Johannesburg Rückkehr nach Sophiatown

Die Sonne war noch nicht aufgegangen, als Victor Mokhine vom Anschlagen der Hunde geweckt wurde. Regen trommelte auf das Wellblechdach der Baracke, die der Vater, ein schwarzer Hilfsarbeiter, in einem Hinterhof des ebenso bunten wie übervölkerten Stadtviertels Sophiatown im Westen von Johannesburg für die zwölfköpfige Familie angemietet hatte.

Draußen rollten schwere Fahrzeuge heran. Fäuste schlugen krachend gegen Türen. Es war der 9. Februar 1955. Mokhine war damals zehn Jahre alt. Diesen Tag hat er bis heute nicht vergessen.

Angezogen von den ungewohnten Geräuschen schlich sich der Junge über den von Baracken gesäumten Hinterhof hinaus. Der Anblick, der sich ihm bot, ließ ihn erstarren. "Ein ganzes Heer von Polizisten, Maschinengewehre im Anschlag, durchkämmte die Straßen", erinnert er sich. "Sie hatten Hunde dabei und waren mit Armeelastern angerückt."

Früher als erwartet waren die Handlanger des Apartheidregimes angerückt, um dem kosmopolitischen Miteinander in den Hinterhöfen, Straßen und Jazzclubs des Viertels ein Ende zu machen.

Bis zuletzt hatten sich die Bewohner Sophiatowns dem Räumungsbefehl widersetzt. "Wir ziehen nicht um", prangte der Slogan ihres Widerstands in blutroten Lettern an den Häuserwänden. Mit Eisenstangen schlugen sie an jenem Morgen gegen die Pfosten der Straßenlaternen, während die Polizisten Matratzen, Hausrat und Menschen auf Laster verluden.

Sechzig Familien wurden an jenem regnerischen Februartag aus Sophiatown zwangsumgesiedelt in Schwarzen vorbehaltene, gesichtslose Randgebiete der Goldgräberstadt. Acht Jahre später war der Ort, der über Jahrzehnte tonangebend für Mode, Musikvorlieben und Tanzstile von Generationen junger städtischer Schwarzer gewesen war, dem Erdboden gleichgemacht. Wie nach einem Bombenanschlag, sagt Victor, habe Sophiatown schließlich ausgesehen, nachdem die Bulldozer den einst 65.000 Einwohner zählende Stadtbezirk niedergerissen hatten.

Ein weißer Spekulant hatte das Viertel 1904 gegründet und nach seiner Frau Sophie benannt. Als "freehold township" gehörte die Siedlung damals zu den wenigen innerstädtischen Gebieten, in denen Schwarze Land und Häuser erwerben durften. Mit der Entdeckung von Gold in der Region um Johannesburg und zunehmender Industrialisierung zogen immer mehr schwarze Arbeitskräfte in die Stadt. In Sophiatown fanden sie eine Bleibe, die all das bot, was die offiziellen Schwarzen-Siedlungen nicht hatten: Kneipen und Kinos, Kirchen und Kliniken, Gemischtwarenläden und Arztpraxen. Die Freiheit, man selbst zu sein.

Sophiatown - Mokhine kehrt als Fremdenführer zurück

Sophiatown war die kreative Seele Johannesburgs, von seinen Bewohnern stolz "Klein Harlem" genannt. Hier fanden heute weltberühmte Jazzmusiker wie Hugh Masekela, Miriam Makeba, Abdullah Ibrahim und Jonas Gwangwa Inspiration und Förderer. Hier begannen Gangsterkarrieren und hier endeten sie urplötzlich auch wieder. Der Bezirk zeichnete sich durch einen Mix aus Leidenschaft und Bandenterror, Kreativität und Kampfgeist, Rebellion und Resignation aus. Gefeiert wurde mit Jazzparaden, auf Tanzparties und Hinterhoffesten. Die südafrikanische Schriftstellerin und Nobelpreisträgerin Nadine Gordimer hat Sophiatown einmal als einen romantisierten Slum bezeichnet.

"Entwurzelt" habe er sich nach der Räumung gefühlt, sagt Mokhine, der heute im freudlosen Tonship Meadowlands zu Hause ist. Die Musik und die multikulturellen Feste Sophiatowns vermisst Mokhine schmerzlich. Und so ist der 64-jährige Ruheständler inzwischen als Fremdenführer in den Bezirk seiner Kindertage zurückgekehrt. Heute lässt er diesen Ort vor den Augen der Besucher und Touristen wieder so auferstehen, wie er ihn in seiner Erinnerung bewahrt hat.

Im Herbst 2009 unterscheidet sich Sophiatown nur unwesentlich von anderen Johannesburger Vororten. Die auf den Ruinen des abgerissenen Viertels entstandenen Häuser sind von hohen Mauern und Zäunen umgeben. Ein Einkaufzentrum hat die Gemüse- und Gemischtwarenläden von einst ersetzt, Musikkneipen und Kinos gibt es nicht mehr.

Einzig die Straßennamen und drei Gebäude überdauerten die Zerstörung des Viertels und bringen seinen Besuchern heute die Geschichte von damals nahe: das Wohnhaus des Gynäkologen und zeitweisen Präsidenten des Afrikanischen Nationalkongresses, Alfred Bitini Xuma. Das 1923 im Gedenken an während des Ersten Weltkriegs gefallene farbige südafrikanische Soldaten gegründete St. Joseph Waisenhaus sowie die anglikanische Kirche Christ the King.

Die Kirche war den Anglikanern erst im Jahr 2004 zurückgegeben worden, nachdem sie zunächst ein Boxclub, später eine Burengemeinde gepachtet hatte. Die Engel, die einst das Kirchenschiff zierten, sind unwiederbringlich hinter weißer Wandfarbe verschwunden. Doch mit den Anglikanern haben auch die einstigen Bewohner den Weg nach Sophiatown zurückgefunden.

Aus der ganzen Stadt reisen die Versprengten heute zum Gottesdienst an. Selbst die Toten kehren zurück an den Ort, der ihnen auch im Exil Heimat blieb: So wird die Asche des 1969 in die USA ausgewanderten Schauspielers Zakes Mokae demnächst in Sophiatown zu Grabe getragen. Die Menschen habe man zwar aus Sophiatown entfernen können, sagt Fremdenführer Mokhine, doch nie werde man Sophiatown aus den Köpfen der Menschen entfernen.

Walking-Touren mit Victor Mokhine können über das Trevor Huddleston CR Memorial Centre in Sophiatown arrangiert werden.

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Autor:
Birgit Schwarz