Ägypten Reise zu den Göttern vom Nil

Bill aus Detroit schultert sein Stativ, Tochter Katherine, 16, malt sich die Lippen nach, Ehefrau Heather greift nach dem "Rough Guide Egypt" und Billy junior, 13, nach der Baseballkappe. Ich verstaue die Wasserflasche wieder im Rucksack, und zusammen mit tausend anderen Touristen ziehen wir los: hinein in den Tempel von Karnak, in das größte Heiligtum des alten Ägypten, das Zentrum der Welt.

Katherine schmollt. Kein Spaghettiträger-Hemdchen, keinen kurzen Rock, hatte ihre Mutter für den Landgang befohlen. Mit dieser respektvollen Haltung gegenüber dem Fremden steht die amerikanische Familie allerdings ziemlich allein. Italienerinnen in heißen Höschen hüpfen durch den Säulensaal, Spanierinnen mit Pareo und Bikini-Oberteil aalen sich am Heiligen See, und Briten in abgeschnittenen Jeans, den Po knapp bedeckt, picknicken mit Cola und Haferkeksen zu Füßen Ramses II.

Wir besichtigen die Kapelle von Amun-Re, einen heiligen und geheimen Ort. Nur der Pharao hatte Zutritt. Doch das ist 3000 Jahre her. Mit unseren Turnschuhen stapfen wir herum und fahren mit schweißnassen Händen über die Farbreste auf den Wänden, während am Eingang schon die nächste Gruppe ungeduldig mit den Füßen scharrt. "A sanctuary place", ein Ort der Stille und des Gebets sei das gewesen, sagt Hassan, unser Guide, noch schnell, dann drängeln wir uns zurück auf den Großen Hof. Die Sonne brennt, es ist 14 Uhr, ein Samstag.

Luxor platzt aus allen Nähten, weil am Morgen Tausende von Pauschaltouristen in die Stadt eingefallen sind und bis zum Sonntagabend durch die Tempel und Totenstädte der Pharaonen geschleust werden. Wenn sie nach 36 Stunden im Land die erste Durchfallattacke und den ersten Sonnenbrand überstanden haben, legen ihre Kreuzfahrtschiffe ab, die bis dahin an der Uferpromenade vertäut waren: Richtung Assuan, mit Halt in Esna, Edfu, Kom Ombo.

Fünf Millionen Urlauber kommen jedes Jahr nach Oberägypten - und schaufeln dadurch jährlich mehr als drei Milliarden Dollar ins Land. Damit steht der Tourismus auf Platz zwei der sogenannten Big Four der Devisenbringer: Nur die Überweisungen der im Ausland arbeitenden Ägypter bringen mehr. Wen wundert es da, dass Urlauber in Ägypten Narrenfreiheit haben, sichert ihr Geld doch das Überleben einer ganzen Nation. Fliegen sie lieber auf die Kanaren oder in die Karibik, zwingt das Millionen von Taxifahrern, Straßenhändlern und Schuhputzern in den Ruin.

Bill möchte sein Stativ benutzen. Verboten, sagt Hassan. Nicht, weil er die Kostbarkeiten beschädigen könnte, sondern weil er dafür kein Ticket gekauft hat. Ägypter lieben Formulare: Anträge, Genehmigungen, Eintrittskarten. Und sie lieben es, jedes Schriftstück mit einem Stempel zu versehen. Maulend schlurft Bill zum Eingang zurück, um sich einen Fetzen Papier geben und stempeln zu lassen. Unter Ramses III. lebten 80.000 Menschen vom Tempel in Karnak. Priester, Wächter, Arbeiter, Bauern. Heute sind es sicher nicht weniger. 7000 Polizisten sorgen für die Sicherheit der Urlauber, und 330 Pferdedroschken und noch mehr Taxis kämpfen um ihren Transport. Als unser Guide die offizielle Tour für beendet erklärt, hinken wir acht Minuten hinter seinem Zeitplan her. Also haben wir nicht mehr 15 Minuten zur freien Verfügung, sondern nur noch sieben. Auch den Tempel von Luxor schaffen wir in der Rekordzeit von 35 Minuten.

Danach sitzen wir genervt vorm Obelisk und bitten um eine weitere Stunde. Schließlich werden wir alle vermutlich nie wieder herkommen. Doch Hassan will uns stattdessen zu einem Alabastershop bringen, der seinem Schwager gehört. Wir verweigern uns. Nach dem Abendessen greift Bill zum Handy und beschwert sich beim Veranstalter.

Am nächsten Morgen begrüßt uns ein kleiner, dicker Mann mit roter Sonnenbrille. Er heiße Magic, sagt er, und sei unser neuer Guide. Hassan wurde ausgetauscht. Magic hat Ägyptologie studiert und ist verliebt in Hatschepsut, die erste Feministin der Weltgeschichte. Stundenlang kann er erzählen, und dankbar hängen wir an seinen Lippen. Unser Wunsch nach etwas weniger Effektivität wurde erhört.

Als Amelia Edwards, die britische Reiseschriftstellerin, 1873/74 den Nil entlang reiste, hatte sie für diese 1000 Meilen 400 Tage Zeit. Wir haben fünf. Aber schließlich haben wir auch nicht in Kairo abgelegt, wie es noch bis Anfang der neunziger Jahre möglich war, sondern 550 Kilometer weiter südlich in Luxor. Aus Angst vor Attentaten islamischer Fundamentalisten, die in der Region um Assiut ihre Hochburg haben, hat die Regierung den Landstrich zwischen Kairo und Luxor für Reisegruppen und Kreuzfahrtschiffe gesperrt.

Wir fahren nach Theben-West, in die Nekropole der alten Ägypter. Die Täler des Todes stehen auf unserem Programm. Die Sonne geht auf, es ist halb fünf Uhr morgens. Ab sieben kommen die anderen Gruppen, ab neun ist es heiß, und um zehn will unser Kapitän Luxor verlassen. Neben dem Standardprogramm wollen wir einen Abstecher zu Nefertari machen, der Gemahlin Ramses II.

Aber das Tickethäuschen öffnet erst um sechs. Wir sind die ersten. Männer in galabiyyas, der traditionellen Bekleidung der Landbevölkerung, werden auf uns aufmerksam: eine Busladung reicher Ausländer, zum Herumstehen verdammt. Sie kreisen uns ein, zupfen uns an den Armen, zischeln geheimnisvolle Laute und bringen, was sie tragen können: Alabasterpyramiden, Alabasterelefanten, Alabasterskarabäen, Alabasternofreteten. Alles antik, raunen sie, aber, weil wir es sind, alles special price.

Nefertaris Grab im Tal der Königinnen ist seit 1995 für Besucher geöffnet und das schönste und farbenprächtigste in Theben-West. Damit das so bleibt und Schweiß und Atem nicht in wenigen Jahrzehnten vernichten, was jahrtausendelang Bestand hatte, hat der Director of Antiquities den Tourismus begrenzt. Nur 150 Besucher pro Tag dürfen in die Tiefe - und auch nur für jeweils zehn Minuten. Sprechen ist verboten. Das Eintrittsgeld: 100 ägyptische Pfund, etwa 60 Mark. Alle anderen Gräber, bis auf das von Tutanchamun, sind für zwölf Pfund zu besichtigen.

Nefertari, die Nubierin, war bildschön: dunkle Haut, hoch gewachsen, schlank, grazil. In ihrem Grab betrachtet Katherine minutenlang regungslos die Zeichnungen an den Wänden: Nefertari und Ramses beim Brettspiel, Nefertari an der Hand des Horus, Nefertari in einem weißen, durchsichtigen Gewand, den Göttern Gaben anbietend. Diese Bilder haben einen eigenen Zauber, weil sie die intime Gabe eines Mannes an seine Frau waren: nicht dafür gedacht, zu einem Denkmal erhoben oder gar in einem Museum ausgestellt zu werden. "Die Antike war nicht antik", hat Egon Friedell einst geschrieben. Töpfe, Münzen, Schmuck: Erst wir Nachgeborenen stellen auf ein Podest, was einst Alltag war. Aus jeder Zeichnung in der Grabkammer spricht, wie schmerzhaft der Verlust, wie groß die Trauer, wie unerträglich die Einsamkeit des Überlebenden gewesen sein muss. Katherine kapituliert. Im Tempel von Karnak hat sie Kaugummi gekaut und im Grab von Ramses IV. Britney Spears gehört. Nun rollt ihr eine Träne über die Wange.

Als wir zum Schiff zurückkommen, ist es zwölf. Der Manager schimpft. Es ist uns egal. Wir sind im Urlaub, nicht auf der Flucht. Magic hat uns noch die Villa von Howard Carter gezeigt, dem Entdecker des Grabs von Tutanchamun; außerdem waren wir zu lange am Tempel von Hatschepsut. Der Guide ist zornig: "Unmöglich, ganz Theben-West in vier Stunden abzuhandeln!" Aber viele Veranstalter, sagt er, schnüren das Zeitkorsett immer enger. Sie denken, die Ausländer wollen die Besichtigungen so schnell wie möglich hinter sich bringen, um länger am Pool in der Sonne liegen zu können.

Unser Schiff legt ab. Wir nehmen Kurs auf Esna. Ägypten ist ein Geschenk des Nils, sagte Herodot. Doch der schrumpft. Sagt Magic. Um vier Zentimeter alle hundert Jahre. Ich rechne nach. In 750.000 Jahren wird der 300 Meter breite Nil ein Rinnsaal sein. Ägypter denken in größeren Zeiträumen als wir. Ich setze mich an den Bug, stecke meine Beine durch die Reling, lasse den Trubel des Vergnügungsdampfers hinter mir. Links und rechts am Ufer ducken sich flache, strohgedeckte Häuser in das Grün, grasen Wasserbüffel, glitzern Minarette im Licht der Nachmittagssonne. Kinder in hellblauen galabiyyas toben über Felder; verschleierte, schwarz gekleidete Frauen transportieren Körbe aus Palmwedeln auf ihren Köpfen; ein Junge sitzt mit seinem Vater im Schilf und schnitzt an einem Stock. Ein Idyll.

Der Vater schaut nicht auf, als wir die beiden passieren. Seit der Tourismus am Nil boomt - also seit einem guten Jahrzehnt -, muss er damit leben, dass jeden Tag Dutzende von Luxusschiffen mit halbnackten Menschen an Deck seine islamisch-afrikanische Welt durchkreuzen: Frauen im Bikini und Männer in kurzen Hosen, die fröhlich winken, ihn mit ihrer Videokamera filmen oder sich mit ihrem Fotoapparat an ihn heranzoomen. Der Grünstreifen am Ufer ist schmal, manchmal kaum 50 Meter breit. Anders als die Steinwüste im Tal der Könige birgt dieses Land keine Geheimnisse. Bill, der pragmatische Amerikaner, sagt: "What you see is what you get." Du siehst, was du kriegst. Blauen Himmel, gelben Sand, grüne Palmen, braune Häuser. Eine Landschaft ohne Zwischentöne. Und über dem Bild liegen, unsichtbar, eine Stille und ein Frieden, die sich jeder Beschreibung entziehen.

Den Tempel von Edfu nehmen wir im Morgenlicht des nächsten Tages ein, den von Kom Ombo in der Abendsonne. Einst hatte Edfu einen Boden aus weißem Marmor und eine wunderschön bemalte Decke. Dann kamen Kopten, schlugen dort ihr Lager auf, verkohlten durch ihre Feuer das Dach und bekritzelten die Wände mit Graffiti. Danach klauten Syrer und Libanesen den Marmor für ihre Paläste, schließlich ritzten Europäer ihre dummen Sprüche in die Säulen. Steven was here 1887. Die Abenteurer und Archäologen des 19. Jahrhunderts waren Kunsträuber: Schiffsladungen mit Kostbarkeiten schafften sie aus dem Land, verfrachteten den Stein von Rosetta nach London, den Sarkophag Ramses III. nach Paris, die Büste Mentuhoteps IV. in den Vatikan und die Büste der Nofretete nach Berlin.

Am Abend vor Kom Ombo schläft Katherine während der Bauchtanz-Show in der Schiffsbar ein. Der Tag war anstrengend: zwei Tempeltouren, zwischendurch eine Partie Tischtennis, am frühen Abend eine Cocktail-Party. Wir haben unterhalb des Tempels angelegt, und wie durch eine glückliche Fügung sind die anderen 294 Kreuzfahrtschiffe anderswo unterwegs. Ich verbringe eine Nacht an Deck, sitze unter Sternen, schaue in den Mond, und die Scheinwerfer beleuchten die griechischen Säulen - nur für mich. Die Zeit steht still.

Am Ziel unserer Reise, in Assuan, schimmert der Fluss leuchtend blau. Hier ist er tief und klar wie nirgends sonst. Luxor war Ägypten: laut, hektisch, geschäftig. Assuan ist Afrika. Felukken mit weißen Segeln gleiten über das Wasser, und ihre nubischen Kapitäne lächeln uns zu. Als Gamal Abdel Nasser, Staatspräsident von 1954 bis 1970, ein paar Kilometer südlich einen gigantischen Staudamm und dahinter den größten künstlichen See der Erde anlegen ließ, mussten 150.000 Nubier umgesiedelt werden, weil ihre Heimat geflutet wurde. 10.000 von ihnen haben sich in kleinen Dörfern um Assuan niedergelassen. Sie sind würdevoll und wortkarg, schwatzen uns nichts auf, grabschen uns nicht an. Viele von ihnen werden über hundert Jahre alt. Unser kleiner, dicker, quirliger, herzinfarktgefährdeter Magic beneidet sie um ihre Gelassenheit.

Das friedvolle, ruhige Assuan ist ein Ort der letzten Dinge. Der krebskranke François Mitterrand hat sich, gemeinsam mit seiner Tochter Mazarine, unmittelbar vor seinem Tod hierher fliegen lassen, um im legendären Old Cataract Hotel Abschied zu nehmen von der Welt. Und der Aga Khan, geistiger Führer der Ismailiten, wünschte sich, hier begraben zu werden. Als er 1957 starb, ließ seine Witwe, die Begum, oberhalb ihrer weißen Villa ein Mausoleum für ihn bauen, und bis zu ihrem eigenen Tod legte sie 37 Jahre lang jeden Morgen eine rote Rose auf sein Grab.

Wir sind gerührt. Assuan ist auch ein Ort für Liebende. Und die 16-jährige Katherine, tief beeindruckt, beschließt, eines Tages im Old Cataract ihren Honeymoon zu verbringen.

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Autor:
Margot Weber