Lion's Head sind schon jetzt Ruinen. Einst gehörten sie zu dem viel breiteren Tafelbergmassiv. Wind und Wetter haben sie so lange bearbeitet, dass sie heute losgelöst vom Rest des Bergs stehen. Der Lion's Head wird das nächste prominente Opfer der Erosion: In ein paar zehntausend Jahren wird von dem spitzen Gipfel nur der sanft abgerundete Granithügel seines Sockels übrig bleiben. Gerechnet in geologischen Zeitdimensionen wird der gesamte Tafelberg innerhalb eines Wimpernschlags eingeebnet sein. In menschlichen Maßen bleibt bis dahin aber noch unendlich viel Zeit.

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Autor:
Jan Biener