Kapstadt Der Chapman's Peak Drive

Es gibt jene, die ihn immer wieder befahren, und es gibt andere, die glaubhaft versichern, nie wieder die 114 Kurven des Chapman's Peak Drive nehmen zu wollen. Trotz all seiner Schönheit. Es ist nicht die Anzahl der Kurven auf der neun Kilometer langen Strecke zwischen Hout Bay und Noordhoek. Es ist die Straße selbst - jenes schmale Asphaltband, hineingesprengt in den schroff abfallenden Felsen. Nur ein zierliches Mäuerchen grenzt die Fahrbahn gegen den Abgrund hin ab. Dahinter ist nichts. Außer der gewaltigen Brandung des tiefblauen Atlantiks. Das Misstrauen gegenüber dem Mäuerchen ist verständlich.

1989 durchbrach der Mercedes eines südafrikanischen Geschäftsmannes in einer Kurve diese diskrete Andeutung einer Begrenzung und stürzte hundert Meter in die Tiefe. Der Wagen prallte auf einen Felsvorsprung, der Fahrer blieb unverletzt.

Grund genug, für Mercedes Südafrika, die Situation nachzustellen und in einem Werbespot ihre unverwüstliche Autokonstruktion zu vermarkten. Prompt sandte BMW Südafrika einen Wagen seiner Marke auf den Chapman's Peak Drive, der natürlich im entscheidenden Moment auf der Fahrbahn blieb. "Wouldn't you like to drive a car that beats the bends?", fragten sie. Frei übersetzt: "Würden Sie nicht lieber ein Auto fahren, das auf der Straße bleibt?" Der Spot musste wegen vergleichender Werbung abgesetzt werden. Legendär ist er bis heute.

Im selben Jahr wurden 22 Autowracks unterhalb des Chapman's Peak Drive bei einer Säuberungsaktion mit einem Helikopter geborgen. Er hat es in sich, der Drive. Also darf man ihn nur noch langsam befahren. Anderes bleibt einem auch nicht übrig, zumal in der Saison. Dann stauen sich Busse und Pkw auf der Strecke, die als eine der schönsten Küstenstraßen der Welt gilt. Die schönste Südafrikas ist sie ohnehin, so formvollendet in den je nach Lichteinfall und Tageszeit mal ocker, dann wieder rötlich strahlenden Berg hineingeschlagen, dass man sich unvermittelt an die Italienische Riviera erinnert fühlt. Was mit ein Grund dafür sein mag, dass deutschsprachige Reiseführer und Reiseleiter mit der Information aufwarten, die Straße sei von 1915 bis 1922 von italienischen Kriegsgefangenen errichtet worden.

Richtig an dieser Version ist nur die Zeitangabe. Zwar trat Italien 1915 in den Ersten Weltkrieg ein, dies aber als Verbündeter der Entente und somit Südafrikas. Und so mag die Straße in ihrer Kühnheit und Eleganz an jene italienischer Küstenabschnitte erinnern - italienischer Hände Werk ist sie nicht. Wenngleich man versucht ist, sich ein italienisches Cabrio auszuleihen, um stilgerecht die Route entlang der Atlantikküste von Kapstadt bis ans Kap der Guten Hoffnung zu absolvieren.

Es ist eine vergleichsweise junge Strecke. Die ältesten Wege führen entlang der False Bay, der ruhigeren Seite der Halbinsel. Dort, wo die Viktorianer denn auch in Muizenberg ihre Sommerfrische verbrachten, die Marine ihr sicheres Hauptquartier in Simon's Town hatte und wo von Fish Hoek und Kalk Bay aus die Fischer bequemer in See stechen konnten. Die dem Atlantik zugewandte, rauere Seite ist Wind und Wetter ungleich stärker ausgesetzt. Bis auf einige Farmen, einen bescheidenen Karrenweg sowie das Grabmal eines islamischen Heiligen bei Oudekraal gab es dort lange Zeit nichts. Bis sich vor rund hundert Jahren der Geschmack änderte.

Anmerkung der MERIAN.de-Redaktion: In die Bildergalerie zu diesem Artikel ist uns ein fehlerhaftes Motiv geraten, das so nicht hätte veröffentlicht werden dürfen. Wir haben dieses Motiv entfernt. Für den Fehler möchten wir uns entschuldigen.

Abstecher abseits der Nobelvororte

Mittlerweile gelten die schicken Vororte Clifton und Camps Bay als die Stranddestinationen der Halbinsel schlechthin. Doch wer ein Stück weiter nach Süden fährt, in Richtung Hout Bay der breit angelegten, in weiten Kurven sich dahinschlängelnden Straße unterhalb der Twelve Apostel bis zu dem kleinen, exklusiven Vorort Llandudno folgt, der bewegt sich durch eine nach wie vor kaum besiedelte Gegend. Am Kap schon eine Seltenheit.

Baugrund ist hier rar. Und teuer. So teuer, dass Llandudno für Kapstadt als das gilt, was der Nobelvorort Grünwald für München ist. Ein wenig abgelegen, sehr exklusiv und bar jeder überflüssigen Infrastruktur. Auf keinen Fall möchte man noch mehr Besucher anlocken, die dann den pittoresken Strand bevölkern. Oder etwa den Ort durchfahren, auf dem Weg zur Sandy Bay, dem Eldorado der Nudisten.

Wer freilich nur ans Kap will, der unternimmt ohnedies keinen Abstecher in die von Security-Männern gesicherte Enklave, sondern fährt einmal noch eine Kuppe hinauf und dann hinunter durch Hout Bay, in Richtung Chapman's Peak Drive. Der allerdings ist bisweilen gesperrt und längst nicht immer ist ein Autounfall schuld daran. Mal laufen Dreharbeiten, mal lösen sich Felsbrocken aus dem porösen Gestein und stürzen auf die Straße. Nachdem eine amerikanische Touristin auf diese Weise verunglückte, wurde die Strecke im Jahr 2000 gesperrt. Aus der Schweiz kamen Spezialisten, um Sicherungsmaßnahmen durchzuführen.

Seit 2003 fährt man nun teilweise durch Galerien, die nicht ganz so pittoresk sind wie der Rest der Strecke. Und bezahlt auch noch Maut, um von Hout Bay nach Noordhoek zu gelangen. Das flache Land dahinter ist in nichts vergleichbar mit der eben erlebten Dramatik. Doch schon nach Kommetjie führt die Straße zurück an die Küste, die wieder rauer wird und ganz und gar unvermutet nördlichen, fast sogar schottischen Charakter annimmt. Weshalb es Reisende auch nicht weiter verwundert, wenn sie in einen kleinen Ort namens Scarborough einfahren, den die Gischt des anbrandenden Ozeans in steten feinen Nebel hüllt. Hier liegt der Hot Spot der Surfer, die sich in Neoprenanzügen in die bitterkalte Brandung werfen, vom Strand aus von ein paar Spaziergängern und Pavianen beobachtet.

Letzteren muss man spätestens ab hier als Autofahrer Aufmerksamkeit schenken: Zum einen tummeln sie sich immer wieder auf der Straße in Richtung Kap, zum anderen sah sich die Verwaltung des Table Mountain National Park 2005 veranlasst, einige Picknickplätze innerhalb des Reservats zu schließen. Wiederholt hatten Affenhorden die Plätze gestürmt, die Besucher vertrieben und deren Essensreste verdrückt.

Dabei zahlt es sich gerade im Reservat aus, den Wagen stehen zu lassen. Für einen Spaziergang oder eine Wanderung durch mannshohen Fynbos, vorbei an Proteen und hin zu kleinen Buchten und Lagunen. Oder durch Menschenmassen hindurch, die zum Leuchtturm am Cape Point drängen - und die im dortigen Restaurant dann und wann flinken Übergriffen hungriger Paviane ausgesetzt sind.

Dass hier nun das von Seefahrern gefürchtete Kap der Guten Hoffnung liegt, begreift man als Besucher nicht so recht. Sicher, es ragt 300 Meter hoch und spitz in die See hinein, man kann Felsen und Riffe sehen, immer stürmt und windet es. Die eigentliche, unsichtbare Gefahr aber sind die starken Strömungen, die - zusammen mit den Stürmen - die Schiffe noch heute in Seenot bringen können. Ursprünglich nannten es die Portugiesen denn auch Kap der Stürme, bis in Lissabon der Hoffnung auf gute Geschäfte mit Indien und dem Fernen Osten wegen das Kap flugs in jenes der Guten Hoffnung benannt wurde.

Wer an einem nebel- und regenverhangenen Tag einen Abstecher hierher macht, versteht sofort, weshalb sich Sagen und Legenden um die Landzunge spinnen. Das Tosen des Atlantiks, die jagenden Wolken, die wieder und wieder auftauchenden Bergspitzen - das ist die perfekte Kulisse für den Auftritt eines Gespensterschiffs. An solchen Tagen, heißt es, sei das Läuten einer alten Schiffsglocke zu hören. Ein Omen für kommendes Unheil. Aber wer fährt schon an solchen Tagen ans Kap.

Lässt man die Spitze hinter sich, ist alles anders. Friedlich, lieblich und zahm gibt sich die Küste zur False Bay hin, die die Halbinsel im Osten begrenzt. Ihr Name rührt von einem Irrtum, dem viele Seefahrer auf dem Rückweg von Indien verfielen, weil sie meinten, hier schon das Kap umsegelt und die Table Bay vor sich zu haben. Die Gewässer der False Bay sind ruhiger und wärmer. Ihre Strände weitläufiger, ihre Ortschaften reich an Geschichte und Geschichten. So wie Simon's Town, ein museal anmutendes, viktorianisch geprägtes Städtchen, das über Jahrhunderte der Marine als Hauptquartier diente. Dann und wann kann man ein paar Kriegsschiffe sehen, die meisten Besucher aber kommen nur wegen der afrikanischen Pinguine am Boulder's Beach: Die einzige Pinguinkolonie in unmittelbarer Nähe einer Millionenstadt steht unter Naturschutz. Weswegen man die Tieren auch nur von hölzernen Stegen und Plattformen aus beim Watscheln, Brüten und Schwimmen betrachten darf. Ganz wie im Zoo. Nur mit einem Hauch von Freiheit.

Von nun an reiht sich Ortschaft an Ortschaft. Auf das Urlaubsparadies für Familien, Fish Hoek, folgt Kalk Bay mit seinem Hafen, auf dessen Pieren und Kais zur Mittagszeit die heimkehrenden Fischer ihren Fang verkaufen. Schließlich gelangt man nach Muizenberg, einst die gefragteste Sommerfrische der britischen Kapkolonie. Alles, was Rang und Namen hatte, wollte hier fernab der rauen Winde in gepflegter Atmosphäre Urlaub machen. Bis heute prägen einige Prachtbauten aus den Jahren um 1900 das Ortsbild.

Die italienisch anmutende Residenz, in der heute das Natale Labia Museum untergebracht ist, das Anwesen Rust en Vrede, von Sir Herbert Baker im Neo-Kapholländischen Stil errichtet - und Cecil John Rhodes Sommercottage. Beliebt ist Muizenberg nach wie vor. Vor allem dank seiner "weißen Strände", die Rudyard Kipling schwärmerisch beschrieb, und der bunt leuchtenden Badehütten in St. James wegen, die eines der bekanntesten Postkartenmotive der Kaphalbinsel sind. Die großen Tage freilich sind vorbei, und es ist, als könnte man die leise Wehmut des Ortes spüren, von den neuen Emporkömmlingen Clifton und Camps Bay ausgestochen worden zu sein. Tatsächlich droht auf der unteren Straße der Blick für die ruhige Schönheit der False Bay verloren zu gehen. Weswegen sich eine Alternative anbietet.

Der höher gelegene, weniger befahrene Boyes Drive, auf den man bereits in Kalk Bay abbiegt, führt parallel zur Küste nach Steenberg und bietet ein Aussicht bis nach Betty's Bay. Bleibt nur die Frage, welches der beste Weg zurück nach Kapstadt ist. Schnell und simpel geht es auf der M3, ein bisschen mehr Zeit kostet die Route auf der M42 durch die noblen Viertel Tokai und Constantia. Oder man wählt die Strecke über den Ou Kaapse Weg durch das Silvermine Nature Reserve zurück nach Noordhoek. Um dann noch einmal, in Gegenrichtung, den Chapman's Peak Drive zu bewältigen. Diesmal kann der Beifahrer den Nervenkitzel dicht am Abgrund spüren, wenn vor seinen Augen die Abendsonne im Meer versinkt.

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Franziskus Kerssenbrock