Neuseeland Wale vor Kaikoura

Eben noch hat "Wheketere", der riesige Tintenfisch, seinem Namen alle Ehre gemacht. Der Katamaran jagte mit knapp 50 Stundenkilometern durch die Wellenkämme, dass die Gischt nur so an die Panoramascheiben klatschte. Und nun diese Stille. Die Motoren sind abgestellt, Sonnenlicht malt Flecken auf die grüngrauen Wellen des Pazifiks. Ein Wanderalbatros zieht eine elegante Schleife um das Boot, und die rund 50 Touristen blinzeln rotwangig und angestrengt in die Sonne. In fünf Kilometer Entfernung liegt wie ein dunkles Band die Halbinsel, die den Küstenort Kaikoura in eine Nord- und eine Südbucht teilt. Dahinter erhebt sich die enorme Masse der schneegekrönten Seaward Kaikouras mit dem 2610 Meter hohen Gipfel des Manakau.

Kapitän Markus Kahu wuchtet sich aus seinem pneumatisch gefederten Hochsitz, nimmt sein Hydrophon, das aussieht wie ein Megaphon an einer langen Stange, setzt Kopfhörer auf, tritt auf das Deck und lässt den Apparat ins Wasser hinab. Ein Hydrophon ist ein Unterwassermikrofon, Markus' Lauschangriff gilt jenen Klickgeräuschen, die ein 18 Meter langer und etwa 40 Tonnen schwerer Wal im Sekundentakt aussendet, um sich in rabenschwarzem und zwei Grad kaltem Wasser einen Kilometer unter dem Meeresspiegel zu orientieren.


Weil der Ton bis zu 165 Dezibel erreicht (zum Vergleich: das Überschallflugzeug Concorde bringt es auf 112 Dezibel), hört Markus ihn noch auf zehn Kilometer Entfernung. Und weil das Mikrofon gerichtet ist, kann er den Wal anpeilen. Der Pottwal ist Weltmeister im Tauchen, kann zwei Stunden die Luft anhalten und dabei drei Kilometer in die Tiefe gehen. Der Hunger treibt ihn dorthin, denn der größte Zahnwal ist auch das größte Raubtier der Erde. Er muss permanent fressen, Tag und Nacht, um seine gewaltige Substanz zu erhalten: Tinten- und Thunfische, selbst Haie von drei Meter Länge verschluckt er, ohne viel zu kauen.

Rendezvous mit "Big Nick"

Für zehn Minuten kommt ein Pottwal an die Oberfläche, um zu verschnaufen. Es sind diese zehn Minuten, die zur Beobachtung bleiben - und deshalb muss es fix gehen, als Markus den Wal ortet. Er schickt die Touristen zurück auf ihre Plätze, der Dieselmotor startet gurgelnd und "Wheketere" schießt zum Rendezvous mit dem Wal. Als wir ankommen, ist er schon da - als "Big Nick" wird er später an seiner Schwanzflosse identifiziert - und treibt wie ein glatter, schwarzer Baumstamm aus schwerem Holz in den Wellen. Nur der sechs Meter lange, fassartige Kopf ragt aus dem Wasser, das Atemloch bläst Luft und feinen Wasserstaub - so füllt Big Nick seine Muskeln mit Sauerstoff für den nächsten Tauchgang. Dann biegt der Wal seinen Rücken, der riesige Schädel taucht ab, und die fünf Meter breite Schwanzflosse, bis zu 550 PS stark, erhebt sich gravitätisch und verschwindet sanft in der Tiefe.

Der Kaikoura-Canyon ist ein Meeresgraben, der von tausend Meter Tiefe in Küstennähe auf 3000 Meter und mehr absinkt. Zwei Strömungen - die eine kalt, die andere warm - wirbeln hier ineinander und sorgen für optimalen Nährstoffnachschub durch Plankton, Fische, Langusten. Deshalb machen Blau-, Glatt-, Buckel-, Schwertwale und Delfine auf ihren Wanderungen hier Station. Auch bis zu 20 Meter lange Riesentintenfische leben in diesen Tiefen. Männliche Pottwale, die tief tauchen, haben den Graben deswegen zu ihrer Heimat gemacht. Walweibchen leben hier nicht, ihnen ist es zu kalt.

Der Reichtum des Meeres brachte auch die ersten Siedler nach Kaikoura: Bei Bauarbeiten wurde das rund 950 Jahre alte Grab eines Moajägers gefunden. Seit 300 Jahren schließlich dominiert der Maoristamm der Ngai Tahu den Ort. Er leitet sich von Paikea her, einem Vorfahren, der auf dem Rücken eines Wales reitend Neuseeland erreicht haben soll. Die Traditionen und Geschichten der Ngai Tahu handeln von der Freundschaft zwischen Mensch und Wal: Oft ist darin der Wal das mokai eines Häuptlings - sein Vertrauter und Beschützer in Tiergestalt. Entführt ein Feind so ein mokai, kann das zum Krieg führen. Die Rückkehr eines Wals nach längerer Abwesenheit galt als wichtiges Omen.

Lange Zeit haben Maori Wale nicht gejagt. Wurde einer der Riesen an Land gespült, nahmen sie ihn als Geschenk des Meeresgottes Tangaroa und verwerteten Fleisch und Knochen - diese verrotten zu lassen, hätte den Gott beleidigt. Doch als dann 1842 die Weißen der Wale wegen nach Kaikoura kamen, gingen Maori mit auf die Jagd - und zeigten sich äußerst geschickt im Umgang mit Ruder und Harpune. Im kleinen Heimatmuseum im Ort sieht man sie noch: Auf verwackelten Fotos posieren Männer mit breiten Hüten und langen Messern stolz auf Walfleischgebirgen. Ihre Gesichter tragen scharfe Züge, sie wirken hart, wie ihr Job. Sechs Ruderer und ein Steuermann brachten damals ihr Boot auf zehn Meter an den Wal heran. Dann klemmte der Mann im Bug sein Ruder senkrecht fest, nahm die Harpune und schleuderte sie auf den Wal. Die Harpune hing an einer Schnur, die in einem Korb aufgerollt lag und mit dem Boot verknüpft war.

Fischbein für viktorianische Damen

War der Wal einmal getroffen, zog er los, das Boot als ermüdendes Gewicht im Schlepptau. Lag er schließlich erschöpft im Wasser, trat der Steuermann an den Bug, nahm seine lange, scharfe Lanze und stieß sie dem Wal wieder und wieder in die Flanke. Mit der Beute im Schlepptau ruderte man dann an Land. War der Wal bereits tot und sank unter Wasser, musste die Mannschaft zwei, drei Tage warten, bis die Verwesungsgase ihn wieder an die Oberfläche brachten. Am Strand von Kaikoura sägten die Männer mit breiten Messern lange Streifen der isolierenden Fettschicht vom Kadaver und zogen sie mit Seilwinden zu Kesseln, in denen der Tran abkocht wurde. Anschließend füllte man ihn in Fässer, die etwa tausend Liter fassten. Was übrig blieb, wurde mit Hilfe von kanalisiertem Meerwasser zurück in den Pazifik gespült.

Noch wertvoller als der Tran waren andere Substanzen: Wurde ein Bartenwal erlegt, vergruben die Männer die Platten, durch die der Wal seine Nahrung filtert, bis das Fleisch verwest war. Diese keratinhaltigen Platten, Fischbein genannt, sind leicht und widerstandsfähig. Fischbein hielt viktorianische Korsetts in Form und war gefragter Rohstoff für Angeln und sogar Kutschenfederungen. Hatten die Walfänger hingegen einen Pottwal an Land gezogen, zapften sie aus seinem Kopf Tonnen des sogenannten Walrats, eines feinen, wachsartigen Öls, das zu rußfrei brennenden Kerzen und feinem Maschinenöl verarbeitet wurde.

20 Jahre dauerte die blutige Schlächterei, dann waren die Wale getötet oder vertrieben. Einige Fangstationen um Kaikoura machten bis 1922 weiter, ihre Ausbeute aber blieb gering. An der Uferpromenade der North Bay liegt der "Garten der Erinnerung", die Luft riecht stark salzig - vielleicht weht der Geruch vom Meer herüber, vielleicht stammt er aber auch von den Walkieferknochen, die im Garten als Torbögen paarweise in die Erde gerammt stehen. Langsam zerfallen die Knochen, um manche ranken sich inzwischen Rosen. In der Ortsverwaltung wird überlegt, die Walkiefer durch Betonabgüsse zu ersetzen. Die halten wenigstens ewig. Auf der anderen Seite der Straße stehen dreibeinige Kessel in einer Wiese, schwarz und wackelig. In diesen Gefäßen wurde einst Walfett gekocht, um den Tran zu gewinnen. Und an der South Bay - keine 50 Meter von der Stelle entfernt, wo die Boote zur Walbeobachtung ablegen - liegt ein Rechteck aus Beton auf der Erde: einst der Fabrikboden der Walfängerstation Te Hiku o te Waeroa. Sonst ist kaum etwas übrig geblieben aus den blutigen Jahren, die Hütten der Walfänger stehen längst nicht mehr, ihre Wände bestanden aus Baumrinde und Farnstämmen, Sackleinen hing vor den Fenstern.

1978 erklärte Neuseeland 370 Kilometer um seine Küsten zur Walschutzzone. Andere Staaten folgten, heute umfasst das Schutzgebiet fast ein Drittel der Weltmeere. Kommerzieller Walfang ist seit 1982 überall - wenn auch nur vorläufig - untersagt. Doch Wale sind langsame Brüter, erst allmählich haben sie begonnen, sich zu erholen und an ihre alten bevorzugten Plätze zurückzukehren. Auch nach Kaikoura. Dort herrschte Mitte der achtziger Jahre Krisenstimmung: Wirtschaftsreformen hatten die Löhne im ganzen Land gesenkt, der größte Arbeitgeber im Ort, die Werkstätten der staatlichen Eisenbahn, machte dicht. Überproportional betroffen davon waren die oft ungelernten Maori - die Jugendarbeitslosigkeit stieg, mit ihr der Alkohol- und Drogenkonsum und die Kriminalität im Ort.

Wale als Wirtschaftsmotor

Es war die Zeit, in der sich Bill Solomon, der Anführer der Maori, Sorgen um seine Leute machte. Also rief er alle Familien zu einer Krisensitzung zusammen. 140 Menschen nahmen daran teil, diskutierten und vereinbarten ein zweites Treffen, bei dem konkrete Pläne zur Besserung der Lage unterbreitet werden sollten. Diesmal kamen nur noch 50, die sich mit der Auflage trennten, zu überlegen, wie ihre Vorschläge finanziert werden könnten. Zur dritten Sitzung schließlich kamen nur noch Vertreter von fünf Familien. Sie verpfändeten ihre Häuser und kauften ein Gummiboot mit Außenbordmotor, das zehn Touristen zu den Walen bringen konnte.

Das neue Unternehmen "Whale Watch Kaikoura" stieß von Anfang an in eine Marktlücke. Die einzige Konkurrenz war eine amerikanische Meeresbiologin, die in Kaikoura forschte und Interessierte gern auf ihrem Boot zu den Walen mitnahm. Als sie 1993 weiter zog, hatten die Maori die Chance, ihr Boot abzukaufen; doch das Geld fehlte. Unerwartet kam Hilfe aus der Vergangenheit: 1859 hatte der Landaufkäufer James Mackay im Auftrag der Regierung den Maori ihre Gebiete abgekauft. Zu denkbar schlechten Bedingungen: 10.000 Pfund und 40.000 Hektar an Reservaten forderten die Häuptlinge damals, 300 Pfund und 2249 Hektar bekamen sie. Aus diesen Landgeschäften waren Klagen und Gerichtsverfahren erwachsen - und schließlich auch Reparationszahlungen. Seit 1993 beteiligt der Staat Neuseeland den Stamm der Ngai Tahu an den Fischereirechten und entschädigte ihn mit 170 Millionen Dollar. Das Geld kam gerade rechtzeitig. "Whale Watch Kaikoura" kaufte damit das Boot der Meeresbiologin und konnte sein Angebot deutlich ausbauen.

Sprecher und Manager des Unternehmens ist Thomas Kahu, der Neffe des Firmengründers Bill Solomon, der vor zwei Jahren starb. Kahu ist ein breiter, sympathischer Mann, der die See liebt und schon als Junge öfter die Schule schwänzte, um seinen älteren Bruder auf dessen Fahrten zu den Walen zu begleiten.

80.000 Besucher pro Jahr sichern heute 70 Arbeitsplätze und machen "Whale Watch Kaikoura" zum größten Arbeitgeber des Städtchens. Weil alle Jobs nur lokal ausgeschrieben werden, findet hier jeder eine Stelle, der Arbeit sucht; auch Schulabbrecher bekommen mit einer Ausbildung eine zweite Chance, Profite bleiben mehrheitlich im Ort, mehr als eine Million Dollar flossen über die Jahre in Gemeinschaftseinrichtungen.

Takahanga Terrace beispielsweise, der Ort, an dem sich die ersten Siedler niederließen, zeigt den neuen Wohlstand, zwei Säle dominieren die neugebaute, weitläufige Anlage. Im wharenui, dem großen Haus, versammeln sich die Sippen zu Unterricht, Diskussionen und Musik. Eine riesige Vogelfeder dreht sich an einer Stange nach dem Wind. Und die zehn Meter hohen, modernen Holzschnitzereien erzählen wieder die Geschichte von Paikea, dem Vorfahren, der auf einem Wal an neuseeländische Küsten kam. Seine Nachkommen hoffen heute, tausend Jahre später, auf eine bessere Zukunft - auf den Spuren der Wale.

Autor:
Thomas Frank